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Neues zur Eismumie Die letzten Tage vor Ötzis Tod

Sein Erbgut ist entschlüsselt: Der Steinzeitmann hatte Karies, Arthritis, gebrochene Rippen und diverse Narben. Sein toskanisches Kupferbeil nahm Ötzi mit ins Grab aus Eis. Wer oder was hat ihn vor 5.300 Jahren getötet?

Stand: 29.11.2017

Vor 25 Jahren, am 19. September 1991, entdeckten zwei Wanderer am Similaun-Gletscher in den Ötztaler Alpen zwischen Italien und Österreich eine Leiche, die zur Sensation wurde: den rund 5.300 Jahre alten Ötzi. Forscher haben die Mumie aus dem Eis seither umfangreich untersucht und viel über Ötzi herausgefunden, den zu Lebzeiten diverse Leiden plagten. Ursache seines Todes war aber wohl etwas ganz anderes.

Mord aus Heimtücke

Eine stark blutende Wunde - hervorgerufen durch einen Pfeil - hat Ötzi wohl getötet.

Noch immer versuchen Forscher, Ötzis genaue Todesursache zu klären. Mittlerweile weiß man: Er starb ganz offensichtlich keines natürlichen Todes. Ötzi hatte gebrochene Rippen und in seiner linken Schulter steckte noch eine Pfeilspitze, die ihn von hinten getroffen hat. An dieser Wunde könnte Ötzi verblutet sein. Kriminalhauptkommissar Alexander Horn, Profiler am Münchner Polizeipräsidium, hat zwei Jahre lang an der Fallanalyse gearbeitet und ist sich sicher: "Es war Mord aus Heimtücke!" Seiner Meinung nach war dem Mord wenige Tage zuvor ein erster Angriff vorausgegangen. Den konnte Ötzi jedoch mehr oder weniger erfolgreich abwehren.

Nach der Messerattacke kam der Pfeil

In seinen letzten Tagen hat sich Ötzi längere Zeit in den Hochalpen aufgehalten, war dann ab- und wieder aufgestiegen. Darauf lässt sein Darminhalt samt mit der Nahrung aufgenommener Pollen verschiedener Vegetationszonen schließen. In dieser Zeit muss sich Ötzi eine Schnittwunde an der Hand zugezogen haben. Sie ist ein bis drei Tage älter als die Schulterwunde. Stammt die Handverletzung von einem Messerkampf im Tal, bei dem Ötzi sich gewehrt hat? Das ist zumindest für den Fallanalytiker Alexander Horn eine mögliche Erklärung. Danach ist Ötzi wohl wieder ins Gebirge aufgestiegen und hat sich sorglos zu einer letzten Mahlzeit niedergelassen - höchstens eine Stunde vor seinem Tod. Der Pfeil traf den Ahnungslosen hinterrücks.

"Mit hoher Wahrscheinlichkeit war der Täter der Kontrahent aus der Messerattacke. Als offenbar unterlegener Gegner wollte er sich wohl auf keine direkte Konfrontation mehr einlassen und tötete deshalb Ötzi aus dem Hinterhalt mit einer Fernwaffe!"

Fallanalytiker Alexander Horn

Mit diesem weiteren Angriff hatte Ötzi wohl nicht gerechnet, darauf verweist laut Alexander Horn seine Ausrüstung. Er hatte einen Bogen dabei, der allerdings nicht gespannt war, obwohl er das Werkzeug dafür bei sich hatte.

Wem war Ötzi im Weg?

Ötzis Kupferbeil aus der Toskana

Die chemische Zusammensetzung des Axtmetalls deutet darauf hin, dass es in Mittelitalien gewonnen wurde: aus südtoskanischem Erz. Ob das Kupferbeil fertig in die Alpenregion geliefert wurde oder das Rohmetall erst vor Ort, im heutigen Südtirol, bearbeitet wurde, ist unklar. Vielleicht hat Ötzi das Rohmaterial auch selbst aus dem Süden geholt. War er selbst Händler? Oder stammte er gar aus der Toskana? Die Entdeckung spricht jedenfalls dafür, dass es vor mehr als 5.000 Jahren Handelsbeziehungen von den Ötztaler Alpen bis mindestens in die Toskana gegeben haben könnte.

