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Praktikum in der Türkei Lernen im multikulturellen Klassenzimmer

Stefanie Elbracht studiert Deutsch und Mathematik auf Lehramt für Sonderpädagogik in Köln und war drei Monate mit SCHULWÄRTS! in Istanbul. Dort hat sie nicht nur berufliche, sondern auch viele private Erkenntnisse gesammelt.

Von: Stefanie Elbracht

Stand: 20.07.2016

Stefanie Elbracht in der Türkei | Bild: BR

Die Ereignisse auf dem politischen Parkett zwischen Deutschland und der Türkei verfolge ich schon lange. Mich interessieren aber nicht nur die diplomatischen, sondern auch die kulturellen Beziehungen und so wollte ich endlich auch einmal hinter die Kulissen blicken und die Menschen in diesem Land kennenlernen. Ich interessiere mich für die türkische Kultur und mir ist natürlich bewusst, dass ich als Lehrerin in Deutschland in Zukunft verstärkt in multikulturellen Klassenzimmern arbeiten werde, wo auch viele Schülerinnen und Schüler türkischer Herkunft in den Stuhlreihen sitzen. Somit ist es für mich nur logisch, dass ich deren Background näher kennenlernen muss, um auch sie besser verstehen zu können.

Die ersten Wochen in Istanbul habe ich zuerst einmal hospitiert, also den Lehrerinnen und Lehrern vor Ort über die Schulter geschaut, um das Bildungssystem und den Tagesablauf in der Schule kennenzulernen. Nach und nach durfte ich dann auch immer öfter selbstständig den Unterricht leiten – letztendlich wurde mir sogar so viel Vertrauen entgegengebracht, dass ich auch Vertretungsstunden anderer Lehrer übernehmen durfte. Im Grunde war ich zum Schluss komplett ins Lehrerteam integriert.

Türkischer vs. deutscher Schulalltag

Im Vergleich zu den Schulen in Nordrhein-Westfalen haben die Lehrer hier in Istanbul deutlich mehr Autorität und die Schülerinnen und Schüler bekommen auch deutlich mehr Frontalunterricht als in Deutschland. Die gesamte Methodik und Didaktik, die wir als Lehramtsstudierende an der Uni lernen, habe ich dort selten wiederentdeckt. Teamarbeit oder spielerische Herangehensweisen im Klassenzimmer sind zum Beispiel eher die Ausnahme.

Meine Freizeit genießen in Istanbul trotz Terrorwarnung

Die Sultan-Ahmet-Moschee, besser bekannt als "Blaue Moschee"

Ich hatte einen wunderbaren Mitbewohner aus dem Libanon, der bei einer Flüchtlingsorganisation in Istanbul gearbeitet hat. Er hat mich oft zu Organisationstreffen und Feierlichkeiten der Gruppe mitgenommen und dadurch habe ich viele interessante Menschen kennengelernt. Istanbul war für mich wie ein riesengroßes Museum – all die Moscheen, der Topkapi-Palast, der Große Basar… Die Sehenswürdigkeiten dieser wunderschönen Stadt haben mich begeistert und trotz Terrorwarnung habe ich versucht, so viel wie möglich davon mitzunehmen.

Die Büyükada, die für die Prinzeninseln typischen Kutschen, drehen hier ihre Runden.

Istanbul ist eine sehr geschichtsträchtige Stadt, in der moderne Architektur und Bauten längst vergangener Zeiten dicht nebeneinander existieren und eine ganz eigene Atmosphäre erzeugen. Neben meinen Erkundungstouren durch die Stadt habe ich auch den sportlichen Ausgleich beim Yoga gesucht. Was ich ansonsten oft gemacht habe? Viel, viel Teetrinken. Natürlich gab es aber auch neben den Stadtbesichtigungen in Istanbul volles Programm: Zum Beispiel während einer Studienreise zu den Prinzeninseln.

