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Wetterfühligkeit Was ist dran an Kopf- und Narbenschmerzen?

Manche Menschen wissen schon einen Tag vorher, dass es einen Wetterumschwung geben wird. Weil das Gelenk oder die alte Narbe schmerzt. Andere bekommen bei Föhn Migräne. Wetterfühligkeit - ist das mehr als nur Einbildung?

Stand: 30.10.2017

Wetterfühlige Frau hat Migräne Kopfschmerz. Sie hält sich die Hände an die Schläfen und kneift die Augen fest zu. | Bild: picture-alliance/dpa

Von Thomas Kempe/Yvonne Maier

Migräne, Gelenkschmerzen oder Abgeschlagenheit - all diese Symptome könnten auch etwas mit dem Wetter zu tun haben, zum Beispiel bei Föhn. Das sagen zumindest Menschen, die sich selbst als "wetterfühlig" beschreiben. Nur selten wird ihnen geglaubt - und auch Wissenschaftler tun sich schwer damit, diese Behauptung zu untersuchen.

Klassisches Migränewetter: Föhn

Grundsätzlich steht fest: Das Wetter hat einen Einfluss auf unser Wohlbefinden. Zum Beispiel das Sonnenlicht. Es macht wach und gut gelaunt, andererseits kann es auch die Hautzellen schädigen oder durch das Ozon Atemwegserkrankungen auslösen. Klassische "wetterfühlige" Symptome sind das natürlich nicht. Die meisten Menschen beschreiben diese bei Wetterumbrüchen.

"Die Wetterfühligkeit, das ist eine große Palette von Beschwerden, die nicht unbedingt mit dem Wetter zusammenhängen müssen. Aber das Wetter führt dazu, dass diese Beschwerden das Glas zum Überlaufen bringen."

Prof. Andreas Matzarakis, Meteorologe Deutscher Wetterdienst, Zentrum für Medizin

Manche Wetterfühlige haben starke Symptome bei Wetterwechsel

Frieren und Schwitzen, das sind ganz normale Körperreaktion auf ganz normale Wetterreize. Andreas Matzarakis vermutet, dass wetterfühlige Menschen eine niedrige Reizschwelle haben könnten und dass ihr Körper darum schon auf geringe Wetterreize heftig reagiert. Darum unterscheidet man auch zwischen "nur" wetterfühlig und wetterempfindlich. Wetterempfindlich könnten bis zu 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland sein, die haben stärkere, akute Beschwerden.

"Der Klassiker sind die rheumatischen Erkrankungen. Und das kennen wir schon von der Oma her, die gesagt hat, sie spüre, das Wetter schlägt um."

Prof. Angela Schuh, Medizinerin und Meteorologin, LMU München

Die Krankheitssymptome verschlechtern sich bei wetterempfindlichen Menschen bei Wetterumschwüngen in manchen Fällen deutlich, auch bei Migränepatienten.

Gewitter im Gebirge

Warum das Wetter so einen Einfluss hat, oder ob das Ganze nicht doch nur Einbildung ist, ist schwer zu erforschen. Unter anderem liegt das daran, dass es zu einem bestimmten Zeitpunkt viele verschiedene Wettervariablen gibt: Luftdruck, Temperatur, Luftfeuchte. Alle ändern sich gleichzeitig, oft heftig bei einem Wetterumschwung. Was soll man dann messen? Eine schwierige Situation für Labortests.

Krankentage wegen Wetterfühligkeit

In Deutschland wurde für das Jahr 2012 ausgerechnet, dass berufstätige wetterfühlige Menschen durchschnittlich 1,7 Tage im Jahr im Job ausfielen. Wenn man davon ausgeht, dass 50 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland wetterfühlig sind, dann gehen im Jahr schätzungsweise 31 Millionen Arbeitstage verloren - wegen des Wetters.

Luftdruck, Temperatur und Feuchte

Immerhin: Studien zeigen, dass Druckveränderungen Kopfschmerzen verursachen können, das wurde in Druckkammern in Japan getestet. Doch die Stärke und Art und Weise der Kopfschmerzen war individuell sehr unterschiedlich, das heißt, die Forscher können daraus keine allgemeingültigen Regeln ableiten. Und: Menschen können nach allem, was wir über unsere Nerven und Rezeptoren wissen, leichte Druckunterschiede eigentlich gar nicht messen.

"Das wäre auch schlecht, denn dann müsste man auch beim Aufzugfahren Probleme bekommen."

