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Tod eines heiteren Pessimisten

Von: Ernst Eisenbichler, Michael Kubitza

Stand: 21.11.2013 | Archiv

Dass er Krebs hatte, war seit einigen Wochen bekannt. Dass es so schnell ging, schockierte die vielen Freunde und Fans des Kabarettisten gleichermaßen: Hildebrandt (86) starb in der Nacht zum 20. November in einem Münchner Krankenhaus.

"Bis zum Schluss hatte er Pläne, hatte gekämpft und wollte sich im Dezember auf der Bühne der Münchner Lach- und Schießgesellschaft von seinem Publikum verabschieden. Er hätte uns noch so viel zu sagen gehabt."

Aus der Mitteilung der Lach- und Schießgesellschaft, die Hildebrandt mitgegründet hatte

Ein Kämpfer bis zum Schluss

Noch am 23. Mai, seinem 86. Geburtstag, wirkte Dieter Hildebrandt munterer als mancher 68-Jährige. "Ich kann doch auch nichts dafür", hieß sein neues Soloprogramm, sein Terminkalender war randvoll.

Kurz zuvor hatte er mit Freunden den Onlinekanal Stoersender.tv gegründet - eine Plattform für investigativen Journalismus und basisdemokratisches Engagement. Einen Monat später engagierte er sich in der BR-Benefizsendung "Weida mitanand" für die Opfer des Hochwassers. "Was macht ein Mensch, wenn er in Sekunden alles verliert?" sinnierte er ungewohnt ernst, um eine Minute später doch wieder alle Lacher auf seiner Seite zu haben.

Da war es schon in ihm. Irgendwann im Sommer hatte er die Diagnose bekommen: Prostatakrebs. Mehrfach musste er operiert werden und lange im Krankenhaus bleiben. "Mir zog es erstmal den Boden weg", sagte er der Münchner Zeitung "tz" zwei Tage vor seinem Tod. "Ich werde kämpfen bis zum Schluss." So hatte er es von Anfang an gehalten: "Ich bin ein Pessimist, der sich mit Gewalt in den Optimismus stürzt", lautet seine bekannteste Selbstbeschreibung.

"Das Glück ist vergänglich"

Bis weit ins Jahr 2014 hinein hatte er Auftritte geplant. Doch er durfte nur für kurze Zeit zurück nach Hause. Für die aktuelle ARD-Themenwoche dachte er noch einmal über das Thema "Glück" nach.

"Glück ist vergänglich. So schnell vergänglich, dass man im Glück schon ein Bedauern spürt - man hat es gehabt, man kann es nicht wiederholen."

Dieter Hildebrandt zur ARD-Themenwoche Glück

"Wir vermissen Dich": Reaktionen auf den Tod von Dieter Hildebrandt

Horst Seehofer, Bayerischer Ministerpräsident und CSU-Chef

"In tiefer Trauer sagt Bayern Dieter Hildebrandt, der Ikone des politischen Kabaretts schlechthin, ein letztes Dankeschön. Dieter Hildebrandt hat mit spitzer Feder und spitzer Zunge über Jahrzehnte Politikern in Deutschland den Spiegel vorgehalten."

Sigmar Gabriel, SPD-Chef

'"Die SPD hat ihren wohl charmantesten Kritiker verloren"

Christian Ude, Münchner SPD-Oberbürgermeister

"Er hat München zu einer Stadt des Kabaretts und des kritischen Verstandes gemacht. Das ist ein schmerzlicher Verlust, Hildebrandt war ein enger Freund."

Katrin Göring-Eckardt, Grünen-Fraktionschefin im Bundestag

"Er hat nie locker gelassen, bis ins hohe Alter. Danke für alles, Dieter Hildebrandt!"

Gregor Gysi, Fraktionschef der Linken im Bundestag

"Wir alle hatten ihn nötig und verdient. Hoffentlich wird die Lücke, die er hinterlässt, nicht zu groß."

Dieter Hanitzsch, Karikaturist und Freund

"Er war die Stimme der Vernunft in der Bundesrepublik. (...) Mein lieber Dieter, ich vermisse Dich!"

Bruno Jonas, Kabarettist und Scheibenwischer-Kollege

"Er war in seiner Art, Kabarett zu machen, Maßstab setzend. Er war einmalig."

Till Hoffmann, Geschäftsführer Münchner Lach- und Schießgesellschaft

"Er hätte uns noch so viel zu sagen gehabt. Wir trauern mit seiner Familie um einen wunderbaren Menschen, lieben Freund, Förderer und eine moralische Instanz."

