133

Wie Kinder trauern Der Schmerz kommt in Schüben

Kinder trauern anders als Erwachsene. Nach dem Tod eines geliebten Menschen fangen sie zwar schnell wieder an zu spielen, scheinen unbeschwert. Eltern sollten ihnen trotzdem viel Aufmehrksamkeit schenken und geduldig sein.

Stand: 08.07.2021 | Archiv

Illustration zum Thema "Wie Kinder trauern", ein Mädchen schreibt ihre Trauer in ein Tagebuch. | Bild: BR/ Angela Smets

Erst mit neun oder zehn Jahren können Kinder überhaupt realisieren, dass der Tod das unwiederbringliche Ende des Lebens bedeutet und auch das eigene Leben enden wird. Kleinere Kinder mögen eigene Vorstellungen vom Tod haben, doch die sehen anders aus, als die Auffassung eines Erwachsenen.

"Zwar begreifen die Kinder, dass ein Mensch weggegangen ist, aber ein fünf oder sechsjähriges Kind ist ganz häufig davon überzeugt, dass der Tote, der Verstorbene, auch zurückkommen könnte."

David Althaus, Psychotherapeut

Die Grenzen zwischen Spiel und Trauer sind fließend

Kinder sind enorm anpassungsfähig. Erlebt ein Kind einen schweren Verlust, beispielsweise wenn ein Geschwister stirbt oder ein Elternteil, dann wird es trotzdem auch ganz schnell wieder anfangen zu spielen, erklärt David Althaus. "Es wird auf der anderen Seite im Spiel diese Thematik auch aufgreifen", so der Therapeut. Im Spiel kann ein Kind Gefühle ausdrücken, für das es womöglich noch keine Worte hat.

Manche Erwachsene wundern sich, wenn ihr Kind zuerst scheinbar keine Reaktion zeigt auf eine Todesnachricht, dann aber unvermittelt heftig reagiert. Wenn Kinder trauern, tun sie es in plötzlich auftretenden Schüben:

"Bei Kindern und Jugendlichen verlaufen Trauerprozesse nicht so kontinuierlich wie bei Erwachsenen. Sie trauern gleichsam auf Raten. Ganz plötzlich bricht die Trauer aus ihnen heraus, wirft sie weinend zu Boden, und genauso plötzlich können sie wieder aufspringen und sich lachend entfernen. Dieses Verhalten schützt Kinder und Jugendliche vor Überbeanspruchung."

Gertrud Ennulat, Pädagogin und Autorin

Sollen Kinder mit zur Beerdigung gehen?

Ein tröstendes Abschiedsritual: Manche Familien bemalen den Sarg des Verstorbenen und schmücken ihn mit Blumen und Bändern.

Manche Eltern wollen ihren Kindern die Konfrontation mit dem Tod ganz ersparen und sie davor schützen. Sie nehmen ihre Kinder grundsätzlich nicht zu Beerdigungen mit. Doch das ist der falsche Ansatz. Man sollte zumindest älteren Kindern, also Kindern, die das Grundschulalter erreicht haben, nicht die Möglichkeit nehmen, sich von geliebten Menschen persönlich zu verabschieden. Trauerbegleiterin Chris Paul wie auch viele Pfarrer und Seelsorger befürworten es, Kinder und Jugendliche an Beerdigungen teilnehmen zu lassen. Vorher sollte man Kindern vorbereitend berichten, wie Trauerfeier und Beerdigung ablaufen, wer zur Beerdigung kommen wird und dass man danach meist noch in ein Gasthaus geht, um gemeinsam Kaffee zu trinken.

Paul meint, man könne Kinder am Sarg Abschied nehmen lassen oder Erinnerungsstücke in den Sarg legen lassen. Voraussetzung dafür: Das Kind entscheidet selbst zu jedem Zeitpunkt, was es tun und was es lassen möchte. "Es sollte nie gezwungen werden, an einem offenen Sarg Abschied zu nehmen", so Psychotherapeut David Althaus. Außerdem müssen Erwachsene das Kind intensiv begleiten.

