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Schwereloser Koloss im All Zwanzig Jahre Internationale Raumstation ISS

Vor zwanzig Jahren brachte eine russische Rakete das erste Modul der Internationalen Raumstation ins All. Heute ist die ISS rund 450 Tonnen schwer und so groß wie ein Fußballfeld. Die Zukunft der ISS ist aber ungewiss.

Stand: 15.11.2018

Zarja (Morgenröte) hieß das Fracht- und Antriebsmodul, das eine russische Proton-Rakete am 20. November 1998 in den Erdorbit transportierte. Es war das erste Segment der Internationalen Raumstation ISS. Zwei Wochen später folgte ihm der erste Verbindungsknoten namens Unity an Bord eines Space-Shuttles ins All. Mehr als ein Jahrzehnt später, im Mai 2011, wurde verkündet: Das Hightech-Labor im All ist offiziell fertiggestellt.

Raumstation bleibt bis mindestens 2024 im Orbit

Die Internationale Raumstation ISS rast mit rund 28.000 Kilometern pro Stunde um die Erde.

Seit dem Jahr 2000 leben und arbeiten Raumfahrer dort in der Schwerelosigkeit. Mindestens bis 2024 wollen die an der ISS beteiligten Nationen die Raumstation weiter betreiben. Wie es danach weitergeht, ist allerdings ungewiss. Die russische Weltraumagentur Roskosmos gab 2015 bekannt, nach 2024 ihre Module von der ISS abzutrennen und für eine eigene Raumstation verwenden zu wollen. Die Regierung der USA hingegen prüft, ob sich der Betrieb des NASA-Teils privatisieren lässt, meldete die Zeitung "Washington Post" Anfang 2018.

Kostspieliges Projekt im All

Bis 2024 werden noch etliche Raumfahrer die Internationale Raumstation besuchen können, die den derzeitigen deutschen ISS-Kommandanten Alexander Gerst in Begeisterung versetzt.

"Die komplexeste, wertvollste & unwahrscheinlichste Maschine, die die Menschheit jemals gebaut hat - zum Wohle aller. Wenn wir über Kontinente hinweg so zusammenarbeiten können, dann können wir noch viel mehr zusammen erreichen. Wir müssen es nur versuchen."

Alexander Gerst via Twitter am 5. November 2018

Wertvoll ist die ISS auf jeden Fall - schon im materiellen Sinne: Die Schätzungen, wie viel der Betrieb der Raumstation insgesamt kostet, liegen bei weit über 100 Milliarden US-Dollar. Exakte Zahlen zu den Ausgaben gibt es nicht. Mehr als drei Milliarden Dollar sollen allein die USA jedes Jahr für den Betrieb zahlen.

Mit der ISS in 90 Minuten um die Welt

Wann ist die Raumstation zu sehen?

Am besten ist die ISS am Himmel zu sehen, wenn es Nacht ist, die Raumstation aber von der Sonne angestrahlt wird. Wann das der Fall ist, ist auf folgenden Web-Seiten zu erfahren.

Die ISS umrundet in rund 400 Kilometern Höhe mit einer Geschwindigkeit von rund 28.000 Kilometern in der Stunde die Erde - alle 90 Minuten einmal. Bei klarem Wetter ist der fliegende 450-Tonnen-Koloss nachts mit bloßem Auge zu sehen. Seit dem 2. November 2000 ist die Forschungsinsel permanent besetzt. Anfangs waren immer drei Raumfahrer an Bord, seit 2009 können sechs Personen gleichzeitig die ISS bewohnen. Auch deutsche Astronauten zählten schon zur Besatzung.

Weltraum-WG mit stetig wechselnder Besatzung

Als erster Deutscher reiste 2006 der Astronaut Thomas Reiter zur ISS. Hans Schlegel machte im Jahr 2008 nur eine Stippvisite im All, als Europas Foschungsmodul Columbus zur ISS gebracht wurde. Am 28. Mai 2014 brachte eine Sojus-Rakete Alexander Gerst als dritten deutschen Astronaut zur ISS. Wie Reiter lebte und arbeite er ein halbes Jahr auf der Raumstation. Im Juni 2018 flog Gerst erneut für rund sechs Monate dorthin.

Die ISS und ihre Vorgänger

Die ISS ist alles andere als eine schwebende Traumherberge. Bei mäßiger Luft und bescheidenem Essen lebt die außerirdische Wohngemeinschaft fast ohne Privatsphäre zwischen Computern und Kabeln.

Alltag im All

Waschen

Die Morgentoilette erfolgt mit feuchten Tüchern, denn eine Dusche im herkömmlichen Sinne gibt es nicht. Das Waschen der Kleidung entfällt allerdings: Schmutzige Wäsche wird mit dem Müll im Raumtransporter zur Erde geschickt und verglüht.

Frühstück

Dreimal täglich gibt es für die Astronauten ein gemeinsames Essen. Die Astronautennahrung aus der Tube ist out. Es gibt Fertiggerichte, aus denen für jeden Tag ein Menü zusammengestellt wird. Während des Essens müssen sich die Crew-Mitglieder an ihren Sitzen festschnallen und fix sein: Wird der Löffel nicht schnell genug zum Mund geführt, heben die darauf liegenden Köstlichkeiten ab. Und Flüssigkeiten können nur per Strohhalm aufgesaugt werden.

