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Ameisen Fleißige Arbeiterinnen und eiskalte Mörder

Ameisen tragen mehr als das Hundertfache ihres Gewichts. Sie leben zu mehreren Millionen in gigantischen Bauten. Manche der Insekten sind Krankenpfleger, manche Gärtner - und manche eiskalte Mörder.

Stand: 24.10.2017

Nur auf den ersten Blick sehen die Ameisenhaufen nach totalem Chaos aus. Denn Ameisen organisieren ihre Millionen-Staaten straff: Vom Bauplan über die Hygiene und Kommunikation bis hin zum Sterben ist alles geregelt. Manche Ameisenarten betreiben sogar Laus-Tierhaltung und züchten Pilzgärten. Jedes Tier hat im sozialen Ameisenstaat seine Aufgabe, die häufig am Körperbau zu erkennen ist.

Immer der Ameisennase nach

Festhalten - mit Duft markieren - töten lassen

Der Schlüssel für das Gelingen eines solchen gigantischen Gefüges ist die Kommunikation im Ameisenstaat. Ohne Arbeitsteilung und Austausch funktioniert hier nichts. Um Informationen über Nahrung, Feinde oder Baumaterial weiterzugeben, benutzen die Ameisen Duftspuren. Manchmal dienen diese auch dazu, Rivalen im eigenen Nest zu töten, um so die eigene Anwärterschaft auf die Königin zu sichern.

Kundschafterameisen als Spurenleger

Ameisen und Blattläuse

Entdeckt die Kundschafterameise eine schmackhafte Nahrungsquelle, spritzt sie unterwegs eine gepunktete Duftspur aus und verteilt nach der Rückkehr im Bau Kostproben. Andere Ameisen "riechen den Braten", folgen der Duftspur und verstärken sie jeweils. Umso stärker ein Pfad duftet, desto mehr der Insekten folgen ihm. Ein Erfolgskonzept, denn so gelangen viele Ameisen dorthin, wo vereinte Kräfte gebraucht werden. Doch es geht auch umgekehrt: Ist der Weg zum Futter verstopft, hinterlassen die Insekten weniger Duftmarken, die Staudichte nimmt ab. Bei der direkteren Variante des Verkehrsfunks werden nachfolgende Ameisen einfach auf einen anderen, freien Weg geschubst.

Smalltalk mit dem Ameisen-Hinterteil

Gehen Duftwege durch Brände oder Überschwemmungen verloren, sind die Ameisen kurzzeitig wie blind. Doch in Windeseile legen die Insekten dann neue Spuren aus. Zur Not können Ameisen wichtige Informationen auch erspüren: Zum "Smalltalk" benutzen sie nämlich auch gern mit dem Hinterleib erzeugte Vibrationen oder Berührungen.

Funktionen im Ameisenstaat

Königinnen

Die Aufgabe der Königin ist, für den Nachwuchs zu sorgen: Sie legt die Eier, aus denen Larven entstehen.

Es gibt Ameisenstaaten mit nur einer Königin, wie bei den Roten Waldameisen. Ihre Königin wird zwar bis zu 25 Jahre alt, doch auch ihr Staat wird nicht älter, weil nach dem Tod der Königin keine Eier mehr gelegt werden.
Staaten mit mehreren Königinnen, sogenannte polygyne Staaten, können zwei bis 5.000 Königinnen haben. Diese Staaten haben eine längere Lebensdauer. Sie werden bis zu 80 Jahre alt.

Nach der Begattung werfen die meisten Königinnen ihre Flügel ab. Meist sind sie größer als die Arbeiterinnen und unterscheiden sich optisch von ihnen.

Arbeiterinnen

Die meisten der abgelegten Eier entwickeln sich zu unfruchtbaren Arbeiterinnen. Sie können unterschiedliche Größen und Aufgaben haben, wie Soldatenameisen, die die Kolonien mit kräftigen Kiefern verteidigen.
Eine der wichtigsten Aufgaben ist die Aufzucht der Eier und Larven. Die Arbeiterinnen müssen in der Brutphase die abgelegten Eier immer wieder umbetten, damit der Nachwuchs unter spezieller Luftfeuchtigkeit und Temperatur heranreifen können. Haben sich die Eier zu Larven entwickelt, entscheidet nur die Nahrung darüber, ob sich Königinnen oder Arbeiterinnen entwickeln.

