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Leben auf der ISS Der Alltag im Weltall

Essen, schlafen und arbeiten - das ist der Alltag der Astronauten auf der Internationalen Raumstation ISS. Doch die Schwerelosigkeit macht alles anders und vor allem kompliziert.

Stand: 06.12.2017

Bevor Astronauten die Schwerelosigkeit genießen können, werden sie erst mal während des Raketenstarts auf dem Weg zur ISS mit aller Macht in ihre Sitze gedrückt. Acht lange Minuten zerren Haut, Haare und Glieder mit dem dreifachen Gewicht nach unten. Dann - schlagartig - wiegen sie nichts mehr, die Schwerelosigkeit im Weltall macht sie federleicht.

Dicker Kopf im Weltall

Was amüsant klingt, ist für den Körper Schwerstarbeit. Denn eigentlich ist der ständig damit beschäftigt, Blut aus den Füßen nach oben, Richtung Kopf und Herz zu pumpen. Das macht er in der Schwerelosigkeit natürlich auch, was dazu führt, dass innerhalb kurzer Zeit bis zu zwei Liter Blut nach oben wandern, erklärt Rupert Genzer, Chef des Instituts für Flugmedizin am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln:

"Der Kopf schwillt richtig an, das Gesicht sieht aufgedunsen aus, und die Astronauten empfinden das als unangenehm."

Rupert Genzer, Chef des Instituts für Flugmedizin am DLR, Köln

"Weltraumfieber" bei 38 Grad Körpertemperatur

Wissenschaftler berichten im Fachblatt Scientific Reports im Dezember 2017, dass die Körpertemperatur von Astronauten ein Grad über dem Normalwert von 37 Grad Celsius liegt. Dabei steigt die Körpertemperatur nicht schlagartig beim Eintritt in den Weltraum an. Forscher der Charité Berlin stellten mit Stirnsensoren fest, dass sich der Körper rund zweieinhalb Monate stetig erwärmt, bis er sich bei 38 Grad einpendelt. Betätigen sich die Astronauten sportlich, steigt die Temperatur sogar auf mehr als 40 Grad. Vermutlich liegt das daran, dass der Körper die überschüssige Wärme in der Schwerelosigkeit kaum los wird. Der kühlende Schweißfilm verflüchtigt sich in der Schwerelosigkeit sofort. Bei Trainingseinheiten im All, die die Astronauten absolvieren müssen, macht sich das besonders deutlich bemerkbar. Dies dürfte besonders fatal für künftige Weltraumflüge zum Mars sein, die mehrere Jahre dauern.

Doch nicht nur das Weltraumfieber bereitet den Astronauten der Internationalen Raumstation, der ISS, Probleme. Denn in der Schwerelosigkeit funktioniert auch das Gleichgewichtsorgan im Ohr nicht richtig, vielen wird übel und sie müssen sich übergeben. Astronautenkrankheit heißt das. Immerhin, nach etwa drei Tagen hat sich der Körper in der Regel an die Schwerelosigkeit gewöhnt.

Sicher Schweben in der ISS

Videoaufnahmen von Astronauten, die durch die ISS schweben oder einen Salto schlagen, kennt man mittlerweile. Doch das gefahrlos zu tun, ist ganz schön schwierig. Kleine Stupser führen schnell dazu, dass man ungebremst an einer scharfen Kante gegenüber landet. Darüber hinaus müssen die Astronauten ständig darauf achten, dass ihnen nicht etwas ins Gesicht fliegt.

"Insbesondere bei kleinen Teilen passiert das auch recht häufig, und da ja ein beständiger Luftstrom in diesem Modul ist, findet man die meisten Teile am Ansaugstutzen irgendwann wieder, dort werden sie schließlich hingetrieben."

Klaus Wassermann, Astronautenzentrum der Europäischen Raumfahrtagentur ESA, Köln

Es kann ja nichts auf den Boden fallen, denn in der Schwerelosigkeit gibt es kein oben oder unten. An den Entlüftungsschlitzen der Klimaanlage sammelt sich somit aller Kleinkram an, den die Astronauten nicht aufgeräumt haben oder der ihnen aus den Händen geglitten ist.

Gefriergetrocknete Gourmet-Menüs

Die Zeit der Tuben ist vorbei.

Essen aus Tuben? Das ist zum Glück schon lange vorbei. Astronauten können heute fast dasselbe essen, wie wir auf der Erde auch - aus rund hundert Speisen stellen sich die Astronauten noch auf der Erde ihren Speiseplan für das Weltall zusammen. Der Käse, die Nudeln mit Soße oder das Gemüse kommen dann gefriergetrocknet oder in Konserven auf den Tisch. Das Abendessen muss dann nur noch befeuchtet und aufgewärmt werden. Drei Mahlzeiten pro Tag und Snacks sind Pflicht.

Insgesamt müssen Astronauten zum Essen und Trinken angehalten werden, denn die Schwerelosigkeit nimmt den Appetit und die Schleimhäute schwellen an. Das hat zur Folge, dass das Essen nicht so gut schmeckt, ähnlich wie bei einer starken Erkältung. Salzige Nüsse, süße Müsliriegel und scharf gewürztes Chili sind auf der ISS darum besonders beliebt. Ketchup, Mayonnaise und Senf gibt's übrigens auch, ebenso wie Salz und Pfeffer - allerdings in Form von Salzwasser und Pfeffer eingelegt in Öl, wegen der Schwerelosigkeit. Als Pulver würden Gewürze einfach durch die ISS schweben und nicht auf den Teller fallen.

