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Glücksforschung Was uns wirklich glücklich macht

Wenn es einen Weltglückstag, einen Glücksatlas, Glücksschulungen und eine Glücksministerin gibt, dann ist es Zeit, sich über das Glück Gedanken zu machen - gerade in Zeiten von Corona. Was macht eigentlich glücklich?

Stand: 19.03.2021

Junge Frau springt glücklich auf einer Wiese in die Luft | Bild: colourbox.com

Was ist Glück? Wann fühlt man es und wie? Kann man dem Glücksgefühl, gerade in dieser zermürbenden Corona-Zeit, auf die Sprünge helfen? Wir haben Infos und Tipps zum Glücklichsein gesammelt.

Was ist Glück?

Der Duden definiert Glück als eine "angenehme und freudige Gemütsverfassung, in der man sich befindet, wenn man in den Besitz oder Genuss von etwas kommt, was man sich gewünscht hat". Es sei ein "Zustand der inneren Befriedigung und Hochstimmung". Glücksforscher sprechen von einem subjektiven Wohlbefinden, das für jeden etwas anderes bedeuten kann. Für Psychologen ist es gekennzeichnet vom häufigen Auftreten positiver Gefühle und seltenem Auftreten negativer Emotionen. Sie warnen im Zusammenhang mit Glück aber auch vor einer "toxischen Positivität": Gefühle wie Trauer oder berechtigte Unzufriedenheit dürften auch nicht einfach übertüncht werden. Für die selbsternannte Glücksministerin Gina Schöler ist der Schlüssel zum Glück, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, es aktiv zu gestalten und das Beste aus allen Situationen zu machen.

"Glück bedeutet nicht, dass alles Friede-Freude-Eierkuchen ist."

Gina Schöler, selbsternannte Glücksministerin

Glück in Zeiten von Corona

Corona lässt Glückslevel sinken

Aufgrund der Corona-Pandemie befindet sich die Welt seit 2020 im Ausnahmezustand. Lockdowns und Verbote reihen sich aneinander, hinzu kommen Sorgen um die eigene Gesundheit, die Familie, die Ausbildung und den Arbeitsplatz. Der psychische Druck wächst, bei vielen liegen die Nerven blank. Die Corona-Abstandsregeln sorgen dafür, dass die meisten Menschen - vor allem Alleinlebende - weniger des Kuschelhormons Oxytocin produzieren. Wohl allen Menschen fehlt die Gemeinschaft. Das Glückslevel ist gesunken, bestätigt Hilke Brockmann, Soziologie-Professorin an der Jacobs University Bremen, und warnt: "Ein permanenter Angstzustand ist schädlich."

Fokus auf das Positive

Wichtig sei aus Sicht von Hilke Brockmann, sich jetzt auf Positives zu fokussieren. "Man kann sich daran hochziehen, dass das Impfen wirkt und sich sagen, dass im Sommer hoffentlich die Einschränkungen vorbei sind." Die Aussicht auf Erfolg erlaube es einem, produktiver mit der Zeit bis dahin umzugehen, davon ist sie überzeugt.

Corona gefährdet Glück nicht nachhaltig

Der Psychologe Tobias Rahm sieht das Glück der Menschen durch Corona nicht nachhaltig gefährdet. Die Krise könne sogar zu einem Glücksschub führen, da Menschen gezwungen seien, innezuhalten und neu zu entdecken, was sie glücklich macht, sagt der Glücksforscher vom Institut für Pädagogische Psychologie der Technischen Universität Braunschweig: "Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen gestärkt aus einer Krise hervorgehen, ist größer, als dass sie Ängste und Depressionen entwickeln."

An Corona-Herausforderungen wachsen

Glücksministerin Gina Schöler glaubt, dass viele Menschen an den Herausforderungen der Corona-Zeit sogar gewachsen sind: Sie hätten neue Wege gefunden, um mit ihren Liebsten in Kontakt zu bleiben, und Hobbys wiederentdeckt. "In diesem Sinne haben viele Menschen viel geschafft, obwohl vermeintlich Stillstand herrschte." Sie empfiehlt, gerade digitale Angebote zu nutzen, zum Beispiel für Video-Anrufe, Spieleabende oder Kochkurse. Auch für die Nachbarn einkaufen zu gehen oder ihnen ein Stück Kuchen vor die Tür zu stellen, könne glücklich machen. Und sie rät dazu, sich gerade jetzt die Zeit zu nehmen, um sich um sich selbst zu kümmern: ein Buch lesen, etwas Neues kochen, entspannt baden oder im Wald spazieren gehen.

