Kommentar Warum der Sexismus im Actionsport endlich aufhören muss

Skateboard-Meisterschaften: Preisgeld für männliche Skater sind 1500 Euro, für die Frauen gibt es einen 150-Euro-Gutschein. Das kann doch nicht sein, findet unsere Autorin. Und die ungleichen Preise sind noch das kleinste Problem.

Von: Claudia Gerauer

Stand: 24.07.2017 | Archiv

An wen denkt ihr bei den größten Actionsport-Heroes? An Skateboard-Gott Tony Hawk? Oder Ausnahme-Surfer Mick Fanning? Oder eher an Snowboard-Legende Travis Rice? Vielleicht auch an jemand ganz anderen – aber eine weibliche Actionsportlerin kommt nur den Wenigsten in den Sinn. Und das hat Gründe. Nicht weil Frauen diese Sportarten nicht machen, können oder weniger leisten, sondern weil sie in vielen Bereichen des Actionsports Nachteile haben und dadurch nicht wahrgenommen werden. Und das ist ein Problem für unser Frauenbild!

Manche ziehen jetzt wahrscheinlich schon genervt eine Augenbraue hoch und denken: "Immer dieses Gejammer… Frauen sind nun mal schlechter, die Tricks sind langweilig und das Level ist nicht so hoch." Das höre ich ständig. Und klar, Frauen und Männer sind anatomisch unterschiedlich gebaut. Nimmt man einen 60 Kilogramm schweren Mann und eine 60 Kilogramm schwere Frau, die exakt das gleiche Training absolvieren, die gleiche Fitness-Konstitution, den gleichen Lebensrhythmus haben, dann gibt es einen Leistungsunterschied von etwa zehn Prozent. Der existiert und den will auch niemand wegdiskutieren – nur ist das keine Einladung dazu, Menschen unterschiedlich zu behandeln. Die einen besser, die anderen schlechter. Doch genau das passiert im Actionsport.

Ein Zehntel des Preisgeldes – geht’s noch?

Wenn zum Beispiel Deutschlands beste Skateboarderinnen und Skateboarder um den Meistertitel fahren, dann bekommt der beste Mann 1500 Euro Preisgeld. Für die beste Frau gibt es gerade mal einen lausigen 150-Euro-Gutschein von einem Skateshop. Obwohl Skateboarderinnen und Skateboarder das gleiche Setup fahren, gleich viel trainieren und die gleichen Kosten haben, um ihren Sport auf Profi-Niveau auszuüben. Dann kann’s doch für die Sportlerinnen nicht nur ein Zehntel des Preisgeldes geben?! Doch egal ob beim Downhill Mountainbiken oder beim Freeriden im Winter: Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass Sportlerinnen weniger Kohle bekommen.

Auch in den TV- und Medienberichten tauchen Actionsportlerinnen seltener auf – und wenn, dann oft nur als hübsches Beiwerk. Die Konsequenz: weniger Aufmerksamkeit ist gleich weniger Sponsoren. Das macht es für Frauen viel schwieriger, ihren Sport auf Profi-Niveau auszuüben, Vollzeit zu trainieren, sich zu entwickeln und ihre Limits – und damit den Frauensport insgesamt – weiter zu pushen.

Girls, Mädels oder "die Frau von"

Wenn Sportlerinnen bei Contests oder in den Medien auftauchen, dann werden sie oft auf ihr Äußeres reduziert und es wird auf die Frisur, die Klamotten, kurz: auf das Drumherum geschaut. Die Kommentatoren sprechen dann von „der schönen Amerikanerin“ oder „der Frau von xy“. Selten steht die Frau als Sportlerin mit ihrer sportlichen Leistung im Fokus. Das geht schon damit los, wie Frauen betitelt werden: Zum Beispiel als "Girls" oder "Mädels" die zum "Girls Shred" in den Snowpark fahren oder am "Mädels Mountainbike Camp" teilnehmen.

Dass diese sportlich aktiven Menschen aber meist Ende 20 sind, einen Job, eine eigene Wohnung und ein Auto haben und erwachsene, mündige Frauen sind, wird so trivialisiert. Sobald es um Actionsport geht, werden Frauen wieder zu Kindern oder Teenies. Das macht auch deutlich, wie viele verstaube Stereotype noch fest verankert sind: Zum Beispiel, dass es sich für erwachsene Frauen eben nicht schickt, dreckig zu werden, Schürfwunden zu haben oder risikoreiche Sportarten zu machen – und sie lieber hübsch aussehen, lächeln und zuschauen sollten.

Ungerechtigkeit im Actionsport betrifft uns alle!

Viele, die doch langsam zur Erkenntnis kommen, dass es "irgendwie" ungerecht zugeht, versuchen dann noch zu beschwichtigen. Da heißt es oft: "Naja, aber das betrifft ja nicht so viele… die paar Frauen, die diese Sportarten machen." Nur, das ist falsch gedacht! Denn Sport und die Rolle der Frau in diesem Kontext prägt auch unser Frauenbild in der Gesellschaft. Gerade Actionsportarten liefern spektakuläre Bilder, die begeistern und Wow-Momente garantieren. Wenn dabei aber immer nur männliche Athleten bewundert werden und Frauen nur das hübsche, dem schlanken, makellosen Schönheitsideal entsprechende Beiwerk sind, ist das nicht nur unfair den Sportlerinnen und deren Fans gegenüber, sondern schlecht für alle Frauen und Mädchen in unserer Gesellschaft.

Ohne weibliche Vorbilder im Skateboarden, BMX oder Downhill Mountainbiken, ziehen Mädchen und Frauen solche Sportarten für sich selber auch nur selten in Erwägung. Sexy "Dosen-Mädchen" und Hostessen zementieren sattdessen Frauenbilder, die eigentlich längst überholt sein sollten. Das bremst die Entwicklung im Frauensport und verhindert ein gleichberechtigtes, modernes Frauenbild.

Ein Bild, in dem es selbstverständlich ist, dass Frauen die gleichen Sportarten genauso professionell und genauso gefördert wie Männer machen können - und weder besonders blond, schlank noch großbusig sein müssen, um wahrgenommen zu werden. Klar, woanders in unserer Gesellschaft steht es vielleicht nicht besser um die Gleichberechtigung – aber gerade Actionsport ist doch sonst so jung, modern, vorne dran und anders? Solange da nichts passiert, hat niemand das Recht zu sagen, Sexismus im Actionsport sei an den Haaren herbeigezogen.

Sendung: Filter, 25.07.2017 - ab 15 Uhr

Podcast: Sexismus im Actionsport – Wie Frauen ihre Möglichkeiten besser nutzen können

Schöne Surferinnen bekommen am meisten Sponsoren, freizügige Skaterinnen den größten Fame: Bei Actionsportlerinnen steht die sportliche Leistung oft nur im Hintergrund. Das hat Einfluss auf unser Frauenbild – und muss sich ändern. Wie, das hört ihr in unserem PULS Spezial.

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