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Flüchtlinge für den Arbeitsmarkt "Integration ist ein Dauerlauf, kein Sprint"

Beim Startschuss der neuen Willkommenskultur vor einem Jahr jubelten auch Unternehmer: Da kommen die Fachkräfte, die wir so dringend brauchen. Daimler-Chef Dieter Zetsche sprach gar von einem möglichen „Wirtschaftswunder“. Das zeichnet sich aber nicht ab.

Von: Eleonore Birkenstock

Stand: 01.09.2016

Amir Abdulrahman aus Syrien arbeitet seit Mitte Mai als Assistenzarzt für die Uniklinik in der Urologischen Ambulanz des Waldkrankenhauses in Erlangen. Es war dieses Bild, das vor einem Jahr vorherrschte: gut ausgebildeten Syrer, die sich schnell in Deutschland integrieren und helfen, den Fachkräftemangel zu beheben. Doch gut ausgebildet oder nicht: Für jeden Asylbewerber oder Zuwanderer gehört Warten zum Alltag. Abdulrahman ist anerkannt und hat eine vorläufige Arbeitserlaubnis. Allerdings wartet er auf die Anerkennung der Approbation – damit er die Prüfung zum Facharzt ablegen kann.

"Ich habe von Freunden gehört, dass es dauert bis man einen Bescheid kriegt, vielleicht ein Jahr, vielleicht länger. Für die Berufserlaubnis musste ich nicht lange warten; drei Wochen, nicht mehr. Aber die Approbation dauert ewig."

Amir Abdulrahman, syrischer Assistenzarzt in Erlangen

Es knirschte und knirscht teilweise noch im bürokratischen Getriebe. Vor allem bei den Asylverfahren. So gibt Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles im Sinne eines Mantras immer wieder die Devise aus.

"Integration braucht Zeit. Der Weg von der Flüchtlingsregistrierung bis zur regulären Beschäftigung ist meist ein Lang- und kein Kurzstreckenlauf."

Andrea Nahles, Bundesarbeitsministerin

Der Wille scheint da, ausreichende Möglichkeiten nicht

Ein Flüchtling bearbeitet an der Schleifmaschine ein Metallstück. | Bild: picture-alliance/dpa zur Übersicht Arbeitslosigkeit in Bayern Trotz Flüchtlingen stabiler Arbeitsmarkt

Immer mehr Flüchtlinge suchen Jobs auf dem Arbeitsmarkt. Und trotzdem verzeichnet Bayern die niedrigste August-Arbeitslosenquote seit 20 Jahren. 249.533 Menschen sind im Freistaat aktuell ohne Arbeit. Von Tanja Oppelt [mehr]

Bleibt man beim sportlichen Bild, zeigt sich, dass auf der langen Strecke immer wieder Hürden auftauchen. Die größte ist die Sprache. Nicht einmal zwei Prozent der Asylbewerber aus dem Jahr 2015 hatten bei ihrer Ankunft Deutschkenntnisse. Inzwischen dürfen auch Asylbewerber mit hoher Bleibewahrscheinlichkeit einen Sprachkurs besuchen – während das Asylverfahren noch läuft. Auch die Bundesagentur für Arbeit, eigentlich nicht dafür zuständig, hat Sprachkurse aus dem Boden gestampft. Man müsse die Zeit, in der nichts geschieht, minimieren, sagt Detlef Scheele, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit.

"Die Fluchtgeschichte liegt dahinter, man kommt, spricht kein Deutsch und hat nichts zu tun. Und das ist auf jeden Fall integrationsschädigend, wenn man so etwas lange schleifen lässt."

Detlef Scheele, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit

Und wenn die Asylverfahren dauern oder wenn einer einen ablehnenden Bescheid bekommen hat, aber nicht abgeschoben werden kann, vielleicht ein Arbeitsverbot erhält, ist das auch nicht gerade integrationsfördernd. Es bleibt ein politischer Zankapfel.

Mehr Austausch und mehr Förderung notwendig

In der Zwischenzeit sortieren sich die Behörden und Migrantenvereine und noch viel wichtiger: Sie vernetzen sich. Denn eines steht fest: Die meisten Geflüchteten wollen arbeiten – und zwar schnell. Doch wo und in welchem Job? Über zwei Drittel haben keine formale Ausbildung und das duale Ausbildungssystem kennen sie nicht. Weil sie aber sofort arbeiten wollen, nehmen sie häufig niedrig bezahlte Jobs an und landen damit in der so genannten prekären Beschäftigung. Man kann dem nur mit Bildung und Qualifikation entgegensteuern, sagt Stefan Schiele vom Landesnetzwerk Migranet.

"Junge ausbilden, Alte qualifizieren -Wenn wir die nicht durchfüttern wollen, ist es notwendig, sie auf einem hohem Niveau in den Arbeitsmarkt zu bringen."

Stefan Schiele vom Landesnetzwerk Migranet

Dauerlauf hat erst begonnen

Zu denken, die Integration der Zuwanderer gehe schnell, wäre blauäugig, sagt Schiele. Migrationsforscher Herbert Brücker nennt aus Erfahrung von früheren Zuwanderungsbewegungen eine Zeitspanne: Nach einem Jahr hatten knapp zehn Prozent der erwerbsfähigen Flüchtlinge Arbeit gefunden, nach fünf Jahren die Hälfte, nach Fünfzehn Jahren siebzig Prozent. Der Dauerlauf hat also erst begonnen.


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Waldi, Donnerstag, 01.September, 12:24 Uhr

6. Integration für die Industrie

Das sich gerade die Industrie über große Zuwanderung freut liegt ja wohl klar auf der Hand. Man verspricht sich doch nur billige Arbeitskräfte und womöglich auch noch vom Staat subventioniert. Die Zeche zahlen wir. Weiter so mit den Geschenken für die Industrie. Danke Frau Merkel - sie schaffen uns!

