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Kroatien Willkommen in der EU?

Kroatien, das kleine Land an der Adria mit den großen Landschaften, wird am 1. Juli das 28. EU-Mitglied. Es ist eine junge Demokratie: Gerade wird sie 22 Jahre alt.

Von: Barbara Mai

Stand: 02.06.2013 | Archiv

Kroatien hatte sich 1991 – nach Slowenien – von Jugoslawien losgesagt. Doch der Start in die Unabhängigkeit führte Kroatien nicht in die erhoffte lichte Zukunft sondern in einen langen Krieg mit Tod und Zerstörung. Serbien wollte mit Waffengewalt das Auseinanderfallen des bis dahin gemeinsamen Staates Jugoslawien verhindern.

Aufbruch nach dem Krieg

Damals war Europa weit weg von der Krajina, von ganz Kroatien. Ein junger Europaminister sollte erst im Jahr 2000 sein Land mit der europäischen Idee vertraut machen – das scheint ihm im Rückblick gelungen.

Der Weg in die Europäische Union war lang und schwer für Kroatien. Bilder einer vom Bruderkrieg geschundenen Region im Hinterland der dalmatinischen Küste. Kistanje, ein ehemals wohlhabendes Dorf. Das Zentrum drei Jahre nach dem Ende der Kämpfe – zerschossen, gebrandschatzt, geplündert.

Wiederaufbau auch in Dubrovnik

Dubrovnik – Weltkulturerbe. Die Stadt hatte über Jahrhunderte Feinden standgehalten. Dieser Krieg hat der "Perle der Adria" schweren Schaden zugefügt. Schon barbarisch eine solche Altstadt zu zerstören, die eigentlich keine strategische Bedeutung hatte.

Die Ruine des Libertas- Hotels in bester Lage – über ein Jahrzehnt ein Ladenhüter. Bis Rixos, ein türkischer Investor kam. Hinter dem sollen sich russische Geldgeber verbergen. Mit russischen Investoren im Tourismus hat Kroatien allerdings keine guten Erfahrungen gemacht. Insider erinnern sich an eine millionenschwere Blamage auf der Insel Krk.

Dubrovnik brauchte Zeit, um zur Normalität zurück zu kehren. Die "Dubrovcani" – die Einheimischen, haben das Trauma durch die Zerstörung lange nicht überwunden.

Die Stadt hat eine freiheitliche Tradition, die weit in ihre Geschichte zurückreicht – Motivation, um zügig die getroffenen Häuser wieder herzurichten. Doch die Touristen blieben noch Jahre aus. Eine schwere Zeit für Dubrovnik, das von und mit den Besuchern lebt.

Der Nationalpark Plitvicer Seen

Im Herbst 1995 gelang es dem kroatischen Militär, die Plitvicer Seen und die anderen Regionen zu befreien. Der Nationalpark war immer ein beliebtes Ausflugsziel, Jahr für Jahr zog er Hunderttausende von Touristen an. Damit war es erst einmal vorbei.

Zwar regte sich im Koronatal gleich in der Nachbarschaft der Seen bald wieder Leben und Menschen bauten ihre Häuser wieder auf, aber unter welchen Bedingungen. Die staatlichen Hilfen reichten gerade für einen Wohnraum, für Bad und Küche. Alles Weitere mussten die Besitzer selbst finanzieren – und das bei den damals hohen Zinsen für Kredite.

Die traditionell kargen Regionen der Krajina zahlten für den Krieg den höchsten Preis. Möglicherweise hilft in Zukunft die Europäische Union dem strukturschwachen Gebiet.

Der Plitvicer Nationalpark ist inzwischen wieder eine erfolgreiche Touristenattraktion – die einzigartige Natur hat nicht gelitten.Die Kirchen von Knin – selbst vor ihnen hatte der Krieg keinen Respekt – sind wieder aufgebaut. Versöhnlich stimmt, dass auch das serbisch- orthodoxe Gotteshaus in altem Glanz erstrahlt, obwohl die Gemeinde überschaubar geworden ist. Knin war einmal eine mehrheitlich serbische Stadt. Trotz vielfältiger internationaler Intervention sind nur ein Teil der serbischen Bewohner in die Heimat zurückgekommen.

Die Touristen kommen an die Küste zurück

In den kleinen Buchten der dalmatinischen Küste waren private Unterkünfte bei den Touristen beliebt. Und hierher kamen dann auch die ersten nach dem Krieg wieder.

Der Wiederaufbau verlief regional unterschiedlich, aber Masterpläne für den Tourismus haben nun Umwelt- und Naturschutz zwingend vorgeschrieben.

Auch die Rekonstruktion oder Renovierung vorhandener Hotels hatte Vorrang vor Neubauten. Daran musste sich auch die Rixos-Gruppe halten, die das zerstörte Hotel "Libertas" in Dubrovnik wieder aufgebaut hat. Das neue Resort will mit fünf Sternen glänzen.Mittlerweile hat die "Perle der Adria" die meisten Luxushotels des Landes.