Einen Raubmord schließen sowohl Fallanalytiker Horn als auch Forscher aus. Zumindest hatte Ötzi noch seine - seinerzeit seltene und daher wertvolle - Kupferaxt bei sich. "Es ist wahrscheinlich, dass der Mord an Ötzi ähnlich banal ablief wie andere Morde heutzutage auch", sagt Alexander Horn. Neid, Zurückweisung oder Kränkung könnten ein Motiv gewesen sein. Für Walter Leitner, Archäologe aus Innsbruck, könnte der etwa 45 Jahre alte Ötzi zum Beispiel ein Dorf-Chef gewesen sein, den eine jüngere Generation los werden wollte.

Weitere Erkenntnisse zu Ötzis Tod

Rekonstruktion des Mannes aus der Kupferzeit

Allerdings könnte auch ein schweres Schädel-Hirn-Trauma tödlich gewesen sein: Im hinteren Teil des Großhirns fanden Wissenschaftler zwei dunkel verfärbte Stellen. Durch einen Schlag auf Ötzis Stirn scheint sein Gehirn an den Hinterkopf geprallt zu sein, was zu Blutergüssen geführt hat, die als dunkle Flecken zu erkennen sind. Unklar ist aber, ob die Verletzungen durch einen Sturz oder einen Schlag auf den Kopf entstanden sind. Sicher ist jedoch, dass Ötzi keines natürlichen Todes starb, sondern entweder aufgrund des Blutverlustes durch die Pfeilverletzung oder der Folgen des Schädel-Hirn-Traumas.

Ötzis letzte Stunden

Letzte Mahlzeit

Ötzi wurde wahrscheinlich bei einer Rast getötet, etwa eine halbe bis zwei Stunden, nachdem er noch Steinbockfleisch, Äpfel und Getreide gegessen hatte. Genauere Analysen seines Mageninhalts deuten darauf hin, dass es sich beim Steinbockfleisch um eine Art steinzeitlichen Südtiroler Speck gehandelt haben muss. "Getrocknetes und rohes Fleisch behält seine Fasern, so wie wir sie in Ötzis Magen gefunden haben", sagt der Mumienspezialist Albert Zink. Da Ötzis Bogen nicht einsatzfähig war, müsse es sich um getrocknetes Fleisch gehandelt haben. Ein rohes Stück wäre auch zu schnell verdorben.

Letzte Rast

Warum Ötzi in rund 3.200 Metern Rast gemacht hat, und warum er getötet wurde, bleibt zwar weiter im Dunkeln - aber eines scheint klar, sagt Albert Zink, Leiter des EURAC-Instituts für Mumien und den Iceman: "Er hat sich sicher gefühlt, gerastet und ein ausgiebiges Mahl eingenommen. Bei dieser Rast ist er überrascht, erschossen und liegen gelassen worden."

Unterwegs im Frühjahr

Gestorben ist Ötzi im Frühjahr - Forscher aus Innsbruck haben in seinem Magen und Darm Pollen der Hopfenbuche gefunden.

Rätselhafte DNA-Spuren an Ötzi

War Ötzi vor seinem Tod in einen Kampf verwickelt?

Dass sich Ötzi vor seinem Tod einen Kampf geliefert haben könnte, darauf weisen auch die Erkenntnisse des australischen Molekularbiologe Thomas Loy hin: Er fand an Ötzi und seiner Ausrüstung DNA aus dem Blut von vier verschiedenen Menschen – und keines davon stammte von Ötzi selbst. Möglicherweise sind es also Blutspuren seiner Verfolger. Es kann aber auch sein, dass die DNA erst vor wenigen Jahren bei Ötzis Bergung oder danach an ihm, seinen Werkzeugen und seiner Kleidung haften blieb.

"Er hat einen üblen Geruch verbreitet und war ledrig. Das war für mich der stärkste Eindruck."

Anton Koler, ehemaliger Polizist, war bei Ötzis Bergung dabei

Spektakulärer Fund in den Ötztaler Alpen

Unterschätzte Entdeckung

Gefunden wurde Ötzi vom Nürnberger Ehepaar Helmut und Erika Simon am 19. September 1991. Beim Abstieg aus den Ötztaler Alpen, auf italienischem Boden, rund 92 Meter von der Grenze zu Österreich entfernt, machten die beiden in rund 3.200 Metern Höhe einen grausigen Fund: Eine braune Leiche ragte aus dem Eis. Deren Bedeutung wurde anfangs allerdings unterschätzt. Die Simons selbst dachten, sie wären auf einen erfrorenen Bergsteiger oder Skitourengeher gestoßen.

