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Glücksspiel und Profisport Wettanbieter und Bundesliga-Klubs im Visier der Behörden

Wegen unerlaubter Glücksspielwerbung sind mehrere Fußball-Profivereine ins Visier der Aufsichtsbehörden geraten. Nach Informationen der ARD-Recherche Sport läuft unter anderem gegen Borussia Dortmund ein Verfahren. Dazu schlagen Suchtexperten Alarm.

Von: ARD Radio Recherche Sport

Stand: 07.10.2019

Sportwetten-Sponsoring ist im Fußball weit verbreitet | Bild: picture-alliance/dpa

Ob "Bwin", "Tipico" oder "Betway": Zahlreiche Anbieter von Sportwetten haben auch in Deutschland verbotenes Glücksspiel im Angebot, wie beispielsweise Spielautomaten oder Roulette. Wenn Fußball-Vereine das Logo des Anbieters auf ihrer Internetseite oder auf Banden im Stadion präsentieren, werben sie automatisch für diese mutmaßlich illegalen Angebote der Unternehmen mit und sind deshalb im Visier der Behörden. Betroffen sind inzwischen mehrere Fußball-Bundesligisten, darunter Dortmund, Bremen, Köln und Düsseldorf.

Vereine werben für illegale Angebote

Auf Anfrage der ARD-Radio-Recherche Sport teilte die Bezirksregierung Düsseldorf mit, es "(...) soll den Fußballvereinen unsererseits kein absichtliches rechtswidriges Handeln vorgeworfen werden. Die Vereine, denen häufig nicht bewusst ist, dass sie durch ihre Werbemaßnahmen auch die illegalen Online-Casino-Angebote der Sportwettveranstalter bewerben, werden im Rahmen des Verfahrens über die vorliegenden Verstöße informiert und aufgefordert, diese abzustellen."

So müssen die Vereine deutlich darauf hinweisen, dass sie nur für das Sportwetten-Angebot der Unternehmen werben. Internet-Links dürfen nicht zu den Seiten der Wettanbieter führen, wenn diese Online-Casinos im Angebot haben. Folgen die Vereine entsprechenden Vorschlägen der Aufsichtsbehörden nicht, droht eine Untersagungsverfügung. Bedeutet: Der Verein müsste die Werbung einstellen.

Anteil der Sportwetten-Süchtigen steigt

Das fordern Suchtexperten ohnehin. Die Kritik an Partnerschaften zwischen Wettanbietern, Bundesliga-Vereinen, Verbänden und Sportlern ist groß. Der prozentuale Anteil der Online-Sportwetter unter den Glücksspielsüchtigen ist in den vergangenen Jahren eindeutig gestiegen. Zum Beispiel in Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Ein Grund für die gestiegene Suchtgefahr sind Live-Wetten, die nach dem derzeitigen Glücksspielstaatvertrag ebenfalls größtenteils verboten sind.

"Das hat eine ganz andere Spiel-Geschwindigkeit, wir nennen das Ereignis-Frequenz. Das kickt viel mehr. Entsprechend ist auch das Suchtpotenzial höher. Hinzu kommen die Gefahren des Internets. Sie können 24 Stunden sieben Tage die Woche ohne Schließzeiten online zocken, wann und wo immer sie ein internetfähige Smartphone haben können."

Tobias Hayer, Glücksspielexperte der Universität Bremen

"Ausufernde" Werbung - auch bei Top-Klubs

Einen Grund für die gestiegene Suchtgefahr sehen Experten in der "ausufernde" Werbung für Sportwetten-Anbieter. Knapp 60 Millionen Euro erhalten allein die deutschen Profiklubs und Verbände von der Wettindustrie. Der Großteil beim Fußball. In der Bundesliga wird fast jeder Verein von einem privaten Wettanbieter gesponsert. Zudem gibt es Partnerschaften zwischen dem DFB und "Bwin", sowie zwischen der DFL und "Tipico". Durch die Partnerschaften würden die Suchtgefahren "verharmlost", so die Suchtexperten.

Auch der FC Bayern München hat einen Werbepartner aus dem Glücksspielsektor, was auf Kritik stößt und der Vorbildfunktion des Vereins widerspricht, meint zum Beispiel Konrad Landgraf, Geschäftsführer der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern. Laut Landgraf sollten die Vereine und die DFL ihre Verantwortung wahrnehmen und sich klar abgrenzen, von illegalen Glücksspielanbietern.

"Das sehen wir sehr problematisch, weil hier natürlich einem illegalen Glücksspiel das Deckmäntelchen der Legalität gegeben wird. Also Bayern München im Speziellen oder im Allgemeinen die Deutsche Fußball-Liga sind zwei herausragende Institutionen in Deutschland, viele Menschen sind entweder Mitglieder in dem Verein, sind Fans von diesem Verein."

Konrad Landgraf, Geschäftsführer der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern

Tennissport besonders anfällig für Manipulationen

Und natürlich beeinflussen Wetten auch das sportliche Geschehen. Besonders anfällig für Wettmanipulationen ist der Tennissport. Whistleblower und Spieler Marco Trungelliti erklärt, dass solche absichtlichen Niederlagen regelmäßig vorkommen: "Wenn man zu den Future Turnieren geht, sieht man sofort, wie da Spiele manipuliert werden - mindestens eines pro Woche". Besonders die unterklassigeren Partien seien betroffen. Nur die Top 100 der Weltrangliste können wirklich gut von ihrem Sport leben. Der Rest kämpft ums Überleben und dabei wird wohl auch betrogen.

Mehrere Spieler, darunter Nicholas Kicker, die ehemalige Nummer 78 der Weltrangliste, wurden bereits gesperrt. Um die Dimensionen zu verdeutlichen: Wenn sich ein Spieler bei einem kleinen Turnier ins Finale kämpft, verdient er 2.000 Dollar, bei einer manipulierten Erstrundenniederlage bekommt er das Doppelte.

Wettanbieter rechtfertigen sich

Tipico bestreitet nicht, auch Online-Casinos anzubieten. Das sei eine "branchenweit übliche Ergänzung zum Sportwettenangebot, um der Nachfrage der Kunden nach einem möglichst umfangreichen Angebot nachzukommen." Und Tipico geht davon aus, nichts Verbotenes zu machen. "Tipico ist von der Legalität des Online-Casino-Angebots auf Basis der europarechtlichen Dienstleistungsfreiheit überzeugt und sieht sich durch jüngere verwaltungsgerichtliche Entscheide bestätigt", heißt es in einer Stellungnahme des Wettanbieters.

Laut dem Statistikportal "statista" wurden in Deutschland im Jahr 2018 rund 8,8 Milliarden Euro auf Sportereignisse gewettet. Die Wetteinsätze sollen sich demnach in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdoppelt haben. Auch die Steuereinnahmen durch Sportwetten haben sich in Deutschland laut statistischem Bundesamt in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdoppelt, auf rund 383 Millionen Euro. Weltweit wird jährlich schätzungsweise 1 Billion Euro mit Sportwetten umgesetzt.

Weiterführende Informationen

Was in Deutschland erlaubt ist und was nicht: der Staatsvertrag zum Glücksspielwesen in Deutschland auf den Webseiten der Bayerischen Staatskanzlei


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