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Hässlich und genial Der Nacktmull und seine faszinierenden Eigenschaften

Splitterfasernackt und unfassbar hässlich – so ist der Nacktmull. Aber den Nager nur auf sein Äußeres zu beschränken, wäre dumm. Denn der Nacktmull lässt Wissenschaftler staunen: wegen seiner Fähigkeiten und seines Verhaltens.

Von: Bernhard Kastner

Stand: 07.11.2017

Ein Säugetier: der Nacktmull, der aus Afrika stammt | Bild: picture-alliance/Zentralbild/Wolfgang Thieme

Ein Nacktmull ist bis zu 15 Zentimeter lang und bis zu 50 Gramm schwer. Sein rosig-faltiger, langgestreckter Körper auf kurzen Beinchen endet am Hinterteil in einen mittellangen Schwanz. Sein eher oval-rundlicher Kopf hat winzige Augen, kaum sichtbare Ohren und furchterregend schräg nach vorne vorstehende Zähne, die ständig nachwachsen. Das Nagetier ist ein Verwandter von Hamster und Meerschweinchen und vom Stachelschwein.

Gesund Altern wie ein Nacktmull

Nacktmulle leben nur unterirdisch

Warum ist dieses hässliche Tier für die Wissenschaft so interessant? Zum Beispiel, so Thomas B. Hildebrandt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin, weil Nacktmulle über 30 Jahre alt werden. Hildebrandt studiert die Tiere seit 1995 und vergleicht sie mit anderen Nagern: Eine Maus oder Ratte wird ungefähr drei Jahre alt, ein Meerschweinchen bis zu zehn. Und: Nacktmulle erkranken nie an Krebs – eine Erkrankung, für die Ratten, Mäuse oder Meerschweinchen extrem anfällig sind. Daher versuchen die Forscher herauszufinden, wie die Nacktmulle dieses hohe Alter gesund erreichen, um daraus eventuell Rückschlüsse auf das menschliche Altern, auf Krankheiten und unsere alternde Gesellschaft zu ziehen.

"Wir leiden an Diabetes, an Rückenschmerzen, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und der Nacktmull scheint all diese Probleme nicht zu haben. Man sagt natürlich, wer möchte schon so alt werden, wenn man so aussehen muss, wie so ein Nacktmull."

Thomas B. Hildebrandt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung

Nacktmulle sind organisiert wie Bienen oder Ameisen

Leibniz-Institut für Zoo-und-Wildtierforschung

Das Berliner Institut erforscht die Nackmulle in einem eigens eingerichteten, durchsichtigen Plastikröhrensystem im wohl temperierten Keller. Hier tummeln sich die Tiere in weitverzweigten tunnelartigen Behausungen auf unterschiedlichen Ebenen, die in größere runde Plexiglasbecken münden, mit einer Kinderstube, Schlaf- und Lagerräumen und einer Toilette. Wie die Forscher beobachten konnten, ist das Leben der Tiere straff in einer Art "Hofstaat" organisiert, ähnlich wie bei den Bienen oder Ameisen: Das Säugetier lebt in Gemeinschaften mit einer Königin, die ein dominantes Männchen, einen Pascha an ihrer Seite hat und einen Staat von Arbeiterinnen und Arbeitern anführt. Im Jahr 1980 wurde entdeckt, dass der Nacktmull die einzige sogenannte eusoziale Säugetierart ist.

"Es gibt eine Königin und es gibt einen Pascha, und alle anderen sind nicht fruchtbar und müssen dieser Königin helfen beim Kinderkriegen und beim Regieren."

Thomas Hildebrandt, Nacktmull-Forscher am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung

Brutaler Kampf um den Nacktmull-Thron

Die Königin kann im Laufe ihres langen Lebens bis zu 1.100 Nachkommen gebären. Geht alles gut und hat sie ihre Untertanen nebst Pascha fest im Griff, kann sie über einige Jahre hinweg einen Staat von bis zu 300 Individuen anführen. Solch eine Königin kann potenziell jedes weibliche Tier werden. Weibchen sind, wie Reinhardt es erklärt, sozusagen in einem inaktiven Zustand, der aktiviert werden kann, wenn die bis dahin regierende Königin stirbt oder abgesetzt wird. Doch der Weg zur Spitze des Nacktmull-Staates ist grausam.

"Dann muss diese Königin – oder potenzielle Königin – relativ viele Artgenossen umbringen. Es kommt zu erheblichen Todesfällen bei dieser Palastrevolution. Das ist ein Phänomen, was man so auch nicht aus dem Säugertierbereich kennt, es ist also sehr, sehr blutig."

