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Vertiefende Informationen Wichtige Fakten zu "So entlarvt man Verschwörungstheorien"

Wie funktionieren Verschwörungstheorien? Woran erkenne ich sie? Und warum gibt es die überhaupt? Die wichtigsten Fakten in einem kompakten Überblick.

Stand: 03.09.2020

Verschwörungstheorien | Bild: BR

Der Unterschied zu Fake News

Fake News sind falsche Behauptungen, die gezielt in Umlauf gebracht werden, um Menschen zu täuschen. Verschwörungsmythen sind im Unterschied dazu nicht belegbare Erklärungen für verschiedenste Phänomene und Ereignisse. Sie bieten häufig einfache Antworten auf komplexe Zusammenhänge oder Tatsachen, mit denen Menschen schwer umgehen können, zum Beispiel weil sie bedrohlich wirken. Personen die Verschwörungsmythen verbreiten, glauben oft selber daran.

Neben den Verschwörungsmythen, die abseits der Faktenlage entstehen, gibt es auch reale Verschwörungen, wie zum Beispiel die Watergate-Affäre, bei der der damalige US-Präsident Nixon in einen Abhör- und Vertuschungsskandal verstrickt war.

Mythos, Erzählung, Ideologie oder Theorie?

Der Begriff "Verschwörungstheorie" hat sich eingebürgert. Allerdings handelt es sich dabei nicht um fundiert erstellte Theorien wie in der Wissenschaft. Deshalb nehmen viele Autor*innen Abstand von dem Begriff und sprechen stattdessen von Verschwörungsmythen oder -erzählungen. Steht das Verständnis von politischen Mechanismen im Vordergrund, wird auch der Begriff "Verschwörungsideologie" gewählt.

Funktionen von Verschwörungstheorien

Sündenbockthesen (Beispiele: Jüdische Weltverschwörungstheorie, Hexenverfolgung, Antiamerikanismus etc).

Die Sündenbockthese wird in den meisten Fällen als politisches Kampfmittel gegen Gruppen angewandt, nicht selten gegen Minderheiten. Entweder wird ein Sündenbock für einen speziellen Vorfall oder ein spezielles Unglück gesucht. Oder es geht lediglich darum, die eigene aggressive und ablehnende Haltung und Handlung zu rechtfertigen. Es kann aber auch vorkommen, dass der Sündenbock für etwas Spezielles gesucht wird. Aus dem egozentrischen Eindruck "Alle sind gegen mich" entwickelt sich eine Identifizierung des Bösewichts: "SIE sind gegen mich".

Schock-Thesen (Beispiele: 9/11, Kennedy-Attentat, Mondlandung, Titanic)

Die Verschwörungstheoretiker*innen reagieren dabei auf gesellschaftlich traumatisierende Ereignisse. Die naheliegende Erklärung des Ereignisses erscheint zu einfach.

  • Kennedy - "Ein Präsident kann doch nicht einfach von einem Irren erschossen werden!"
  • 9/11 - "Es kann doch nicht einfach jeder Terrorist ein Flugzeug besteigen und in ein Hochhaus steuern!"
  • Der Schrecken des Vorfalls ist deshalb schwerer zu verarbeiten. So werden die Ereignisse nicht wie sonst vereinfacht, sondern verkompliziert und stattdessen durch immer komplexere Gedankengebäude und Erklärungsmodelle angereichert.

Mysterien-Thesen (Beispiel: Atlantis)

Die Wissenschaften sind in fast jeden Bereich des Lebens vorgedrungen. Trotzdem gibt es immer noch Phänomene, Gerüchte und Ereignisse, die etwas Geheimnisvolles umgibt, die dort, wo Wissenschaft Lücken lässt, einer Erklärung bedürfen. Als Erklärung dient dann nicht selten das Wirken einer Gruppe im Hintergrund.

