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CTE Die große Gefahr bei Gehirnerschütterungen

Viele Profi-Sportler in Deutschland haben in ihrer Karriere Gehirnerschütterungen erlitten. Eine gefährliche Spätfolge ist die CTE, die chronisch traumatische Enzephalopathie. In Deutschland ist das Bewusstsein für die Krankheit noch kaum vorhanden.

Von: Sebastian Krause, Norbert Gobmeier, Julian Ignatowitsch

Stand: 31.03.2021

Gehirnerschütterungen im Fußball | Bild: picture-alliance/dpa

Fast jeder zweite Profisportler einer Kontaktsportart, wie Fußball, Eishockey oder Handball, hat schon einmal eine Gehirnerschütterung erlitten, wie eine Studie der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) mit 507 Profisportlern aus 25 Vereinen herausfand. In der Fußball-Bundesliga, wo es fast jeden Spieltag zu einer Gehirnerschütterung kommt, gibt es zur Prävention eine Baseline-Untersuchung, auf die bei Fällen zurückgegriffen werden soll. Die Studie ergab zwar, dass diese Maßnahme gut funktioniere, es aber an der richtigen Umsetzung in den Vereinen haperte, weil die Maßnahme teuer sei. Außerdem gehen viele Profi-Sportler nach einem Schädel-Hirn-Trauma nicht wie von der VBG empfohlen gleich zum Neurologen, sondern es dauere zum Teil Wochen.

Erhebliche Spätfolge: CTE

Die Folgen solcher Nachlässigkeiten können erheblich sein, wenn der Kopf dauerhaft Schlägen und Stößen ausgesetzt sind, denn dann kann das Gehirn schweren Schaden davontragen. Medizinisch nennt sich so eine Verletzung: CTE, chronisch traumatische Enzephalopathie. Die Symptome sind Demenz, Gedächtnisverlust, Orientierungslosigkeit, aber auch Wutausbrüche oder Kontrollverlust. "Wir müssen bei den Sportlerinnen und Sportlern eine breite Akzeptanz und auch Wissen darüber generieren", stellte die VBG dazu fest.

Fall eines deutschen Ex-Footballers

Besonders anfällig sind Athleten aus Sportarten wie American Football oder Boxen. Der ehemalige Quarterback Erich Grau gehörte in den 1980er-Jahren zu den besten American-Football-Spielern Deutschlands, war Nationalspieler und Deutscher Meister mit seinem Heimatverein, den Ansbach Grizzlies. Auch heute noch, im Alter von 66 Jahren, ist er eine imposante Erscheinung. Allerdings waren die zwölf Jahre Hochleistungs-Sport für den Ansbacher folgenschwer. Durch die ständigen Stöße, Tackles, Schläge auf den Kopf wurde sein Gehirn so geschädigt, dass es nicht mehr richtig funktioniert. Diagnose: CTE.

"Es gab Zeiten, da bin ich durchs Haus gegangen und wusste nicht, was für ein Zimmer hinter dieser Tür jetzt ist. Und gerade gestern bin ich runtergegangen, und ich weiß nicht, welche Lichtschalter ich anschalten muss, damit das Licht für den Gang oder für das Treppenhaus angeht, das hab ich Vergessen, das weiß ich nicht, in meinem eigenen Haus."

- Erich Grau

In Deutschland teilweise nicht bekannt

Grau ist sich sicher, dass nicht nur er von der Krankheit betroffen ist, sondern auch einige seiner damaligen Mitspieler, die zum Teil schon gestorben sind. CTE wurde vor rund 15 Jahren in den USA überhaupt erst entdeckt. Bei ehemaligen American-Football-Spielern, die auffällige Symptome hatten. Nachdem sie gestorben waren, gaben die Angehörigen die Gehirne der Sportler zur Untersuchung frei. Weil die Krankheit bisher zweifelsfrei nur nach dem Tod per Obduktion festgestellt werden kann. Mehr als 100 CTE-Fälle sind allein bei Football-Spielern in den USA inzwischen schon nachgewiesen. In Deutschland sei die Krankheit zum Teil noch gar nicht bekannt, sagt Grau aus eigener Erfahrung.

"Ganz typisch war, dass ich in der Neurologie-Klinik gelegen bin, und gesagt hab, ich habe möglicherweise CTE, und dann hat mir der Oberarzt gesagt, ja, ein CT machen wir schon vom Gehirn. Das heißt, wenn ich den Ausdruck CTE sage, hat der gemeint, eine Computer-Tomographie, und ich kann es nicht richtig sprechen."

- Erich Grau

Mediziner fordert Konsequenzen

Nur langsam verbessern sich auch hierzulande die Untersuchungsmöglichkeiten. Der Neuropathologe Walter Schulz-Schaeffer von der Universität des Saarlandes hat schon an einem toten Gehirn eine CTE diagnostiziert und gehört zu den Experten. "Wir sollten die Konsequenz ziehen, dass wenn Gehirnerschütterungen vorkommen, die Person, der das widerfahren ist, eine Ruhephase bekommt. Und wir haben alle die Verpflichtung , darauf zu achten, dass das dann auch passiert", erklärt er. Mit jeder Gehirnerschütterung, die nicht auskuriert wird, steigt das Risiko einer CTE, sagt Neuropathologe Schulz-Schaeffer

Ex-Footballer Erich Grau hält es für möglich, dass es in Deutschland viele ehemalige Profi-Sportler gibt, die CTE haben, es aber nicht wissen. Gerade aus dem Fußball, wo viele Fälle von Alzheimer bekannt sind.

"Viele Fußballer haben Alzheimer, und man hat auch festgestellt in den Studien aus Schottland, dass Fußballer ein viermal höheres Risiko haben, Alzheimer zu entwickeln, oder frontotemporale Demenz, oder Parkinson - und jetzt überlegt man, ist es auch wirklich die richtige Diagnose."

- Erich Grau

Erich Grau ist inzwischen stabil, hat gelernt mit CTE zu leben. Jetzt will er mithelfen, die Krankheit bekannter zu machen. Es wird höchste Zeit.


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