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Interview // Bloggerin Nadin Brendel "Lifestyle? Nein, ich geh' auf den Berg, weil ich dort meine Freiheit spüre"

Unberührte Natur, einsame Berge und glasklare Seen – der Blog "Munich and The Mountains" von Nadin Brendel ist ein Alpen-Tourismuskatalog für Hipster. Die Ex-Berlinerin hofft, dass der Hype die Berge nicht weiter kommerzialisiert.

Von: Philipp Jöster & Claudia Gerauer

Stand: 04.05.2016 | Archiv

Bad Gastein | Bild: Nadin Brendel / Munich and the Mountains

Munich and the Mountains – schaut aus wie die Mischung aus alpenländischen Tourismuskatalog und Berliner Szenezeitschrift. "Tägliche Inspiration für urbane und alpine Wanderlust" – verspricht der Blog auf der Startseite. Die Fotos von Alpenpanoramen, verschneiten Bergseen oder herrschaftlichen Berghotels sind fast schon unwirklich romantisch, beinahe zu perfekt. In den letzten zwei Jahren hat diese Bilderbuch-Idylle 33.500 Instagram Follower angesammelt und den Berg-Hype befeuert. Hinter "Munich and the Mountains" steckt die 35-jährige Berlinerin Nadin Brendel, die die Großstadt mittlerweile gegen Bad Gastein getauscht hat.

PULS Playground: Wie bist du auf die Idee zu deinem Blog gekommen?

Nadin Brendel: Ich bin mit meinem damaligen Freund fast jedes Wochenende in die Berge gefahren und habe das bei Instagram dokumentiert. Irgendwann haben dann die Freunde gefragt: "Hey, wie hieß diese Hütte, wie hieß dieser See wo ihr letztens gewesen seid?" Und dann war ich irgendwann zu faul und hatte auch keine Zeit mehr, das immer aufzuschreiben und habe mir gedacht, ich mach' jetzt diesen Blog und dann können sie dort alles nachlesen. Das war zwei, drei Jahre vor diesem ganzen Mountainhype, bevor alle plötzlich in die Berge gehen wollten und bei Instagram ihre Fotos gepostet haben. Für mich war das immer schon von Anfang an eine ganz tiefe Sehnsucht.

Bloggerin Nadin Brendel von Munich and the Mountains | Bild: Nadin Brendel/Munich and the Mountains

Bloggerin Nadin Brendel

Wie bist du in den Bergen gelandet?

Ich habe über zehn Jahre in Berlin gelebt. Das war eine schöne aufregende Zeit: Ich hatte ein wahnsinnig großes Netzwerk, viele nette Leute, Tag und Nacht war was los.  Aber irgendwann war das einfach zu viel. Ich war komplett überdreht und konnte nicht mehr abschalten. Ich wollte weg und auftanken, dann bin ich nach einer Station in München vor eineinhalb Jahren hier in Bad Gastein gelandet und war sofort geflashed. Für mich und viele andere Städter, die nach und nach hierherziehen der perfekte Mix aus Stadt und Natur. 

Auf den Bildern in deinem Blog hat die Natur einen besonders ästhetischen Anstrich, was bedeuten die Berge für dich?

Ich glaube, die Berge bedeuten für mich Kraft, Geschichte, die Wahrheit, das Reine, das – hier zumindest in weiten Teilen – Unberührte, das Authentische. Es ist einfach ein Traum, du guckst aus dem Fenster und schaust auf zig Gipfel. Allein jetzt schauen wir auf ganz viele Berge, ein ganzes Panorama haben wir hier grad. Das ist wunderschön, die Berge sind einfach eine Schönheit.

In einem Interview hast du mal gesagt, bei "Munich and The Mountains" gibt es nur das Authentische und Sehenswerte. Aber sind einige Fotos nicht sehr inszeniert, als perfekte retroromantische Bergerlebnisse – ohne Leute – und eben nicht wirklich authentisch?

Ja, die Bilder sind natürlich von Profifotografen gemacht, die da wahrscheinlich teilweise stundenlang sitzen und warten, dass niemand durchs Bild läuft, damit sie einen Shot bekommen. Das ist natürlich überhaupt nicht real, sieht nur wunderschön aus, aber ist nicht unbedingt authentisch, weil letzten Endes zum Beispiel am Königssee oder auch am Tegernsee natürlich wahnsinnig viel los ist.

Dann entsprechen die Bilder eher einem Klischee, das Großstädter von der Natur haben. Was reizt dich an der Abgeschiedenheit besonders?

Foto von @ey.waa via @munichandthemountains

Das große Plus an Bad Gastein ist, dass Konsum hier noch keine so große Rolle spielt. Mit Konsum meine ich Shops von Marken wie Prada oder Chanel, die sich in so einem typischen Skiressort wie Kitzbühel aneinanderreihen. Da geht es nur ums Geld. Die Leute sollen kommen, ihre tausende Euro ausgeben für irgendeinen Kram, den sie eigentlich gar nicht brauchen. Hier in Bad Gastein gibt es noch Geschäftsleute, die sich Gedanken machen, was sie in ihren Läden präsentieren wollen und Dinge anbieten, die den Leuten wirklich gut tun – zum Beispiel lokale und regionale Produkte.

Sind die Berge zum Lifestyle-Objekt geworden?

Es gibt dieses Prinzip: Qualität setzt sich durch. Wenn es einen Ort oder irgendeine Art von Erfahrung gibt, die schön ist, dann wird das nicht nur bei einer Person bleiben, die das bemerkt. Sondern es wird Kreise ziehen, die Leute werden bemerken, dass es unfassbar schön ist in der Natur und in den Bergen. Durch die Instagram-Community wächst das Ganze, weil ganz viele Fotos geteilt werden. Ich freue mich grundsätzlich, wenn die Leute in die Berge gehen, in die Natur gehen und respektvoll damit umgehen. Aber: Lifestyle? Keine Ahnung, mir ist das egal. Ich geh' auf den Berg, weil ich da oben meine Freiheit spüre.

Wem gehören eigentlich die Berge?

Die Berge gehören den Bergen. Ich würde mir wünschen, dass es nicht noch weiter kommerzialisiert wird.

Ist das hier für dich der perfekte Ort zum Leben?

Ja, ich glaube schon. Am Anfang dachte ich, dass ich hier für zwei bis drei Monate bleibe. Erstmal schauen, wie die Leute hier so ticken. Ich habe mich gefragt, ob ich überhaupt mit dem Spirit in den Bergen klarkomme. Nach einiger Zeit habe ich immer mehr Leute kennengelernt und gemerkt, die sind hier echt extrem mutig, inspiriert, in diesem Ort besonders. Ich bin jetzt hier und habe Bock noch mehr zu machen für den Ort. Ich habe das Gefühl, ich habe eine Mission, dass ich noch ein paar mehr Leute aus der Stadt herhole um sich hier, mit dieser Lebensqualität zu finden.

Wie die Berge hip wurden und welche Probleme das mit sich bringt , könnt ihr euch in unserem PULS Spezial anhören.

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