ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Laurence Sterne - "Tristram Shandy"

Dass er das Zeug zum Schriftsteller hatte, entdeckte Laurence Sterne erst spät. Mit 46 veröffentlichte er die ersten zwei von neun Bänden seines einzigen Romans. Ein Jahr vor seinem Tod war "Tristram Shandy" komplett - ein Werk, das Generationen von Lesern köstlich amüsierte.

Stand: 22.10.2015

Sterne war witzig. Das beweist nicht nur der Roman seines Lebens, auch in seinen Predigten steckte viel Humor. Er kam 1713 als Sohn eines englischen Offiziers zur Welt. Sein Vater starb früh. Ein Onkel nahm Sterne bei sich auf und ließ ihn in Cambridge Theologie studieren. Er wurde Landpfarrer, heiratete 1741 und bekam eine Tochter. Als 1760 die ersten beiden Bände des "Tristram Shandy" erschienen, löste das Buch in seiner Gemeinde einen Skandal aus. In London führte es ihn in die Salons ein, wo er daraufhin einige Monate verkehrte. Sterne war berühmt.

Bewegte letzte Lebensjahre

Er ging für zwei Jahre nach Frankreich, seine Frau folgte ihm, blieb aber auf dem Kontinent, als Sterne wieder nach England zurückkehrte. Hier verliebte er sich in die Frau eines Kolonialoffiziers, die aber zu ihrem Mann zurückging. Mit gebrochenem Herzen und einer ohnehin von Blutstürzen angegriffenen Gesundheit schrieb Sterne weiter an seinem Roman. Bis 1767, ein Jahr vor seinem Tod, hatte Sterne den kompletten "Tristram Shandy" in neun Bänden veröffentlicht.

Tristram Shandy und was sonst noch schiefging

Das Buch beginnt mit Tristram Shandys Zeugung. Tristrams Vater ist der Überzeugung, dass alle Körpersäfte harmonisch fließen und aufeinander abgestimmt sein müssen, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Als Tristrams Mutter während des Zeugungsaktes den Gatten mit einer trivialen Frage aus dem Konzept bringt, wird der wütend und befürchtet sodann das Schlimmste für seinen Nachkommen. Ein beschränkter Arzt tut bei der Geburt sein Übriges, damit der Sohn mit entstellter Nase zur Welt kommt. Und auch bei der Taufe geht schief, was schief gehen kann. Aus "Hermes Trimigestus" wird der verstümmelte Name Tristram. Noch bevor Tristram am Ende des Buches überhaupt zur Welt kommt, lernen wir noch seinen Onkel Toby kennen, einen pensionierten Offizier, der seine Freizeit damit verbringt, die Feldzüge und Kampfhandlungen, an denen er beteiligt war, mit einer Spielzeugarmee nachzustellen. Onkel Toby verkörpert in diesem Roman das gesammelte Gute im Menschen, er versteht alles wörtlich und tut keiner Fliege etwas zuleide, im wahrsten Sinne.

"Mein Onkel Toby ertrug Kränkungen mit Geduld; - nicht aus Mangel an Muth - ich habe Ihnen in einem früheren Kapitel gesagt, daß er Muth hatte; und ich füge hier bei, daß wo ein kritischer Fall eintrat, oder es nöthig machte - ich Niemand kannte, bei dem ich lieber Zuflucht genommen hätte; - auch war es nicht Folge von Unempfindlichkeit oder intellectuelle Stumpfheit - denn er fühlte diese Kränkung von Seiten meines Vaters so tief, als man nur konnte; - aber er besaß ein sanftes, friedliches Naturell - es war durchaus kein bissiges Element in ihm - alles war da so freundlich, so gutherzig gemischt, daß mein Onkel Toby es kaum über's Herz bringen konnte, einer Fliege wehe zu thun.

Geh - sagte er eines Tags beim Mittagessen zu einer recht dicken, die ihm das ganze Essen über um die Nase geschwirrt war und ihn gepeinigt hatte - und die er nach zahllosen vergeblichen Versuchen endlich erwischt hatte; - ich will dir nichts thun, sagte mein Onkel Toby und stand auf und ging mit der Fliege in der Hand aus Fenster - ich will dir kein Haar auf deinem Haupte verletzen: - Geh, sagte er und schob das Fenster zurück und öffnete dabei die Hand, damit sie fortfliegen konnte - geh, armes Ding, mach' daß du fort kommst, warum sollte ich dir was thun? - Die Welt ist groß genug, um dir und mir Raum zu gewähren."

(Laurence Sterne: Leben und Meinungen des Herrn Tristram Shandy. Übersetzt von A. Seubert)


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