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Mückenatlas Deutschland Stechmücken fangen für die Wissenschaft

Mückenstiche sind lästig, aber harmlos. Das könnte sich ändern: Neuerdings wandern Mücken ein, die Krankheiten übertragen. Wissenschaftler wollen deshalb wissen, wo welche Mücken leben. Am Mückenatlas kann jeder mitarbeiten.

Stand: 03.02.2017

7.250 Briefe und Päckchen haben Mückenjäger aus ganz Deutschland in der Mückensaison 2016 an das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (Zalf) nach Müncheberg, östlich von Berlin, geschickt. Rund 40.000 Mücken, die bestimmt und kartiert werden, werden es inklusive der noch unbearbeiteten Einsendungen insgesamt sein, schätzt die Biologin Doreen Walther. Rekord! Seit Beginn des Mückenatlas-Projekts 2012 habe es noch nie so viele Einsendungen wie im Jahr 2016 gegeben. "Durch verstärkte Regengüsse im Frühjahr konnten sich in vielen Regionen ausgedehnte Mückenpopulationen entwickeln. Die Leute waren genervt und haben uns viele Mücken geschickt", so erklärt Doreen Walther den Erfolg.

"Wir hatten schon die Befürchtung, dass die Menschen das Interesse an dem Projekt verlieren. Doch dieses Jahr hat uns eines Besseren belehrt."

Doreen Walther, Biologin am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung, im November 2016

2016 wurden rund 40.000 Mücken für die Forschung gefangen.

Weltweit gibt es rund 3.500 Stechmückenarten. 50 davon wurden bisher in Deutschland nachgewiesen. Von der Wissenschaft wurden die Mücken lange vernachlässigt, deshalb fehlt grundlegendes Wissen über ihr Vorkommen und ihre regionale Verbreitung. Das soll der "Mückenatlas" ändern, der 2012 ins Leben gerufen wurde. Initiatoren sind das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg und das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) in Greifswald. Ziel ist, die Verbreitung der Mückenarten in Deutschland flächendeckend zu erfassen. Was die Wissenschaftler jetzt schon wissen: Unter die heimischen Arten mischen sich immer mehr gefährliche Exoten.

"Durch die in Europa in den letzten Jahren zunehmenden Ausbrüche von Stechmücken-übertragenen Krankheiten wie Dengue-, Westnil- oder Chikungunya-Fieber sowie den jüngsten Zika-Virus-Ausbruch in Südamerika wurde die aktuelle Bedeutung von Stechmücken als Krankheitsüberträger unter Beweis gestellt. Zur Risikoabschätzung benötigen wir dringend Daten zur Verbreitung der in Deutschland vorkommenden invasiven und einheimischen Arten."

Doreen Walther, Biologin am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung

Wissenschaftler und Bürger fangen Mücken

Um ein möglichst großes Spektrum an Arten zu fangen, haben die Forscher bundesweit 120 eigene Fallen an verschiedenen Standorten aufgestellt und benutzen unterschiedliche Köder. Ein Lockstoff ist zum Beispiel Kohlendioxid. Das Gas simuliert den menschlichen und tierischen Atem und ist für einheimische Mücken besonders attraktiv. Nicht nur Wissenschaftler sammeln die Insekten für den Mückenatlas: Jeder darf mitmachen und Mücken, die er gefangen hat, zur Bestimmung einschicken. Beim Bestimmen der Mückenarten brauchen die Wissenschaftler Pinzette, Mikroskop und Bestimmungsbuch. Die Tiere sind winzig und die Arten unterscheiden sich manchmal nur in Details voneinander. Manchmal kommen selbst erfahrene Forscher zu keinem sicheren Urteil. Dann hilft nur noch ein Gentest.

Mitmachen, aber bitte nicht draufhauen!

