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Verhütung Der lange Weg zur Anti-Baby-Pille

Die Idee für eine Verhütung durch Hormone entstand bereits 1919. Doch erst 1960 kam die Pille erstmals auf den Markt - in den USA. Ein Jahr später, am 1. Juni 1961, wurde sie auch in Deutschland verkauft, zuerst ausschließlich an verheiratete Frauen.

Stand: 17.08.2020 | Archiv

Anti-Baby-Pille: Gefährlicher Wandel - Vom Verhütungsmittel zum Lifestyleprodukt: Anti-Baby-Pille | Bild: colourbox.com

Der österreichische Physiologe Ludwig Haberlandt hatte im Tierversuch mit Ratten festgestellt, dass eine bestehende Trächtigkeit der Tiere eine weitere Befruchtung verhindere. Er kam daher auf die Idee, durch die Gabe von Schwangerschaftshormonen Frauen vorübergehend unfruchtbar zu machen.

Tierversuche als Grundlage

Im Tierversuch mit Mäusen war ihm das bereits Mitte der 1920er-Jahre gelungen. Das Problem daran war, die hochkomplexen Sexualhormone des Menschen zu isolieren. Das gelang - als einem der ersten - dem deutschen Chemiker Adolf Butenandt. Er legte nach jahrelangen Versuchen die chemischen Grundlagen für eine Verhütung durch Hormone. 1939 bekam Adolf Butenandt für seine Sexualhormonforschung den Nobelpreis verliehen.

Pharma-Werbung: Schlank und schön durch die Pille

Pille schlucken für die Schönheit? Wohl ein neuer, bedenklicher Trend.

Größere Brüste, schönere Haut, glänzendes Haar - und das alles macht die Anti-Baby-Pille. Das zumindest verspricht manche Werbung der Pharmakonzerne. Und die Schönheit ist mittlerweile ein wichtiges Motiv von jungen Mädchen und Frauen, sich die Pille verschreiben zu lassen, selbst wenn sie sie als Verhütungsmittel nicht brauchen. Ein bedenklicher Trend, finden Pharmakritiker: Es werde von den Konzernen vorgegaukelt, das Hormonpräparat sei ein Kosmetikum, das man für die Schönheit einnimmt. Dabei gibt es bei der Einnahme der Pille auch gesundheitliche Risiken, wie zum Beispiel Gewichtszunahme, Bildung von Blutgerinnseln (Thrombosen bis hin zur lebensgefährlichen Lungenembolie) sowie das Auftreten von Kopfschmerzen, Zwischenblutungen und depressiven Verstimmungen.

Inzwischen gibt es über 50 verschiedene Anti-Baby-Pillen auf dem Markt. Eine bessere Verträglichkeit bieten aber die neuen Präparate nicht, so Arzneimittel-Experte Prof. Dr. Gerd Glaeske. Da die neuen Gestagene der Schönheit dienen sollen, seien sie in vielen Fällen sogar risikoreicher. Bereits 2011 hatte Glaeske im Barmer-GEK-Arzneimittelreport gewarnt, dass die neueren Gestagene wie Desogestrel, Drospirenon und Gestoden ein viel höheres Thrombose-Risiko haben als ältere Gestagene wie zum Beispiel Leovonorgestrel.

Hormonelle Wirkstoffe aus der Yamswurzel

Nach dem Zweiten Weltkrieg galt es, die Hormone künstlich herzustellen. 1951 meldeten der Bostoner Pharmakologe Gregory Pincus und der Chemiker Carl Djerassi, der aus Wien in die USA emigriert war, einen dem weiblichen Sexualhormon Progesteron ähnlichen Stoff als Verhütungsmittel zum Patent an.

Pincus verwendete Substanzen, die aus der tropischen Yams-Wurzel gewonnen wurden. Die klinischen Tests des Verhütungsmittels fanden in Puerto Rico statt - mit großem Erfolg: Von den 100 teilnehmenden Frauen wurden nur 17 innerhalb von neun Monaten schwanger. Schuld waren nachweislich Einnahmefehler.

Pille & Verhütung: Zahlen und Fakten weltweit

Verbrauch

Weltweit nehmen täglich über 100 Millionen Frauen die Pille, das sind circa neun Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter. Deren Anzahl wird insgesamt auf etwas über eine Milliarde geschätzt.

Abtreibung

Nur zwei von drei betroffenen Frauen betreiben bewusst Familienplanung oder können frei darüber bestimmen. Jedes Jahr werden 190 Millionen Frauen schwanger, rund 50 Millionen Frauen entscheiden sich für die Abtreibung.

Afrika

Nur jede vierte Afrikanerin verhütet zur Zeit mit Pille, Monatsspritze oder Kondom: einerseits aus Unkenntnis oder wegen fehlender finanzieller Mitteln, andererseits aus traditionellen Gründen. Viele afrikanische Frauen fürchten, als "wertlos" angesehen zu werden, wenn sie nicht regelmäßig gebären.

