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Antibiotika in Lebensmitteln Resistente Keime lauern nicht nur im Fleisch

735 Tonnen Antibiotika werden in der industriellen Tierhaltung in Deutschland jährlich verfüttert – auch das birgt Infektionsrisiken für den Menschen. Wieso Superkeime so zu uns gelangen können und wie Sie sich davor schützen.

Stand: 14.11.2018

Antibiotika und resistente Keime gehören fast schon untrennbar zusammen. zusammen. Deshalb sind auch die knapp 735 Tonnen Antibiotika, die jedes Jahr  in der industriellen Tierhaltung allein  in Deutschland verfüttert auch eine Gefahr für Mensch und Tier. Denn auch in Tieren entwickeln sich resistente Bakterien, die wir mit dem Fleisch mitessen. Im Bild: Käfige mit Hühnern in einer langen Reihe | Bild: picture-alliance/dpa

Die vielen Tonnen Antibiotika, die in der industriellen Massentierhaltung in Deutschland jährlich verfüttert werden, sind eine Gefahr für Mensch und Tier. Denn auch in Tieren entwickeln sich resistente Bakterien, die wir mit dem Fleisch mitessen. Ungeahnte Übertragungswege können sogar Veganer krank machen.

Vom Tier zum Mensch – Übertragung von Antibiotikaresistenzen

Beim Tier können krankmachende Bakterien, wie zum Beispiel Salmonellen, Antibiotika-Resistenzen entwickeln, die dann über die Nahrung auf den Menschen übertragen werden. Sie gefährden uns dann bei einer Antibiotika-Behandlung ganz unmittelbar.

Weniger offensichtlich ist das Risiko, wenn die Resistenzen bei den sogenannten kommensalen Keimen auftreten - bei bestimmten Keimen, die in der Darmflora fleischliefernder Tiere vorkommen. Diese Keime können beim Schlachtvorgang auf das Fleisch und so auf den Menschen übertragen werden. Sie machen uns nicht unmittelbar krank, können sich aber in unserer Darmflora ausbreiten und dort Antibiotikaresistenzen bilden. Auch dort sind sie erst einmal nicht gefährlich. Bei einer späteren Einnahme von Antibiotika können die multiresistenten Keime jedoch den Therapieerfolg gefährden, weil die Medikamente nicht mehr wirken.

Antibiotika in der Landwirtschaft

Ständig werden neue gesetzliche Regelungen erlassen, um den Antibiotikaverbrauch bei Nutztieren einzudämmen – bisher ohne durchschlagenden Erfolg.

Antibiotika bei Tieren: Kritik an den gesetzlichen Vorschriften

Ein Tier ein bisschen krank – Antibiotika für alle:

Zwar ist der Antibiotikaeinsatz als Wachstumsbeschleuniger in Deutschland seit 2006 verboten. Allerdings dürfen Antibiotika auch gesunden Tieren im Bestand verabreicht werden, wenn wenige Artgenossen Krankheitssymptome aufweisen. Das kann ähnlich wirken wie die verbotene prophylaktische Antibiotikagabe.

Antibiogramme zu Antibiotikaresistenzen vor jeder Antibiotikaanwendung:

Die Erstellung sogenannter Antibiogramme, also Analysen, ob bereits Antibiotikaresistenzen vorliegen, sollte vor jeder Antibiotikaanwendung verpflichtend vorgeschrieben werden. Seit 1.1.2018 ist sie immerhin in bestimmten Fällen Pflicht.

Klarheit bei Antibiotikaabgabe:

Tierärzte dürfen Arzneimittel direkt vom Hersteller beziehen und an den Halter weitergeben. Dadurch entsteht für sie eine zusätzliche Einnahmequelle. Unklar ist, wofür die Antibiotikamengen verwendet werden. Die Statistik dazu ist undurchsichtig. Damit Tierärzte wenig Anreiz haben, große Antibiotikamengen an Betriebe mit Nutztierhaltung zu verkaufen, sollte außerdem gesetzlich untersagt werden, dass Pharmakonzerne beim Verkauf von Medikamenten an Tierärzte Mengenrabatte erlassen dürfen.

Keine Reserveantibiotika in der Tierhaltung:

Reserveantibiotika, die eingesetzt werden, wenn normale Antibiotika nicht mehr wirken, sollten für Menschen reserviert sein. Alarmierend ist hier: Obwohl der Antibiotikaverbrauch in der Tierhaltung insgesamt zurückgeht, werden immer mehr Reserveantibiotika an Tiermediziner abgegeben. Seit 1.3.2018 gelten für den Einsatz von Reserveantibiotika allerdings strengere Regeln, die diese Entwicklung unterbinden sollen.

