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Wortwahl in der Flüchtlingsdebatte Flüchtling, Migrant oder Asylbewerber?

Wer seine Heimat verlässt, ist noch kein Flüchtling. Wer in Deutschland ankommt, könnte Asylbewerber werden. Migranten sind diese Menschen aber alle. In der aktuellen Diskussion werden die drei Begriffe oft synonym verwendet. Aus Unwissenheit - oder mit Hintergedanken.

Von: Veronika Beer

Stand: 12.03.2016 | Archiv

Menschen in der Zentralen Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber (ZAE) im bayerischen Zirndorf | Bild: picture-alliance/dpa

Selbst in Fachkreisen sei es schwierig, die Begriffe klar zu trennen, weiß Thomas Liebig, Migrationsexperte bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Viel zu oft würden Termini synonym verwendet, wenn es um ganz unterschiedliche menschliche Schicksale ginge. "Dabei ist es sehr wichtig für die Debatte und die Akzeptanz des Asyl-Systems, dass nicht alles in einen Topf geworfen wird", betont Liebig.

Günter Burkhardt, Geschäftsführer der Organisation "Pro Asyl", pflichtet seinem Kollegen bei: Auf EU-Ebene sei auffallend viel von Migranten die Rede, weniger von Flüchtlingen. Der Sinn dahinter? Es schwinge die Deutung mit, dass die Menschen, um die es geht, ihre Heimat nicht aus politischen Gründen verlassen haben.

"Oft werden Begriffe benutzt, um Politik zu legitimieren."

Günter Burkhardt, Geschäftsführer der Organisation Pro Asyl

Kleine, feine Unterschiede

Aber was ist nun der Unterschied? Wer ist Migrant? Wer darf sich Flüchtling nennen? Und wer muss als Asylbewerber bezeichnet werden?

Das Völkerrecht zieht eine klare Trennlinie: Menschen, die aus eigenem Antrieb ihr Land verlassen, gelten als "Migranten". Menschen, die zur Flucht gezwungen sind, werden als "Flüchtlinge" bezeichnet. Menschen, die einen Asylantrag gestellt haben, über den noch nicht entschieden wurde, heißen "Asylbewerber".

Wer ist ein Migrant?

Migranten (auch "Einwanderer" genannt) sind alle Menschen, die ihre Heimat verlassen und an einen anderen Ort ziehen, meistens in einen anderen Staat. Das kann der IT-Experte aus Indien sein, der in Berlin arbeitet. Ebenso: eine Türkin, die ihrem Mann nach Hamburg hinterherzieht. Oder: ein junger Portugiese, der in München endlich wieder einen Job findet. Es kann aber auch ein Syrer sein, der vor dem Krieg in Aleppo flieht.

Migration hat folglich verschiedene Ursachen. Das sind beispielsweise Arbeitsmigration, Familiennachzug, EU-Freizügigkeit oder Flucht. So definieren es offizielle Stellen wie die OECD oder das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Meist ist jedoch von Migration die Rede, wenn jemand sein Heimatland freiwillig verlässt, um seine Lebensbedingungen zu verbessern.

Wer gilt als Flüchtling?

Umgangssprachlich werden als Flüchtlinge hingegen all jene bezeichnet, die in der Not aus ihrer Heimat fliehen - unabhängig von ihren Gründen oder Asyl-Chancen. Juristisch ist der Begriff enger gefasst: Demnach sind Flüchtlinge nur diejenigen, die nach einem erfolgreichen Asylverfahren Schutz nach der Genfer Flüchtlingskonvention erhalten. Ob die Bestimmungen erfüllt sind und ein Mensch in Deutschland bleiben darf, prüft das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Die genaue Definition

  • Flüchtling nach der Genfer Konvention ist, wer eine begründete Furcht vor Verfolgung hat. Gründe können seine Ethnie, Religion, Nationalität, politische Überzeugung oder seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe sein.
  • Der Flüchtling weiß, dass er deswegen den Schutz seines Landes nicht in Anspruch nehmen oder wegen dieser Furcht vor Verfolgung nicht mehr dorthin zurückkehren kann.
  • Ein Flüchtling hat das Recht auf Sicherheit in einem anderen Land.

Um den sprachlichen Feinheiten zu entkommen, sprechen Experten bei dieser großen Gruppe oft bewusst von "Geflüchteten" oder "Schutzsuchenden". Auch wer politisch korrekt sein möchte, verwendet lieber "Geflüchtete" als "Flüchtling", um die Endung "-ling" zu vermeiden. Denn viele empfinden sie als entmenschlichend und abwertend. Klar sein sollte aber zumindest:

"Flüchtlinge sind eine Untergruppe der Migranten. (...) Das lässt sich nicht synonym verwenden."

Thomas Liebig, OECD-Migrationsexperte

Wer wird Asylbewerber genannt?