Popularität

Nicht überall ist die Pille die Nummer 1 in Sachen Verhütung. In Indien und in den USA ist mittlerweile die Durchtrennung der Eileiter die bevorzugte Methode, ungewollte Schwangerschaften zu verhindern.

Alternativen

Pessare (Diaphragmen), Spiralen und Kondome für die Frau stellen relativ gängige Alternativen zur Pille dar, ihr Gesamtanteil im Hinblick auf die Verhütung beträgt circa 15 Prozent.

Männer

Besonders populär ist die Sterilisierung des Mannes in Thailand, Australien und Neuseeland, insgesamt jedoch trägt diese Methode nur mit drei Prozent zur Verhütung bei.

Quelle: UN-Bevölkerungswerk UNFPA

Auf Initiative einer Frau

Dass der Pharmakologe Gregory Pincus und sein Team sich der Entwicklung eines Verhütungsmittels zuwandte, ist einer Frau zu verdanken - der amerikanischen Krankenschwester Margaret Sanger, die in ihrer täglichen Arbeit unzählige Frauen gesehen hatte, die an den Folgen vieler ungewollter Schwangerschaften oder durch dilettantische Schwangerschaftsabbrüche qualvoll starben.

Sanger wurde eine Kämpferin für die Geburtenkontrolle. Auf einer Dinnerparty Anfang 1951 fragte die Krankenschwester Pincus, was die Entwicklung eines Verhütungsmittels kosten würde. Der schätzte rund 125.000 Dollar. Es wurden letztendlich zwei Millionen Dollar, bis die Anti-Baby-Pille entwickelt war, berichtet das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch in Wien. Das Geld stammte von Katharine McCormick, einer reichen Witwe, die ebenso wie ihre Freundin Margaret Sanger für die Selbstbestimmung der Frau kämpfte.

Sex ohne Furcht

"Enovid", die erste Anti-Baby-Pille, wurde am 9. Mai 1960 als Verhütungsmittel freigegeben und erschien am 18. August 1960 auf dem amerikanischen Markt. Ein knappes Jahr später, am 1. Juni 1961, führte das deutsche Pharma-Unternehmen Schering "Anovlar" auf dem deutschen Markt ein. Die Pille wurde zuerst als Medikament gegen Menstruationsbeschwerden eingesetzt - auf die empfängnisverhütende Wirkung wurde nur beiläufig als "Nebenwirkung" hingewiesen. Das Mittel wurde anfangs auch nur verheirateten Frauen verschrieben.

Paar beim Liebesspiel | Bild: colourbox.com zum Artikel Sexualität im Wandel Von Bienchen, Blümchen - und Pornos

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Die Kirchen und andere gesellschaftliche Institutionen liefen anfangs Sturm gegen das Verhütungsmittel. Papst Paul VI. belegte sie in einer Enzyklika mit dem Bann. Doch zu spät: Die Pille veränderte die Gesellschaft der industrialisierten Nationen. Frauen konnten Sex haben ohne die ständige Furcht, schwanger zu werden. Sexualität und Fruchtbarkeit waren fortan getrennt. Die Pille habe die sexuelle Revolution der 1960er-Jahre erst möglich gemacht. Davon sind Historiker heute überzeugt.

Die Frauen mussten ihre Freiheit erst schätzen lernen: In einer Umfrage des Allensbach-Instituts aus dem Sommer 1963 gaben 47 Prozent der Frauen an, dass die Anti-Baby-Pille in Deutschland nicht erlaubt sein sollte und 64 Prozent der Frauen waren 1968 überzeugt, dass sich durch die Pille die Moral verschlechtere.

Wissenswertes zur Pille

Die Pille in der DDR

Spät, aber kostenlos
In der damaligen DDR hatte man Schwierigkeiten, die Sexualhormone künstlich herzustellen - daher gab es im anderen Teil Deutschlands die Pille erst ab 1965 als sogenannte "Wunschkindpille". Sie wurde in der DDR unter dem Namen "Ovosiston" kostenlos verteilt.

Pille versus Kondom

Verhütungsmittel Nr. 1 neben dem Kondom
47 Prozent der deutschen Frauen verhüten mit der Pille, 46 Prozent der Paare benutzen inzwischen Kondome. Das Kondom als Verhütungsmittel hat die Pille fast eingeholt. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) die im Jahr 2018 wiederholt wurde. Die Zahlen von 2011 zeigten noch einen deutlichen Vorsprung der Pille mit 53 Prozent zu 37 Prozent für das Verhütungsmittel Kondom.

Hormondosierungen

Weiterhin Nebenwirkungen
Weniger Hormone und trotzdem noch Nebenwirkungen: Heute enthalten manche Anti-Baby-Pillen für einen ganzen Zyklus eine Hormondosis, die Frauen in den 1960er-Jahren an einem Tag schlucken mussten. Doch einige Kombinationspräparate der vierten Generation erhöhten das Risiko für Thrombose. Die jeweiligen Wirkstoffe reagieren individuell und werden von Frauen unterschiedlich vertragen.


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