Toilette

Aufgrund der Schwerelosigkeit müssen Raumfahrer ihre Beine an der Toilette festklemmen. Was auf der Erde mit Wasser weggespült wird, saugt Unterdruck in einen Behälter. Von dort werden die Stoffe weitergepumpt in leere Wassertanks des angedockten "Progress-Raumtransporters", der als Müllcontainer dient. Das rund 14 Millionen teure Kosmos-Klo kann zudem Urin zu Trinkwasser aufbereiten.

Forschung

Über Tag ist die Crew mit Experimenten sowie der Pflege der Bordanlagen beschäftigt - mit der Faustregel, dass viele Arbeiten im All doppelt so lange dauern wie auf der Erde.

Fitness

Rund zwei Stunden Fitness stehen pro Tag auf dem Programm, etwa das Strampeln auf Standfahrrädern, um dem Muskelabbau entgegenzuwirken. Freizeit im eigentlichen Sinne gibt es während der sechs Monate an Bord kaum. Jede Sekunde ist verplant.

Alkohol

Offiziell gilt auf der ISS die Null-Promille-Grenze. Der Grund: Alkohol wirkt im All viel stärker, weil der Körper in der Schwerelosigkeit Substanz abbaut.

Schlafen

Zum Schlafen gibt es auf der ISS Einzelkabinen und Schlafkojen. Damit man nachts nicht davonschwebt, muss man sich anschnallen und den Schlafsack festzurren. Weil in der ISS-Umlaufbahn alle 47 Minuten die Sonne auf- und wieder untergeht, werden die "Schlafzimmer" abgedunkelt. Und was machen Astronauten vor dem Einschlafen? Na, sie lesen oder sprechen über Videotelefon mit ihren Lieben. Sie dürfen eine bestimmte Anzahl persönlicher Sachen mit ins All nehmen: Karten- oder Brettspiele sind da ebenso erlaubt wie CDs oder Videofilme.

Der Aufbau der ISS hat viele Milliarden gekostet. Auch der Unterhalt der Raumstation ist teuer. Neben den USA und Russland sind auch Japan und Kanada an der ISS beteiligt. Deutschland ist als Teil der europäischen Raumfahrtagentur ESA mit an Bord.

US-Astronauten wollen ISS nicht im Stich lassen

Die Fackel der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi war im All.

Seit den Anfängen 1998 gab es auf der Station mehr als 200 Außeneinsätze, sogar mit Olympia-Fackel, sowie hunderte Experimente. Theoretisch wäre es denkbar, dass Astronauten die Versuchsanordnungen an Bord der ISS nur vorbereiten und nach einigen Monaten wieder abholen, um sie auf der Erde auszuwerten. Das wäre deutlich kostengünstiger. Doch US-Astronauten machten wiederholt deutlich, dass sie ihr Domizil im All nur äußerst ungern unbewohnt zurücklassen würden. Immer wieder seien Probleme bei den Experimenten aufgetreten, die nur von Astronauten an Bord gelöst werden könnten.

Die Raumstation ISS über der Erde

Die politische Wirkung der ISS

Ein Aspekt der ISS lässt sich aber nicht in Zahlen wiedergeben: Die Raumstation ist das Ergebnis einer gewaltigen, gemeinsamen Anstrengung vieler Nationen zusammen. Geplant wurde sie bereits in den 1980er-Jahren, als gemeinsames Projekt von West und Ost, als politisches Signal zu Zeiten des Kalten Krieges.

"Im Weltall haben sich Kosomonauten und Astronauten die Hand gegeben und zusammen auf unseren Planeten runtergeschaut, auf dem man auch keine Grenzlinien sieht."

Alexander Gerst im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk

Das Hinunterschauen auf unseren Planeten aus der Perspektive zeigt aber noch etwas anderes:

"Der Blick auf unseren wunderschönen Planeten, das Erkennen dieser dünnen Schicht von Atmosphäre, regt wohl jeden Besucher auf der ISS zum Nachdenken darüber an, wie wir auf der Erde miteinander umgehen - und wie wir mit den vorhandenen Ressourcen umgehen."

Thomas Reiter, Koordinator internationale Agenturen und Berater des ESA-Generaldirektors

Einsatzbereit bis 2028

Technisch gesehen könnte die ISS bis 2028 Im Einsatz sein. Wenn ihre Zeit abgelaufen ist, wird sie vermutlich kontrolliert ins Meer stürzen. Die über hundert Meter lange Raumstation ist zu schwer, um als Weltraumschrott durch den Weltraum zu fliegen. Daher wird sie wohl irgendwann das gleiche Schicksal ereilen wie die russische Vorgänger-Raumstation MIR. Diese stürzte im Jahr 2001 kontrolliert in den Pazifik.

  • "Alexander Gerst – Ein Mann mit einer Mission": am 29. Mai 2015 in "W wie Wissen", ARD
  • "Das fliegende Labor - Ist die ISS ein wissenschaftlicher Erfolg?": am 28. Mai 2014 um 18.05 Uhr in "IQ - Wissenschaft und Forschung", Bayern 2
  • "ISS - Was muss ein Weltraumzelt leisten?": am 27. Mai 2016 um 18:05 Uhr in "IQ - Wissenschaft und Forschung", Bayern 2

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