"Vergewaltigt oder nicht?" Eine neue Serie zeigt, wo Grenzen verschwimmen

Man sieht nachgestellte Szenen aus echten Fällen und dann wird diskutiert: War das eine Vergewaltigung oder nicht? Der erste Gedanke: What the f***? Dabei braucht es genau jetzt so ein Format!

Von: Linda Becker

Stand: 07.11.2017 | Archiv

Reality Serie | Bild: NPO3

"Verkracht of niet?" (auf Deutsch: "Vergewaltigt oder nicht?") heißt die Serie, die gerade im niederländischen Fernsehen angelaufen ist. Darin bewertet eine Gruppe von 14 jungen Menschen nachgestellte Sex-Szenen. "Vergewaltigt oder nicht?" zeigt Fälle, die genauso stattgefunden haben. Die Serie zeigt Situationen, in denen Frauen, aber auch Männer bedrängt werden und bei denen die Justiz kein eindeutiges Urteil fällen konnte. Macher Bernard van den Bosch sagt: "Die eine Seite fühlt sich vergewaltigt, die andere Seite sieht sich als absolut unschuldig – darum geht es."

Im Trailer steht: "Seks. Waar ligt de grens? En wanneer ga je te ver?“ - Sex. Wo ist die Grenze? Und wann geht man zu weit? - Ja, wann geht man zu weit? Ist das eigentlich immer so klar? Können zwei Menschen dieselbe Situation völlig unterschiedlich wahrnehmen? Wissen Täter immer, dass sie Täter sind? Und können Opfer immer sicher sagen: "Ja, ich wurde gerade vergewaltigt"? Oder sind sie sich selbst manchmal nicht sicher?

Vergewaltigungen können sehr subtil sein

Vergewaltigungen sind nicht immer laut. Es gibt Vergewaltigungen, da schreit niemand, da wehrt sich niemand und vielleicht hat nicht mal jemand laut "Nein!" gesagt. Vergewaltigungen können sehr subtil sein und sehr leise. Hatte man gerade "einfach nur" Sex, den man nicht wollte? War es überhaupt so wild? Hat man ein bisschen gedrängelt, ein bisschen überredet oder der anderen Person, vielleicht sogar unabsichtlich, Angst gemacht?

Wann ist eine Vergewaltigung eine Vergewaltigung? Es gibt sehr klare Fälle, aber es gibt auch Fälle, die nicht so klar sind – und die sowohl Opfer, als auch Täter verunsichern.

Seit der Reform des Sexualstrafrechts – bekannt als "Nein heißt Nein!" – macht sich in Deutschland jeder strafbar, der einer Person gegen ihren "erkennbaren Willen" sexuelle Handlungen aufzwingt. Vor dem Beschluss im Juli 2016 musste sich das Opfer noch massiv wehren oder in einer lebensbedrohlichen Situation sein.

"Vergewaltigt oder nicht?" schafft die nötige Auseinandersetzung

Auch in den Niederlanden gibt es im Sexualstrafrecht solche Regelungen - und die würden doch ausreichen, schreibt ein User unter den Trailer von "Verkracht of niet?". Doch zu oft herrscht offensichtlich immer noch Unsicherheit darüber, was sexuell übergriffig ist und was nicht. Obwohl "Nein heißt Nein" eine sehr präzise Aussage ist, scheint sie immer noch Spielraum zu lassen. Das zeigt die #metoo-Debatte sehr deutlich.

Der Titel der Serie "Vergewaltigt oder nicht?" mag unsensibel daherkommen. Für Opfer sexueller Gewalt ist dieses Format sicherlich sehr schmerzhaft: eine Triggerwarnung wäre wichtig. Gleichzeitig beschreibt der Titel auch auf eine sehr eindeutige Weise das Problem. Denn die Grenzen sexueller Übergriffe werden sehr unterschiedlich ausgelegt. Es ist sinnvoll zu zeigen, wie unterschiedlich die Bewertung sexueller Handlungen ist.

Ab sofort kann eine große Öffentlichkeit die Fälle sehen und diskutieren: Vergewaltigung oder nicht? Und das ist gut so, denn nur die Diskussion schafft Bewusstsein - ein Bewusstsein, das bei uns noch fehlt.

Sendung: Filter, 8. November 2017 - ab 15 Uhr.

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