EMGI, Donnerstag, 01.September, 11:35 Uhr

5. Naive Politiker

Die meisten Politiker sind nicht naiv sondern gerissen, leider nur, wenn es um die eigenen Pfründe geht und nicht, wenn es gilt das Land nach vorne zu bringen. Da gilt: Hauptsache wir stehen draußen gut da. Everybodies Darling is everbodies Depp! Ansonsten fehlt den in der Politik tätigen meist auch nur ein paar Tage mal in einem Betrieb außerhalb der Politik verbracht zu haben. Daraus resultiert die unglaubliche Weltfremdheit dieser Kaste. Sie fordern und fördern Dinge, von denen ihnen jeder Parktiker sagt, dass das nicht funktionieren kann. Und dann der Glaube: ich baller da mal Geld ohne Ende rein, dann wird es schon. Das ist ebenfalls ein Irrweg. Ich brauche nicht soviel Geld sondern Ideen und bei denen, die ich in die Spur bringen will, intrinsische Motivation. Wenn es an beidem fehlt nutzt das Geld nur der Asylindustrie. Die freut sich drauf. In dem Artikel geht es um einen Arzt. Wie schaut es mit denen aus, die nicht mal ordentlich arabisch lesen und schreiben können?

Motzki, Donnerstag, 01.September, 10:43 Uhr

4. Naivität der Politik

Die unsägliche Naivität der Politiker nervt.
Wenn man seit Jahrzehnten kein Konzept für Zuwanderung hat, ist es schlicht naiv, zu erwarten, daß (hoch)qualifiziert Menschen einwandern. Warum hat man von Kanada, Australien, usw. nichts gelernt?
Ein mögliches Konzept: Zuwanderer bewerben sich, ihre Qualifikation wird beurteilt, Zuwanderung und Arbeitsaufnahme werden begrüßt, mittel- bis langfristige Optionen auf dauerhaften Aufenthalt werden angeboten.
Dazu gehört: Abbau der Bürokratie bei der Anerkennung von ausländischer Ausbildung, Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt, Unterstützung bei Sprachkursen, Abbau der Bürokratie für Gründer, Möglichkeit des Erwerbs der Staatsbürgerschaft.
MIt so einem Konzept läßt sich Zuwanderung sinnvoll steuern!

thorie, Donnerstag, 01.September, 10:05 Uhr

3. die liebe industrie

erwartet doch von der politik fertige fachkräfte.
jahrelang zu wenig ausgebildet...durch zeitverträge und zeitarbeit abgeschreckt... aber jetzt nach fachkräften schreien!!!
was tun z.b. daimler, vw, bosch, siemens und die armen anderen daxler für die integration???
abwarten bis sie ihr personal , steuerfinanziert, frei haus geliefert bekommen?

  • Antwort von thorie, Donnerstag, 01.September, 10:40 Uhr

    können die ja , dank lobbygelder, auch erwarten.

  • Antwort von iPig, Donnerstag, 01.September, 10:48 Uhr

    jaha, lieber thorie, genau!
    verluste, ausbildungskosten, integration = steuerzahler.
    reibach = großaktionäre, immobilienbesitzer
    siehe prämie für elektroautos, ...
    da werden in ingolstadt die kitas teurer, weil audi hach so arm ist - und am selben tag stattet audi den ganzen FCB mit neuen autos aus.
    juhu&hurra!

Gretchen, Donnerstag, 01.September, 08:00 Uhr

2. Nicht vergleichbar mit früheren Erfahrungen

Von Leuten, die schon lange in der Asylarbeit tätig sind, höre ich immer wieder, dass die Einwanderungswelle des letzten Jahres nicht mit früheren Schüben zu vergleichen sei. Noch nie kamen Leute, die so schlecht ausgebildet sind und noch nie kamen so viele Analphabeten.

Dass nach 15 Jahren 70 % eine Arbeit haben werden, glaubt bei den Betreuern niemand. Die allermeisten werden für immer von Hartz IV leben oder in die Kriminalität abrutschen. Das ist jedenfalls die überwiegende Meinung derer, die täglich mit den Leuten arbeiten. Dieser Kommentar wurde von der BR-Redaktion entsprechend unseren
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  • Antwort von Rumplhanni, Donnerstag, 01.September, 10:10 Uhr

    500m eine Straßenseite: Zwei junge Asylanten, Handy gucken, sehr lustig, gegenüber liegende Straßenseite: junge Familie, zwei Kinder, Frau mit Kopftuch. 500 m in einer Klein-Stadt! Bedrohlich wirkten beide „Parteien“ nicht. Vor dem Geschäft angekommen zwei ähnliche Typen. Flüchtlinge? Vielleicht nur „dunkle Touristen“ mit Rad unterwegs, mal einen Becher Kaffee, Zigarettenpause. Schicken die „Guten“ mal ihre Kinder diese 500m alleine Einkaufen - falls Sie das noch vor sich selbst verantworten können.

    Nachbarschaft: Die Frau kein Kopftuch, mit 5.Kind schwanger, Zigarettenkippe. Der Mann ebenfalls Raucher - das kostet teuer, muss man sich erst mal leisten können - ab und zu ein Job, wechselnde PKW vor der Tür, mit den bereits vorhandenen vier Kindern des Öfteren im von Grün-Rot als unsicher eingestuftem Heimatland „Ferien“-Urlaub. Das ganze über Jahre und dann auch noch von vielen „Schutzsuchenden“, zusätzlich zu den ähnlich eigenen, denen man auch schon mal etwas säuerlich begegnet.