Dort fahren überhaupt keine Autos, sondern romantische Pferdekutschen. Außerdem kann man dort die schönsten Sonnenuntergänge erleben. Im Allgemeinen sind die Farben des Himmels dort viel wärmer und bunter.

Die Sprachbarriere in der Türkei

Weil ich in die Türkei ohne jegliche Türkischkenntnisse gereist bin, lag es für mich nahe, neben dem Praktikum in der Schule einen Sprachkurs zu besuchen. Womöglich war die Sprachbarriere die größte Herausforderung in meinem Gastland. Englisch ist in der Türkei einfach nicht weit verbreitet und so ist es schwierig, sich ohne wenigstens ein paar Brocken Türkisch im Alltag zurechtzufinden. Allein im Supermarkt einzukaufen, kann da zum kleinen Abenteuer werden. Aber so habe ich auch wieder gelernt: Nur mit Mimik, Gestik, Händen und Füßen verständigen sich zwei Menschen auch ohne Sprache. 

Als Lehrerin habe ich in der Türkei einiges gelernt

Eingang zum Großen Basar an der Nuruosmaniye Moschee vorbei.

Für meine Zukunft als Lehrerin habe ich sehr viel Flexibilität und Gelassenheit gewonnen. Der Schulalltag läuft in der Türkei dann doch ein bisschen "chaotischer" ab als in Deutschland. Zum Beispiel sind nicht immer Termine für die Klausuren fix und die Unterrichtsabläufe sind zudem sehr viel spontaner. Außerdem kommt dann noch die Heterogenität in den Klassenzimmern dazu. Man hat völlig unterschiedliche Lerntypen, weil es in der Türkei nicht das Förderschulsystem wie in Deutschland gibt. Es gibt zwar eigene Schulen für Blindenpädagogik oder taubstumme Menschen, aber wenn Kinder Verhaltensauffälligkeiten zeigen, dann werden sie meist trotzdem in die öffentlichen Schulen geschickt und die unterschiedlichen Leistungsniveaus machen sich im Schulalltag stark bemerkbar. Das hat mir geholfen zu differenzieren und auf das unterschiedliche Niveau der Schüler einzugehen. 

SCHULWÄRTS! hat mich vor und nach dem Aufenthalt unterstützt

Im Laufe meines Praktikums und dem Nachbereitungsseminar mit SCHULWÄRTS! wurden mir viele interkulturelle Dinge bewusst, die sich nicht nur auf die Toleranz einer anderen Kultur, sondern auch auf die Akzeptanz dieser beziehen. Damit meine ich, dass wir nicht nur mit der Andersartigkeit einverstanden sind, sondern, dass wir die Menschen und ihre Kultur im Ganzen annehmen und verstehen. Oftmals reisen wir ja in andere Länder und bekommen den sogenannten "Kulturschock". Aber wieso eigentlich? Letztlich basiert dieser meiner Meinung nach auf Erwartungen, die man hat, wenn man ausreist. Diese Erwartungen sollte man ablegen und sich auf einen Perspektivwechsel einlassen. Ich habe während des Praktikums gelernt, den Standpunkt meines Gegenübers anzunehmen. Sein Handeln versuchen zu verstehen und gegebenenfalls mein eigenes anzuzweifeln und zu hinterfragen - damit meine ich auch die eigene Kultur.

Nehmen wir mal als Beispiel die "typisch deutsche" Schnelligkeit, Direktheit und Pünktlichkeit. Wir Deutsche werden dafür einerseits oftmals gelobt, was uns vermutlich in die Position bringt, dies für das höchste Gut und das beste Zeitkonzept zu halten. Andererseits kann dies im Ausland auch als frech, ungeduldig und unverschämt eingeschätzt werden. Und wieso ist unser Zeitkonzept immer das beste? Was haben wir davon? Sehen wir uns einmal in der Gesellschaft um: Es sind enorm viele Menschen in Deutschland, die gestresst und genervt sind, sie leiden an Burnout oder Depressionen - "Entschleunigung!" schreien viele. Wieso dann im Ausland den Menschen unser Zeitkonzept aufdrängen oder ihres anzweifeln?

