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Juri Gagarin Juri Gagarin, am 12. April 1961 der erste Mensch im All

108 Minuten machten Juri Gagarin zur Legende: Am 12. April 1961 flog der Kosmonaut als erster Mensch in den Weltraum. Er umrundete die Erde und schrieb Weltraumgeschichte - auch, weil er dabei zahlreiche Pannen überlebte.

Stand: 08.04.2021 | Archiv

Am 12. April 1961 treffen Anna Tachtarowa und ihre sechsjährige Enkelin Rita in der Nähe des Dorfes Smelowka, unweit der Stadt Engels, auf einen Außerirdischen. Er trägt einen orangefarbenen Raumanzug, sein Kopf steckt in einem klobigen weißen Helm. Langsam und etwas unbeholfen kommt er auf sie zu. Die beiden wollen schon weglaufen, da nimmt die Gestalt den Helm ab und ruft: "Ich bin ein Freund, Genossen, ich bin ein Freund!" Wenige Sekunden später kommen Raumfahrt-Techniker angerannt. Sie begrüßen den Mann, der als erster Mensch in den Weltraum geflogen war: Juri Alexejewitsch Gagarin.

"Alles war geheim. Ich dachte, er wäre ein Testpilot."

Tamara Filatowa, Nichte von Juri Gagarin, in der russischen Zeitung 'Komsomolskaja Prawda'

Juri Gagarins Kapsel: "Nicht entfernen!"

12. April: Tag der bemannten Raumfahrt

Am 12. April 1961 flog Juri Gagarin als erster Mensch überhaupt ins All. Um an dieses bedeutende Ereignis zu erinnern, ernannten die Vereinten Nationen 2011 den 12. April zum Internationalen Tag der bemannten Raumfahrt. Russland feiert den 12. April bereits seit 1961 zu Ehren Juri Gagarins als Tag der Kosmonauten.

Seiner Mutter erzählte Gagarin, er wolle auf eine lange Reise gehen. Als sie dann im Radio von seinem Flug ins All hörte, machte sie sich umgehend mit dem Zug auf den Weg nach Moskau - in Hausrock und Hausschuhen. 108 Minuten dauerte Juri Gagarins Flug am 12. April 1961 um die Erde. Dass der erste Mensch im All bei seiner Rückkehr vor einer Waldarbeiterin landet, das war so nicht vorgesehen. Doch die sowjetischen Ingenieure hatten sich beim vorgesehenen Landeplatz gründlich verrechnet. Beim Landeanflug betätigte Gagarin zudem aus Sicherheitsgründen in sieben Kilometer Höhe den Schleudersitz und flog mit dem Fallschirm zur Erde. Die Kapsel landete hingegen - ziemlich hart - vier Kilometer weit von Gagarins Landeplatz. An diesem wurde sofort ein Schild aufgestellt. Darauf stand nur: "Nicht entfernen! 12.4.1961 10:55 Uhr". Die Behörden wollten sicher gehen, dass ein späteres Denkmal auch wirklich an der echten Landestelle errichtet wird.

Juri Gagarin legt eine steile Karriere hin

Sein Flug machte den rund 1,60 Meter großen Gagarin zum sozialistischen Vorzeigehelden und zum "ersten Popstar des Ostblocks". Anfangs hatte nichts darauf hingedeutet, dass Juri Gagarin der erste Mensch im Weltraum werden könnte. Am 9. März 1934 kam er in dem Dorf Kluschino, rund 180 Kilometer westlich von Moskau, zur Welt. Sein Vater war Tischler. 1951 zog Gagarin in die Hauptstadt und machte eine Ausbildung zum Gießer.