Ein eigenes Abschiedsritual für kleinere Kinder

Langes Stillsitzen, schwer verständliche Reden bei Trauerfeiern stresst kleinere Kinder und damit auch die Eltern: Da sollten Eltern besser ein separates Abschiedsritual mit dem Kind feiern, zum Beispiel nach der eigentlichen Beerdigung. Mit einem selbst gemalten Bild oder einer Blume geht man mit dem Kind zum Grab und lässt es dort in Ruhe Abschied nehmen.

Antworten Sie ehrlich, wenn Kinder nach dem Tod fragen

Kinder wollen verstehen, was passiert ist und verlangen nach Erklärungen. Beantworten Sie kindliche Fragen der Kinder in einfacher Sprache, belastende Details können Sie weglassen. Lügen Sie aber auf keinen Fall.

Eltern sollten sich nicht von der eigenen Trauer distanzieren, sondern zeigen: Es ist in Ordnung Gefühle zu zeigen, traurig zu sein, zu weinen.

"Die Oma ist friedlich eingeschlafen." Wenn Ihr Kind noch kleiner ist, können Sie ihm mit einem solchen Satz große Angst einjagen - vor dem eigenen Einschlafen. Und außerdem ist dieser Satz schlicht gelogen: Oma ist nämlich nicht eingeschlafen, denn sie wacht nie wieder auf und sie kommt auch nicht wieder zurück. Auch folgende Formulierungen sollte man vermeiden, wenn man Kindern eine Todesnachricht überbringt: "... ist von uns gegangen", "...hat Gott zu sich geholt", "... ist heimgegangen".

Eltern sollten ihre Trauer nicht verstecken

Was Kinder vor allem brauchen, wenn sie das erste Mal mit dem Tod nahestehender Menschen konfrontiert werden, sind neben Aufrichtigkeit auch das Vorbild. Eltern und Großeltern sollten Kindern und Enkeln ohne schlechtes Gewissen zeigen, dass sie selbst traurig sind. Dass sie weinen müssen. Nur so erleben und lernen Kinder, dass es in Ordnung ist zu trauern, Gefühle zu zeigen und Tränen zu vergießen.

Eltern sollten ihre Trauer also nicht verstecken. Bei einem schweren Verlust, wie beispielsweise dem eines Partners oder eines Kindes, ist es jedoch enorm wichtig, dass die Erwachsenen nicht in der eigenen Trauer versinken, dass sie auch wieder zurückfinden in die Elternfunktion. Denn Kinder haben grundsätzlich das Bedürfnis nach starken, verlässlichen Eltern.

Auch Eltern können sich Hilfe holen

Erleben die Kinder ihre Eltern über einen längeren Zeitraum als hilflos und verzweifelt, besteht die Gefahr, dass sich die Rollen umkehren: Die Kinder fühlen sich für ihre Eltern verantwortlich und versuchen sie zu trösten. "Das ist in der Regel nicht gut, und wenn, darf es nur ganz kurz so sein", so David Althaus.

Wenn die Eltern also merken, dass sie aufgrund ihrer eigenen Trauer den Alltag nicht mehr bewältigen können, ist es ratsam sich Hilfe von außen in Form einer Selbsthilfegruppe oder einer Therapie zu suchen - einen geschützten Raum, in dem die Erwachsenen ihre Gefühle voll und ganz zeigen dürfen, ohne die Befürchtung, jemand anderes damit zu belasten.

Wann braucht mein Kind professionelle Hilfe beim Trauern?

Eltern sollten ihr Kind im Blick behalten: Wenn sich sein Verhalten deutlich verändert, sich das Kind total zurückzieht, sich oft aggressiv verhält oder den Spaß an den Hobbies oder dem Umgang mit Freunden ganz verliert, kann es sein, dass professionelle Hilfe durch einen Psychologen oder einen Trauerbegleiter nötig ist. Quelle: Kinder- und Jugendärzte im Netz

Auch Wut ist ganz normal

Manche Kinder ziehen sich zurück, andere dagegen leben ihre Gefühle wie Wut und Aggression kompromisslos aus. Das kann Erwachsene, die selbst trauern, sehr irritieren und für Probleme in der Familie sorgen.