Bei Ameisenstaaten mit nur einer Königin sind auch die Arbeiterinnen fähig, Eier zu legen. Sollte die Königin sterben, könnte eine Arbeiterin den Posten übernehmen.

Männliche Ameisen

Die normalerweise geflügelten, erwachsenen Männchen versammeln sich im Nest und verlassen es bei gutem Wetter als Schwarm. Dann ziehen sie aus, um ihrer eigentlichen und einzigen Funktion nachzukommen: Sie begatten Jungköniginnen.

Bei diesem sogenannten Hochzeitsflug im Frühling schwärmen alle Männchen einer Kolonie aus unterschiedlichen Nestern gleichzeitig aus: So können sich die Exemplare verschiedener Nester kreuzen.
Wenige Tage nach der Paarung sterben die Männchen ab. Nur die Königin fliegt weiter, um einen geeigneten Nistplatz zu finden.

Harzbrocken halten Bakterien vom Staat fern

Ameisenhaufen der Kleinen Rote Waldameise

Nicht nur die Kommunikationswege der Ameisen sind ausgefeilt, sondern auch ihre Bauten. Harzbrocken werden auf dem Hügel verteilt. Diese enthalten Wirkstoffe gegen Pilze und Bakterien und desinfizieren die Ameisen bevor sie in den Bau krabbeln. Ameisenhügel bestehen aus unterirdischen Gängen, die kurze Transportwege ermöglichen, und einem ausgeklügelten Belüftungssystem, das den Kohlendioxid- und Sauerstoffgehalt im Bau regelt.

Intelligente Ameisen-Baumeister

Grasschneiderameisen bauen ihre Bauten besonders spektakulär: Schlote, Kühltürmchen, Windfänge und Kompostkammern belüften und kühlen ihr Nest. Die gigantischen Ausmaße, die ein Ameisenbau annehmen kann, machten brasilianische Wissenschaftler sichtbar. Sie gossen ein Grasschneiderameisennest mit Zement aus und gruben es aus. Der Bau war 50 Quadratmeter groß und acht Meter tief.

Blattschneiderameisen: Unermüdliche Schneidearbeit im Team

Blätter als Nährboden

Blattschneiderameisen sind winzig. Um ihr eigenes Futter anzubauen, schleppen sie ein Vielfaches ihres Körpergewichts. Ryan Garrett von der University of Oregon hat mit seinen Kollegen untersucht, wie sich die "Atta cephalotes" dabei ihre Kräfte einteilt. Die Ameisenart lebt in enger Symbiose mit bestimmten Pilzen, die sie als Nahrung auf einem Nährboden von Blattstückchen züchten. Wie die Forscher herausfanden, müssen die Ameisen dazu eine Strecke von drei Kilometern schneiden – das entspricht einer Million mal ihrer eigenen Körperlänge – um einen Quadratmeter Blätter zu zerlegen.

Energie sparen bei kräftezehrender Arbeit

Um das zu schaffen, versuchen die Ameisen Energie zu sparen, indem sie im Team arbeiten. "90 Prozent des Blattschneidens finden im Ameisennest statt. Ameisen wählen dazu Stückchen aus, die weniger Schneidearbeit erfordern", so die Studie, die im Journal "Royal Society Open Science" im Januar 2016 veröffentlicht wurde. In einer Laboranordnung beobachteten die Forscher die Ameisen und stellten fest, dass die Tiere kleinere, vorperforierte Blattstücke in ihren unterirdischen Bau trugen und das Zerkleinern dort stattfand. Die Forscher vermuten, dass vor allem junge Ameisen mit noch unbeschädigten Kiefern diese Arbeit erledigen.

Geschickte, ausgefeilte Technik

Die Ameisen seien dabei sehr geschickt, so die Forscher: Sie benutzen drei ihrer Beine als Drei-Punkt-Standfläche und bearbeiten oder halten mit den anderen drei Beinen das Blattstück. Das beißen sie durch, lecken Kleinstlebewesen von ihm ab und durchlöchern es. Die Wissenschaftler vermuten, um die Pilzspore besser einpflanzen zu können. Dann setzen sie die mit einem Ameisensekret als "Mörtel" versehenen Blattstückchen in ihre schwammartigen Pilzgärten ein, wo die heranwachsenden Pilze anschließend aufwendig gehegt und gepflegt werden.