Juri Gagarin wird Kampfpilot

Juri Gagarin nach einem Trainingsflug

1955 ging Gagarin zur Armee und ließ sich dort zum Kampfpiloten ausbilden. Fünf Jahre später war er Kampfjetflieger und damit ein idealer Kandidat für das ehrgeizige Raumfahrtprogramm des Landes. Der damals 27-Jährige habe mit exzellenten Testergebnissen gepunktet und die Verantwortlichen mit seinem sanften und respektvollen Auftreten für sich eingenommen. Der Legende nach beeindruckte Gagarin damit, dass er sich die Schuhe auszog, bevor er das erste Mal die Raumkapsel betrat. In Russland gehört sich das, wenn man ein Wohnhaus betritt. Aus Tausenden von Kandidaten wurde Juri Gagarin 1960 für das waghalsige Vorhaben eines Weltraumflugs ausgewählt.

Juri Gagarin: "der erste Mensch oder der letzte Hund im All?"

Gagarin trainierte hart für seinen geheimen Flug, aber durchaus mit Humor: "Ich weiß nicht, wer ich bin: der erste Mensch oder der letzte Hund im Weltall", sagte er über seine Ausbildung, die nur rund ein Jahr lang dauerte. Vor ihm hatte Moskau mehrere Hunde ins All geschickt. Am 12. April 1961 war er dran: Juri Gagarin sollte der erste Mensch sein, der in den Weltraum fliegt.

Juri Gagarin legt eine legendäre Pinkelpause ein

Juri Gagarin begründet eine ganz eigene Tradition: an den Bus pinkeln.

Der Busfahrer, der Juri Gagarin zur Startrampe brachte, musste jedoch noch einmal anhalten: Gagarin wollte noch einmal austreten. Seine Notdurft verrichtete der Kosmonaut an einem Hinterreifen des Busses. Das Pinkeln an den Reifen - in abgewandelter Form das Träufeln von Urin aus einem Fläschen an den Reifen - wurde Brauch bei Raumfahrern und Raumfahrerinnen, die von Baikonur aus ins Weltall starten. Es soll ihnen Glück bringen.

Auf geht's: Juri Gagarin umrundet in 108 Minuten die Erde

Den Start der Rakete vom Weltraumbahnhof im kasachischen Baikonur kommentierte Gagarin kurz und prägnant mit: "Pojechali!" ("Auf geht's!"). Bis heute ist diese Redewendung Kult. Nach dem Lift-Off war von ihm noch ein unaufgeregtes "Wir sind abgefahren" zu hören. In der Kapsel "Wostok-1" umrundete Juri Gagarin in 108 Minuten die Erde. Mit Blick auf die Erde prägte er den Begriff vom "Blauen Planeten" - und kehrte zwar etwas holprig, aber immerhin lebendig, zurück.

Juri Gagarin erlebt als erster Mensch Pannen im Weltraum

Juri Gagarin hatte unfassbares Glück: Bei seinem Flug ereigneten sich einige Pannen, die ihn auch das Leben kosten hätten können. Seine "Wostok-1" umkreiste die Erde in einem höheren Orbit als geplant. Das Bremssystem der Raumfähre brachte sie wieder auf Kurs, ansonsten hätte Gagarin mehr als zehn Tage lang im All verbringen müssen. Dafür hätten seine Lebenmittelvorräte aber nicht gereicht. Auch der Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verlief nicht reibungslos, weil sich die Landekapsel nicht ordnungsgemäß vom Raumschiff trennte und ins Trudeln geriet. "Genossen, ich brenne", war das Letzte, was Juri Gagarin der Bodenstation "Morgenröte 1" noch mitteilen konnte. Letztlich dockte die Landekapsel nur deshalb ab, weil die nicht abgetrennten Verbindungskabel durchbrannten. Kurz darauf löste Gagarin in rund 7.000 Metern Höhe den Schleudersitz aus und schwebte am Fallschirm gen Boden. Doch auch hier gab es ein Problem: Ein Fallschirm löste sich und verhedderte sich nur durch Glück nicht im Hauptfallschirm. Spätestens dieses Unglück hätte Juri Gagarins Ende bedeutet. Er selbst hatte dies nicht ausgeschlossen und seiner Frau vor seinem Abflug einen Abschiedsbrief hinterlassen.

"Ich habe ehrlich gelebt und zum Nutzen der Menschen - auch, wenn dieser Nutzen klein war."

Juri Gagarin 1961 in seinem Abschiedsbrief an seine Frau Valentina.

