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Robert Schumann Musikalischer Träumer und Tastenfantast

Hätte Robert Schumann seine Finger nicht durch einen Übeapparat ruiniert, wäre er vielleicht Pianist geworden - nicht Komponist. Verheiratet war er mit einer Starpianistin seiner Zeit: Clara Wieck reiste schon mit neun Jahren als musikalisches Wunderkind durchs Land. Kein Wunder, dass die berühmtesten Werke von Robert Schumann Klavierstücke und Lieder mit Klavierbegleitung sind.

Von: Cornelia Ferstl und Veronika Baum

Stand: 02.12.2018 | Archiv

Wenn du heute Robert Schumann treffen könntest, würdest du ihm vielleicht in seinem Lieblingswirtshaus "Zum Kaffeebaum" in Leipzig begegnen. Er würde sehr wortkarg am Tisch über einem Schachspiel sitzen, einen Schluck Bier nehmen und ab und zu an einer dicken Zigarre ziehen. Robert Schumann war zum einen ein sehr in sich zurückgezogener Mensch, zum anderen sehr aufbrausend. Sein Leben hatte stets zwei Seiten. Er konnte verträumt sein, aber auch leidenschaftlich. Besonders wenn es um Musik ging. Das hat er damals schon bewiesen, als er mit 20 Jahren seine Mutter davon überzeugte, kein Jurist, sondern Komponist zu werden. Diese trockene Lernerei war gar nichts für ihn. Er wollte unbedingt Klavier spielen und richtig komponieren können und dafür ging er zu einem der besten Lehrer: Friedrich Wieck.

Zu Besuch bei Vater und Tochter Wieck

Ein Porträt der 17-jährigen Clara Wieck. Mit elf Jahren begegnete sie Robert Schumann zum ersten Mal, mit 21 Jahren heirateten sie.

Der Musikpädagoge Wieck war sehr berühmt. Seine Tochter Clara war bereits mit elf Jahren eine gefragte Pianistin und machte mit ihrem Vater viele Konzertreisen. Auch vor dem alten Meister Johann Wolfgang von Goethe spielte sie. Er sagte über sie: "Das Mädchen hat mehr Kraft als sechs Knaben zusammen". Alle waren begeistert von Clara und einer besonders: Robert Schumann. Er wohnte nun bei den Wiecks im Haus und sah somit Clara fast jeden Tag. Und dann passierte es ... Robert war 25 und Clara 16 Jahre alt: Sie küssten sich ganz kurz, ganz heimlich im Treppenhaus bei Kerzenschein. Da schlugen die Herzen höher! Doch als Vater Wieck von den Verliebten erfuhr, schickte er Clara in eine andere Stadt und verbot den beiden jeglichen Kontakt.

Heimliche Liebe

Anfangs konnten sich Clara Wieck und Robert Schumann nur heimlich treffen. Unter dem Titel "Frühlinssinfonie" wurde ihre Geschichte verfilmt.

Betrübt darüber schrieben sie sich sehnsuchtsvolle Briefe. Sie hatten auch ein geheimes Ritual: Jeden Morgen Punkt 11 Uhr saßen beide an ihrem Klavier und spielte das Adagio aus Chopins Variationen und dabei dachten sie so sehr aneinander, dass sie sich geistig sahen und trafen. So war das in der Romantik! Claras Vater war auch später gegen eine Heirat. Er wollte nicht, dass seine berühmte Tochter einen unbekannten Komponisten zum Mann bekam. Da brach ein großer Streit aus und es gab sogar einen Gerichtsprozess, aber das Liebespaar gewann und bekam 1840 die Heiratserlaubnis. In dieser Zeit fühlte sich Robert überglücklich und komponierte in nur einem Jahr über 130 Lieder, darunter auch den Zyklus "Dichterliebe op. 48". 

Sonnenseiten

Für ein Foto musste man damals noch sehr lange stillsitzen: Die Kinder (von links) Ludwig, Marie, Felix, Elise, Ferdinand und Eugenie Schumann.

Robert fühlte sich, als ob ihm "Flügel aus den Schultern rollen würden". Er war nun in einem Schaffensrausch und so entstand seine 1. Sinfonie, die "Frühlingssinfonie". Endlich ein Werk, das den Kritikern gefiel! Und so wurde der Komponist Schumann immer bekannter. Seine Frau Clara litt oft darunter, nicht mehr so viel üben und komponieren zu können, weil Robert fast die ganze Zeit am Flügel saß und arbeitete. Aber sie freute sich zugleich über seinen Erfolg und seine fantasievollen Werke. Und bald gab es noch mehr Anlass zur Freude: Viele, viele Schumännchen (so nannten sie ihre Kinder) kamen bis 1854 zur Welt. Robert Schumann war stolzer Vater von acht Kindern. Für seine erste Tochter Marie komponierte er zum achten Geburtstag das "Album für die Jugend op. 68". Die beiden letzten Kinder Eugenie und Felix wurden in Düsseldorf geboren. Dort hatte Robert Schumann eine neue Stelle als städtischer Musikdirektor angenommen. Leider war er dort aber bald alles andere als glücklich. 