Ausgeklügeltes Nachrichtensystem

Das Leben in einem Blattschneiderameisen-Staat ist hochkomplex und arbeitsteilig. Deshalb sind diese Ameisen auch ein sehr beliebtes Forschungsobjekt. Ihre Staaten wurden schon als "perfekter Superorganismus" bezeichnet. Ihre unterirdischen Bauten nehmen gigantische Dimensionen an. Forscher aus Würzburg fanden heraus, dass die zumeist in den Tropen und Subtropen Amerikas lebenden Tiere ein ausgeklügeltes internes Benachrichtungssystem haben, um neue Weidegründe schnell und effektiv abzugrasen, bevor ihnen andere Ameisenvölker zuvorkommen.

Zusammen leben, alleine sterben

Das Leben im Ameisenbau ist intelligent organisiert - bis hin zum Sterben: So haben die Wissenschaftler der Uni Regensburg herausgefunden, dass kranke Ameisen kurz vor dem Tod ihr Nest verlassen und in Einsamkeit sterben. Freiwillig. Ihr selbstloses Verhalten dient der Arterhaltung: Die Insekten entfernen sich, um die anderen Nestbewohner nicht anzustecken.

Invasion der Argentinischen Ameisen

Doch das Jahrmillionen alte Gleichgewicht unserer Ameisen ist bedroht. Ein extrem aggressiver Eindringling breitet sich aus: die Argentinische Ameise. Auf der Suche nach Nahrung und einem Nest ist sie nicht wählerisch. Argentinische Ameisen können sich an nahezu jede Umgebung problemlos anpassen. Sobald sie sich irgendwo eingenistet haben, wird man sie nicht wieder los. Pro Nest teilen sich mehrere Königinnen die Gemächer, 15 bis 20 Stück gibt es in einer Kolonie. Mehrere Königinnen bedeuten auch mehr Nachkommen und damit mehr Schlagkraft bei Kämpfen mit anderen Ameisen - und mehr Nasen bei der Futtersuche. So wird die Macht der Argentinischen Ameise immer weiter gestärkt. In einigen Gegenden Frankreichs haben die Argentinischen Ameisen bereits alle heimischen Ameisen vernichtet.

Klimawandel begünstigt Ausbreitung

Argentinische Ameisen kämpfen gegen eine schwarze Holzameise. | Bild: BR/Stefan Geier zum Artikel natur exclusiv Krieg der Ameisen

Sie hat es geschafft, weite Teile der Mittelmeerküste zu besiedeln: die Argentinische Ameise. Ihre agressive Strategie ist so erfolgreich, dass das winzige Tier mittlerweile das größte Raubtier der Welt ist. [mehr]

Ideale Lebensbedingungen finden die Einwanderer im klimatisch milden Mittelmeerraum. Zuhause sind sie eigentlich in Argentinien in Südamerika. Anfang des letzten Jahrhunderts reisten jedoch viele von ihnen als blinde Passagiere an Bord von Handelsschiffen über den Atlantik nach Europa. Auf Madeira bildeten die Insekten die erste Großfamilie. Dann landeten sie auf dem Festland. Noch sind den Einwanderern unsere Winter zu kalt. Doch durch den Klimawandel fallen auch bei uns einzelne Winter milder aus - das öffnet den ungebetenen Gästen die Einfallstür.

"Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen. Wir können nicht sagen, die Tatsache, dass sie bisher nicht in Deutschland auftreten, schützt uns bis in alle Ewigkeit davor, dass diese Ameisen sich auch hier etablieren."

Volker Witte, Professor für Zoologie an der Technischen Universität München

  • Ameisen - das größte Raubtier: am Montag, 9. April 2018, um 18.15 Uhr in Planet Wissen in ARD-alpha.
  • "Schwarmverhalten - die Intelligenz der Vielen: Die Baukunst der Blattschneiderameise": am Mittwoch, 25. Oktober 2017, um 15 Uhr und 22.00 Uhr in Planet Wissen in ARD-alpha.
  • "Ameisen - das größte Raubtier der Welt": am Montag, 12. Juni 2017, um 15 Uhr und 22.00 Uhr in Planet Wissen in ARD-alpha.
  • "Arbeitsteilung par excellence - Die geheimnisvolle Welt der Ameisen": Montag, 23. Mai 2016, um 10.05 Uhr im Notizbuch in Bayern 2.

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