Ursachen für Verschwörungstheorien

Verschwörungstheoretiker*innen sind oft auf der Suche nach ideologischer und weltanschaulicher Heimat. Als "Einstiegsdroge" für Verschwörungsideologien aller Art dient nicht selten ein spektakulärer Fake, der dem Leser oder Hörer einen Sachverhalt bzw. ein Ereignis in einem völlig neuen Zusammenhang schildert. Bei der intensiven Suche nach Informationen zum Thema landet er auf einschlägigen Webseiten oder bei Literatur mit einer etwas befremdlichen Logik. So schreiben Verschwörungstheoretiker*innen gerne voneinander ab: Sie verfassen Bücher, die wiederum selbst von Verschwörungstheoretiker*innen gelesen und sodann in deren eigenen Büchern zitiert werden. Wer die Bücher liest, wird schnell feststellen, dass gleiche Zusammenhänge in gleicher Weise von unterschiedlichen Personen geschildert werden. So entsteht häufig der Eindruck, dass zwei unabhängige Personen zum selben Ergebnis gekommen wären.

Zu dieser Form der Informationsinzucht kommt die psychologische Eigenart, widersprüchliche Informationen kategorisch abzublocken, bestätigende Informationen dagegen schnell aufzunehmen. Dieser Widerspruch wird auch durch die technischen Funktionsweisen von Internet-Suchmaschinen oder Sozialen Netzwerken verstärkt, deren Algorithmen dafür sorgen, dass bestimmte Informationen je nach bisherigem Suchverlauf und Interessen selektiert und aussortiert werden und man in einer Meinungs- und Filterblase gefangen ist, in der man immer mehr vom immer gleichen erfährt.

Das Weltbild von Verschwörungstheoretiker*innen wird so zunehmend durch irrationale Verdächtigungen und Ängste bestimmt. Vor allem im Netz entwickeln Online-Gemeinschaften (Communities) schnell ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl und elitäres Gruppenbewusstsein. Neu-"Gläubige" fühlen sich mittels love-bombing ("Hey, toll dass du endlich zu uns gehörst") und einer starken Abgrenzung nach außen auch emotional verstanden und aufgehoben. Expert*innen sprechen nicht selten von sektenähnlichen Mechanismen.

Woran erkennt man Verschwörungsmythen?

Um keinen Verschwörungsmythen aufzusitzen, ist es wie bei Fake News wichtig, die Quelle zu überprüfen. Handelt es sich um eine seriöse Quelle? Werden die Behauptungen stichhaltig belegt? Insbesondere wenn versprochen wird, dass einem "die Augen geöffnet" werden oder die Wahrheit aufgedeckt wird, die man in den Medien nicht finden würde, dann empfiehlt es sich, kritisch hinzuschauen und die Fakten zu checken.

Typisch für Verschwörungsmythen ist:

  • Offizielle Stellen werden unter Generalverdacht gestellt, dass sie die Bevölkerung hintergehen wollen und nicht die Wahrheit sagen.
  • Es wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass die allgemein anerkannte Erklärung für etwas nicht stimmt.
  • Von vornherein wird angenommen, dass der Bevölkerung geschadet werden soll.
  • Die Verschwörungserzählung kann widersprüchlich und unlogisch sein, ohne dass das ihre Anhänger*innen stört.

Worauf kann ich achten?

  • Ist die Quelle seriös?
  • Werden die Aussagen fundiert begründet, zum Beispiel durch wissenschaftliche Erkenntnisse?
  • Wer sind die (angeblichen) Expert*innen?
  • Was schreiben andere seriöse Quellen über die aufgestellten Behauptungen?

Beispiel: Coronavirus

In der Corona-Pandemie sind neben Fake News auch zahlreiche Verschwörungserzählungen entstanden. So wird zum Beispiel in verschiedenen Variationen behauptet, dass das Virus Sars-CoV-2 in einem Labor hergestellt worden sei - im chinesischen Wuhan oder vom amerikanischen Geheimdienst oder als Biowaffe aus Georgien. Tatsächlich aber ergeben anerkannte wissenschaftliche Studien, dass das neuartige Coronavirus natürlichen Ursprungs ist. Und bislang spricht alles dafür, dass es auf einem Wildtiermarkt in Wuhan ausgebrochen ist.

Andere Verschwörungserzähler*innen denken, dass 5G-Masten das Virus verbreiten. Doch tatsächlich gibt es Covid-19 auch dort, wo es gar keine 5G-Masten gibt, zum Beispiel in Afrika.

Schon zu Beginn der Pandemie wurde Bill Gates, der mit seiner Frau die "Bill & Melinda Gates Foundation" führt, unterstellt, dass er alle Menschen zwangsimpfen und mit einem Mikrochip ausstatten möchte. Tatsache ist hingegen, dass er die Entwicklung eines Impfstoffs finanziell unterstützt und "digitale Zertifikate" angesprochen hat, die irgendwann einmal zeigen könnten, wer die Infektion schon hatte oder dagegen geimpft ist. Auch der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn hat einen ähnlichen Vorschlag eingebracht: den Immunitätsausweis. Im Mai 2020 hat Spahn den Ethikrat um Stellungnahme gebeten.