"Die Pandemie zwingt uns dazu, genauer hinzusehen, den eigenen Zustand zu reflektieren und auch selbst kreativ und aktiv zu werden, um nicht den Kopf endgültig in den Sand zu stecken. Das ist ganz schön anstrengend, lohnt sich aber. Denn wenn wir in uns hineinhören und offen bleiben für die Menschen um uns herum und das Gute im alltäglichen Tun, können wir tatsächlich auch jetzt Glück empfinden."

Gina Schöler, selbsternannte Glücksministerin

Zu viel Glück ist auch nicht gesund

Am 20. März ist Weltglückstag!

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat den 20. März zum "Internationalen Tag des Glücks" erklärt. Er soll daran erinnern, dass zum Glück mehr gehört als Wirtschaftswachstum und Umsatz - nämlich Mitgefühl, Gemeinwohl und nachhaltige Entwicklung.

James Olds, Psychologe an der University of Michigan, hat Ende der 1950er-Jahre das Lustzentrum im Gehirn entdeckt. Bei Versuchen mit Laborratten war ihm aufgefallen, dass sie die elektrische Stimulation eines bestimmten Gehirnareals mochten. Als sie diese Region per Knopfdruck selbst stimulieren konnten, drückten sie den Knopf so lange, bis sie vor Durst, Hunger und Erschöpfung fast am Glücksrausch gestorben wären.

Von Glücksministern, Glücksstaaten und Glücksrezepten

Glücksministerin

Das "Ministerium für Glück und Wohlbefinden" ist 2012 als Kunstprojekt von Studenten an der Mannheimer Hochschule für Gestaltung gestartet. Die aktuelle, selbsternannte Glücksministerin ist die Kommunikationsdesignerin Gina Schöler. Sie ist keine Wissenschaftlerin, sondern versteht sich als Glücksbotschafterin.

Staatsglück

Das asiatische Königreich Bhutan im Himalaya hat in den 1970er-Jahren das Glück seiner Bevölkerung zum Staatsziel erklärt und besitzt tatsächlich ein echtes Glücksministerium. Das Glück der Bevölkerung ist in der Verfassung festgeschrieben und wird als Bruttonationalglück gemessen.

Glücksrecht

Das "Streben nach Glück" (pursuit of happiness) haben die Gründerväter der USA als eines der unveräußerlichen Rechte in die Unabhängigkeitserklärung mitaufgenommen.

Glücksatlas

Laut dem Weltglücksreport der Vereinten Nationen von 2021 sind die Menschen in Finnland am glücklichsten. Finnland wurde damit bereits zum vierten Mal in Folge zum glücklichsten Land der Welt gewählt. Dass es auch angesichts der Pandemie ganz oben in der Glücksliste steht, kommt für die Forscher nicht überraschend: Das gegenseitige Vertrauen, wie es beim Schutz von Leben und Existenzen während der Corona-Krise geholfen habe, sei bei den Finnen immer sehr hoch, erklärten sie.

Deutschland machte im Vergleich zum Vorjahr einen Sprung nach vorne: von Platz 17 auf 7! Nach den Finnen und vor uns kommen die Isländer, Dänen, Schweizer, Niederländer und Schweden. Komplettiert werden die Top 10 von Norwegen, Neuseeland und Österreich. Die unglücklichsten unter den für 2020 ausgewerteten 95 Ländern sind Simbabwe, Tansania und Jordanien.

Glücksrezept

"Hygge" gilt oft als das Glücksrezept der Dänen, lässt sich jedoch nicht einfach ins Deutsche übersetzen. Es meint so viel wie Gemütlichkeit und Wärme, sich im positiven Sinne abzuschotten und die Welt draußen zu lassen.

