Felisa Walter gewinnt die Lesereihe 2017 "Halt endlich deine Scheißfresse, du Arschloch!"

Fünf brilliante Nachwuchsautoren, ein fettes Rapkonzert von Fatoni, Konfetti und der erste öffentliche Auftritt von Willy Nachdenklich von Nachdenkliche Sprüche mit Bilder. Dieses Lesereihe-Finale wäre besser nicht gegangen.

Von: Jasmin Körber

Stand: 17.02.2017

Wären die letzten zwei Wochen Vorlage für ein Buch, sie wären der größte Actionroman aller Zeiten: die PULS Lesereihe 2017 ist durch vier bayerische Städte (Regensburg, Würzburg, Passau und Nürnberg) gezogen und hat dabei vier talentiere Nachwuchsautoren direkt und einen per Onlinevoting indirekt ins Finale nach München geschickt. Und wie das so ist bei guten Actionstücken: das Finale war fulminant.

Den Anfang beim großen Finale in München macht Manuel Paß – ein geerdeter Typ, der zum Glück auch noch nach seinem Städtesieg in Würzburg auf dem Boden geblieben ist. Sein Text "Heute Morgen" spielt in einer Zukunft, in der wir mit all unseren progressiven Ansichten langsam aber sicher zu reaktionären, grummeligen alten Leuten geworden sind. Eine schlimme Dystopie, die beim Publikum trotzdem - oder gerade deswegen - gut ankommt.

"Halt endlich deine Scheißfresse, du Arschloch!"

In eine ähnliche Kerbe schlägt der zweite Text des Abends: "Vong Ferschibuhng her", vorgetragen von Marinus Seeleitner. Marinus hatte ursprünglich in Passau gelesen, fand seinen Weg ins Finale aber über das Onlinevoting mit der Wildcard, bei dem über 30 Prozent aller Stimmen an ihn gingen. Er selbst hat übrigens nur an die 160 Freunde auf Facebook, weshalb sein Finaleinzug entweder den WhatsApp-Kontakten der Mutter seiner Freundin oder der wirklichen Qualität seines Textes geschuldet ist. Wer Marinus hat vortragen hören, der weiß danach: letzteres.

Auf Marinus folgte dann die Frau, die ihn schon in Passau in die Schranken verwiesen hatte: Felisa Walter. Die studierte Drehbuchautorin arbeitet gerade als Werbetexterin, stolz ist sie aber auf den Titel ihres Textes. Mit Recht: "Halt endlich deine Scheißfresse, du Arschloch!" amüsiert das Finalpublikum, die gnadenlose Ehrlichkeit im Text selbst und Felisas brillanter Vortrag noch viel mehr.

Größter Tiefstapler des Abends

Im Unterschied zu den anderen Städten liest Fatoni in München übrigens nicht am Ende des Abend, sondern kurz vor der ersten Pause – und erweist sich mal wieder als der größte Tiefstapler des Abends, wenn er verkündet, dass er seinen Text ja "eher so mittelmäßig" fände. Findet das Finalpublikum allerdings genauso wenig wie der Rest Bayerns: Fatonis neverending Textprojekt zum Thema "Man wird ja wohl noch..." wird auch in München hart gefeiert. Sein Text läuft aber natürlich außer Konkurrenz, wie immer.

Als nächster Autor liest Thomas Breitung, der auch schon in Nürnberg die Herzen und Stimmen des Publikums mit nach Hause nehmen durfte. Sein Text "trolling, hating" ist eine Superheldengeschichte im uneigentlichen Sinne, mehr sei nicht verraten. Und genau wie in Nürnberg liest ihn Thomas Breitung so gekonnt, dass es einem schon fast kalt den Rücken runterlaufen will. Tut es auch ein bisschen und Thomas wird mit einem dicken Applaus von der Bühne verabschiedet.

Last, but definitely not least: Den offiziellen Teil der Lesereihe 2017 beschließt Raphael Kraut. Der geborene Bielefelder, der vor zwei Wochen Regensburg verzaubert hatte. Er war der Einzige, der sich mit einem sehr eten Text vors Finalpublikum traute. "Heimaturlaub" spielt in einer urdeutschen Spelunke, in der linke und rechte Auffassungen zum Thema "Man wird ja wohl noch..." höchst unangenehm aufeinander treffen. Dafür fetten Respekt!

Willy Nachdenklich: "Serwus, I bims!"

Nach einer kurzen Pause erklangen dann die Worte, auf die viele an diesem Abend gewartet hatten: "Serwus, I bims!" Willy Nachdenklich aka das Mastermind hinter der Facebook-Seite Nachdenkliche Sprüche mit Bilder betritt die Bühne – allerdings immer noch gekonnt anonymisiert. Dass Willy zum ersten Mal überhaupt vor Publikum auftritt – man merkt es kein Stück.

Sein Thema zum Lesereihe-Motto: die Liebe, natürlich. Genauer gesat: die unmögliche Liebe einer AfD-Wählerin aus Bad Wolgertshausen. "Giesla" befindet sich in der Zwickmühle zwischen ihrer grpßen Liebe zu Carlos und AfD-Chef Bernd Höcker. Ein wirklich nachdenklich machender Text, der auch teilweise mit Standing Ovations belohnt wurde. Okay, eigentlich sind drei Mädels in der ersten Reihe kurz aufgesprungen beim Klatschen. Trotzdem. Das zählt.

And the winner is...

Und wie es auf der Lesereihe 2017 mittlerweile quasi schon zur Tradition geworden ist, beschließt Fatoni den Abend dann erst noch mit einer kleinen Aufräumaktion und einem ihm gebührenden, anständigen Stehkonzert.

Kurz vor 23 Uhr sind schließlich alle Stimmen ausgezählt und Moderator Laury verkündet die Siegerin der Lesereihe 2017: Felisa Walter hat das Finalpublikum überzeugt und sich damit eine Schreibworkshop am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, einen Besuch auf der Buchmesse und neverending Fame gesichert. Herzlichen Glückwunsch!

Schlagworte:
fatoni
literatur
PULS lesereihe