Kroatien macht sich auf den Weg in die EU

In der Hauptstadt Zagreb hatte sich nach dem Tod von Präsident Franjo Tudjman 1999 die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Zukunft Kroatiens in Europa liegt. Stipe Mesic, der Nachfolger von Tudjman beförderte diese Erkenntnis nachdrücklich.

Plötzlich wehte ein frischer Wind durchs Land, Autobahnen wurden gebaut, die der neue Präsident so wichtig fand, dass er selbst zur Eröffnung des wesentlichen Teilstücks eilte.

Der damalige junge Europaminister legte ein ziemliches Tempo vor, obwohl er ein anderes Problem in seiner Heimat Istrien noch nicht abschließend gelöst hatte – das der Flüchtlinge. Die Halbinsel wurde vom Krieg verschont und deshalb suchten wie hier in Porec Tausende Sicherheit. Ivan Jakovcic erinnert sich: Hier hatte Jakovcic nach seiner Zeit als Europaminister jahrelang ein Büro als "Zupan", vergleichbar einem regionalen Regierungschef. Er schätzt die Wettbewerbsfähigkeit seines Landes durchaus positiv ein.

Hoffnung auf die Mitgliedschaft in der EU

Für die kroatische Wirtschaft wird der EU-Beitritt bedeuten, dass häufiger mit Firmen aus anderen EU-Ländern zusammengearbeitet wird. Das hatten Thyssenkrupp und eine Firma in der Industriestadt Belnišće schon vor 15 Jahren erkannt - und gründeten ein Joint Venture. Das deutsche Unternehmen kaufte sich bei der Partnerfirma mit 800.000 Euro ein, brachte spezielle Geräte nach Belnišće, mit denen Heizpressen für Autoreifen hergestellt werden.

Die Deutschen dienen als Vorbild – auch bei der Berufsausbildung. Es gibt bereits Versuche, ein duales System einzuführen, in dem Lehrlinge – wie in Deutschland – eine Schule besuchen und parallel dazu in einem Betrieb arbeiten. Doch die kroatische Version ist zumindest für den Leiter dieser Kfz-Werkstatt immer noch zu schulisch.

Denn nicht nur die Nachwuchshandwerker haben solche Probleme. Auch Studenten finden auf dem gegenwärtigen Arbeitsmarkt kaum Möglichkeiten, ihr gelerntes Wissen auch mal anzuwenden. Manche überlegen deshalb baldmöglichst ins Ausland zu ziehen, die meisten jedoch sind entschlossen, hier ihr Glück zu suchen.

Fortschritt durch die EU

Schwer vorstellbar, dass die Regierung daran bald was ändern könnte. Wohl auch weil beim anstehenden EU-Beitritt andere Themen Vorrang haben. Und mit strengeren Auflagen aus Brüssel versehen sind.

Dass auch das Leitungswasser genießbar bleibt, auch dafür will die EU sorgen. Im Küstenort Zadar unterstützte sie deshalb mit Fördergeldern bereits vor acht Jahren den Bau einer zeitgerechten Kläranlage. Und auch dabei gab es eine deutsch-kroatische Zusammenarbeit: die Technologie ist größtenteils "Made in Germany".

Die Zeit zwischen dem Assoziierungsabkommen 2001 und dem Kandidatenstatus 2004 war einerseits von einem Investitionsbedarf von 9,5 Milliarden Euro bis 2010 und andererseits von der mangelnden Rechtssicherheit des im Umbau befindlichen Staates geprägt. Eine derartige Summe war ohne ausländische Anleger nicht darstellbar, aber Investoren sind scheuer als Rehe – beim geringsten Misston ziehen sie sich zurück. Nicht so der Joint Venture Partner des Katarinenhotels Wilfried Holleis. Als ihn seine kroatischen Partner über den Tisch ziehen wollten, wehrte er sich – letztlich erfolgreich: Das Obsiegen des österreichischen Hoteliers vor einem Schiedsgericht hatte in der Folgezeit viel zur Rechtssicherheit ausländischer Investoren beigetragen. Hier in diese Hotelanlage am Rande von Opatija hat Holleis elf Millionen Euro investiert – erfolgreich, wie sich schon im Eröffnungsjahr 2004 gezeigt hat.

Unter dem Druck der EU hatte Kroatien dann auch ein drastisches Exempel statuiert – im ganzen Land wurden, wie hier auf der Insel Vrh, Schwarzbauten öffentlichkeitswirksam plattgemacht. Unter den "Schwarzhäuslebauern" waren viele Ausländer, die sich an den bis dahin üblichen Gepflogenheiten der einheimischen Nachbarn orientierten. Bauen ging damals in Kroatien so: erst ein Häuschen an einem schönen Plätzchen errichten, dann eine Genehmigung beantragen, von der man weiß, dass sie nicht ohne Schmiergeld erteilt wird. Dann eine Strafe für das Bauen ohne Genehmigung zahlen – ein Verfahren, das letztlich schneller und billiger war, als sich an die Gesetze zu halten.

