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Wald der Zukunft Suche nach klima- und schädlingsresistenten Bäumen

Der Wald von morgen ist für Förster und Waldpfleger eine echte Herausforderung: Welche Bäume können steigenden Temperaturen, heftigen Stürmen, längeren Trockenperioden und neuen Schädlingen und Krankheiten trotzen? Um das herauszufinden, werden neue Baumarten getestet.

Stand: 15.07.2019

Forstexperten und Waldbauern sind sich einig darüber, dass der Wald umgebaut werden muss, soll er mit den Folgen des Klimawandels zurechtkommen. Bis Ende des Jahrhunderts wird in Bayern mit einem Anstieg der Jahresmitteltemperatur um mindestens zwei Grad Celsius gerechnet. Gleichzeitig sollen die Sommerregen geringer ausfallen, im Norden Bayerns soll es weniger regen, im Süden dafür häufiger Starkregen geben. Bisher sind 41,8 Prozent des deutschen Waldes mit Fichten besetzt, doch ihnen geben die Experten wenig Chancen bei diesen Aussichten. Wie anfällig sie bei extremer werdenden Bedingungen sind, zeigten die massiven Schäden durch Orkan Kyrill im Jahr 2007. Damals wurden bundesweit Fichtenwälder im Wert von mehreren Milliarden Euro zerstört.

Mischwald als Hoffnung

Nach Kyrill wurde beim Aufforsten verstärkt auf Bäume gesetzt, die tiefe Wuzeln schlagen. Experten setzen ihre Hoffnung auf eine gesunde Mischung an Laub- und Nadelhölzern. So wurden im thüringischen Staatsforst nach Kyrill aus reinen Nadelholzbeständen Mischwälder mit 20 Prozent Laubbäumen. "Für den Aufbau klimadynamischer Wälder sind zwei bis drei Hauptbaumarten und vielleicht drei bis fünf Nebenbaumarten notwendig", so Eberhard Freiherr von Wrede, Vorstandsmitglied des Waldbauernverbandes Nordrhein-Westfalen. "Ein klimastabiler Mischwald sorgt ja auch für Biodiversität und lockt andere Pflanzen und andere Vögel an", ergänzt er. "Das muss man auch positiv sehen."

Zukunftsbaum Esskastanie?

Doch welche Bäume sind geeignet und bringen dennoch wirtschaftlichen Nutzen? Und für welchen Standort? Einer der Bäume, der als Zukunftskandidat gehandelt wird, ist die Edel- oder Esskastanie, der Baum des Jahres 2018. Eigentlich kommt er aus dem Mittelmeerraum und ist in Deutschland bisher nicht stark vertreten. Aber die Esskastanie kommt mit steigenden Temperaturen gut zurecht. Dafür mögen Gallwespen ihre Blätter und Knospen und schädigen so die Früchte. Zudem gilt der Baum als spätfrostempfindlich. Klimaresistent alleine kann deshalb nicht das einzige Kriterium sein.

Der Wald der Zukunft: mehr Laubbäume, weniger Nadelbäume

Weil Laubbäume besser mit Wassermangel zurechtkommen als Nadelbäume, werden Förster in Deutschlands Wäldern künftig auch mehr Laubbäume anpflanzen. Zu diesem Ergebnis kamen Forstexperten bei der Auswertung von Daten, die sie unter anderem an den 19 bayerischen Waldklima-Stationen und bei verschiedenen Anbauversuchen gesammelt haben. Herauskam bei der Auswertung der Daten zudem, dass im Wald der Zukunft auch Arten stehen werden, die man derzeit noch eher im Park oder am Stadtrand findet. "Dazu zählt die Esskastanie, die Flaumeiche, die Robinie, die Roteiche [und] die Wildkirsche", sagte Hans Joachim Klemmt, Leiter der Abteilung Boden und Klima der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft. Aber nicht nur durch die Anpflanzung von Laubbäumen wird der Wald der Zukunft anders aussehen als heute. Im Bayerischen Wald beispielsweise soll es künftig mehr Tannen als Fichten geben, weil Tannen mit ihren tieferen Wurzeln besser an Wasservorräte herankommen, so die Prognose der Fachleute.

Können Bäume der Trockenheit trotzen?

