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Carl Orff Ein Dreiklang aus Musik, Tanz und Sprache

Ein Dreiklang aus Musik, Tanz und Sprache - das ist die Grundidee von Carl Orffs "Schulwerk", mit dem der Komponist Kinder für Musik begeistern wollte. Bis heute musizieren viele Kinder nach seiner Idee. Als Künstler haben ihn die "Carmina burana" berühmt gemacht.

Von: Sylvia Schreiber

Stand: 20.08.2017 | Archiv

Musik wirbelt Carl Orff um die Ohren, schon als er ein Kleinkind ist. Morgens weckt ihn eine Trompetenfanfare aus der Kaserne gegenüber. Tagsüber lauscht der kleine Carl Orff den Trommeln der Militärkapelle. Ginge es nach ihm, könnten Hunderte davon schnarren! Am Abend tönen Zitherklänge aus den Gasthäusern. Wenn er mit seinem Vater durch die Straßen spaziert, spitzt er die Ohren. Außerdem gibt es bei Familie Orff ein Klavier. Seine Mutter spielt darauf, meistens etwas zu leise für Carls Geschmack: Mozart, Beethoven, Chopin, die ganzen großen klassischen Komponisten eben.

Musik von Anfang an ...

Manchmal lässt seine Mutter ihn mitspielen. Obwohl er eigentlich gar nicht spielen kann, sondern nur mit den Fäusten den Rhythmus auf die Tatstatur donnert. Einmal, als er alleine am Klavier sitzt, hat er eine großartige Idee: mit einem Trick könnte er das Klavier noch etwas lauter klingen lassen! Er stibitzt sich also zwei Fleischklopfer aus der Küche und haut damit auf die Tastatur. Großartig! Doch leider ein einmaliges Erlebnis, denn fortan wird der Flügel verschlossen. 

Vom Puppen- zum Musiktheater

Carl hat bereits eine neue Leidenschaft. Als er mit den Eltern das Oktoberfest besucht, bleibt er vor einem Puppentheater stehen, den ganzen Nachmittag! Wieder zuhause bastelt er sich sogleich eine eigene Puppe. Er nimmt eine Kartoffel als Kopf, Stoffreste für die Zipfelmütze und für den Rock - schon ist ein Kasperl geboren. Als er dann auch noch zu Weihnachten ein großes Puppentheater bekommt, sogar mit einem Vorhang, fehlt für die erste Theater-Vorstellung von Carl Orff nur noch die Musik.

Und die komponiert er bald selbst, denn er ist inzwischen 10 Jahre alt und schon ein passabler Musiker geworden. Carl spielt gut Klavier - ohne Fleischklopfer, versteht sich - und er nimmt Cellounterricht. Einzig vor der Schule graust es ihn. Rechnen, Schreiben, Latein, Heimatkunde - damit will er sich nicht abplagen. Darum beendet er im Alter von 16 Jahren seine Schulzeit, ohne Abitur und mit einem fürchterlich schimpfenden Vater im Nacken. Carl Orff will unbedingt Musik studieren. Das ist ihm eigentlich schon klar, seit er zum ersten Mal in einer Oper gewesen ist. Im "Fliegenden Holländer": bei der Musik von Richard Wagner hat es Carl buchstäblich die Sprache verschlagen. Tagelang schweigt er und isst fast nichts. 

Musik - aus aller Welt

Aber nicht nur dramatische Opernmusik fasziniert Carl Orff, auch ganz andere Töne: die flüchtig klingen, die sanft vorbei ziehen, wie Wolken. Die Musik des Franzosen Claude Debussy. Gierig verschlingt Orff alles, was er über den Komponisten und seine Musik erfahren kann. Dieser Debussy hat sich für fremde Instrumente interessiert, aha! Orff durchkämmt also das Völkerkundemuseum in München, ebenfalls auf der Suche nach Instrumenten fremder Kulturen. Er entdeckt den geheimnisvollen Klang des Gongs. Später wird Orff den asiatischen Gong in vielen seiner Werke einsetzen. Wie übrigens auch das Bayerische. Carl Orff ist der erste Komponist, der Stücke auf Bayerisch schreibt. Und warum? Weil er den Klang des Dialekts liebt. Fanni, die Köchin der Orffs hat unendlich viele Geschichten auf Lager, die sie Carl und seiner Schwester Mia in tiefstem Bayerisch erzählt! 

Ein Dreiklang aus Musik, Tanz und Sprache

So macht Musik Spaß! Carl Orff musiziert mit Kindern auf einem Xylophon.

Orff studiert also fleißig Noten und arbeitet obendrein fleißig als Kapellmeister beim Theater. Bis er das Tanztheater kennenlernt, wo sich der Körper des Tänzers in ein Instrument verwandelt, wo barfuß getanzt wird! Nicht, dass Orff Lust gehabt hätte, die Verrenkungen nachzumachen, aber plötzlich wird ihm klar: Tanz, Musik und Sprache - diese drei Dinge gehören zusammen. Den Beruf als Kapellmeister lässt er sausen und gründet mit einer Gymnastiklehrerin eine spezielle Schule. Hier sollen Kinder ganz leicht lernen, sich zu Rhythmen zu bewegen, also zu tanzen. Seine Idee nennt er: Das Orffsche Schulwerk. In fünf dicken Büchern schreibt Orff, was er sich darunter vorstellt. Zum Orffschen Schulwerk gehören natürlich auch die berühmten Orff Instrumente: Klanghölzer, Glockenspiele, Trommeln, Pauken, Becken, Triangeln, Schellen, Metallophone, Fingerzimbeln, Kastagnetten. Mit diesen Instrumenten kann man wilde, zackige, aber auch sanfte Rhythmen spielen. 

Orffs Meisterwerk: Die "Carmina burana"

Die kostbare Handschrift der "Carmina burana" ist mit dem "Schicksalsrad" der Göttin Fortuna verziert.

Am Gründonnerstag des Jahres 1934 geschieht etwas, was Carl Orff erst einmal alles andere vergessen lässt - was ihn völlig einnimmt. Er bekommt aus einem Würzburger Antiquariat ein Buch geschickt mit dem Titel: "Carmina burana". Allein schon der Titel zieht Orff magisch an - was für ein toller Rhythmus in den zwei Worten steckt: "Carmina burana". Es ist ein Buch mit lateinischen und deutschen Liedtexten aus dem 13. Jahrhundert. Uralt also. Orff studiert den Text, seine Lateinkenntnisse sind lausig, aber den Rhythmus versteht er sofort. Plötzlich entsteht in seinem Kopf zu den alten Worten aus einem Kloster, die von Liebe, Speis und Trank, von der Glücksgöttin Fortuna und dem Lauf der Welt erzählen, ein klingendes Spektakel. Ein Puppenspiel für alle! Er denkt sich höllenmäßige Rhythmen aus, gespielt von einem riesigen Schlagzeugapparat. Carl Orff komponiert wie besessen. An Ostern hat er schon die ersten Teile des Stücks "Carmina burana" fertig.

In seinem Leben wird Carl Orff noch viele Stücke schreiben, in denen Tanzen, Sprechen, Singen und ein kraftvoller Rhythmus zusammen kommen, aber er wird kein Werk mehr komponieren, das so packend und so berühmt ist wie die "Carmina burana".


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