Der Fall Aziz Ansari Überredet oder bedrängt? Ein Zwiegespräch

"Master of None"-Schauspieler Aziz Ansari wurde von seinem Date beschuldigt, übergriffig gewesen zu sein. Eine alltägliche Situation, finden PULS Autoren Linda Becker und Ben Kanthak. Beide haben schon zu Sex überredet und sich überreden lassen.

Von: Linda Becker und Ben Kanthak

Stand: 16.01.2018 | Archiv

Aziz Ansari | Bild: BR

Aziz Ansari ist Schauspieler und Hauptfigur in der Netflix-Serie "Master of None". Am Sonntag hat das feministische amerikanische Online-Magazin Babe eine Geschichte mit dem Titel "I went on a date with Aziz Ansari. It turned into the worst night of my life" veröffentlicht, die belegen soll: Auch Aziz Ansari hat eine Frau bei einem Date bedrängt.

Kennengelernt haben sich Ansari und Grace, so nennt sich die Frau im Artikel, auf einer Emmy-Aftershow-Party. Sie haben Nummern ausgetauscht und sich dann einige Tage später für ein Date getroffen. Im Laufe des Abends sind sie bei ihm gelandet, er hat sie geküsst und ausgezogen. Sie hat zwischendurch darum gebeten, es langsam angehen zu lassen. Er hat zugestimmt, sie haben sich wieder angezogen und aufs Sofa gesetzt. Kurze Zeit später nimmt er ihre Hand, legt sie auf seinen Penis. Sie sagt, sie wolle sich nicht gedrängt fühlen. Er gräbt noch ein bisschen, später haben sie – wie Grace bestätigt – im grundlegenden Sinn des Wortes "einvernehmlichen Oralsex".

Ansari meldet sich wieder bei Grace und bedankt sich für den schönen Abend. Sie antwortet, dass sie den Abend gar nicht so schön fand, zu überrumpelt gewesen sei und er sie zu lange bedrängt habe. Dafür entschuldigt sich Ansari in der nächsten Nachricht und versichert, er sei sich nicht darüber bewusst gewesen, sie gedrängt zu haben.

War das jetzt bedrängen oder nur dranbleiben? Hätte sie deutlicher reagieren sollen? Hätte er es einfach gut sein lassen wollen? Die Grenze zwischen bedrängen und dranbleiben ist schmal, finden unsere Autoren Ben Kanthak und Linda Becker.

Linda:

"Mein Kollege Ben und ich finden: Sexuelle Übergriffigkeit geht gar nicht! Dennoch haben wir eine etwas andere Sicht auf die Dinge. Und das ist gut so, denn die Story um Aziz Ansari und Grace zeigt eine ganz alltägliche Situation. Und sie wirft die Frage auf, wie wir bei Dates mit solchen Situationen umgehen können. Eigentlich hilft nur eins: Reden, bis es einem aus den Ohren rauskommt.

Zunächst mal: Grace ist kein Kind. Sie muss nicht nur sagen, wenn ihr etwas zu viel wird. Sie muss gehen, sie muss richtig auf die Kacke hauen und die Eier haben, sauer zu werden.

Zweitens: Es gibt einen feinen Unterschied zwischen überreden und dranbleiben. Und das ist ein echtes Problem, ein sehr alltägliches Problem. Viele werden das kennen: Das Gegenüber hat nur so mittel Bock auf Sex, man selbst hat aber total Bock auf Sex. Also versucht man, die andere Person davon zu überzeugen, dass Sex jetzt echt geil wäre. Man gräbt und gräbt und am Ende hat man Sex. Been there, done that! Das heißt, ich habe mich schon überreden lassen und ich habe auch schon Leute überredet. Das ist natürlich scheiße – weil erstens will ich natürlich mit niemandem Sex haben, den ich überreden musste und zweitens haben andere Menschen Grenzen, die ich nicht verstehen aber akzeptieren muss. Punkt. Angraben ist also vollkommen ok. Überreden ist nicht ok.

Nur wo zur Hölle verläuft die Grenze zwischen angraben und überreden? Allgemeingültige Regeln kann man da nicht aufstellen. Die einzige Lösung für mich ist: Offen sprechen. Jeder muss lernen, auch unangenehme Dinge anzusprechen, sie auszufighten, auch wenn es dann anstrengend wird. Und jeder muss auch mit Niederlagen umgehen können. Wenn es keinen Sex gibt, dann gibt's halt keinen. Whatever. Ist dann halt so. Ich will nicht die unsympathische Type sein, die so lange gräbt, bis ich jemanden belästige. 

Die Reaktion von Aziz Ansari finde ich gut. Nur durch ehrliche Auseinandersetzung mit solchen Fehltritten kann sich eine Sex- und Datingkultur etablieren, die Spaß macht." 

Ben:

"Ich finde der Fall zeigt sehr gut, dass wir aufpassen müssen, dass die wichtige Debatte um sexuelle Übergriffigkeit nicht verwässert und trivialisiert wird. Natürlich ist es beschissen, wenn man ein Date hat, am Ende in der Kiste landet und sich einer von beiden am nächsten Tag unwohl damit fühlt. Den "Walk of Shame" musste ich schon ebenso durchmachen wie viele andere, ob Mann oder Frau. Fühlt sich ätzend an und am Ende lernt man hoffentlich daraus. Mir wurden auch schon mal ungefragt Finger in Körperöffnungen geschoben und nach einem extremen "akward moment" hat man die Sache entweder kurz geklärt und abgehakt oder man zieht sich an, geigt der Lady die Meinung und geht.

Sex ist auf ganz vielen Ebenen nonverbale Kommunikation und genau das macht es ja auch so aufregend. Da kann es schon mal zu Missverständnissen kommen und wenn man es nicht mit einem kompletten Arschloch zu tun hat, dann reicht auch ein kurzes "Nein" und die Grenzen sind klar. Nur wenn es dieses klare "Nein" nicht gibt, dann kann es passieren, dass das Gegenüber die Hinweise nicht versteht. Hinzu kommt, dass wir Situationen unterschiedlich bewerten. Eine Studie der britischen Wochenzeitung The Economist hat beispielsweise gezeigt, dass ein Viertel aller amerikanischen Millennial-Frauen bereits das Fragen nach einem Date auf einen Drink als Belästigung empfinden.

Wenn ich brutal ehrlich zu mir bin, dann gab es bestimmt schon Situationen, in denen ich die Grenze zwischen Dranbleiben und Aufdringlichkeit überschritten habe, ohne es zu merken - weil ich versucht habe, den anderen in Stimmung zu bringen und die Gesamtsituation auch in keinster Weise etwas anderes vermuten lassen hat.

Und auch in meiner Beziehung kommt es vor, dass einer den anderen offensiver dazu motiviert, nach einer längeren Durststrecke Sex zu haben und innerhalb von fünf Minuten wird dann aus "Kein Bock" ein "Voll Bock". Ich bin Feminist und dementsprechend finde ich es richtig, dass Männer sensibilisiert werden. Aber genauso müssen Frauen motiviert werden lauter, stärker und deutlicher zu sagen, was sie wollen und was nicht.

Sendung: Filter vom 16. Januar 2018 ab 15 Uhr