Toilettengang mit Unterdruck

Weltraumtoilette auf der ISS | Bild: NASA

Toiletten funktionieren in der Schwerelosigkeit nur mit Unterdruck.

Wer isst, muss natürlich auch auf die Toilette. In der Schwerelosigkeit sogar noch häufiger als auf der Erde. Und dabei darf natürlich nichts daneben gehen. Für das kleine Geschäft gibt es einen Trichter, in dem ein minimaler Unterdruck erzeugt wird und so die Flüssigkeit aufsaugt. Für das große Geschäft gibt es eine Weltraumtoilette, die ebenfalls mit Unterdruck arbeitet. Wegen der Schwerelosigkeit ist es fast unmöglich, lange genug auf dem Toilettensitz sitzen zu bleiben. Darum schnallen sich die Astronauten vor dem Toilettengang mit Gurten fest. Flüssigkeiten wie Urin werden übrigens wieder aufbereitet, denn jedes Kilo Wasser, das man zur ISS transportieren muss, kostet.

Schlafen im Weltraumschlafsack

Fest eingepackt schläft es sich auf der ISS am besten.

Auch den Schlaf hat die Schwerelosigkeit fest im Griff. Astronauten haben kein Bett, können nicht den Druck einer Matratze fühlen, wissen nicht, ob sie auf dem Bauch, auf dem Rücken oder auf der Seite liegen.

"Dieser psychologische Faktor spielt eine große Rolle, dass manche Astronauten am Anfang Schwierigkeiten haben, Schlaf zu finden. Manche lassen sich ganz bewusst von einem Gurt irgendwo dagegen pressen, damit sie das Gefühl haben, sie liegen auf etwas. Andere genießen es, in einem Schlafsack zu hängen oder zu schweben, das ist sehr unterschiedlich. Es braucht eine gewisse Zeit, sich daran anzupassen."

Volker Damann, Arzt und Chef des ESA-Astronautenzentrums, Köln

Darüber hinaus ist es in der ISS ziemlich laut, andauernd rappelt irgendwo ein Luftfilter, dröhnt die Klimaanlage - der Lärmpegel ist vergleichbar mit Straßenlärm. Viele Astronauten kämpfen mit Schlafstörungen.

Fitness für die Knochen

Knochen brauchen Schwerkraft, um stark und stabil zu bleiben. Doch in der Schwerelosigkeit zieht kein Gewicht an ihnen - über kurz oder lang werden Astronauten-Skelette darum weich. Außerdem bilden sich auch die Muskeln zurück. Zwei Stunden Fitness-Training stehen darum jeden Tag auf dem Programm. Doch selbst das reicht auf Dauer nicht aus. Zurück auf der Erde müssen Astronauten ihre Muskelmasse und ihre Knochen wieder aufbauen, so wie nach einer schweren Erkrankung, wenn man in die Reha geht.

Krank im Weltall

In der Schwerelosigkeit wird die Immunabwehr herabgesetzt, Astronauten bekommen schneller Fieber und ihre Wunden heilen schlechter. Alle Astronauten werden auch medizinisch ausgebildet. Im Ernstfall können sie einfache Diagnosen stellen, Notfallspritzen setzen, Wunden abbinden und Katheder und Drainagen legen.

Krank macht auf der ISS aber hauptsächlich der Stress. Sechs Leute verbringen Wochen und Monate auf engstem Raum. Keiner kann mal eben vor die Tür gehen und ausschnaufen.

"Eine solche Raumstation ist letztendlich eine komfortable Gefängniszelle, in der man mit ein paar Leuten zusammengespannt ist und wo man permanent vom Boden irgendwelche Befehle kriegt, die man befolgen soll. Das heißt, es ist für die Psyche sehr anspannend, und deshalb sagen die Russen, die sehr große Erfahrung mit der Langzeitraumfahrt haben: Das größte medizinische Problem ist die Psyche, gar nicht der Körper."

Rupert Genzer, Chef des Instituts für Flugmedizin DLR

So einen Ausblick haben nur die Astronauten auf der ISS.

Um keine schlechte Stimmung aufkommen zu lassen, sind die Astronauten an Bord der ISS ziemlich eingespannt: Bis zu zehn Stunden am Tag arbeiten sie, acht Stunden Nachtruhe sind eingeplant - die restliche Zeit ist reserviert für Pausen, Essen, Hygiene. Und hin und wieder gibt es auch Momente, an denen die Astronauten einfach nur aus dem Fenster schauen können.

"Wir fliegen hier in 90 Minuten einmal um die Erde, wir können ganze Kontinente überschauen. Das ist eigentlich das Schönste in der Freizeit, diesen Ausblick zu genießen."

Thomas Reiter, ehemaliger Astronaut der ESA

  • "Leben im All: abgehobene Erlebnisse": am 6. März 2014 um 9.05 Uhr in "radioWissen", Bayern 2
  • "Essen unterwegs - vom Weltall bis in die korsischen Berge": am 8. März 2014 um 13 Uhr in "Xenius", BR Fernsehen

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