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Corona-Spätfolgen Post-Covid - Wenn es die Lunge erwischt

Das Virus Sars-CoV-2 kommt über die Nase und den Rachen in den Körper und wandert zuerst zur Lunge. In manchen Fällen kommt es zu starker Atemnot. Ärzte müssen handeln, um Patienten vor dem Ersticken zu bewahren. Beatmungstechnik rettet Leben, kann die Lunge aber zusätzlich schädigen.

Stand: 01.12.2020

Symbolbild: Covid-19-Erkrankte wird mit Mund-Nasen-Maske beatmet. | Bild: BR

In vielen Fällen husten Covid-19-Patienten eine Weile, der Husten klingt ab und die Krankheit geht vorbei. Bei rund 20 Prozent der Erkrankten aber läuft es nicht so glimpflich ab.

Diese Patienten entwickeln zum Beispiel eine schleichende Lungenentzündung und müssen dann wegen der Corona-Infektion beatmet werden, um zu überleben. Bei dieser Hilfestellung für die Lunge gibt es verschiedene Abstufungen.

Corona-Patienten über eine sogenannte Nasenbrille beatmen

Die sogenannte Nasenbrille kommt zum Einsatz, wenn es der Patient nicht mehr aus eigener Kraft schafft, genug Luft einzuatmen und auch abzuatmen. Sie gilt als äußerst schonende Art der Beatmung.

Marc Brunner war im März 2020 mit dem neuartigen Corona-Virus infiziert, entwickelte eine Lungenentzündung und kam mit einer Sauerstoffsättigung von knapp über 90 Prozent ins Amperklinikum nach Dachau. Normal wäre ein Wert zwischen 94 und 98 Prozent. Eine Nasenbrille half ihm einige Tage lang beim Atmen.

Beatmung über eine Nasenbrille bei Covid-19-Patienten

"Das sind zwei Schläuche aus Plastik, die im Abstand der Nasenlöcher geformt sind und in die Nase geschoben werden. Alle paar Stunden kam die Krankenschwester zu mir und drehte den Sauerstoff - je nach Sättigung - rauf und runter."

Marc Brunner, ehemaliger Covid-19-Patient

Beatmung über eine Maske bei Covid-19

Mund-Nasen-Maske zur Beatmung von Covid-19-Patienten

Ist die Lunge stärker angegriffen und reicht es nicht mehr, nur ein wenig Luft über die eine Nasenbrille zuzuführen, bekommen Patienten eine Maske aufgesetzt. Diese führt mit etwas Druck Luft zu, sodass die Lunge mit ausreichend Sauerstoff versorgt wird.

"Die Mund-Nasen-Maske ist eine Form einer echten Beatmung - nur nicht über einen Schlauch, der in die Luftröhre eingelegt wird, sondern durch eine Maske, sodass die natürlichen Atemwege noch voll erhalten sind."

Michael Pfeifer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin

Im Notfall bei Covid-19: Das künstliche Koma

Der nächste Schritt ist drastisch: Er erfolgt, wenn beispielsweise Blutgerinnsel in der Lunge auftreten und das Organ verstopfen. Ein Vorgang, der durch das Coronavirus ausgelöst werden kann. Patienten werden dann ins künstliche Koma versetzt. Ein Schlauch wird zur Beatmung über den Rachen in die Lunge eingeführt.

"Bei der mechanischen Beatmung wird die Luft in die Lunge mit Druck appliziert. Das bedeutet, wir üben jetzt ganz andere mechanische Kräfte auf die Lunge aus im Vergleich zur gesunden Situation. Dadurch kommt es insbesondere bei schon vorgeschädigten Lungen - und das ist ja diese stark entzündete Lunge - zu einem zusätzlichen Element der Traumatisierung, das wir berücksichtigen müssen."

Michael Pfeifer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin

Manche Covid-19 Patienten müssen über einen Schlauch beatmet werden, wofür man sie ins künstliche Koma versetzen muss.

Ohne diesen Eingriff würden Patienten ersticken. Die mechanische Beatmung rettet Leben, aber sie schadet der angegriffenen Lunge zusätzlich, weil sie Lungenzellen stark beanspruchen.

Es kann zu Vernarbungen kommen, zu einer sogenannten Lungenfibrose. Mediziner beobachten sie nach einer Lungenentzündung, aber auch nach länger andauernder mechanischen Beatmung.

