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Corona-Spätfolgen Post-Covid - Wenn die Funktion von Nerven und Gehirn gestört ist

Das Coronavirus SARS-CoV-2 kann für Störungen im Gehirn sorgen. Die Auslöser sind vielfältig, zum Beispiel können Entzündungen, Dysfunktionen bei Zellen und Blutgefäßen oder Reaktionen des Immunsystems zu Ausfallerscheinungen führen.

Stand: 17.01.2022

Als Spätfolge nach einer Corona-Infektion können Gedächtnislücken auftreten. Patienten sprechen sogar von alzheimerartigen Demenz-Erscheinungen. | Bild: picture alliance

Neurologische und kognitive Probleme treten meist bei zwei Gruppen von Covid-19-Genesenen auf: Bei Patienten, die einen schweren Krankheitsverlauf hatten und intensivmedizinisch behandelt werden mussten. Und bei einer Gruppe von Patienten, die nach einem leichten bis mittelschweren Verlauf erst scheinbar von Covid-19 genesen sind und nach einer Latenzzeit von ein bis vier Monaten plötzlich eine sogenannte Rebound-Symptomatik bekommen, sagt Dr. Jördis Frommhold im Podcast der Ärztezeitung (19.4.21). Frommhold ist Chefärztin in der Median Klinik Heiligendamm und auf die Rehabilitation von Post-Covid-Erkrankten spezialisiert.

Neurologische oder kognitive Störungen - welche Patienten besonders betroffen sind

Bei Patienten mit Rebound-Effekt zeigt sich ein massiver Leistungseinbruch, eine bleierne Erschöpfung ("Fatigue"), Schwindel, Gangunsicherheiten oder demenzielle Symptome. Auch von neurologischen oder kognitiven Einschränkungen wie Gedächtnis-, Konzentrations- oder Empfindungsstörungen ("Brain Fog") wird berichtet. Neue Erkenntnisse legen hier nahe, dass "Brain Fog" auffallende Ähnlichkeiten aufweist mit dem Zustand, der als "Chemobrain" bekannt ist – also die geistige Trübung, die manche Menschen während und nach einer Krebsbehandlung erleben.

Oft kommen bei dieser Gruppe von Covid-19-Genesenen noch Haarausfall oder Muskel- sowie Gelenkschmerzen hinzu. Dabei besteht die Gefahr, dass die Symptome chronisch werden und die Leistung eingeschränkt bleibt, was Auswirkungen auf das Berufs- und Alltagsleben haben kann.

Vor allem Frauen und ältere Menschen betroffen – aber auch Jüngere können betroffen sein

Laut Frommhold sind davon mehr Frauen als Männer betroffen. Die Ärztin hält eine Beteiligung des Immunsystems - also Störungen durch autoimmunologische Prozesse im Körper - für wahrscheinlich. Die insgesamt häufigsten Symptome von Post-Covid waren bei der bisher größten internationalen Studie: "Fatigue", Krankheitsgefühl nach körperlicher oder geistiger Tätigkeit und "Brain Fog".

Darüber hinaus sind vor allem ältere Menschen von den Symptomen betroffen. Wie aber eine neue Studie von Forschenden der School of Medicine at Mount Sinai in New York zeigt, können durchaus auch jüngere Menschen derartige Probleme entwickeln. Die Querschnittsstudie bezieht Daten zu 740 Patientinnen und Patienten mit einem Durchschnittsalter von 49 Jahren mit ein, die stationär oder ambulant wegen Covid-19 behandelt wurden. Unter anderem hatten 23 Prozent Gedächtnisschwierigkeiten, 18 Prozent der Betroffenen gaben Probleme mit der Verarbeitungsgeschwindigkeit des Gehirns und 15 Prozent mit der Sprechflüssigkeit an.

Long-Covid - neurologische Probleme häufiger als bei Grippe

Es ist bekannt, dass neurologische Störungen nach Virusinfektionen auftreten können, zum Beispiel nach einer Grippe. Bei Covid-19-Infektionen zeigten sich diese allerdings häufiger sowie im selben Zeitraum und scheinen demnach direkt mit einer Infektion mit dem Sars-CoV-2-Erreger zusammenzuhängen.

So konnten Forscherinnen und Forscher der Universität Oxford in einer Lancet-Veröffentlichung im April 2021 zeigen, dass ein Drittel der Covid-19-Langzeitpatienten ihrer Studie weiter an neurologischen Beeinträchtigungen leidet. Darunter sind Angst- und Gemütsstörungen am häufigsten (17 bzw. 14 Prozent), aber auch Schlaganfälle und Demenz wurden beobachtet, vor allem bei Menschen, die einen schweren Verlauf hatten. Insgesamt wurden die Daten von über 230.000 Menschen ausgewertet.