Mehrheit für Verbot von Reserveantibiotika bei Nutztieren

73 Prozent der Bundesbürger sind der Meinung, dass es strengere gesetzliche Vorschriften dazu geben sollte, wie Nutztiere artgerecht gehalten werden müssen, während 23 Prozent der Ansicht sind, dass die gegenwärtige Gesetzgebung ausreicht. 85 Prozent der Befragten sind für ein Verbot von Reserveantibiotika in der Nutztierhaltung. (Forsa-Umfrage im Auftrag des BUND, September 2017)

Neue EU-Verordnung Ende Oktober 2018 verabschiedet

Das EU-Parlament hat Ende Oktober 2018 eine neue Verordnung verabschiedet, die den Einsatz von Antibiotika bei Nutztieren einschränkt. Darin ist unter anderem ein Verbot von Reserveantibiotika in der Tierhaltung geregelt. Auch dürfen nach der neuen Regelung Antibiotika nur noch in vom Tierarzt begründeten Fällen verabreicht werden. Ein mit Antibiotika angereichertes Futtermittel ist dann - auch bei importierter Ware - europaweit nicht mehr zulässig. Sobald der EU-Rat der Verordnung zustimmt, haben die EU-Mitgliedsstaaten noch drei Jahre Zeit, den Maßnahmenkatalog umzusetzen.

Antibiotika in der Tierhaltung – auch Veganer sind gefährdet

Auch auf Sprossen, Salat, Tomaten, Gurken und Kartoffeln konnten multiresistente Keime nachgewiesen werden. Die Bakterien gelangen über die Abluft der Ställe oder die Gülle in die Umwelt und kontaminieren so selbst Gemüsefelder.

Sieben Regeln, wie Sie sich in der Küche vor multiresistenten Keimen schützen

Regel 1: Reinigen

Zwischen den Arbeitsschritten gründliches Reinigen der Arbeitsflächen und Hände – mit Seife, auch zwischen den Fingern und unter den Fingernägeln. Desinfektionsmittel ist nur auf Anraten eines Arztes oder des Gesundheitsamts sinnvoll.

Regel 2: Erhitzen

Das Innere des Fleischs sollte für zwei Minuten bei 70 °C durchgegart werden. Hilfreich kann ein Fleischthermometer sein.

Regel 3: Kühlkette einhalten

Lebensmittel im Kühlschrank bei 3 bis 5 °C aufbewahren. Fleisch und Fisch im kältesten Fach lagern, meistens ist dies das Fach oberhalb des Gemüsefachs. Verderbliche Speisen ebenfalls kühl aufbewahren.

Regel 4: Rohe tierische Lebensmittel nicht für jeden

Kleine Kinder, Schwangere und Menschen mit geschwächtem Immunsystem sollten rohe vom Tier stammende Lebensmittel wie Hackfleisch, Rohmilchkäse, rohes Ei, Räucherlachs sowie rohe Sprossen und aufgetaute tiefgekühlte Beeren meiden, es sei denn, die Produkte wurden vor dem Verzehr vollständig durchgegart.

Regel 5: Lebensmittel abwaschen

Salate, Kräuter, Gemüse und Obst für Rohkost gründlich waschen, um Keime zu entfernen.

Regel 6: Richtig aufbewahren

Speisen entweder bei über 65 °C heiß halten oder innerhalb weniger Stunden auf unter 7 °C abkühlen - so können sich überlebende Keime nicht vermehren.

Regel 7: Hygiene bei den Küchentextilien beachten

Küchenhandtücher, -lappen und -schwämme alle paar Tage in die Wäsche geben beziehungsweise wechseln.

  • Antibiotika in der Tierhaltung - ein Blick auf die Praxis: am 28. Februar 2019 um 10.05 Uhr in "Notizbuch", Bayern 2
  • Antibiotika in der Tiermast - Gefahr für die Menschen?: am 25. April 2017 um 19 Uhr in "Gesundheit!", BR Fernsehen
  • Keime aus dem Tierstall - Wie gefährlich sind sie wirklich?: am 23. November 2016 um 22.45 Uhr in "DokThema", BR Fernsehen
  • Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt "Viel zu viele antibiotikaresistente Keime in Fleischproben": am 13. September 2017 um 6.50 Uhr, B5 aktuell

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