Hans Well, Biermösl Blosn

"Mit ihm verlieren wir alle nicht nur einen auch im hohen Alter noch geradezu jugendlich frischen Ausnahmekabarettisten und klugen Kommentatoren unserer politischen und gesellschaftlichen Zustände, sondern auch eine echte moralische Instanz, bei der Anspruch und Wirklichkeit nicht auseinandergingen. (...) Mir persönlich fehlt in Zukunft ein wunderbarer Mensch, der mir auch in schlechteren Zeiten immer als Freund zur Seite stand."

Ulrich Wilhelm, Intendant des Bayerischen Rundfunks

"Mit Dieter Hildebrandt geht ein Großmeister des Politischen Kabaretts von der Bühne. Hintergründig, scharfzüngig und niemals oberflächlich hat er das Zeitgeschehen analysiert und damit einen unschätzbaren Beitrag zur politischen Bildung in Deutschland geleistet. Wir sind sehr dankbar, dass der Bayerische Rundfunk Dieter Hildebrandt über weite Strecken seines Lebensweges begleiten durfte. Er wird uns sehr fehlen."

Susanne Breit-Keßler, Münchner Regionalbischöfin

Hildebrandt hat mit seinen Auftritten über Jahrzehnte die Bundesrepublik mit hochintelligenter Satire begleitet. Er war ein hochsensibler Kabarettist, der das menschliche Zusammenleben mit leisen und lauten Tönen schildern konnte. Sein Kabarett war 'Geist pur'."

Lach- und Schießgesellschaft 1970: Jürgen Scheller, Dieter Hildebrandt, Horst Jüssen und Achim Strietzel (v.l.n.r.) | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Anfangs Kabarett auf der Bühne

Nur elf Jahre nach Kriegsende führt Deutschland wieder die Wehrpflicht ein. In hohen politischen Ämtern tummeln sich immer noch Altnazis. Stoff für Satire gibt es genug. Eine Bühne dafür wird ab 1956 die Münchner "Lach- und Schießgesellschaft", die Hildebrandt mitbegründet. [mehr]

Dieter Hildebrandt mit seinem Buch "Nie wieder achtzig!" | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Und nebenher Der Kabarettist als Buchautor

Hildebrandts "Was bleibt mir übrig?" von 1986 verkauft sich 200.000 Mal, der größte Erfolg eines Kabarettisten auf dem Buchmarkt. Insgesamt hat Hildebrandt fast 20 Bücher als Autor, Herausgeber und Übersetzer veröffentlicht. [mehr]

Dieter Hildebrandt | Bild: BR zum Artikel Ein Tag im Leben von Dieter Hildebrandt

Dieter Hildebrandt wird seinem Ruf als einer der bedeutendsten deutschen Kabarettisten bis heute gerecht. Noch immer kommentiert er Politik und Zeitgeschehen, seine Bühnenprogramme sind ausverkauft, daneben schreibt er Bücher. [mehr]

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Interviews

Dieter Hildebrandt in "Zettl" | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Interview zur Premiere von "Zettl" Am Drücker, wo die Kacke dampft

"Scheiße München" ruft der Co-Autor von "Zettl" ins Premierenpublikum, dessen Applaus er zu lasch findet. Jubel gab es nur für Dieter Hildebrandt, der den rollstuhlfahrenden Paparazzo Herbie verkörpert. Wir haben ihn vor der Premiere des umstrittenen Films interviewt. [mehr]


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Gaby Doucha, Freitag, 29.November, 17:38 Uhr

50. Trauer um Dieter Hildebrandt

Ich denke der Ditsche hat ihn da oben empfangen und jetzt mischen sie gemeinsam den Himmel auf und sagen dem alten Mann was er alles falsch macht und gemacht hat.
Nur - wer formuliert jetzt meine Wut?
Ich bin traurig und verneige mich vor einem unbeugsamen ganz Großen.
Danke Dieter Hildebrandt.

Udo Sanders, Mittwoch, 27.November, 17:35 Uhr

49. Dieter Hildebrandt

Ich hatte das große Glück, Herrn Hildebrandt im Anschluss an einen Auftritt persönlich kennen zu lernen. Diese Begegnung und die jahrzehntelange kabarettistische mediale Begleitung durch ihn, haben mich in meiner Persönlichkeit ganz wesentlich mitgeformt. Was Goethe in seiner "Iphigenie" als artifizielles Konstrukt zu verkörpern versuchte, lebte Dieter Hildebrandt im Rahmen politischer Möglichkeiten in der Gegenwart: Wahrhaftigkeit, Autonomie und Humanität.