Die Chemie des Glücks

Wenn etwas geschieht, das besser ist als erwartet, werden die Neuronen im Mittelhirn aktiv: Sie stoßen den Glücksstoff Dopamin aus und leiten ihn ins untere Vorderhirn sowie ins Frontalhirn weiter. Im Vorderhirn treibt das Dopamin die dortigen Neuronen dazu an, opiumähnliche Stoffe zu produzieren - die machen uns euphorisch. Im Frontalhirn führt das Dopamin dazu, dass unser Gehirn besser funktioniert und auch gleich zum Empfinden von Glück geschärft wird: Es steigert unsere Aufmerksamkeit, wir merken uns dieses glücklichmachende Ereignis. So lernen wir, was uns gut tut. Eigentlich ist das Glücksgefühl also nur ein Nebenprodukt unseres Lernvermögens. Das Glücksempfinden flaut auch wieder ab - mit einer Überdosis Euphorie würde uns das gleiche Schicksal wie den Ratten im Glück-per-Knopfdruck-Versuch ereilen.

"Unser Gehirn ist nicht dafür gebaut, dauernd glücklich zu sein, aber es ist süchtig danach, nach Glück zu streben."

Manfred Spitzer

Unseres Glückes Schmied

SLC6A4, das Glücks-Gen

Das Gen SLC6A4 leitet das Hormon Serotonin in die Zellen weiter. Das macht uns entspannt und gut gelaunt. Wer die Langform des Gens besitzt, bekommt mehr Serotonin ab - und sieht eher das Positive.

Internationalen Studien zufolge wird die Veranlagung zum Glücklichsein zu etwa 50 Prozent von unseren Genen bestimmt. Die Lebensumstände machen rund 10 Prozent aus. Die restlichen 40 Prozent haben wir selbst in der Hand. Was können wir also zu unserem eigenen Glück beitragen?

Was uns ganz allgemein glücklich macht

Die UNO hat Glücks-Grundbedingungen aufgestellt:

  • mindestens 2.500 Kalorien pro Tag
  • einen Wasserverbrauch von 100 Litern am Tag
  • mindestens sechs Quadratmeter Wohnraum
  • einen Platz zum Kochen
  • eine sechsjährige Schulbildung

Glücksforscher haben ganz bestimmte Faktoren erhoben, die uns glücklich machen:

  • eine stabile Beziehung - Heiraten bringe noch ein Quäntchen mehr Glück
  • Freundschaft
  • Geselligkeit
  • Gesundheit
  • einen den eigenen Fähigkeiten entsprechenden Beruf
  • Kinder
  • ausreichend Geld zur Erfüllung der Grundbedürfnisse

"Glück besteht aus einem hübschen Bankkonto, einer guten Köchin und einer tadellosen Verdauung."

Jean Jacques Rousseau

Dem Glück auf die Sprünge helfen

Die Botenstoffe, die die positiven Gefühle hervorrufen, werden auch bei einer Meditation oder beim Sport ausgeschüttet. Beim Meditieren geht der ganze Organismus in einen ausgeglicheneren Zustand über, den das Gehirn als angstfrei und entspannt deutet. Ähnlich ist es bei körperlicher Aktivität: Sie hebt die Laune, weil das Gehirn dann vermehrt Serotonin und Endorphin ausschüttet.

"Gott, was ist Glück? Eine Grießsuppe, eine Schlafstelle und keine körperlichen Schmerzen, das ist schon viel."

Theodor Fontane

Tipps zum Glücklichsein

  • sich fragen: Was tut mir gut? Was brauche ich zum eigenen Wohlbefinden?
  • das Glück auch in kleinen Momenten suchen: z.B. bei einer zweiminütigen Kaffeepause
  • Meditation & Achtsamkeitsübungen: z.B. Kleinigkeiten im Alltag ganz bewusst ausführen
  • Yoga, Bewegung & (Outdoor)Sport
  • Kochen & Essen
  • Lesen
  • Tagträumen
  • laut singen
  • jemanden anrufen oder jemandem schreiben
  • anderen etwas schenken
  • nach einem stressigen Tag Spazierengehen
  • beim Spazierengehen neue Wege einschlagen oder solche, die mit positiven Gefühlen besetzt sind
  • Sorgen nicht verleugnen und nicht anhäufen, sondern Stück für Stück angehen und sich evtl. auch Hilfe dafür holen

"Der Volksmund ist hier sehr weise: Teilen Sie Ihre Sorgen - denn geteiltes Leid ist halbes Leid. Und: Teilen Sie Glücksmomente, denn geteiltes Glück ist doppeltes Glück."