Asylsuchende oder Asylbewerber heißen Menschen, die sich bereits im Asylverfahren befinden. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bearbeitet ihre Anträge individuell. Die Asylbewerber müssen schildern, wie und warum sie verfolgt werden. Das Amt beurteilt auf dieser Basis, ob ein Bewerber asylberechtigt ist, ob er den Flüchtlingsstatus erhält oder ob ihm beides verweigert wird.

Asyl - ein unverrückbares Grundrecht

Unbedingt unterschieden werden muss in der aktuellen Diskussion zwischen Asyl und Arbeitsmigration. Beides ist strikt voneinander getrennt. Wer in Deutschland zum Beispiel einen Asylantrag stellt, kann nicht plötzlich aus diesem Verfahren ausscheren und ein Arbeitsvisum beantragen.

Ob ein Asylbewerber aus Syrien in Deutschland bleiben darf, hängt allein von der Verfolgung in seinem Heimatland ab. Faktoren wie Ausbildung, Job und Sprachkenntnisse spielen dabei keine Rolle.

Anders ist dies etwa beim Fall des indischen IT-Experten. Der Staat kann diese Art der Zuwanderung begrenzen und unter anderem die Vorlage eines Arbeitsvertrags oder eines Mindestgehalts verlangen.


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Sepp, Samstag, 12.März, 16:57 Uhr

3. Kriegsflüchtlinge sind keine Asylbewerber

"Politisch Verfolgte genießen Asyl" steht im GG.
Daher kann man m. E. bei Kriegsflüchtlingen nicht von Asylbewerbern sprechen.
Auf der Website des BAMF
http://www.bamf.de/DE/Migration/AsylFluechtlinge/Asylrecht/asylrecht-node.html
heißt es auch ausdrücklich:
"Notsituationen wie Armut, Bürgerkriege, Naturkatastrophen oder Perspektivlosigkeit sind damit als Gründe für eine Asylgewährung ausgeschlossen."

  • Antwort von Erachter, Samstag, 12.März, 18:34 Uhr

    Meines Erachtens sollten sie den Artikel nochmals lesen, darin wird auch der Flüchtlingsbegriff definiert. Der Abschnitt "Wer gilt als Flüchtling?" beantwortet ihre Frage.
    Oder sind noch mehr Experte als der OECD Experte?

  • Antwort von Günter, Samstag, 12.März, 18:38 Uhr

    Sepp,

    der Link, den sie gepostet haben enthält bereits die Antwort. "/DE/Migration/AsylFluechtlinge/" - in einer Ebene "AsylFluechtlinge"

Dr. Johannes Schroeter, Samstag, 12.März, 16:56 Uhr

2. Vergleich zur Praxis der BBC

Der staatliche britische Rundfunk BBC fügt auf seiner Internetseite allen Berichten zur momentanen Migrationswelle folgende Erklärung bei:

"A note on terminology: The BBC uses the term migrant to refer to all people on the move who have yet to complete the legal process of claiming asylum. This group includes people fleeing war-torn countries such as Syria, who are likely to be granted refugee status, as well as people who are seeking jobs and better lives, who governments are likely to rule are economic migrants."

Bevorzugt scheint die BBC den Begriff "migrants" (Migranten) zu verwenden, nicht "refugees" (Flüchtlinge), wenn es um Personen mit noch ungeklärtem Status geht.

  • Antwort von Aspekterinnerer, Samstag, 12.März, 18:06 Uhr

    Schön erklärt. Ein klitzekleiner, aber nicht unwichtiger Aspekt haben sie nicht erwähnt. Egal wie man sie bezeichnen mag, die Briten nehmen kaum "migrants" auf.
    Da spielt die Terminilogie auch keine grosse Rolle mehr.

  • Antwort von Dr. Johannes Schroeter, Samstag, 12.März, 18:34 Uhr

    Die britische Regierung ist mit dabei, wenn die EU über gemeinsame Lösungen entscheidet. Vor dem Hintergrund der anstehenden 'Brexit'-Entscheidung wird sie sehr genau die innenpolitische Situation beachten. Dafür ist es durchaus von Belang, ob die EU (nach dem Verständnis der Briten) die Probleme von 'migrants' oder 'refugees' lösen will und entsprechende Mitwirkung der Mitgliedsländer einfordert.

Stan, Samstag, 12.März, 16:07 Uhr

1. geistige Käseglocke

Ich bin nicht einverstanden mit den Vorgaben des Artikels. So ist eine unbefangene Diskussion nicht möglich.
Das Denk-Korsett "Flüchtling-Migrant-Asylbewerber" beschreibt nicht die Tatsachen.
Das Spektrum ist weitaus größer.

  • Antwort von Jimmy Käser, Samstag, 12.März, 18:09 Uhr

    Dann erweitern sie unseren Horizont. Eine kleine Begründung hat noch nie geschadet, wenn man mit etwas nicht einverstanden ist.