Ich habe in der Türkei oft mit Gelassenheit reagiert

Blick auf das Galataviertel

Außer der Ruhe und Gelassenheit in herausfordernden Situationen vor Ort habe ich auch gelernt, dass es in Ordnung ist, einmal einen Termin aufzuschieben. Einmal einen Tee mehr zu trinken, anstatt zur Bahn zu sprinten. Den Menschen ihre Zeit zu lassen, geduldig sein, auch wenn ich seit Wochen auf eine Rückmeldung bezüglich eines Termins warte. Am Ende wendet sich alles zum Guten. Ohne Stress und Zeitdruck. Das ist auch wichtig für uns als Lehrer, denn auch unsere Schüler haben unterschiedliche Zeitkonzepte, die wir akzeptieren sollten. 

Nach meinem Praktikum in der Türkei bin ich mir sicher, dass wir immer den Dialog suchen sollten - eine Kultur aufdrängen und nur durch Regeln vorschreiben, funktioniert nicht. Wir, die Gesellschaft, sollten einen Schritt aufeinander zugehen und einsehen, dass wir uns einander annähern müssen. Denn eine gemeinsame Kultur lernt man nicht durch Theorie, sondern durch Kommunikation und Praxis. Und wieso sollte es schlecht sein, nicht auch das eigene kulturelle Konzept zu hinterfragen und zu reflektieren - auch unsere Konzepte und Vorstellungen sind "optimierbar“. Das tun wir doch so gerne: Ganz nach dem Motto "Schneller, besser, weiter".

Das Projekt SCHULWÄRTS!

Am SCHULWÄRTS! Projekt nehmen viele Länder teil. Neben der Türkei sind das Ägypten, Australien, Bulgarien, China, Libanon, Polen, Rumänien, Russland, Thailand, Tschechien, Ungarn, Ukraine und Vietnam.Die Stiftung Mercator unterstützt dabei die Aufenthalte in der Türkei und China.

Länderinfo: Türkei

  • Das Land zwischen Schwarzem Meer, Ägäis und Mittelmeer ist ein Vielvölkerstaat. Hier spricht man Türkisch, aber zum Beispiel auch Kurdisch, Armenisch und Arabisch. Anatolien macht den größten Teil des Landes aus und liegt in Asien, der Rest in Südosteuropa.
  • Die Prinzeninseln Istanbuls sind eine kleine Inselgruppe im Marmarameer und dienten damals als sogenanntes "Prinzenexil", wohin die Nachkommen des Königs verbannt wurden, wenn sie der gewollten Thronfolge im Weg standen. Auf diesen Inseln herrscht eine wundersame Ruhe, obwohl sie sehr nah an Istanbul sind. Sie gelten auch als DAS Naherholungsgebiet für Istanbuler. Dort fahren keine Autos.
  • Türkische Hochschulen erheben Studiengebühren, die an staatlichen Universitäten zwischen 200 Euro und 1.000 Euro pro Jahr betragen.
  • In der Türkei gibt es circa 100 staatliche und 70 private Unis.
  • Die Lebenshaltungskosten in der Türkei sind allgemein günstiger als in vielen europäischen Ländern. Die größten Supermärkte in der Türkei sind Migros, Metro, Real, Tansaş, Carrefour und Kipa. Auch die günstigen Supermarktketten wie BIM, Şok oder 101 findet man fast in jedem noch so kleinen Ort.
  • Das akademische Jahr beginnt in der Regel Mitte September und endet Mitte Juni und ist in zwei Semester gegliedert. Der erste Studienabschnitt dauert zwei Jahre und wird mit dem ersten akademischen Grad "Önlisans Diplomasi" abgeschlossen. Dieser Abschluss ist sowohl berufsqualifizierend als auch die Voraussetzung für das "Lisans Diplomasi".
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