Das Forscherteam des "Mückenatlas" benötigt weiterhin Mücken aus allen Teilen Deutschlands. Vor allem aus dünn besiedelten Regionen Deutschlands kommen wenige Einsendungen. Doch die Mücken einfach totschlagen ist nicht erlaubt: Zerquetscht nützen die Insekten der Wissenschaft nicht mehr. Die Stechmücken sollen unbeschädigt eingefangen und in ein passendes Gefäß, zum Beispiel ein Einweckglas, befördert werden. Danach kommen sie über Nacht ins Tiefkühlfach. Anschließend werden sie an das ZALF geschickt. Informationen zum Mückenatlas, wie man Mückenjäger wird und Wissenswertes über Stechmücken gibt es hier:

"Je mehr Tiere die Leute einschicken, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, unterschiedliche Arten zu finden."

Doreen Walter, Biologin am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung

Mücken werden eingeschleppt und können Krankheiten übertragen

Kopf einer Asiatischen Buschmücke

Globalisierung und Klimaveränderungen begünstigen, dass Stechmücken, die bisher nicht in Deutschland lebten, eingeschleppt werden und sich hier ansiedeln. Einige von ihnen können Krankheitserreger übertragen. Zehntausende Mücken haben die Forscher seit 2012 aus ganz Deutschland schon zugesandt bekommen. Darunter auch einige Exoten.

Asiatische Buschmücke breitet sich aus

Die Asiatische Buschmücke kann das West-Nil-Virus übertragen.

Die Einsendungen machten deutlich, dass sich die Asiatische Buschmücke (Aedes japonicus) bei uns wohlfühlt und sich weiter ausbreitet. Zum ersten Mal wurde der Zweiflügler 2008 im südlichen Baden-Württemberg nachgewiesen. Mittlerweile wurde sie auch in Thüringen, Sachsen, Niedersachsen, Hessen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen gefangen. Ein Grund für die Ausbreitung: Die Asiatische Buschmücke kommt mit den klimatischen Verhältnissen in Mitteleuropa, auch mit dem kalten Winter, sehr gut zurecht. Dieses Insekt kann das West-Nil-Virus und andere Viren übertragen, die beim Menschen Enzephalitis (Gehirnentzündung) auslösen können.

"Wir wissen, dass wir es in naher Zukunft immer mehr mit über Insekten übertragenen Erkrankungen zu tun haben werden. Nicht gleich, aber in zehn, fünfzehn Jahren. Und da ist es wichtig, dass man weiß, welche Mückenarten vorkommen, um präventiv darauf einwirken zu können."

Professor Sven Klimpel, Senckenberg Deutsches Entomologisches Institut

Auch die Asiatische Tigermücke ist in Deutschland angekommen

Die Asiatische Tigermücke hat in Südeuropa in einigen Fällen das Dengue-Fieber übertragen.

In Südeuropa waren in den vergangenen Jahren Menschen mit dem Dengue- und dem Chikungunya-Virus infiziert worden. Überträger der Krankheitserreger waren Asiatische Tigermücken, die sich dort angesiedelt hatten. "Weit mehr als zwanzig, vor allem aus den Tropen bekannte Krankheitserreger kann diese Art nachweislich übertragen - darunter das Dengue-, Westnil- und Gelbfieber-Virus, aber auch das berüchtigte Zika-Virus", erklärt Helge Kampen, Infektionsbiologe am Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit in Greifswald, Mecklenburg-Vorpommern. 2013 ist die Tigermücke im süddeutschen Raum aufgetaucht. Die Tiere seien in speziellen, an Autobahnraststätten aufgestellten Fallen gefunden worden, teilte das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg mit. "Offenbar stammen die Mücken aus Italien und sind als blinde Passagiere mit dem Güterverkehr über die Schweiz beziehungsweise Österreich nach Deutschland gekommen", sagte Professor Egbert Tannich vom BNITM. Auch der weltweilte Handel mit Gebrauchtreifen ist ein Einfallstor für die Tigermücke: Per Schiff kommen Reifen aus Asien nach Europa, wo sie zerschreddert und für den Straßenbau genutzt werden. In kleinen Wasserpfützen in den Reifen legen die Mücken ihre Eier ab, die dann mit ihnen auf die Reise gehen.