Prof. Karl Meßlinger, Physiologe, Universität Erlangen

Der Wechsel zwischen einem Hoch- und einem Tiefdruckgebiet ist ähnlich wie der Druckunterschied zwischen dem Erdgeschoss und dem 10. Stock. Es könnte aber sein, dass wir Menschen solche Druckunterschiede in luftgefüllten Räumen unseres Körpers spüren: Nasennebenhöhle, Stirnhöhle. Die haben auch Kontakt zu unseren Hirnhäuten. Es könnte aber auch nur sein, dass wetterfühlige Menschen eine sehr leichte Nasennebenhöhlenentzündung erst dann spüren, wenn sich der Luftdruck ändert. Krank waren sie dann schon vorher.

Was bringt das Biowetter den Wetterfühligen?

Biowettervorhersagen sollen wetterfühligen Menschen helfen

Der Deutsche Wetterdienst stellt schon lange auch ein "Biowetter" zusammen und definiert dabei mehrere Wetterlagen. Am allerbesten ist die stabile Hochdrucklage. Da haben die wenigsten Menschen Probleme mit der Gesundheit. Bei einem Tiefdruckzentrum treten eher allgemeine Befindlichkeitsstörungen auf, aber auch Phantomschmerzen. Eine höhere Luftfeuchtigkeit ist schlecht bei Gelenkproblemen und nähert sich eine Warm- oder Kaltfront, haben Menschen häufiger Kopfschmerzen. Dieser Wetterumschlag ist die problematischste Wetterkonstellation, vor allem zum Kalten hin:

"Das ist ein sehr akutes, sehr massives Geschehen in der Atmosphäre. Da verändern sich kurzfristig alle Parameter."

Prof. Angela Schuh, Medizinerin und Meteorologin, LMU München

Wetterfühlige reagieren auf Temperatur und Feuchtigkeit

Mit großer Wahrscheinlichkeit haben also Temperatur und Feuchtigkeitssprünge eine Auswirkung auf unsere Gesundheit, vor allem bei chronischen Schmerzpatienten.

"Wenn einem kalt ist, dann neigt man dazu, sich zusammenzuziehen und die Muskeln anzuspannen. Das macht die Schmerzen noch schlimmer. Regnerisches Wetter kann auch die Schmerzen verschlimmern, die meisten Menschen mit Arthritis stimmen dem wohl zu."

Prof. Robert Jamison, Schmerzexperte, Harvard Medical School

Unklar bleibt aber der genaue Einfluss des Wetters. Der Wirkmechanismus auf Wetterfühlige ist unbekannt und auch eine Regelhaftigkeit, also welches Wetter welche Beschwerden auslöst, tritt nicht auf. Biowettervorhersagen basieren auf statistischen Zusammenhängen, gelten nicht für einzelne Personen, ihre Vorhersagekraft ist also nur beschränkt.

Was kann man tun gegen Wetterfühligkeit? Dem Wetter aus dem Weg zu gehen, ist unmöglich. Experten sagen sogar: Genau das Gegenteil ist sinnvoll, sich dem Wetter stellen hilft. Man muss sich an Wetterwechsel gewöhnen, vor allem, wenn man viel drinnen sitzt, im Büro oder zu Hause.

Wetterfühligkeit: Das können Sie dagegen tun

Frische Luft

Gehen Sie an die frische Luft, wann immer es geht und bei jedem Wetter. Besonders gut ist Ausdauertraining, also Wandern, Walken, Joggen, Rad fahren, Spazieren gehen. Sie trainieren durch die Bewegung im Freien nicht nur Ihr Immunsystem, sondern der Körper übt auch die Anpassung an wechselnde Wetterlagen.

Kleidung

Man sollte sich so kleiden, dass man sich leicht kühl fühlt, aber nicht friert. Das trainiert die Thermoregulation des Körpers. Außerdem hilfreich ist jede Art der Abhärtung: Wechselduschen, Kneippsche Anwendungen und regelmäßige Saunabesuche.

Tageszeiten

Wetterfühlige sollten sich einen regelmäßigen Tagesablauf angewöhnen: Weckzeit, Mahlzeiten und Schlafensgehenzeit sollten möglichst immer auf demselben Zeitpunkt liegen.

Schlaf

Zumindest sieben Stunden sollten es sein, und das ab circa 23 Uhr: Regelmäßiger und ausreichender Schlaf kann Wetterfühligkeit lindern. Wer es kann, sollte sich ein kurzes Mittagsschläfchen gönnen, allerdings nicht länger als eine halbe Stunde.

Ernährung

Gesund und regelmäßig essen und das möglichst immer zur selben Zeit.

Genussmittel

Auf Genussmittel sollten Wetterfühlige verzichten: Also nicht rauchen und keinen Alkohol und Kaffee trinken. Oft sind nämlich Nikotin, Alkohol oder Kaffee Ursachen der Kopfschmerzen.

Hausmittel

Melissentee und grüner Tee, Bäder mit Rosmarinöl oder starker Kaffee mit Zitronensaft werden immer wieder als Hausmittel gegen Kopfschmerzen und Wetterfühligkeit empfohlen.


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