Hinter solchen Verschwörungserzählungen steht häufig die Suche nach einem Schuldigen oder einem Sündenbock. So können Ängste, die durch das Virus entstehen, kanalisiert und in Wut umgewandelt werden. Komplexe Sachverhalte werden dann in ein einfaches Schema gebracht. Andere Gründe für Verschwörungsmythen können politische Absichten und Geldmacherei sein – emotionale Behauptungen bringen viele Klicks.

Weitere Beispiele zu Corona-Mythen auf so-geht-medien.de

Beispiel: Argumente gegen die Chemtrails-Theorie (eine Auswahl)

  • Behauptung: Jedem, der den Himmel beobachtet, fällt auf, dass es da oben nicht nur normale Kondensstreifen gibt. Und früher waren die auch nicht so langlebig.
  • Gegenargument: Nach Aussagen unterschiedlicher wissenschaftlicher Fachleute können alle Beobachtungen an Kondensstreifen als normale Wetterphänomene erklärt werden.
  • Behauptung: Im Vergleich zu früher ist der Himmel heute oft von Kondensstreifen übersät. Chemtrails sollen das Wetter beeinflussen. Wenn viele Kondensstreifen zu sehen sind, ändert sich das Wetter.
  • Gegenargument: Im Vergleich zu früher haben sich ja auch die weltweiten Flugbewegungen vervielfacht. Außerdem kann man anhand der Kondensstreifen tatsächlich das Wetter vorhersagen. Das liegt an natürlichen Vorgängen in der oberen Atmosphäre, die sowohl Langlebigkeit und Aussehen von Kondensstreifen als auch das kommende Wetter beeinflussen.
  • Behauptung: Untersuchungen haben das Vorkommen von giftigen Stoffen durch Chemtrails in Luft und Wasser bestätigt. Offizielle Stellen sind manipuliert und unglaubwürdig. Nur unabhängige Untersuchungen können Aufklärung verschaffen.
  • Gegenargument: Wissenschaftler und Behörden, die laufend Messungen durchführen und die Luftverschmutzung überwachen, fanden bisher nichts, was die Chemtrail-Theorie stützen würde. Würden all diese Akteure flächendeckend bewusst falsch berichten, müsste es sich um eine gigantische Verschwörung handeln. Eine "unabhängige" Untersuchung könnten die Chemtrail-Gläubigen übrigens leicht selbst durchführen. Die Kosten für einen Wetterballon und die nötige Ausrüstung betragen nur rund 500 Euro.

Beispiel: Reichsbürger*innen

Viel mediale Aufmerksamkeit im Bereich Verschwörungstheorie bekommen in Deutschland die sogenannten "Reichsbürger". Dabei handelt es sich um eine meist rechtskonservative politische Verschwörungsideologie, die den deutschen Rechtsstaat nicht anerkennt. Das deutsche Reich sei nie untergegangen, die Bundesrepublik lediglich eine GmbH, das Grundgesetz nicht gültig und Deutschland seit dem 2. Weltkrieg ein besetztes Land.

Jedes dieser Argumente wurde in ausführlichen Stellungnahmen von unterschiedlichen Juristen sowie Verwaltungs- und Verfassungsrechtlern widerlegt. Bei den Reichsbürger*innen gibt es zahlreiche personelle und ideologische Schnittmengen mit der Pegida-Bewegung sowie der Auffassung, dass (vornehmlich öffentlich-rechtliche) Journalist*innen nicht der wahrheitsgemäßen Berichterstattung verpflichtet, sondern politisch manipuliert seien und als publizistische Marionetten die Interessen höherer Mächte (CIA, USA etc.) vertreten würden.

Reichsbürger*innen weigern sich oftmals, Steuern zu zahlen und verkaufen eigene Dokumente und Ausweise. Widerstandshandlungen oder Aggressionen gegen Vertreter von Staat und Justiz fanden ihren tragischen Höhepunkt im Oktober 2016, als ein selbsternannter Reichsbürger auf Polizisten schoss und einen SEK-Beamten tötete.

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