Thomas Hildebrandt, Nacktmull-Forscher am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung

Hat sie den Kampf gewonnen, ist dies nur ein erster Schritt auf dem Weg zum Nacktmull-Thron. Um die anderen Aspirantinnen auszustechen, verändert sie sich auch morphologisch: Hat sie sich durchgesetzt, ist auch ihr Körperbau ein anderer, wie Hildebrandt erklärt.

"Das fängt damit an, dass sie länger wird, sie wächst plötzlich wieder, wir nennen das das 'Schulbus-System', weil eine Königin, die die Babys der gesamten Kolonie kriegen muss, kann natürlich nicht unendlich dick werden in einem Tunnelsystem. Sondern sie wird lang wie ein Schulbus, um die Babys entsprechend anzuordnen."

Thomas Hildebrandt, Nacktmull-Forscher am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung

Königin, Soldat, Bruthelfer

Ihr unterirdisches Tunnelsystem legen die Nacktmulle mit den Zähnen an.

Die Königin wird, was Wissenschaftler bisher nicht erklären können, heller und ist schon an der Hautfarbe zu erkennen. Sie bekommt ein Gesäuge, das vorher nicht sichtbar war. An den Geschlechtsorganen gibt es nun einen markanten roten Strich, der den Königinnenstatus erkennen lässt. Und dann führt sie den Nacktmull-Staat an, der extrem spezialisiert ist. So gibt es unter anderem sozusagen Soldaten, Bruthelfer, Rohrreiniger, eine Baukolonne und auch Wärmekissen.

Heimat Ostafrika und Nacktmull als Wärmekissen

Eigentlich stammen Nacktmulle aus Ostafrika, wo sie ein gleichmäßig warmes, gemäßigtes Klima vorfinden. Als Nager leben sie von Gräsern, Samen und Pflanzenknollen. Ihren Durst stillen sie durch die Flüssigkeit aus ihrer Nahrung. Da sie wechselwarme Säugetiere sind, muss ihnen die Umgebung die optimale Körpertemperatur von 32 Grad Celsius liefern. Ist das nicht der Fall, bedienen sie sich eines Tricks:

"Wenn die Kolonie zusammenliegt und merkt, dass ihr jetzt kalt wird, dann wird einer der schwächeren Individuen unsanft aus der Nesthöhle gejagt, der rennt drei Runden und kommt als Wärmekissen zurück. Und dann wärmt sich damit die Kolonie wieder auf."

Thomas Hildebrandt, Nacktmull-Forscher am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung

Nacktmull-Soldat gegen Feinde

Nacktmulle leben in weit verzweigten Tunnelsystemen unter der Erde, die sie übrigens mit ihren Zähnen graben oder ausheben – nicht mit ihren Beinen. Und auch dort begegnen ihnen natürliche Feinde wie Schlangen, die in ihren Bau eindringen. In solch einem Fall, kommt dann der Nacktmull-Soldat zum Einsatz.

"Das sind sehr, sehr kräftige Tiere, die teilweise vom Gewicht die Königin überragen können – wenn sie nicht gerade trächtig ist – und diese Tiere stellen sich dem Eindringling in sehr selbstbewusster Weise entgegen und die anderen buddeln den Gang hinter ihm zu. Das heißt also, er ist auf jeden Fall Todeskandidat."

Thomas Hildebrandt, Nacktmull-Forscher am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung

Einzigartig unter den Säugetieren

Dabei nehmen die Nager dann auch in Kauf, dass der Sauerstoff für sie erst einmal knapp wird. Aber auch in dieser Beziehung besitzen die Nacktmulle eine außergewöhnliche Fähigkeit: Sie können bis zu 18 Minuten ohne Sauerstoff auskommen. Sie verringern dazu ihren Herzschlag und stellen schnell ihren Stoffwechsel um – ebenfalls eine einmalige Fähigkeit unter den Säugetieren.

  • "Der nackte Superheld": in "nano", ARD-alpha, am 03.04.2018, um 17.00 Uhr
  • "Nacktmull – ein Nager mit Superkräften": in "W wie Wissen", ARD-alpha, am 28.03.2018, 16.30 Uhr
  • "Der Nacktmull: Wenn es auf die inneren Werte ankommt": in "radioWissen", Bayern 2, am 26.10.2017, um 15.05 Uhr und am 06.10.2017, um 9.05 Uhr

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Kommentare

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skippy, Donnerstag, 26.Oktober, 09:22 Uhr

2. Hässlich ???

Also ich finde, es gibt hässlichere Menschen, als diesen Nacktmull. Das Sozialwesen ist schon sehr interessant.

Cosi , Mittwoch, 25.Oktober, 20:26 Uhr

1. Stimmt

@Manfred
Da haben sie völlig recht.

Auf dem oberen Bild in der Hand hat er eine gewisse Ähnlichkeit mit einem gewissen Körperteil von Männern.Nun ja die Zähne fehlen.
Schaut auf jeden Fall lustig aus.