Mittlerweile gehen die Forscher davon aus, dass die Tigermücke im Raum Freiburg, aber auch in Thüringen überwintern kann. Es gibt Hinweise auf sie in Nordrhein-Westfalen und Bayern. Die bislang gefundenen Mücken waren allerdings nicht von Tropenviren befallen. Ob sich die Asiatische Tigermücke tatsächlich weiter ausbreitet, lasse sich derzeit noch nicht sagen: "Durch die aktuellen Einsendungen haben wir jedenfalls viel mehr Nachweise als in den Vorjahren. Die neuen Standorte werden wir im Laufe des Jahres genauer untersuchen", berichtet Infektionsbiologe Helge Kampen.

Die asiatische Tigermücke in Bildern

Moskitos gegen Dengue-Fieber impfen

Wissenschaftler erforschen derzeit, wie man Moskitos selbst gegen Dengue-Erreger resistent machen kann. Helfen könnte dabei das sogenannte Wolbachia-Bakterium. Sehr viele Insekten tragen es von Natur aus in sich, Tigermücken leider nicht - aber man kann sie damit infizieren, dann geben sie es sogar an künftige Generationen weiter. Solche Insekten sterben dann nicht nur früher als andere. "Bei einem Moskito mit Wolbachia können sich Dengue-Viren nicht entwickeln. Und wenn sich die Viren nicht entwickeln, können sie auch nicht übertragen werden", berichtet der australische Wissenschaftler Scott O'Neill, der sich schon seit vielen Jahren mit dem Wolbachia-Bakterium beschäftigt. Wissenschaftler prüfen gerade auf der vietnamesischen Insel Tri Nguyen, wie sich die dort ausgesetzten Wolbachia-Mücken in freier Natur entwickeln.

Auch einheimische Mücken unter strenger Beobachtung

Eine Bedrohung geht aber nicht nur von eingewanderten Mücken aus. Für den Mückenatlas untersuchen die Wissenschaftler der beteiligten Institute auch, inwieweit einheimische Mücken gefährliche Viren und andere Krankheitserreger aufnehmen und verbreiten. Forscher konnten bereits einen neuen Parasiten in Deutschland nachweisen, den Hundeherzwurm (Dirofilaria immitis). Er kommt normalerweise im Mittelmeerraum vor und wurde in Mücken in Baden-Württemberg und dem Havelland gefunden. Die Insekten können die Wurmlarven auf Hunde übertragen. Ausgewachsen kann der Wurm das Hundeherz schädigen. Für Menschen ist er in der Regel ungefährlich. In Brandenburg wurden bereits in drei Stechmückenarten Larven des Hundehautwurms (Dirofilaria repens) entdeckt. Dieser kann beim Menschen eine Hirnhautentzündung auslösen. Bisher ist in Deutschland noch keine Übertragung auf Menschen bekannt. Doch sollte dieser Fall eintreten, werden wir uns wohl noch mehr als bisher vor Mückenstichen in Acht nehmen müssen.

Mücken lieben es feuchtwarm

Mücken nutzen zur Eiablage ruhige Wasseroberflächen in der Natur, aber auch Regentonnen und andere mit Wasser gefüllte Behälter. Wenn es regnet und die Temperaturen sommerlich sind, kann das eine regelrechte Mückenplage zur Folge haben: Bei guten Bedingungen benötigt eine neue Mückengeneration nur rund zwei Wochen bis zum Schlüpfen.

  • Alles Wissen. Das Wissensmagazin: "Krankheitsüberträger Mücke - exotische Überträgermücken in Deutschland". 18.06.2017, 15:30 Uhr in ARD-alpha 

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