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Vergessen, um zu erinnern Der Spam-Filter des Gehirns

„Das habe ich vergessen!“ Unangenehm, wenn man in einem Gespräch den Namen des Gegenübers nicht mehr parat hat oder einfach seine Schlüssel nicht mehr findet. Eine vermeintliche Fehlleistung im Gehirn? Oder - schlimmer noch - der Beginn eines schleichenden geistigen Verfalls? Weit gefehlt. Vergessen ist ein wichtiger, sogar essentieller Prozess, der von unserem Hirn aktiv gesteuert wird. Anders wären die fortlaufenden Veränderungen und die enormen Informationsmengen, die ständig auf uns einströmen, nicht organisierbar.

Von: Prisca Straub, Ortrun Huber

Stand: 01.07.2021

Informationen nimmt unser Gehirn über die Sinne auf: Wir sehen, wir riechen, wir fühlen, wir schmecken – und das ununterbrochen. Da sich unser Gedächtnis aber damit schwer tut, große Informationsmengen abzurufen und da sich – quasi obenauf - unsere Umwelt ständig verändert, speichert das Gehirn neue Informationen ab, indem es alte, nicht mehr gebrauchte Informationen überschreibt.

Vergessen bedeutet Komplexitätsreduktion

Sobald ein ähnlicher Sinneseindruck einem bereits bekannten folgt, wird der alte gelöscht. Vergessen ist also keine Lücke in der Wahrnehmung, sondern der aktive Versuch die Komplexität der Realität um uns herum zu reduzieren, indem veraltete oder irrelevante Dinge nicht mehr zugänglich gemacht werden, erklärt Karl-Heinz Bäuml, Professor am Lehrstuhl für Entwicklungs- und Kognitionspsychologie der Universität Regensburg.  

"Das ist ein bisschen so, wie wenn Sie ein Buch suchen aus einer Bibliothek - einer größeren Bibliothek versus eine kleine Bibliothek. Die Chance, dass Sie das Buch finden ist in einer kleinen Bibliothek größer. Und vor allen Dingen können Sie das Buch auch meist schneller finden. Und so ähnlich ist es auch mit unserem Gedächtnis."

Karl-Heinz Bäuml, Professor am Lehrstuhl für Entwicklungs- und Kognitionspsychologie der Universität Regensburg.  

Vergessen hilft Informationen zu filtern

Vergessen bedeutet, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, abstrakt denken und Probleme lösen zu können. Da sich das Gehirn schwer tut, mit großen Informationsmengen umzugehen, nutzen wir das Vergessen als Spam-Filter unseres Gehirns. Ein Filter, der allerdings nicht immer fehlerlos funktioniert – deshalb finden wir Schüssel nicht wieder oder vergessen Namen.

Vergessen und Erinnern greifen ineinander

Wo steht mein Rad? Um den Drahtesel aktuell zu finden, muss das Gehirn vergessen, wo das Fahrrad vor drei Wochen stand.

Mit einer Demenz, also einer möglichen Erkrankung des Gehirns, hat das allerdings gar nichts zu tun. Was auch daran zu erkennen ist, dass die neurobiologischen Mechanismen für Erinnern und Vergessen perfekt ineinander greifen. Wer sich daran erinnert, wo er zuletzt sein Fahrrad abgestellt hat, und vor allem, welche Form das Rad hat und welche Farbe, kann getrost vergessen, wo der Stellplatz des Rades vor drei Wochen war. Das hilft uns, den Überblick in unserem Leben zu behalten, sagt Martin Korte, Hirnforscher und Professor für zelluläre Neurobiologe am Zoologischen Institut der Technischen Universität Braunschweig.

"Die Speicherkapazitäten (unseres Gehirns) per se sind riesig. Aber wenn uns in jedem Moment unseres Lebens zu einem Ereignis alles einfallen würde, was wir je damit in Verbindung bringen würden, dann wären wir nicht handlungsfähig."

Martin Korte, Hirnforscher und Professor für zelluläre Neurobiologe am Zoologischen Institut der Technischen Universität Braunschweig.

