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WM 2022 Moneten statt Moral? Deutsche Firmen in Katar

Darf man als Firma Geschäfte mit der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar machen, wenn der Umgang mit Menschenrechten in dem Land äußerst umstritten ist? Ja, sagen, die Firmen, die aus Deutschland an der WM beteiligt sind. Amnesty International übt Kritik.

Author: Sebastian Krause, Kilian Medele, Moritz Weiberg

Published at: 15-11-2021

Ob Großkonzerne wie Siemens oder Mittelständler und kleinere Unternehmen. Nach Informationen der ARD-Radio-Recherche Sport haben etliche deutsche Firmen Geschäfte rund um die Fußball-WM in Katar gemacht, und rechtfertigen sich jetzt.

Deutsche Firmen verteidigen sich

Man setze sich voll und ganz für die Achtung der Menschenrechte entlang der gesamten Wertschöpfungskette ein, schreibt "Siemens" auf Anfrage. Der Münchner Konzern hat Stromversorgungssysteme für die WM-Stadien geliefert. Die Firma "Wiedenmann" aus Rammingen in Baden-Württemberg lieferte Maschinen zur Pflege der Rasen in den Stadien in Katar. Wiedenmann antwortet: Man habe dort eine knappe Million Umsatz gemacht, und sei auf das Geschäft angewiesen. Andernfalls hätte die Konkurrenz den Zuschlag bekommen. Auch der Hersteller von Stadion-Geländern "Q-Railing" aus Emmerich am Rhein ist in Katar aktiv, genauso wie die Firma "Nowofol" aus Siegsdorf in Bayern, die Material fürs Stadiondach geliefert hat. Sie alle schließen die Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit ihren Produkten aus. Und verteidigen ihr Engagement.

"Wir haben dort eine knapp Million Umsatz gemacht, und eine knappe Million Umsatz ist für uns schon auch ein schöner Batzen, um ehrlich zu sein. Und auch wir sind dort auch ganz ehrlich auch auf Umsatz angewiesen. Wenn wir es nicht machen, dann hätte es der Konkurrent gemacht."

- Geschäftsführer Uwe Wiedemann

Selbstkritik auch bei den Beteiligten

Wenn nicht wir, dann die Konkurrenz - so lautet ein gängiges Argument. "Nowofol" beteuert: Man habe vor Ort in Katar mit langjährigen Partnern zusammengearbeitet, bei denen man wisse, wie sie mit ihren Arbeitern umgehen. Aber selbst Nowofol-Geschäftsführer Robert Pernath sieht das gesamte Mega-Projekt Fußball-WM Katar inzwischen kritisch: "Sie werden diese WM nicht mehr stoppen können. So viel steht fest", meint Pernath, und ergänzt: "Wichtig ist, dass man einen Fehler nicht mehr zweimal macht. Solche Großveranstaltungen, in solchem Umfang, irgendwo in der Wüste stattfinden zu lassen. Weil das hat mit Nachhaltigkeit definitiv nichts zu tun."

WM-Boykott einer niederländischen Firma

Dass es auch anders geht, beweist ein Unternehmen aus den Niederlanden, das seit Jahren den Rasen für Fußball-Welt- und Europameisterschaften liefert. Die WM in Katar hat die Firma allerdings wegen der Menschenrechtslage boykottiert und distanzierte sich aus ethischen Gründen von einer Beteiligung. Klar ist: Die an der WM in Katar beteiligten Unternehmen tragen eine Verantwortung, sagt Katja Müller-Fahlbusch von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International.

"Nämlich, die der unternehmerischen Sorgfaltspflicht. Es gibt die Leitlinien der Vereinten Nationen. Zum Thema Wirtschaft und Menschenrechte. Und diese Leitlinien verpflichten Unternehmen dazu, entlang ihrer gesamten Wertschöpfungskette dafür Sorge zu tragen, das keine Menschenrechte verletzt werden."

- Katja Müller-Fahlbusch, Amnesty International

Amnesty International nimmt DFB in die Pflicht

Und nicht nur die Unternehmen. Auch die nationalen Verbände wie der Deutsche Fußball-Bund (DFB) nimmt Amnesty International in die Pflicht. Fußball-WM-Gastgeber Katar hat zwar Reformen im Umgang mit Arbeitsmigranten angestoßen, setzt sie aber nicht angemessen um. Zu diesem Schluss kommt die Menschenrechtsorganisation ein Jahr vor Beginn der Weltmeisterschaft. Zudem würden die Behörden die Todesfälle auf den Baustellen nach wie vor nicht ausreichend untersuchen. Die Ausbeutung gehe weiter.

Krake Katar packt die Sportwelt

Der Einfluss des Wüstenstaats Katar wächst dabei generell in der Sportwelt: Über 500 internationale Sportveranstaltungen hat Katar in den letzten 15 Jahren ausgerichtet und sponsort beziehungsweise finanziert ganze Vereine. "Sportswashing" nennen Forscher die Strategie, dem Land mithilfe von Sportevents ein positives Image zu verpassen.

"Es geht den Herrscher-Häusern hier darum, der eigenen Bevölkerung zu zeigen: 'Schaut her, wozu wir in der Lage sind!' Das ist ein Teil der nationalistischen 'Brot und Spiele'-Strategie."

Sebastian Sons, Nahost-Analyst

FC Bayern, Paris St. Germain - bald die Olympischen Spiele?

Die Liste an Beispielen ist lang: Angefangen beim FC Bayern München, der 20 Millionen Euro jährlich von der Staatsfluglinie Qatar Airways erhält und sein Trainingslager jeden Winter in Doha abhält. Die Bayern-Stars Robert Lewandowski, Alphonso Davis und Manuel Neuer sind Werbegesichter für Qatar Airways. Ab 2023 wird das Emirat dauerhafter Formel 1-Standort, für mindestens 10 Jahre. Nach der Fußball-Weltmeisterschaft fehlen eigentlich nur noch die Olympischen Spiele - und auch hier liegt die neue Bewerbungsmappe, nach einer Absage für 2032, bereits beim IOC auf dem Tisch.

Mächtiger Mann im Fußballgeschäft: Katari Nasser Al-Khelaifi

In der Fußball-Welt heißt das drastischste Beispiel: Paris Saint-Germain. Katari Nasser Al-Khelaifi stieg 2011 beim französischen Hauptstadtklub ein, ist mittlerweile Präsident des Klubs und einer der mächtigsten Männer im europäischen Fußball, wo er auch Vorsitzender der Klubvereinigung ist und im Exekutivkommitee der UEFA sitzt. Dazu hat er den Vorsitz bei "Bein", dem international operierenden Medienkonzern aus Katar. Der ehemalige Finanzchef der Deutschen Fußball-Liga, Christian Müller kritisiert das:

"Mit Nasser Al Khelaifi haben sie schon die derzeitige Spinne im Netz, im Zentrum des ganzen Fußballgeschehens. Diese Ämterhäufung bringt eine Unzahl von Interessenkonflikten mit sich."

Christian Müller, Ex-DFL-Chef

Fest steht: Katar, seine Unternehmen und Geschäftsmänner werden in der Sportwelt immer einflussreicher - und daran wollen auch deutsche Firmen mitverdienen. Menschenrechtsfragen und ethische Bedenken stehen dabei anscheinend hinten an.


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