Anstatt neue Bäume in Wäldern anzupflanzen, könnte ein zweiter Ansatz für den Wald der Zukunft sein, dass sich Bäume an die Trockenheit gewöhnen und so überleben. Kann das überhaupt funktionieren? Dieser Frage gingen Mitarbeiter des Johann Heinrich von Thünen-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei, nach. Für ihr Experiment bekamen die Versuchsbäume von Mai bis September gar kein Wasser. Heraus kam einerseits, dass die Bäume schon früh ihre Blätter abwarfen, aber im feuchten Herbst nochmal austrieben. Des Weiteren konnten die Forscher Folgendes feststellen: "Im dritten Jahr haben wir gesehen, dass deutlich weniger Blätter am Baum waren und die auch kleiner waren. Das heißt also, der Baum konnte mit dem vorhandenen Wasser länger auskommen. Das würde ich schon als Anpassungsprozess bezeichnen an die trockenen Bedingungen der Vorjahre", beschreibt Jürgen Müller, ehemaliger Leiter Arbeitsbereich Waldökologie und Biodiversität am Thünen-Institut, seine Beobachtungen.

Der Wald der Zukunft - mit heimischen Baumarten, aber aus anderen Herkunftsregionen

In einem weiteren Experiment ermittelten die Forscher des Thünen-Instituts, inwieweit die Feinwurzeln - das entscheidende Organ der Pflanzen für Wasser- und Nährstoff-Versorgung - auf Trockenheit reagieren. Hier konnten die Experten feststellen, dass die polnische Buche gegenüber der deutschen Buche in Sachen Wasserspeicherung deutlich im Vorteil ist. Weil die polnische Buche deutlich mehr Feinwurzeln ausbilden kann, so das Ergebnis des Experiments, kann sie aus dem Boden viel mehr Wasser ausschöpfen als die deutsche Buche. Das Problem ist nur: Deutsche Wälder dürfen nur mit Saatgut aus derselben Region aufgeforstet werden. Das ist bisher so vorgeschrieben. Um polnische Buchen mit mehr Wasserspeicherkapazität hier anpflanzen zu dürfen, müsste diese Regelung also geändert werden.

Baumverteilung in Bayerns Wäldern

Aufgrund der Geschichte des Waldes ist heute die Fichte die Baumart, die auf der Waldfläche Bayerns mit Abstand am häufigsten wächst. Alle Laubbäume dagegen bewachsen etwa ein Viertel der Waldfläche. Laut der Waldflächenbilanz 2018 verteilen sich die Baumarten wie folgt: 41,8 Prozent Fichten, 17,1 Prozent Kiefern, 2,4 Prozent Tannen, 2,1 Prozent Lärchen sowie 0,8 Prozent Douglasien. Von den Laubbäumen ist die Buche mit 13,9 Prozent vertreten, die Eiche mit 6,8 Prozent. Alle sonstigen bei uns wachsenden Laubbäume kommen auf 15 Prozent.

Für den Wald der Zukunft: Gastbaumarten im Test

Um passende Waldbäume der Zukunft für unterschiedliche Standorte in Bayern zu finden, beteiligt sich die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft seit September 2012 an langfristigen Versuchsanpflanzungen mit Gastbaumarten. Projektpartner sind unter anderem die Universität Bodenkultur Wien, die TU München, die Universität Bayreuth und die Eidgenössische Forschungsanstalt in Birmensdorf.

Baum-Versuchsflächen in Ober- und Unterfranken

Libanonzedern werden als mögliche Bäume für den Wald der Zukunft getestet

An fünf Standorten in Deutschland, Österreich und der Schweiz werden sechs Gastbaumarten auf ihre Tauglichkeit getestet: die Orientbuche (Fagus orientalis), die Silberlinde (Tilia tomentosa), die Bornmüllerstanne (Abies bornmuelleriana), die Hemlocktanne (Tsuga heterophylla), die Libanonzeder (Cedrus libani) und der Riesenlebensbaum (Thuja plicata), der aus den Redwood-Wäldern Kaliforniens bekannt ist. Als Referenzbaum wurde die heimische Stieleiche (Quercus robur) gepflanzt. Die beiden bayerischen Versuchsflächen sind bei Schmellendorf in Oberfranken und dem unterfränkischen Großostheim zu finden.