Datierungsfehler

Dem Extrembergsteiger Reinhold Messner schwante hingegen früh: "Mit dem Manndl stimmt was net." Da hatte er Recht, das geschätzte Alter der Mumie passte nicht: Anfangs mutmaßten Forscher der Universität Innsbruck, der gut erhaltene Ötzi sei höchstens 100 Jahre tot. Dann wurde er dem Mittelalter zugerechnet, bis er schließlich in die Kupferzeit datiert wurde: Ötzi lebte vor mehr als 5.000 Jahren!

"Frozen Fritz"

"Frozen Fritz", wie er im angelsächsischen Raum genannt wird, wurde zur Weltsensation: Noch nie wurden leicht vergängliche Teile wie Fell, Holz und eben ein kompletter Leichnam gefunden, die über einen so langen Zeitraum so gut konserviert waren. Damit das so bleibt, liegt Ötzi seit 1998 bei minus 6 Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von 98 Prozent im Archäologischen Museum in Bozen.

Streit um Finderlohn

Obwohl ihr Fund derart spektakulär war, jährlich zehntausende Besucher ins Museum lockt, Wissenschaftler weltweit beflügelte und sogar dazu führte, dass die Kupferzeit um 1.000 Jahre früher datiert wurde, musste das Nürnberger Ehepaar Simon jahrelang um einen Finderlohn kämpfen: Als die Anwälte sich mit der Region Südtirol auf die Summe von 175.000 Euro einigten, war Helmut Simon bereits tot: 2004 kam er in den Salzburger Alpen um, bei einem Bergunfall.

"Ich bin praktisch beinahe über ihn gestolpert. Die Auffindung war nicht so schlimm, denn er lag ja mit dem Gesicht nach unten. Es haben ja nur der Kopf und der Rücken herausgeschaut. Dann hat mein Mann ein Bild gemacht. Wir haben dem Hüttenwirt Bescheid gesagt und sonst gar nichts gemacht. Wir sind abgestiegen und haben am nächsten Tag erfahren, dass ein Bergsteiger gefunden worden ist."

So erinnert sich Erika Simon an ihre Entdeckung am 19. September 1991

Ötzis lange Krankenakte

Seit seiner Entdeckung wird Ötzi umfassend untersucht. Seine Krankenakte ist lang: Die Lungen waren schwarz - wohl vom Rauch offener Feuer. Ötzi hatte Würmer, Durchfall, Zahnprobleme, Arthritis, Gefäßverkalkung, eine Veranlagung zu Herz-Kreislauf-Problemen, Laktoseintoleranz, gebrochene Rippen und diverse Narben. In seinen Haaren wurden Hirschlausfliegen gefunden, in seiner Kleidung zwei Menschenflöhe. Der schlechte Zustand seiner Fingernägel lässt auf Steinzeitstress schließen.

Ötzi schleppte außerdem den Magenkeim Helicobacter pylori mit sich herum. Es sei sogar eine aggressive Variante des Bakteriums gewesen, das Magengeschwüre und Magenkrebs verursachen kann, berichtet ein Forscherteam. Der in seiner DNA des Mageninhalts gefundene Stamm ähnele Varianten, die heute in Mittel- und Südasien kursieren. Laut der Wissenschaftler ist entweder die Besiedlungsgeschichte Europas komplexer als angenommen oder Ötzi kein typischer Bewohner der Gegend.

Ötzi und seine Zahnprobleme

Parodontitis

Im April 2013 förderten Forscher ein bis dahin unbekanntes Leiden zutage: Ötzi hatte schlechte Zähne. Sein Gebiss war ein Sammelsurium aus abgenutzten und abgestorbenen Beißerchen, ihn plagten Parodontitis und Karies. Mit Hilfe computertomografischer Aufnahmen hat der Zahnarzt Roger Seiler vom Zentrum für Evolutionäre Medizin der Universität Zürich (UZH) Ötzis Zähne untersucht.

Kieferknochen angegriffen

Dreidimensionale Rekonstruktionen von Ötzis Gebiss und seiner Mundhöhle zeigten: Vor allem an den hinteren Backenzähnen lagen die Zahnhälse frei und es war sogar der Kieferknochen schon angegriffen. Hierfür könnte seine genetische Veranlagung verantwortlich gewesen sein: Parodontitis geht oft mit Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems einher - und Ötzi litt auch unter Arterienverkalkung.