Thomas Bonath, Psychotherapeut

"Happy Food" - Lebensmittel, Glück zum Anbeißen

Es gibt tatsächlich "Happy Food", das glücklich machen kann: Lebensmittel, die Tryptophan enthalten, können die Serotoninbildung ankurbeln - wenn sie mit Kohlenhydraten kombiniert werden. Gut für die gute Laune sind zum Beispiel Käse, Eier, Fleisch, Hülsenfrüchte, Fisch, Nüsse und Getreide. Allerdings müssen wir sehr viel davon essen, um einen deutlich stimmungsaufhellenden Effekt zu verspüren. Dass Essen glücklich macht, kann auch daran liegen, dass es einfach gut schmeckt und sich im Mund gut anfühlt oder weil es uns an besondere Situationen erinnert und wir es zusammen mit lieben Menschen genießen.

Das Glück trainieren

Öfter mal was Neues: mehr Abwechslung, mehr Glück

Glücksbotenstoffe werden auch ausgeschüttet, wenn wir einen abwechslungsreichen, aufregenden Alltag haben. So schreibt Stefan Klein in seinem Buch "Die Glücksformel", dass man das Glück wie eine Fremdsprache lernen und trainieren kann: Freude, Lust, Aufmerksamkeit, Neugier und Lernen seien untrennbar miteinander verbunden. Deshalb sei es wichtig, sich um menschliche Beziehungen zu bemühen, Kontraste und Herausforderungen zu suchen und einen aktiven Alltag zu leben.

"Dein Glück hängt von den guten Gedanken ab, die du hast."

Marc Aurel

Die Jagd nach Glück macht unglücklich

Was jedoch sicher unglücklich macht, ist ein übereifriges Streben nach Glück. Zu diesem Schluss kommt eine Studie von der Rutgers University Newark und der University of Toronto vom März 2018. Die Wissenschaftler schreiben: "Auf der Jagd nach Glück scheint Zeit zu verschwinden, wenn Glück als Ziel betrachtet wird, das stetige Anstrengung erfordert. Die Ergebnisse untermauern die wachsende Zahl von Arbeiten, die nahelegen, dass die Suche nach Glück ironischerweise auf Kosten der Zufriedenheit geht." Anders gesagt: Man wird wohl nie ganz so glücklich, wie man es gerne wäre, arbeitet sich aber an dieser Sehnsucht auf. Die Wissenschaftler raten: "Erfolgreicher könnten Interventionen sein, die den Leuten einfach mehr Zeit verschaffen und damit, im Gegenzug, mehr Wohlbefinden." Man könnte sich also auch einfach mal als schon ziemlich glücklich betrachten und sich wieder etwas entspannen.

Praktische Übungen zum Glücklichsein

  • sich morgens im Bett fünf Dinge überlegen, für die man dankbar ist
  • sich abends bewusst machen, was man tagsüber gut gemacht hat
  • Positives aufschreiben und vielleicht sogar teilen - z.B. als Post-it an der Wand
  • jeden Tag eine Minute lächeln
  • jeden Tag jemandem ein Kompliment machen
  • jeden Tag Zeit im Freien verbringen

"Egal wie schwierig unsere Situation sein mag: Wir haben immer eine gewisse Entscheidungsfreiheit und die Möglichkeit, unser Glück selbst in die Hand zu nehmen. Allein diese Perspektive zu verinnerlichen und sich immer wieder daran zu erinnern, macht einen großen Unterschied."

Thomas Bonath, Psychotherapeut

  • Was macht uns glücklich? ARD-alpha, 25.03.2021, 21.45 Uhr
  • Weltglückstag - Glücksbringer in Mexiko, Indien und Kenia: Bayern2 am Samstagvormittag, 20.03.2021, 9.05 Uhr

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