Verlust von Geschmacks-und Geruchssinn bei Post Covid

Neben Husten und Fieber zählte beim Wildtyp - also dem ersten aufgetretenen neuen Coronavirus zu Beginn der Pandemie - außerdem der Verlust des Geschmacks- und Geruchssinns zu den ersten Anzeichen einer Ansteckung mit SARS-CoV-2. Die Corona-Mutante Delta äußert sich dagegen eher wie eine Erkältung. Bei den meisten Patienten gehen die neurologischen Symptome wieder vorbei. Doch es gibt auch Covid-19-Erkrankte die noch nach Monaten darüber klagen, wenig zu schmecken und/oder zu riechen.

Marc Brunner war im März 2020 an Sars-CoV-2 erkrankt und leidet seither an Post-Covid-Symptomen. | Bild: Marc Brunner

Er gilt als genesen, doch Marc Brunner aus Odelzhausen leidet an Post-Covid, den Spätfolgen einer Covid-19-Erkrankung.

"Ich war Mitte März 2020 akut an Covid-19 erkrankt. Ein Dreivierteljahr später ist mein Geschmacks- und Geruchssinn mal da und dann wieder weg. Ich habe bestimmte Gerüche, die ich vor ein paar Wochen noch gar nicht wahrgenommen habe - die merke ich jetzt in Nuancen. Was ich immer noch nicht rieche, das ist Rauch. Das ist ganz komisch. Aber ich schmecke relativ viel, auch unterschiedliche Dinge. Was extrem nervt ist dieser seltsame, metallische Geschmack auf der Zunge, der nicht mehr weggeht."

Marc Brunner

Post Covid - Lähmungen durch Coronaviren?

Bei Covid-19-Patienten beobachten Mediziner entzündliche Erkrankungen der Nerven. Es kann zu vorübergehenden Lähmungen kommen.

"Selten gibt es Krampfanfälle oder auch Lähmungen transienter Art, also nur ganz kurzfristige Lähmungen, die nicht für immer bleiben, sondern wieder weggehen."

Markus Glatzel, ärztlicher Leiter des Instituts für Neuropathologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Lähmungen durch das Guillain-Barré-Syndrom?

In einer Studie, die am 8. Juli 2020 im Fachblatt Brain veröffentlicht wurde, beobachteten Mediziner das Guillain-Barré-Syndrom bei sieben ausschließlich männlichen Covid-19-Patienten. Bei dieser Erkrankung entzündet sich das Nervensystem aufgrund einer Autoimmun-Reaktion. Das führt zu Gefühlsstörungen, Muskelschwäche und Lähmungen. Meist verschwinden die Störungen wieder. Das Syndrom beginnt damit, dass anfangs Hände und Füße nicht mehr reagieren. Dann breiten sich die Lähmungen von den Extremitäten zur Körpermitte hin aus und können lebensbedrohlich werden, wenn die Atemmuskulatur betroffen ist.

Jedoch kommt eine Kohortenstudie britischer Wissenschaftler vom 14. Dezember 2020, ebenfalls in Brain veröffentlicht, zu dem Ergebnis, dass sich kein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem Guillain-Barré-Syndrom und Covid-19 feststellen lässt. Covid-19 muss also nicht zwangsläufig der Auslöser für diese Krankheit sein.

Guillain-Barré-Syndrom als seltene Nebenwirkung bei Astrazeneca- und Johnson & Johnson-Impfstoffen?

Im Gespräch ist übrigens auch, ob Impfungen und auch Corona-Impfungen mit den Impfstoffen von Astrazeneca und Johnson & Johnson das Syndrom als seltene Nebenwirkung auslösen können. Ein Review vom Dezember 2021 legt jedoch nahe, dass das Risiko, nach einer Impfung gegen Covid-19 das Guillain-Barré-Syndrom zu entwickeln, sogar geringer zu sein scheint als bei früheren Impfstoffen gegen Atemwegsviren (zum Beispiel gegen Influenza).

Post-Covid - Gedächtnislücken und Konzentrationsstörungen

Covid-19-Erkrankte berichten, dass sie auch nach der akuten Erkrankung noch das Gefühl haben, ihr Gehirn sei in Watte gepackt. Die Denkfähigkeit kann in der Folge dieser Viruserkrankung über eine gewisse Zeit eingeschränkt sein. Auch Gedächtnislücken können bei Betroffenen auftreten. Diese Störungen, die oft unter dem unscharfen Begriff "Brain Fog" subsummiert werden, können auch nach einer Phase der Erholung - nach ein bis vier Monaten - auftreten und sogar chronisch werden.

"Ich war - ohne arrogant wirken zu wollen - immer ein Einser-Schüler, was Grammatik und Rechtschreibung angeht. Aber jetzt ist das anders geworden. Wenn ich E-Mails schreibe, muss ich im Anschluss immer ein- bis zweimal darüber lesen, weil ich so viele Fehler mache. Das ist mir vor meiner Covid-19-Erkrankung nicht passiert."