Ernährung

Eine weitere Ursache für Ötzis schlechte Zähne sehen die Forscher der UZH in seiner stärkehaltigen Ernährung. In der Jungsteinzeit wurde vermehrt Ackerbau betrieben, Brot und Getreidebrei etablierten sich auf dem Speisezettel. Doch der in der Nahrung enthaltene Abrieb der Mahlsteine, der auch in seinem Darm nachgewiesen werden konnte, hat Ötzis Zähne abgeschliffen und seine Karies begünstigt. Einige seiner Zähne waren aber auch unfallbedingt beschädigt: Ein Frontzahn ist vermutlich nach einem Schlag abgestorben. Ein Backenzahn hat seinen Höcker wahrscheinlich durch das Beißen auf etwas zu Hartes, vielleicht ein Steinchen im Essen, verloren.

DNA-Untersuchung

Forscher der Europäischen Akademie EURAC in Bozen und der Universität Wien haben bei Ötzi DNA-Erbguts "nichtmenschlichen" Ursprungs analysiert. Ihre Ergebnisse stellten sie im Juli 2014 vor. Die Erbgutspuren stammen größtenteils von Bakterien, die Ötzis Beckenknochen zu Lebzeiten besiedelten. In der DNA-Probe fanden die Forscher sehr viele Bakterien des Typs "Treponema denticola". Dabei handelt es sich um einen Erreger, der unter anderem für die Entstehung von Zahnfleischentzündungen verantwortlich ist. Diese Bakterien haben sich wahrscheinlich über den Blutstrom aus dem Mund bis in den Beckenknochen verbreitet. Bereits im Vorjahr waren bei der Gletschermumie Zahnprobleme festgestellt worden. Die DNA-Untersuchung bestätigt dies.

Bär für den Kopf – Ziege fürs Bein

Ötzis Beinkleid aus Ziegenleder

Im August 2016 haben Wissenschaftler vom Forschungsinstitut EURAC in Bozen das Geheimnis von Ötzis Kleidung gelüftet. Mittels genetischer Untersuchungen konnten sie die Tierarten bestimmen, aus denen seine Kleidungsstücke hergestellt wurden. Demnach ist Ötzis Mütze aus Braunbärenfell, sein Pfeilköcher aus Rehleder – bisher gingen Forscher von Gämse aus. Aus der Verarbeitung von Wildtieren schließen die Forscher, dass Ötzi auch jagte und nicht nur mit der Viehhaltung beschäftigt war.

Ötzis Kleidung stammte von fünf Tieren

Außerdem ergaben die genetischen Analysen, dass sein Mantel aus einer Kombination aus Ziegen- und Schafhaut gefertigt wurde und Ötzis "Leggings" sich aus Ziegenleder zusammensetzten. Der Lendenschurz scheint dagegen eher aus Schafsleder zu sein. Bei den Schnürriemen seiner Schuhe ergaben die Untersuchungen, dass sie nicht – wie bisher angenommen – vom Bären, sondern vom Rind stammen.

So war Ötzi unterwegs

Steinalter Mann der Kupferzeit

Rund 45 Jahre wurde er alt, steinalt für damalige Verhältnisse. Rund 1,60 Meter soll er groß und durchaus muskulös gewesen sein.

Strapse und Fellumhang

Seine Garderobe bestand aus einer Bärenfellmütze, einem Umhang aus Ziegen- und Schafshaut, Schuhen aus Rinderleder mit Heu als Isoliermaterial, einem Lendenschurz aus Schafsleder und ganz besonderen Beinkleidern: Leggings aus Ziegenfell, die mit Strapsen am Gürtel befestigt wurden.

Bestens gewappnet

Bei sich trug er außerdem eine Axt mit Kupferklinge, einen Rehleder-Köcher, 14 Pfeile, einen Bogen und diverse Werkzeuge, darunter eine Ahle zum Löcherstechen, einen Bohrer, einen Dolch und Feuersteine. Derart ausgerüstet konnte er Klingen schärfen, Pfeile schnitzen, sich um seine Kleidung kümmern, Feuer machen und natürlich bestens jagen.

Ausgerüstet gegen Darmparasiten

Sogar Arzneimittel hatte der Mann aus der Kupferzeit dabei: Kugeln aus Baumpilzen sollten wohl seine Darmparasiten bekämpfen.

DNA verrät Aussehen

Braune Haare und braune Augen - das verrät uns Ötzis DNA.

Humangenetiker hatten im Herbst 2011 aus einem ein Zentimeter großen Knochenstück genügend DNA gewonnen, um das gesamte Erbgut der Eismumie zu entschlüsseln. Das Ergebnis: Ötzi hatte braune Haare und braune Augen. Nach der Erbgutanalyse gehen die Forscher außerdem davon aus, dass Ötzis Vorfahren aus dem Nahen Osten eingewandert sind.