Pro Art wurden je 867 Bäume angepflanzt. Nun soll über einen längeren Zeitraum herausgefunden werden, wie sich die Bäume bei uns entwickeln, aber auch, wie sie den Boden und die Luft beeinflussen und ob sie von unserer heimischen Flora und Fauna angenommen werden.

Drei-Filter-Verfahren für die neuen Waldbäume

Gastbaumarten für Bayern gesucht

In einem Artikel erklären die Experten der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft ihr Vorgehen bei der Suche nach neuen Gastbaumarten.

Um überhaupt Baumarten zu finden, die für unser derzeitiges Klima und das der Zukunft geeignet sind, haben die Forstwissenschaftler ein Drei-Filter-Verfahren angewandt: Zunächst suchten sie anhand von Daten weltweit nach Regionen, in denen klimatische Bedingungen wie in Gebieten Bayerns vorherrschen und Regionen, in denen zugleich die zukünftig prognostizierten Klimaverhältnisse, vorherrschen. Besonders interessant für die Forscher waren dabei Gebiete, "in denen sich die aktuellen, aber auch die zukünftigen bayerischen Klimabedingungen in enger räumlicher Nachbarschaft wiederfinden", so die Forstexperten. Waren diese Regionen gefunden, wurde der dort heimische Baumbestand in die Auswahl aufgenommen. Ein Beispiel: Mit Unterfranken ist die türkische Schwarzmeerküste vergleichbar und die dort heimischen Baumarten sind mögliche Kandidaten für die nordbayerische Region.

Klima-, Nutzwert-, Anbau-Filter

Nach diesem "Klima-Filter" wurde mit einem "Nutzwert-Filter" überprüft, welche forstwirtschaftliche Bedeutung diese Bäume haben, also welchen Ertrag sie liefern, ob sie Invasionspotenzial haben und welche Schutzfunktion innerhalb des Waldes ihnen zukommt. Abschließend wurde der "Anbau-Filter" eingesetzt: Mit ihm wurde überprüft, ob es schon genug Erfahrung mit dem Anbau und geeignetes Saatgut für die entsprechende Baumart gibt.

Douglasie: der Nadelbaum kommt eigentlich aus Nordamerika

Wichtig beim Umbau des Waldes ist natürlich auch, dass die ansässige Holzindustrie noch genügend Material hat, das heißt, das genug Nadelholz für den Handel zur Verfügung steht, denn der ist für die Industrie elementar, so Lars Schmidt, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Säge- und Holzindustrie. Hauptsächlich wird derzeit Fichte verarbeitet, gefolgt von Tanne, Douglasie und Kiefer.

"Nischenbaumarten müssen erst erforscht und etabliert werden. Daher sollte aus unserer Sicht, neben der Einbringung neuer Arten, der rasche Ausbau anpassungsfähiger Baumarten wie der Douglasie die unerlässliche Grundlage für die Schaffung klimavitaler Mischwälder bilden."

Lars Schmidt vom Bundesverband der Säge- und Holzindustrie

  • Gespräch mit Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft: Wie wird der Wald klimawandeltauglich? radioWelt, 29.08.2019, 06:05 Uhr, Bayern 2
  • Gespräch mit Prof. Volker Zahner, Forstwissenschaftler: "Gestresste" Bäume. radioWelt, 31.07.2019, 06:05 Uhr, Bayern 2
  • Baum der Zukunft: Wie können sich Wälder an den Klimawandel anpassen? in IQ – Wissenschaft und Forschung, Bayern 2, am 12.07.2018, um 18.05 Uhr
  • Wald in Gefahr: Wie der Klimawandel unsere Bäume bedroht. UNKRAUT, 24.06.2019 um 14:00 Uhr, ARD-alpha
  • Unter Wipfeln: Brauchen Eichen besonderen Schutz im Wald?: in IQ – Wissenschaft und Forschung, Bayern 2, am 11.06.2018, um 18.05 Uhr
  • Unter Wipfeln: Mischbestand für den Klimawandel: in IQ – Wissenschaft und Forschung, Bayern 2, am 27.06.2018, um 18.05 Uhr
  • Klimawandel: Wald der Zukunft - die Mischung macht's: in BR-Heimatspiegel, Bayern 2, am 28.01.2018, um 6:05 Uhr

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