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Ludwig van Beethoven Musikgenie mit Hörrohr und Dickschädel

Es ist kaum vorstellbar, wie der Komponist Ludwig van Beethoven trotz seiner Taubheit so wunderbare Musik schreiben konnte: Er hörte die Töne und Melodien nur in seinem Kopf. In seinem Leben liegen Glück und Unglück dicht beieinander!

Von: Sylvia Schreiber

Stand: 12.08.2017 | Archiv

(K)eine Wunderkindheit in Bonn

Der kleine Ludwig darf nur selten mit den anderen Kindern im Hof spielen. Wenn er sich die schönen Schiffe am Rhein anschauen will, stiehlt er sich klammheimlich von zuhause fort. Ludwig van Beethoven muss Klavier üben, sagt der Vater. Macht er einen Fehler, fängt er eine Ohrfeige von seinem strengen Lehrer. "Do re mi fa so la si" - rauf und runter am Klavier. Und damit ihm möglichst wenig freie Zeit bleibt, verlangt der Vater auch noch, dass er Geige, Orgel und Bratsche übt. Ludwigs Vater ist von Beruf eigentlich ein Sänger und gar kein Musiklehrer. Aber er will unbedingt aus seinem begabten Sohn einen zweiten Mozart machen, ein Wunderkindäffchen, dass er um die halbe Welt schickt, das ordentlich Gulden nachhause bringt und berühmt wird - so berühmt wie Mozart eben. 

Von Bonn nach Wien

Lebensdaten

An welchem Tag genau Ludwig van Beethoven geboren wurde, ist nicht bekannt. Getauft wurde er am 17. Dezember 1770 in Bonn. Mit 56 Jahren starb er am 26. März 1827 in Wien.

Erleben wird der ehrgeizige Vater Johann den Ruhm seines Sohnes Ludwig nicht mehr: Er stirbt, bevor die ganz großen Werke entstanden sind, zum Beispiel die 5. Sinfonie, die "Schicksalssinfonie". Oder die "Ode an die Freude", die "Elise" oder die "Frühlingssonate"! Beethoven hat unglaublich viele Stücke geschrieben, die sehr berühmt geworden sind. Beethoven wird aber als Erwachsener auch für etwas anderes berühmt, für seine ungewöhnlich ungezügelten Verhaltensweisen: Packt ihn die Wut, brüllt er herum, wie ein Löwe. Berühren Töne seine Seele ganz besonders, bekommt er eine Gänsehaut und dicke Tränen kullern über seine Wangen. 

In seinem Wesen vereinen sich völlig gegensätzliche Charakterzüge. Beethoven ist zwar kein Mensch, der die Ordnung liebt, so trocknet er seine gewaschene Kleidung, indem er sie übers Klavier hängt. Auch das Notenpapier liegt querbeet verteilt im Zimmer herum. Und doch kann er aus der Haut fahren, wenn während eines Konzertes nur eine einzige Person im Publikum tuschelt. Und Beethoven gibt viele Konzerte! Die vornehme Gesellschaft in Wien liebt seine Fähigkeit wundervoll am Klavier zu fantasieren. Da drücken die Gräfinnen und Fürsten bei den ungehobelten Sitten des Herrn van Beethoven schon mal ein Auge zu. 

Die Angst vor der Schwerhörigkeit

Keiner ahnt, welche Sorge den Komponisten wirklich plagt. Seine Ohren, ganz besonders das rechte lässt ihn immer wieder im Stich. Bald wird er das Flüstern im Publikum nämlich gar nicht mehr hören können, die perlenden Töne des Klaviers, das Rauschen des Windes, den saftigen Klang des Orchesters, das Zwitschern der Vögel. Er versucht mit Wasserkuren, mit Quecksilberbehandlungen, mit einem Hörrohr dagegen anzukämpfen. Alle Mühe ist vergeblich. Ludwig van Beethoven verliert sein Gehör, er ist ein tauber Komponist!

Die Musik kann er nur noch in seinem Kopf hören, er stellt sie sich vor, aber er kann nicht mehr überprüfen, ob das Orchester sie auch schön spielt. Konzerte geben ist für ihn nicht mehr möglich. 

Tauber Dickschädel

Seine Taubheit macht ihn zu einem noch schwerer erträglichen Zeitgenossen: Das Hauspersonal wie Diener und Köchinnen halten es nicht lange bei ihm aus, permanent wechselt er seine Wohnung, so sehr zermürbt ihn diese innere Unruhe, dieses Rauschen im Kopf. Er wird schrecklich pedantisch: Sein Kaffee muss aus exakt 56 Kaffeebohnen gebraut werden. Er wird misstrauisch und wittert hinter jeder Ecke einen Betrüger. Wenn Beethoven mit Menschen ein Gespräch führt, dann schreiben diese alles, was sie zu sagen haben, in ein Heft. Denn Beethoven kann ihre Stimme ja nicht mehr hören. Diese sogenannten "Konversationshefte" sind übrigens heute noch erhalten. 

Ein Dickschädel bleibt der Beethoven aus Bonn: "Muss es sein? Es muss ein! Es muss sein!" So bockig kommt sein musikalisches Motto daher im letzten Streichquartett. Viele Jahre quälen Beethoven neben der Taubheit auch noch allerlei andere Krankheiten, ganz besonders die Leber beschert ihm unangenehme Bauchschmerzen. Wahrscheinlich hat er zu oft und zu viel von seinem Lieblingswein getrunken und auch zu gerne fette Speisen gegessen. Die letzte Mahlzeit, die er bei einem Freund bestellt, bevor er mit 57 Jahren in Wien stirbt: Pfirsichkompott und dazu den guten alten Krumbholzkirchner Wein.


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