Neues aus Ötzis Blut und DNA

Ötzis mütterlicher Familienzweig wahrscheinlich ausgestorben

Nach einem Abgleich von Ötzis Erbgut mit dem von mehr als 1.000 Menschen, haben Forscher der Europäischen Akademie Bozen (Eurac) herausgefunden, dass die mütterliche Familienlinie des Gletschermanns höchstwahrscheinlich ausgestorben ist. Dazu hatten die Wissenschaftler die DNA aus den Mitochondrien, den sogenannten Energiekraftwerken der Zelle, untersucht. "Die mitochondriale DNA erzählt uns, gemeinsam mit dem Y-Chromosom, die genetische Geschichte des Menschen", so die Biologin und Mitautorin der Studie Valentina Coia. Die mitochondriale DNA verändere sich nur sehr langsam und werde nur von Müttern weitergegeben.

Abstammung von Ötzis Mutter

Einen Grund für das Aussterben zeigte ein Vergleich des Erbguts von Ötzi mit dem anderer Funde aus der Jungsteinzeit. Demnach kam die mütterliche Linie zu dieser Zeit wahrscheinlich nur im Alpenraum vor. Die Mutter habe einer kleinen, lokalen Alpenbevölkerung angehört, schreibt das Team in seiner im Journal "Scientific Reports" 2016 veröffentlichten Studie. Die genetische Linie von Ötzis Vater hingegen war in der Jungsteinzeit in ganz Europa verbreitet und findet sich noch heute.

Männliche Verwandte von Ötzi gefunden

Eine DNA-Analyse von mehr als 3.000 Männern in Tirol brachte im Oktober 2013 zutage: In Österreich leben noch Verwandte von Ötzi. 19 tiroler Männer tragen auf ihrem Y-Chromosom Erbinformationen, die wie ein vergilbtes Foto in einem alten Familienalbum an den Vorfahren aus der Eiszeit erinnern. Die Verwandtschaft zu Ötzi ist allerdings nicht allzu nah: Der letzte gemeinsame Vorfahr von Ötzi und den 19 heute lebenden Tirolern ist selbst schon seit rund 10.000 Jahren Geschichte. Ötzi selbst lebte vor etwa 5.000 Jahren, könnte also bestenfalls als eine Art Ururur...urgroßonkel der lebenden Verwandten bezeichnet werden.

Zufallsfund

Die Studie, bei der die Verwandtschaft zu Ötzi herauskam, hat eigentlich ein ganz anderes Ziel: In Zusammenarbeit mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ist die Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Innsbruck auf der Spur der Besiedlung Tirols - der Blutspur, gewissermaßen. Mehr als 3.700 männliche Probanden haben für die "Tirolstudie" ihr Blut gespendet. Zusätzlich gaben die Spender an, wo sie selbst geboren wurden und ihre männlichen Vorfahren herkamen. Die Forscher wollen herausfinden, wie die Täler Tirols nach der letzten Eiszeit wieder besiedelt wurden.

Man(n) verrät's

Untersucht wurden in dieser Studie nur die Y-Chromosomen, daher wurden nur Männer getestet. Das Y-Chromosom wird nahezu unverändert von Vätern an ihre Söhne weitergegeben. Mutationen vollziehen sich extrem langsam. Daher geben die Y-Chromosomen Auskunft über die genetischen Eigenschaften der Ur-Väter.

Blutspuren entdeckt

Eduard Egarter-Vigl (l) und Albert Zink

2012 haben deutsche und italienische Forscher zum ersten Mal rote Blutkörperchen an der 5.300 Jahre alten Mumie entdeckt. "Dass nach so langer Zeit noch Blutkörperchen erhalten sind, war für uns eine riesige Überraschung", sagte Albert Zink. Er leitet das Institut für Mumien und den Iceman der Europäischen Akademie Bozen (EURAC).

Nutzen für die Gerichtsmedizin

"Es gab bislang keine Erkenntnisse darüber, wie lange Blut erhalten bleibt - geschweige denn, wie menschliche Blutkörperchen aus der Kupferzeit aussehen", so Zink. Die Wissenschaftler erhoffen sich von der Blutprobe neue Erkenntnisse für die moderne Gerichtsmedizin und darüber, wie sich Blutspuren mit der Zeit verändern. Laut Zink ist es bisher kaum möglich, bei Tatortuntersuchungen das exakte Alter einer Blutspur zu bestimmen.