Kein Beitritt ist perfekt

Bisher war noch kein EU-Mitgliedsland bei seinem Beitritt in die Gemeinschaft auch nur annähernd perfekt vorbereitet. Da ist Kroatien keine Ausnahme. Das Urlaubsland an der Adria mit seinen pittoresken Städtchen, seinen wunderschönen Landschaften und seinen gastfreundlichen Menschen hat in den vergangenen zwölf Jahren große Fortschritte in Richtung Europa gemacht. So wie die Küste Istriens keine Großprojekte mehr braucht, so geht es im Land um "Feinarbeiten" in der Wirtschaft, Verwaltung und Justiz, aber die sollten mit Nachdruck durchgeführt werden.

Vorbehalte und Bedenken in der EU gegen die beschlossene Mitgliedschaft sind in vielerlei Hinsicht verständlich und müssen von Kroatien ausgeräumt werden. Aber die Europäische Gemeinschaft ist mehr als eine Wirtschaftsgemeinschaft – sie ist auch eine Wertegemeinschaft, eine Vision für ein Europa der Zukunft.

Der vorliegende Text ist eine stark gekürzte und bearbeitete Fassung des Sendungsmanuskripts.


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Roman Maruhn für nachbarn, Mittwoch, 12.Juni, 23:23 Uhr

3. Kommentare 1 und 2

Danke für Ihre Kommentare:
Zu 2. von Maximilian Kauk: Leider sind wir noch nicht in der Mediathek und es gibt bis jetzt auch keinen Wiederholungstermin. Schreiben Sie uns aber gerne über unser Kontaktformular unter http://www.br.de/fernsehen/bayerisches-fernsehen/sendungen/nachbarn/kontakt/index.html
Zu 1. von Josip Sinkovic: Danke für die Anregung! Es ist tatsächlich interessant, auch über Gegner eines EU-Beitritts in den betreffenden Ländern zu berichten. Sorry, dass wir das auch in unserem verhältnismäßig langem Format nicht getan haben.

Maximilian Kauk, Montag, 10.Juni, 18:07 Uhr

2. Wiederholung

Hallo, gibt es von der Sendung eine Wiederholung, oder wird diese noch in die Mediathek geladen?

Sinkovic Josip, Sonntag, 02.Juni, 19:34 Uhr

1. Kroatien in der EU.

Wenn Sie schon von der Demokratie Reden, warum haben Sie nicht mit den EU gegnern gesprochen. Da seid ihr genau so "demokraten" wie Die Kroatischen Medien, wo es imme nur von der " zweifelhaften" vorteilen der EU die Rede wahr !!! Ivan Jakovcic, Vesna Pusic, sind Politiker,...Ihre Kinder sind schon und werden weiterhin versorgt,wehrend Frau Pusic der Jugend Kroatiens "EU-Auswanderung" schmackhaft machen wolte,...!!!!
Ich bin seid 19.02.1971 im Deutschland, möchte, (und Muss !!) noch Arbeiten, werde aber nicht mehr genommen, weil es biligere Tschechen, Ungarn gibt, demnächst auch noch Rumänen und Bulgaren geben wird !!! Und dann wundert Ihr Euch über Steigenden Ausländer Haß !!! Nutzen davon haben nur die Grosen,... Arbeiter müssen für 300-400 im Audi,VW, werken im Tschechei, Ungarn Slowakei,...Arbeiten.... oder auswandern...Gleichzeitig passiert Folgendes : " Aus der :Tourism Watch
"Eine neue Auswanderungswelle ( Aus Deutschland !!!I ) setzte 1989 mit jährlich über 100.000 Personen ein. Finkelstein schreibt, dass Experten die offiziellen Angaben mit der Zahl zwei oder drei multiplizieren, man also leicht auf über 200.000 oder 300.000 Auswanderer pro Jahr komme. "" !!!
Ich nehme an, das Sie Die Ausgewanderter Deutschen mit denn Bürgern aus neuen EU mitgliedsaaten nachholen wollen !!!! Arbeit im Deutschland werden aber nur geschulte Leute kriegen,...die widerum der Heimatländern fehlen,,...wodurch Sie auch ärmer und weniger versorgt werden,,,Dafür hat Deutschland Arbeitskräfte zur Dumping Löhnen gekriegt....!!!! Wahrlich viele Gründe EU hoch zu Loben !!!

P.S. Habt Ihr ewentuel schon daran gedacht, Die EU von Dem Berge Arrarat über Golan Hoehen bis nach Atlasgebierge auszudehnen !!!????