"Das wütende Kind passt nicht in unser Bild vom trauernden Kind. Tränen und ein verweintes Gesicht, Stillsein und Zurückgezogenheit entsprechen viel eher unseren Erwartungen. Doch die Wut entsteht als Gegenkraft zu der Erfahrung der totalen Ohnmacht."

Gertrud Ennulat, Pädagogin und Autorin

Lassen Sie sich und Ihrem Kind in so einem Fall helfen - zum Beispiel von Psychologen oder einem geschulten Trauerbegleiter.

Kinder trauern lassen

Betreuung

Kinder reagieren oft nicht sofort oder nicht erkennbar auf einen Verlust oder eine traumatische Situation. Lassen Sie sie in der Trauerzeit nie alleine. Informieren Sie Lehrer und Erzieher über den Todesfall.

Spiel

Kleinere Kinder verarbeiten Erlebtes oft im Spiel und stellen Situationen nach. Das ist normal. Bieten Sie Ihrem Kind an, jederzeit über seine Gefühle zu sprechen. Auch Kinder brauchen Gespräche zur Verarbeitung ihrer Trauer.

Rückfall

Betroffene jeden Alters fallen bei massiven Ereignissen manchmal einen Schritt in der persönlichen Entwicklung zurück: Sie können zeitweise Fähigkeiten verlieren, die sie schon erworben hatten (Beispiel: Einnässen). Auch ein Überspringen von Entwicklungsschritten ist möglich. Kinder brauchen dann besonders viel Zuwendung.

Aggression

Kinder können nach dem Tod eines geliebten Menschen nicht nur Traurigkeit, sondern auch Hoffnungslosigkeit, Ängste oder Aggressionen entwickeln. Vielleicht braucht ihr Kind auch professionelle Hilfe bei der Trauerarbeit - durch einen Psychologen zum Beispiel.

Mord

Stirbt ein Elternteil einen gewaltsamen Tod, sollte das Kind immer psychologisch betreut werden. Das gilt besonders, wenn es Zeuge der Tat wurde.

Selbstmord

Ist ein Familienmitglied durch Selbstmord gestorben, sollte man das dem Kind nicht verheimlichen. Die Gefahr, dass es diesen Umstand durch Dritte - aus den Medien oder auf dem Pausenhof - erfährt, ist hoch und die Verletzung des Kindes danach noch größer.

Schuld

Manchmal denken Kinder, sie hätten den Tod des Geschwisterkindes oder des Elternteils mitverschuldet, weil es Böses gedacht hat oder böse war. Erklären Sie Ihrem Kind, dass es keine Schuld trägt.

Trennung

Manche Kinder zeigen auch Trennungsängste zum Beispiel in Kindergarten und Schule. Manche leiden unter Schlaf- und Essstörungen. Seien Sie geduldig, gehen Sie auf die Wünsche nach Nähe ein.
Quellen: Peter Zehentner, Krisen-Interventions-Team München, Brigitte Cizek/Christine Geserick, Österreichisches Institut für Familienforschung, Wien, Gertrud Ennulat

Musiktherapie für trauernde Kinder

Die LMU München bietet für Kinder und Jugendliche, die unter komplizierter Trauer leiden, eine Musiktherapie an: "Wenn Trauer nicht verklingen will..."

Chat und Forum für trauernde Kinder und Jugendliche

Die Nicolaidis-Stiftung hat für Kinder und Jugendliche eine eigene Website ins Leben gerufen. Dort finden sich der Kontakt zu verschiedenen Selbsthilfegruppen sowie ein Forum, Chats und die Möglichkeit, sich individuell beraten zu lassen.

Lacrima - Trauerbegleitung für Kinder und Jugendliche

Wie spricht man mit Kindern über den Tod? Die Initiative Lacrima begleitet Kinder und Jugendliche in ihrer Trauer.

Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister München e. V.

Der Verein "Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister München e. V." bietet Selbsthilfegruppen für junge Menschen ab 18 Jahren an und Kinderbetreuung für Eltern, die in der Selbsthilfegruppe sind:


133