Doubles für Ötzi

Ötzis Kopie aus Harz

Übrigens: Seit April 2016 gibt es nicht mehr nur den einen Ötzi, sondern auch noch drei perfekte Doubles: Das Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen (oft auch als Ötzi-Museum bezeichnet) nutzte für die Ötzi-Rekonstruktionen bereits bestehende computertomografische Aufnahmen. Anhand dieser Daten formte ein 3D-Drucker die Mumie Schicht für Schicht aus Harz nach. Nach dem Aushärten wurde die Kopie von einem amerikanischen Paläokünstler fertig modelliert und bemalt.

Ötzi-Doubles gehen auf Wanderschaft

Mithilfe der Daten aus dem Computertomografen formte ein 3 D-Drucker die Ötzi-Kopie aus Harz.

Insgesamt wurden drei Ötzi-Kopien angefertigt: Eine ist für das Ötzi-Museum selbst und wird mit einer Wanderausstellung ab 2017 durch die USA und Kanada touren. Zwei Harz-Ötzis wurden für die Niederlassungen des Cold Spring Harbour DNA Learning Centers in New York, das an der Rekonstruktion beteiligt war, produziert. Sie sollen Schülern das Thema Genetik und die Geschichte der Menschheit näherbringen.

Ötzi und seine vielen Namen

Angelehnt an den Fundort heißt die Gletscherleiche entweder "Mann vom Tisenjoch" oder "Mumie/Eismann/Mann vom Similaun". Der offizielle Name lautet "Mann aus dem Eis". Eingebürgert hat sich "Ötzi": Der Wiener Reporter Karl Wendl hat den Spitznamen 1991 geprägt: "Diese ausgetrocknete, grässlich anzusehende Leiche muss positiver, lieblicher werden, um daraus eine gute Story zu machen." Also kreierte Wendl aus "Yeti" und "Ötztal" den "Ötzi". "Iceman" oder "Frozen Fritz" wurde er im angelsächsischen Raum getauft.

Ötzis Sprache in der Steinzeit

Doch wie haben Ötzi und seine Zeitgenossen selbst gesprochen? Man kann eine Sprache nur rekonstruieren, wenn man auch schriftliche Zeugnisse hat, die es zu dieser Zeit noch nicht gab. Der Schweizer Sprachwissenschaftler Chasper Pult ist Experte für die rätoromanische Sprache, also die Sprache, die heute noch an der Fundstelle in den Ostalpen gesprochen wird. Heutzutage sprechen die Menschen in der Region germanische und romanische Sprachen – zum Beispiel das Rätoromanische. Das Romanische kam mit den Römern in die Alpen. Vorher wurde dort Rätisch gesprochen. Das Rätische ist eine eigenständige Sprache, die nicht keltisch ist, soviel weiß man heute. Dazu mutmaßt Mumienforscher Albert Zink vom EURAC in Bozen: Möglicherweise war das Rätische eine vor-indoeuropäische Sprache aus der Zeit von vor 4.000 Jahren, die vielleicht dem Baskischen ähnlich war, weil das Baskische die älteste Sprache Europas ist. Eines ist aber wohl klar: Der Kölner Sprachwissenschaftler Bernd Heine ist überzeugt, dass Ötzi und seine Zeitgenossen eine richtige Grammatik hatten und "normal" sprechen konnten.

Ötzi birgt noch viele Geheimnisse

Mittlerweile können Wissenschaftler tief in Ötzis Inneres hineinschauen. Trotzdem sind noch viele Rätsel offen: Was bedeuten seine 61 Tätowierungen – die vielen bis zu vier Zentimeter langen, parallelen Linien und die zwei Kreuze? Könnten sie tatsächlich einer Art Akupunktur gedient haben? Und wer hat ihn wohl schließlich umgebracht?

  • "Neues zum Ötzi - Der Mann aus dem Eis starb gewaltsam": am 19. September 2016 um 16 Uhr in der Rundschau, BR Fernsehen
  • "25 Jahre Ötzi - Woher stammt das Kupfer seines Beils?": am 19. September 2016 um 18.05 Uhr in "IQ - Wissenschaft und Forschung", Bayern 2
  • "Ötzis Sprache - Wie kommunizierten die Menschen in der Steinzeit?": am 29. September 2017 um 18.05 Uhr in "IQ - Wissenschaft und Forschung", Bayern 2

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