Juri Gagarin als "Botschafter des Friedens" bei der Queen

Juri Gagarin reiste nach seinem historischen Flug als "Botschafter des Friedens" um die Welt. Für die Staatspropaganda war er als Idealbild eines gewöhnlichen Bürgers aus einer Arbeiterfamilie ein Glücksgriff. Sein Charme und seine Spontaneität zeigten selbst bei der Königin von England Wirkung. "Ich kann zwar um die Erde fliegen, aber mit dem Besteck kenne ich mich nicht aus", sagte er beim Empfang der Queen. Diese raunte ihm zu: "Ich bin in diesem Palast geboren worden. Und sogar ich komme immer noch durcheinander."

"Juri Gagarin war ungewöhnlich, mitreißend und zugleich einer von uns. Und er hatte dieses geniale Lächeln."

Wjatscheslaw Klimentow, Vizeleiter des Raumfahrtmuseums in Moskau

Kosmonaut Gagarin fällt mit Chruschtschow

Juri Gagarin 1961 mit Chruschtschow und Breschnew

1964 kam es in der Sowjetunion zum Machtwechsel: Gagarins Förderer Chruschtschow wurde abgesetzt. Mit einem Schlag verlor Juri Gagarin alle seine politischen Kontakte. Chruschtschow hatte seinen ersten Kosmonauten immer als Friedensbotschafter inszeniert. Unter Breschnew dagegen fing das Wettrüsten wieder an. Für Gagarin hatte er keine Verwendung.

Juri Gagarin will erneut ins All

Gagarin wollte es nun noch einmal allen zeigen. Er bewarb sich für neue Weltraummissionen. Daraus wurde zwar nichts, aber er hatte Erfolg als Kosmonautenausbilder. Am 27. März 1968 jedoch stürzte Juri Gagarin beim Testflug mit einem MiG-15-Kampfjet gemeinsam mit seinem Kollegen Wladimir Serjogin bei Moskau ab.

Was steckt hinter dem Absturz von Juri Gagarin?

Juri Gagarin wurde an der Kremlmauer in Moskau bestattet.

War es ein Pilotenfehler, eine technische Panne oder gar Sabotage? Um die Ursache des Absturzes ranken sich noch immer Gerüchte. "Ich würde ihn als aufgeklärt betrachten", sagt Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut in Moskau. Mangelnde Flugerfahrung, schlechtes Wetter und nicht eingehaltene Sicherheitsstandards hätten zum Zusammenstoß mit einem Wetterballon geführt. Gagarins Urne wurde bei einem Staatsbegräbnis an der Kremlmauer in Moskau beigesetzt. Sein früher Unfalltod machte Juri Gagarin endgültig zur Legende. So wurde beispielsweise seine Heimatstadt Gschatsk in Gagarin umbenannt und auf dem Mond trägt heute ein riesiger Krater seinen Namen.

"In jedem heutigen Raumfahrer steckt etwas, das an Juri Gagarin erinnert."

Wjatscheslaw Klimentow, Vizeleiter des Raumfahrtmuseums in Moskau

Nicht nur Juri Gagarin: Die ersten Tiere und Menschen im All

  • Kosmonauten - Wie Russland den Wettlauf ins All gewann (2/2): 20.02.21, 21.05 Uhr, ARD-alpha.
  • Kosmonauten - Wie Russland den Wettlauf ins All gewann (1/2): 20.02.21, 20.15 Uhr, ARD-alpha.
  • Der Weg ins All: 19.02.2021 Uhr, 21.25 Uhr, ARD-alpha.
  • Juri Gagarin: 27.03.2018, 06.05 Uhr, radioWelt, Bayern 2.
  • Die Gagarin-Story - "Kosmonauten-Kult": 03.06.2017, 20.15 Uhr, ARD-alpha.
  • Riskante Missionen - wie Menschen den Weltraum eroberten: 08.09.2016, 15.00 Uhr, ARD-alpha.
  • Juri Gagarin - Kosmonaut und Popstar: 07.03.2014, 9.05 Uhr, radioWissen, Bayern 2.

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