Auch für Coronapatienten: Beatmung über eine externe Lunge

Der technisch gesehen größte Eingriff stellt eine Lungenmaschine dar, die das akute Lungenversagen abwenden soll. Sie wurde in den 1960er-Jahren erstmals bei Operationen eingesetzt und wird über kurze Zeiträume auch gut vertragen. Auch bei Unfällen kann die sogenannte extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO) das Überleben sichern.

"Wenn wir sehen, dass wir die Lunge nicht schonend beatmen können, wenn die so krank ist, dass wir wirklich sehr hohe Drücke bräuchten, um überhaupt noch die Ventilation aufrechtzuerhalten, also die Beatmung der Lunge, dann ist das der Moment, an dem wir dann Patienten mit einer sogenannten extrakorporalen Lunge versorgen."

Michael Pfeifer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin

Ein Corona-Patient auf der Intensivstation

Beim Einsatz der Lungenmaschine wird Blut des Patienten aus dem Körper herausgeleitet und durch eine Apparatur, eine große Membran, geführt. Genau wie die menschliche Lunge entfernt die Membran Kohlendioxid und führt Sauerstoff zu. Anschließend wird das Blut wieder in den Körper zurückgeleitet.

Die externe Lunge verursacht keinen Druck auf der Lunge, was sich günstig auf das sensible Gewebe auswirkt. Bei längerer Anwendung kommt es aber meist zu Komplikationen: etwa zur Blutgerinnung an der künstlichen Membran. Deshalb kommt diese Methode nur zum Einsatz, wenn sonst nichts mehr hilft, also bei schwerem Lungenversagen. 

Long-Covid: Auch bei mildem Corona-Verlauf können Schäden zurückbleiben

Die Lunge ist bei Covid-19-Patienten in den meisten Fällen betroffen. Selbst bei mildem Verlauf kann es sein, dass auch über längere Zeiträume eine gewisse Kurzatmigkeit zurückbleibt.

Marc Brunner wurde bereits nach einer Woche Krankenhausaufenthalt entlassen und gilt seit April 2020 als genesen. Doch auch bei ihm zeigten sich Folgen der Corona-Infektion: Der Mitvierziger, der früher sehr sportlich war, konnte auch ein halbes Jahr nach der akuten Corona-Infektion nicht an seine alte Form anknüpfen.

Marc Brunner war im März 2020 an Sars-CoV-2 erkrankt und leidet seither an Post-Covid-Symptomen. | Bild: Marc Brunner

Marc Brunner war im März 2020 an Covid-19 erkrankt und leidet an Post-Covid, den Spätfolgen einer Corona-Infektion.

"Ich merke es bei Kleinigkeiten wie beim Treppensteigen in den zweiten Stock. Das war früher gar kein Problem - ich bin eigentlich Kletterer und passionierter Radfahrer. Aber jetzt schaffe ich das nicht mehr so leicht. Ich werde sofort kurzatmig und spüre ein Beklemmungsgefühl auf der Brust. Es kribbelt auch in den Gliedmaßen, so als würde man eine längere Strecke ohne Sauerstoffmaske tauchen. Bei kleinen Anstrengungen brauche ich lange, um mich wieder zu erholen."

Marc Brunner, ehemaliger Covid-19-Patient

Coronaviren können sämtliche Körperzellen angreifen

Die Kurzatmigkeit nach einer Corona-Infektion kann auch daher kommen, dass das Virus auch noch andere Zellen befallen hat. Coronaviren können Entzündungen im ganzen Körper, in jeder einzelnen Zelle, verursachen. Denn sie greifen die Zellwände in den Blutgefäßen an, so eine internationale Studie vom 1. August 2020, die im Fachblatt "The Lancet" veröffentlicht wurde.

Post-Covid: Das Virus kann sämtliche Organe schädigen

Kurzatmigkeit kann nicht nur durch eine Lungenschädigung entstehen. Coronaviren können auch eine Entzündung des Herzmuskels auslösen, was die Atmung ebenfalls beeinträchtigen kann. Noch ist das ganze Ausmaß möglicher Folgen nicht erforscht. Klar ist aber, dass Zellen im ganzen Körper infiziert sein können - also neben der Lunge, auch im Gehirn, im Darm, in der Niere und in allen wichtigen Gefäßen. Menschen, die auch Monate nach der akuten Erkrankung noch an den Folgen leiden, haben sich in Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen.


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