Marc Brunner, ehemaliger Covid-19-Patient

Entzündungen im Gehirn bei Covid-19

Eine Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus kann im Gehirn zu einer Entzündung führen. Pathologen konnten im Hirnstamm Entzündungsherde erkennen, die neurologische Probleme erklären.

"Wir haben milde Entzündungen gesehen. Wichtig ist auch, was wir nicht gesehen haben: nämlich eine massive Entzündung des Gehirns und der Gefäße, eine nekrotisierende Entzündung. Das heißt eine Entzündung, wo Hirngewebe auch abstirbt - das haben wir erfreulicherweise alles nicht festgestellt."

Markus Glatzel, ärztlicher Leiter des Instituts für Neuropathologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Schlaganfall nach Covid-19-Infektion?

Schlaganfälle erleiden Menschen dann, wenn sich Blutgerinnsel bilden. Diese können im Gehirn oder auch in anderen Organen entstehen. Untersucht wird derzeit auch, ob SARS-CoV-2 die Form der roten Blutkörperchen verändert und dadurch oft zu Blutgerinnseln und Thrombosen führt.

Manche Covid-19-Patienten erleiden einen Schlaganfall, ein Post-Covid-Syndrom.

"Die Blutgerinnsel, die Schlaganfälle bei Covid-19-Patienten verursachen, entstehen nicht im Gehirn, sondern vielleicht in den Beinen oder in der Lunge und werden dann fortgetragen ins Gehirn, wo sie die Gefäße verstopfen und einen Schlaganfall auslösen."

Markus Glatzel, ärztlicher Leiter des Instituts für Neuropathologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Parkinson als mögliche Spätfolge von Covid-19?

Drei Fallbeispiele, die am 1. Dezember 2020 im Cell-Press Journal "Trends in Neuroscience" veröffentlicht wurden, legen nahe, dass neuartige Coronaviren eine Parkinson-Erkrankung auslösen oder zumindest fördern könnten. Die drei Patienten entwickelten zwei bis fünf Wochen nach Entlassung aus dem Krankenhaus neurologische Symptome und motorische Störungen, die für Parkinson typisch sind. Ein Review vom Dezember 2021 zu diesem Zusammenhang macht jedoch klar: Die bisher vorliegenden Daten reichen nicht aus, um zu bestätigen, dass Covid-19 neurodegenerative Krankheiten wie Parkinson auslösen oder beschleunigen kann.

Post-Covid - Wie das Coronavirus ins Gehirn kommt

Eine Möglichkeit, wie das Virus ins Gehirn gelangt, ist über die Nervenzellen der Riechschleimhaut, also direkt von der Nase zum Gehirn. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die am 30. November 2020 im Fachblatt Nature Neuroscience veröffentlicht wurde. Dem Forschungsteam der Charité ist es gelungen, im Elektronenmikroskop intakte Coronavirusteilchen in der Riechschleimhaut sichtbar zu machen.

"Auf Basis dieser Daten gehen wir davon aus, dass SARS-CoV-2 die Riechschleimhaut als Eintrittspforte ins Gehirn benutzen kann. Von der Riechschleimhaut aus nutzt das Virus offenbar neuroanatomische Verbindungen wie beispielsweise den Riechnerv, um das Gehirn zu erreichen."

Frank Heppner, Direktor des Instituts für Neuropathologie an der Berliner Charité

Covid-19 kann Blut-Hirn-Schranke zerstören - aber neue Medikamente sind in Sicht

Die meisten Experten nehmen zwar an, dass der SARS-CoV-2-Erreger nicht direkt auf die Nervenzellen im Gehirn einwirkt. Eine Forschungsgruppe um den Lübecker Pharmakologen Prof. Markus Schwaninger zeigte nun jedoch in einer neuen Studie: Das Virus kann die innerste Zellschicht der Blutgefäße im Gehirn, die sogenannten Endothelzellen, angreifen und schädigen. Auch die Blut-Hirn-Schranke kann dabei von dem Virus angegriffen und zerstört werden.

So beunruhigend das auch klingen mag, das Team fand einen Weg, um den Zelltod in den Blutgefäßen zu stoppen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten anhand eines Tierversuchs zeigen, dass der durch das Virus in Gang gesetzte Zelltod-Mechanismus durch das Blockieren eines spezifischen Proteins in der Zellschicht deaktiviert werden kann. Und das mache Hoffnung auf die Entwicklung von Substanzen, die neurologische Long-Covid-Symptome lindern könnten, sagt Markus Schwaninger.

Weiterführende Links zu Post-Covid und Nervenproblemen:

Sendungen:

  • Gut zu wissen. Long-Covid. 08.05.2021, 19:00 Uhr, BR Fernsehen.
  • Gesundheit! Genesen - nicht gesund: Corona und die Langzeitfolgen. 04.01.2022, 19:00 Uhr, BR Fernsehen.

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