Schattenseiten

Als Dirigent hatte Robert Schumann keinen guten Ruf. Er hatte eine leise Stimme, war kurzsichtig und blickte oft nur abwesend in die Partitur, während er undeutliche Bewegungen zur Musik machte. Und schon bald wurde ihm als Musikdirektor wieder gekündigt. Aber das war nicht der einzige Schicksalsschlag: Seine Krankheit brach immer mehr aus. Robert Schumann litt zunehmend an Angstzuständen, Depressionen, Halluzinationen und Gehörtäuschungen. Er nahm Bäder im Rhein, bekam Aderlässe und hatte mehrere Ärzte, aber nichts von allem half. Die Schmerzen und die vielen schlaflosen Nächte trieben ihn in sein persönliches Unglück: Er sprang in der Nacht am Rosenmontag 1854 im Nachthemd in den Rhein – vermutlich um zu ertrinken. Aber er wurde gerettet und alle glaubten nun an eine Geisteskrankheit.

Im Grab sind die Schumanns wiedervereint: Das Denkmal zeigt Clara, die zu Füßen von Robert sitzt ... Sie starb erst 40 Jahre nach ihrem Mann.

So wurde er am nächsten Morgen in eine Anstalt gebracht. Was aber damals niemand ahnen konnte: In jungen Jahren wurde einmal bei Robert Schumann eine Krankheit mit Arsenicum behandelt. Und das kann innerhalb von 20 Jahren dazu führen, dass der Körper, vor allem die Nerven und das Gehirn, vergiftet werden. Früher wusste keiner, was Arsenicum bewirken kann. Heute vermutet man, dass Schumann wegen dieser falschen Behandlung einen langen Leidensweg hatte und aus diesem Grund nach zwei Jahren Aufenthalt in der Nervenheilanstalt Endenich bei Bonn mit nur 46 Jahren starb. Seinen Sohn Felix hat er nicht mehr kennengelernt, er wollte ihn jedoch so nennen wie seinen besten Freund und Mentor Felix Mendelssohn-Bartholdy. Clara hat Robert in den beiden Jahren in der Anstalt nie besucht, erst als er im Sterben lag, und niemand weiß bis heute genau warum. 

Ein Genie mit grenzenloser Fantasie

"Folge ich meinem Genius, so weist er mich zur Kunst", das sagte der junge Robert, als er noch nicht genau wusste, was er werden würde, ob Dichter oder Musiker oder sogar Virtuose. Dass er kein Konzertpianist geworden ist, sondern Komponist, das haben wir ihm und einem kleinen Übel zu verdanken: Als Robert Schumann einmal den Teufelsgeiger Niccolo Paganini erlebte, beschloss er, ein Teufelspianist zu werden. Nur übte er dann leider so besessen Klavier und dachte sich immer neue teuflische Folterapparate aus, die seine Finger beweglicher machen sollten. Das hatte zur Folge, dass sein rechter Mittelfinger für immer versteifte. So verlagerte er sein Genie auf das Schreiben von Musik. Zum Beispiel ist Schumann bekannt für das Komponieren nach Buchstaben: In seinen "Sechs Fugen über den Namen Bach op. 60" spielen die Töne b-a-c-h die Hauptrolle. 

Ein Romantiker der ersten Stunde

Robert Schumann war der erste Komponist, der bei den Anweisungen zum Spielen der Stücke auf die italienische Sprache verzichtete. Also kein "allegro", kein "adagio", sondern lieber Bezeichnungen wie "rasch" oder "durchaus phantastisch und leidenschaftlich vorzutragen". Obwohl er zahlreiche Lieder, Sinfonien, Chor- und Kammermusik schrieb, sind vor allem die Klavierwerke berühmt geworden. Die "Kinderszenen op. 15" waren schon zu seiner Zeit in den Notengeschäften ein Kassenschlager. Und Konzerte mit Clara Schumann am Flügel fanden stürmischen Andrang. Auf dem Programm standen dann: "Klavierquintett Es-Dur op. 44" oder das "Konzert für Klavier und Orchester a-Moll op. 54". Alles Werke, die Robert Schumann bis heute zu einem der wichtigsten Komponisten der Romantik machen!


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