Olaf Walter, Sonntag, 24.November, 18:23 Uhr

48. Dieter Hildebrandt war da

Dieter Hildebrandt war da

Noch 2000 Zeichen
Noch 2000 Zeichen
2000 Zeichen
Zu Dieter Hildebrandts Tod
2000 Zeichen
Alles was bleibt
2000 Zeichen
Alles was ist
2000 Zeichen
Zu Dieter Hildebrandts Tod

Dieter Hildebrandt war da
Er war da
Er war da
Eine lange Zeit war er da
Eine lange Zeit war er da
Die Zeit war kurz
Sie ist schnell vergangen
So schnell vergangen
Aber er war da
Dieter Hildebrandt war da

Gut hat es getan
So gut hat es getan
Gefreut hat man sich
Richtig gefreut hat man sich
So richtig gefreut hat man sich
Auf Dieter Hildebrandt
Auf dass, was Dieter Hildebrandt sagte
Was Dieter Hildebrandt sagte
Wie es Dieter Hildebrandt sagte
Gut hat es getan
So gut hat es getan
Richtig gut hat es getan
Was und wie Dieter Hildebrandt es sagte

Du fehlst nicht - Dieter
Du warst da
Wir waren da
Wir waren dabei
Wir sind da
Eine lange Zeit warst Du da
Die Zeit war kurz
Sie ist schnell vergangen
Aber Du warst da
Das tut so gut
So gut tut das
Dieter Hildebrandt war da
Und wir waren da
Und wir waren dabei

Vorbei ist - vorbei
Dieter Hildebrandt war da
Vorbei ist - vorbei
Und es hat so gut getan
Das Dieter Hildebrandt da war
So gut
Vorbei ist - vorbei
Er war da
Dieter Hildebrandt war da
So richtig gut hat es getan
So richtig gut
Richtig wirklich gut
Richtig wirklich gut - hat es getan
Hat es getan
Und wir waren dabei
Und wir waren dabei
Wir waren dabei
Was für ein Glück
Welch' unbeschreibliches Glück
Unbeschreiblich
Dieter Hildebrandt war da
Und wir waren dabei
Jetzt ist es vorbei
Es ist vorbei
Wir waren dabei
Was für ein Glück
Was für ein Glück

Olaf Walter (52), Tuttlingen

mimi und ich, Donnerstag, 21.November, 19:23 Uhr

47. Hildebrandt

damals
als meine oma gelacht hat
scheibenwischer lief im fernsehn
da war ich klein
also wunderte ich mich über meine oma
gleichwohl wollte ich verstehen um mitlachen zu können
jahre später habe ich dann das meiste verstanden...
und fand es sehr gut.

  • Antwort von alex, Samstag, 23.November, 20:09 Uhr

    das lachen
    das jemand in uns hinterlässt
    wird in stillen momenten
    wenn wir uns erinnern
    wieder lauter werden
    und uns erinnern
    wie sehr es von herzen kam
    das lachen.

HinterTürkisch, Donnerstag, 21.November, 16:06 Uhr

46. Bilanz

Einerseits: Für mich persönlich ist Herr Hildebrandt immer unschlagbar in seiner Disziplin (Vorschlaghammer ohne Anlauf) geblieben. Beim Familien-weiten Kabarettsendungen sehen war öfter-anerkennend!!-zu hören, dass "so etwas gesendet wird". Jetzt stellt sich diese Frage leider nicht mehr, aber eine Dieter-Hildebrandt-Gedächtnisstiftung (mit dem Auftrag/ Zweck, himmelschreiende Missstände möglichst humorvoll zu verpacken und damit einer Lösung zuzuführen) sollte unbedingt eingerichtet werden.
Andererseits: Öffentliche, von ihm kritisierte Figuren (v.a. an Politiker denke ich hierbei) haben recht interessante aber eigentlich auch etwas grund-hämische Kommentare zum Tod von Herrn Hildebrandt abgegeben. Wie man auch immer zu jemandem stehen mag (Herr amtierender Bundesaussenminister Westerwelle hat diesen Punkt ehrlich aufgegriffen, wie ich heute erfahren habe...), Reflektion des eigenen Selbst kann einem nicht immer gefallen-sein Vermächtnis nie wieder reparieren können zu wollen, kann aber bei manchem Spiegelbild nicht ausreichen.
Fazit: Man müsste vorschlagen, eine nicht weiter oder offiziell beschriebene auffällige Stelle in Bayern nach ihm zu benennen (natürlich mit dem Sitz der Dieter-Hildebrandt-Stiftung in der Nähe...), damit für die nächsten Jahre/ Jahrzehnte "Ungestraftheit" von zweifelhafter, öffentlicher Handhabung von Einfluss unter Verweis auf dieses Monument zumindest erschwert wird.

  • Antwort von Thomas Fellner, Freitag, 22.November, 12:21 Uhr

    Sie fordern meinen Verstand heraus, und das ist ja nicht das Schlechteste.
    Oder wenn doch, dann liegt es an mir. Ich geh sowieso nicht zum Kiosk.
    Also tipp ich mich seit gestern ein auf Störsender-TV.