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Sozialverhalten Warum Gähnen ansteckend ist

Wenn jemand in unserer Umgebung gähnt, regt sich auch bei uns bald der Drang, den Mund ganz weit zu öffnen. Forscher haben herausgefunden: Es hängt von unseren Gefühlen ab, wie leicht wir uns vom Gähnen anstecken lassen.

Stand: 02.07.2018

Gähnende Prinzessin Alexia der Niederlande | Bild: picture-alliance/dpa

Erst werden die Augen ganz fest zusammengekniffen, dann der Mund ganz weit aufgerissen - und dann wird herzhaft gegähnt. Einer macht's vor, die anderen machen's nach, oder? Forscher der Universität Pisa haben untersucht, ob Gähnen tatsächlich ansteckend ist. Dazu beobachteten die Wissenschaftler Elisabetta Palagi und Ivan Norscia über ein Jahr lang 109 Erwachsene aus Europa, Nordamerika, Asien und Afrika in ihrem gewohnten Umfeld. 480 Aktionen werteten die Forscher schließlich ganz genau aus.

Gähnen mit Gefühl

Die Ergebnisse ihrer Studie veröffentlichten sie im Jahr 2011. Gähnen ist ansteckend, aber wie: Am häufigsten ließen sich die Untersuchungsteilnehmer innerhalb ihrer Familie vom Gähnen anstecken, danach folgten Freunde, dann Bekannte. Erst ganz zum Schluss reagierten sie auf das Gähnen von Fremden damit, es diesen gleichzutun. Auch Nationalität, Geschlecht und die jeweilige Situation spielten immer eine deutlich geringere Rolle als die emotionale Nähe zum Gähnenden. Sie löst nach Ansicht der Forscher die unbewusste Nachahmung aus.

Nachahmen mit Empathie

Der Nachahmer-Effekt funktioniert aber nur, wenn die Empathie - die Fähigkeit, Gefühlsregungen anderer Menschen zu erkennen und darauf zu reagieren - bei einem Menschen ausgeprägt ist. Im Gehirn sind dafür unter anderem die sogenannten Spiegelneuronen zuständig. Kleine Kinder können sich nur in geringem Maß in andere Menschen hineinversetzen. Auch Menschen mit Störungen wie Autismus reagieren nicht oder nur eingeschränkt auf ihr Gegenüber. Sich vom Gähnen anstecken zu lassen ist also ein Zeichen von Empathie. Ohne diese könnten komplexe Gesellschaften nicht funktionieren.

Wir gähnen 250.000 Mal im Leben

Ansonsten gibt es nur wenig wissenschaftliche Studien über das Gähnen. Dabei gähnen wir alle fünf bis zehn Mal am Tag, also 240.000 bis 250.000 Mal im Laufe unseres Lebens. Mensch und Tier gähnen spontan am häufigsten morgens nach dem Aufwachen und abends vor dem Schlafengehen. Menschliche Föten gähnen schon im Mutterleib ab der elften Schwangerschaftswoche.

Gähnen - tierisch ansteckend

Schimpansen machen es Menschen ...

Auch Schimpansen gähnen genüsslich mit, wenn's ihnen der Mensch vormacht. Der Verhaltensforscher Frans de Waal und sein Kollege Matthew Campbell spielten den Tieren Videos von gähnenden Menschen vor. Einige der Menschen kannten die Schimpansen bereits, andere hatten sie noch nie zuvor gesehen. Sowohl von den vertrauten als auch von den unbekannten Menschen ließen sich die Tiere zum Maulaufreißen und Augenzukneifen verführen. Aus Empathie, schlussfolgerten die Forscher im März 2014.

... und anderen Freunden nach

Zum Mitgähnen aus Mitgefühl müssten die Schimpansen gar nicht jedes Individuum kennen. Es reiche, wenn es einer Art angehöre, mit der die Tiere bereits positive Erfahrungen gemacht haben. Videos von gähnenden Blutbrustpavianen ließen die Schimpansen nämlich kalt - weil ihnen diese Art völlig unbekannt war. In früheren Studien hatten de Waal und Campbell gezeigt, dass sich Schimpansen auch vom Gähnen anderer Schimpansen anstecken lassen, aber nur, wenn diese zu ihrer sozialen Gruppe gehören. In freier Natur begegnen sich fremde Schimpansen schließlich feindselig.

Alphamännchen gähnen häufiger

Bei Affen hängt das Gähnen zusätzlich vom Testosteronspiegel ab, fand der amerikanische Forscher Robert Goy heraus. Bei einem Vergleich zwischen Männchen und Weibchen und zwischen Jung und Alt zeigte sich: Am häufigsten gähnen die älteren Männchen, allen voran die Alphamännchen. Als der Wissenschaftler Affenmännchen kastrieren ließ, sank ihre Gähnfrequenz drastisch. Nach einer Testosteronspritze gähnten sie allerdings wieder häufiger. Auf den Menschen ist das aber nicht übertragbar: Männer und Frauen gähnen gleich oft.

Auch Hunde und sogar Schlangen gähnen

Ein japanischer Forscher gähnte Hunden etwas vor. Daraufhin gähnten 72 Prozent seiner vierbeinigen Versuchsteilnehmer mit.

Inzwischen gilt als erwiesen: Das Gähnen kam in der Frühzeit der Evolution auf, denn selbst Schlangen tun es. Diese Reptilien gibt es schon seit mehr als 90 Millionen Jahren.

Gähnen im Wolfsrudel steckt an

Lange sind Forscher davon ausgegangen, dass das Gähnen bei Hunden mit ihrer Nähe zum Menschen zusammenhängt. Doch eine Studie von Forschern der Universität Tokio, veröffentlicht im August 2014, zeigt: Auch Wölfe lassen sich vom Gähnen anstecken.
Fünf Monate lang wurde ein Rudel mit zwölf Tieren in einem Gehege eines Zoos beobachtet und gefilmt. Die Auswertung der Bilder erbrachte, dass das Gähnen umso ausgeprägter war, je näher die Tiere sich sozial standen. Gähnen ist für die Wissenschaftler ein Zeichen der Empathie und diese Fähigkeit war bisher nur den Menschen und Menschenaffen zugesprochen worden.

Nutzt Gähnen dem Einzelnen oder der Gruppe?

Warum wir gähnen, ist bis heute nicht ganz geklärt. Zur Ursache gibt es zwei Gruppen von Hypothesen: Die eine Gruppe geht davon aus, dass das Gähnen eine individuelle Körperfunktion oder einen Körperzustand reguliert. Die andere Gruppe von Hypothesen nimmt an, dass das Gähnen eine Funktion in der sozialen Gruppe hat. Theoretisch können aber auch beide Funktionen gemeinsam auftreten.

Druckausgleich und Kühlung fürs Gehirn

Die Hypothese, Gähnen beliefere das Hirn mit einer Extradosis Sauerstoff, verwerfen Wissenschaftler heute genauso wie die Annahme, das Gähnen diene zum Druckausgleich im Innenohr. Skeptisch bleiben viele Gähnexperten auch bei der Hypothese amerikanischer Wissenschaftler, wonach Gähnen das überhitzte Gehirn abkühlt. Vieles spricht hingegen dafür, dass Gähnen eine soziale Funktion hat, wie es auch die Studie aus Pisa belegt.


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