Das Gehirn als Datenbank

Somit wird aus dem gigantischen Datenaufkommen, das in unser Gehirn strömt, eine gut handhabbare Datenbank, die sich in ihrer Struktur ständig verändert. Dabei ist das Gedächtnis nicht in erster Linie eine Bibliothek oder ein Speicher, sondern dient als Entscheidungshilfe, bei der zu viele Detailinformationen sogar hinderlich sein können, erklärt Emrah Düzel, Professor für Klinische Neurophysiologie und Gedächtnis am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen.

Das Gedächtnis nehme eine kontextabhängige Auslese vor, damit die relevanten Informationen nicht nur abgespeichert, sondern auch extrem schnell auffindbar sind. Das ist wichtig, um im Alltag schnelle Entscheidungen auf der Basis unserer Erlebnisse und Erfahrungen treffen zu können.

"Vergessen ist, etwas, was uns von unserer Vergangenheit löst und uns überhaupt ermöglicht, als Organismus in die Zukunft zu denken und in der Zukunft Dinge zu suchen, die für uns relevant sind."

Emrah Düzel, Professor für Klinische Neurophysiologie und Gedächtnis am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen.

Vergessen kommt von „nicht erreichen“

Wer heutzutage von Vergessen spricht, meint damit entweder er oder sie habe "etwas aus dem Gedächtnis verloren". Oder es bedeutet, man habe "nicht mehr an etwas gedacht". Betrachtet man die Herkunft des Wortes "Vergessen", so gelangt man zum germanischen "get", das so viel wie "erreichen", "fassen", "ergreifen" bedeutet. Durch die vorsilbe "ver" wird es ins Gegenteil verkehrt, so entstand aus "ver-get" im Mittelhochdeutschen "vergezzen". Tatsächlich heißt "vergessen" also "nicht erreichen", "nicht fassen", "nicht ergreifen".

Gedächtnisstützen können helfen, zu erinnern, was im Gehirn "nicht mehr greifbar" ist.

Diese Wortspielereien sind dann interessant, wenn man Menschen betrachtet, die tatsächlich nicht vergessen können. Sie "erreichen", "fassen" und "ergreifen" in jedem Moment ihres Lebens alles, was auf sie einströmt. Was als großer Vorteil erscheint, etwa, wenn man sich jedes Wort eines gelesenen Buches merken kann, so hat diese Supergedächtnis tatsächlich verheerende Auswirkungen. Denn Menschen, die jeden Tag ihres Lebens angeben können, was sie gegessen, erlebt oder mit wem sie gesprochen haben, stehen vor großen Problemen.

"Sie geben selber an, dass sie in diesen Erinnerungsketten gefangen sind und dass sie sich überhaupt nicht mehr in der Lage fühlen, normal zu leben."

Emrah Düzel, Professor für Klinische Neurophysiologie und Gedächtnis am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen

Bedeutet vergessen löschen?

Bleibt die Frage, wie viel wir vergessen? Sind aussortierte Informationen tatsächlich für immer gelöscht. Oder sind Gedächtnisinhalte wieder reaktivierbar? Die Forschung ist sich da nicht einig, sagt Psychologe Karl-Heinz Bäuml. Vermutlich gebe es Gedächtnisinhalte, die im Laufe der Zeit mehr oder weniger komplett verschwänden.

"Aber der allermeiste Teil von dem, was wir meinen, dass wir eigentlich vergessen haben, verschwindet nicht von der Festplatte. Sondern es ist ganz einfach so, dass wir jeweils im dem Moment, wo wir versuchen, etwas zu erinnern, einfach nicht die richtigen Schlüsselreize haben."

Karl-Heinz Bäuml, Professor am Lehrstuhl für Entwicklungs- und Kognitionspsychologie der Universität Regensburg.  

Auf den Kontext kommt es an

Sinneseindrücke wie ein Geruch, eine Farbe oder eine Melodie können lange verschüttet geglaubte Erinnerungen wieder ans Licht holen. Assoziationen reaktivieren dann lange inaktive synaptischer Verbindungen und graben so verloren geglaubte Gedächtnisinhalte regelrecht wieder aus.

Wer also die Katze auf dem Sofa schlafen sieht, assoziiert damit vielleicht den Katzenanhänger am Schlüsselbund – und erinnert sich schließlich auf diese Weise, wo die Schlüssel geblieben sind.


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