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Mückenatlas Deutschland Stechmücken fangen für die Wissenschaft

Mückenstiche sind lästig, aber harmlos. Das könnte sich ändern, denn neuerdings wandern Mücken ein, die Krankheiten übertragen. Wissenschaftler wollen deshalb wissen, wo welche Mücken leben. An diesem Atlas kann jeder mitarbeiten.

Stand: 06.06.2016

Mücke in Deutschland | Bild: picture-alliance/dpa

Weltweit gibt es rund 3.500 Stechmückenarten. 50 davon wurden bisher in Deutschland nachgewiesen. Von der Wissenschaft wurden die Mücken lange vernachlässigt, deshalb fehlt grundlegendes Wissen über ihr Vorkommen und ihre regionale Verbreitung. Das soll der "Mückenatlas" ändern, der 2012 ins Leben gerufen wurde. Initiatoren sind das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg und das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) in Greifswald. Ziel ist, die Verbreitung der Mückenarten in Deutschland flächendeckend zu erfassen.

"Durch die in Europa in den letzten Jahren zunehmenden Ausbrüche von Stechmücken-übertragenen Krankheiten wie Dengue-, Westnil- oder Chikungunya-Fieber sowie den jüngsten Zika-Virus-Ausbruch in Südamerika wurde die aktuelle Bedeutung von Stechmücken als Krankheitsüberträger unter Beweis gestellt. Zur Risikoabschätzung benötigen wir dringend Daten zur Verbreitung der in Deutschland vorkommenden invasiven und einheimischen Arten."

Doreen Walther, Biologin am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) im brandenburgischen Müncheberg

Mücken lieben feuchtwarmes Wetter

Mücken nutzen zur Eiablage ruhige Wasseroberflächen in der Natur, aber auch Regentonnen und andere mit Wasser gefüllte Behälter. Wenn es regnet und die Temperaturen sommerlich sind, kann das eine regelrechte Mückenplage zur Folge haben: Bei guten Bedingungen benötigt eine neue Mückengeneration nur rund zwei Wochen bis zum Schlüpfen.

Kohlendioxid als Lockstoff

Die Asiatische Buschmücke kann das West-Nil-Virus übertragen.

Um ein möglichst großes Spektrum an Arten zu fangen, stellen die Forscher Fallen an verschiedenen Standorten auf und benutzen unterschiedliche Köder. Ein Lockstoff ist zum Beispiel Kohlendioxid. Das Gas simuliert den menschlichen und tierischen Atem und ist für einheimische Mücken besonders attraktiv. Beim Bestimmen der Mückenarten brauchen die Wissenschaftler Pinzette, Mikroskop und Bestimmungsbuch. Die Tiere sind winzig und die Arten unterscheiden sich manchmal nur in Details voneinander. Manchmal kommen selbst erfahrene Forscher zu keinem sicheren Urteil. Dann hilft nur noch ein Gentest.

Mitmachen beim Mückenatlas

Draufhauen verboten!

Das Forscherteam des "Mückenatlas" benötigt weiterhin Mücken aus allen Teilen Deutschlands. Vor allem aus dünn besiedeltetn Regionen Deutschlands kommen wenige Einsendungen. Doch die Mücken einfach totschlagen ist aber nicht erlaubt: Zerquetscht nützen die Insekten der Wissenschaft nicht mehr. Die Stechmücken sollen unbeschädigt eingefangen und in ein passendes Gefäß, zum Beispiel ein Einweckglas, befördert werden. Danach kommen sie über Nacht ins Tiefkühlfach. Anschließend werden sie an das ZALF geschickt. Informationen zum Mückenatlas, wie man Mückenjäger wird und Wissenswertes über Stechmücken gibt es hier:

Nicht nur Wissenschaftler sammeln die Insekten für den Mückenatlas. Jeder darf mitmachen und Mücken, die er gefangen hat, zur Bestimmung einschicken. Tausende Mücken haben die Forscher seit 2012 aus ganz Deutschland schon zugesandt bekommen. Mit ihrer Hilfe ließ sich unter anderem herausfinden, dass in den Gegenden Köln und Koblenz die eingewanderte Asiatische Buschmücke (Aedes japonicus) bereits in größeren Populationen heimisch ist. Dieses Insekt kann das West-Nil-Virus und andere Viren übertragen, die beim Menschen Enzephalitis (Gehirnentzündung) auslösen können.

Asiatische Buschmücke breitet sich aus

Kopf einer Asiatischen Buschmücke

Zum ersten Mal wurde der Zweiflügler 2008 im südlichen Baden-Württemberg nachgewiesen. Im April 2015 haben Wissenschaftler des "Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums" und der Goethe-Universität Frankfurt Verbreitungsmodelle zu dieser invasiven Insektenart erstellt, denn mittlerweile gibt es auch größere Populationen in Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und im südlichen Nordrhein-Westfalen. Ein Grund für die Ausbreitung: Die Asiatische Buschmücke kommt mit den klimatischen Verhältnissen in Mitteleuropa, auch mit dem kalten Winter, sehr gut zurecht. Die Forscher gehen nun davon aus, dass die Mücke sich weiter ins Saarland, in Niedersachsen und in nördliche Teile Nordrhein-Westfalens ausbreiten wird.

Neuer Parasit nachgewiesen

Dank des Mückenatlas konnten die Forscher auch einen neuen Parasiten nachweisen, den Hundeherzwurm (Dirofilaria immitis). Er kommt normalerweise im Mittelmeerraum vor und wurde in Mücken in Baden-Württemberg und dem Havelland gefunden. Die Insekten können die Wurmlarven auf Hunde übertragen. Ausgewachsen kann der Wurm das Herz schädigen. Für Menschen ist er in der Regel ungefährlich.

"Wir wissen, dass wir es in naher Zukunft immer mehr mit über Insekten übertragenen Erkrankungen zu tun haben werden. Nicht gleich, aber in zehn, fünfzehn Jahren. Und da ist es wichtig, dass man weiß, welche Mückenarten vorkommen, um präventiv darauf einwirken zu können."

Professor Sven Klimpel, Senckenberg Deutsches Entomologisches Institut

Asiatische Tigermücken als Krankheitsübertrager

Die Asiatische Tigermücke hat in Südeuropa in einigen Fällen das Dengue-Fieber übertragen.

Globalisierung und Klimaveränderungen begünstigen, dass Stechmücken, die bisher nicht in Deutschland lebten, eingeschleppt werden und sich hier ansiedeln. Einige von ihnen können Krankheitserreger übertragen. In Südeuropa wurden beispielsweise in den vergangenen Jahren Menschen mit dem Dengue- und dem Chikungunya-Virus infiziert. Überträger der Krankheitserreger waren Asiatische Tigermücken, die sich dort angesiedelt hatten.

Asiatische Tigermücke in Deutschland

Die Tigermücke ist auch 2013 im süddeutschen Raum aufgetaucht. Die Tiere seien in speziellen, an Autobahnraststätten aufgestellten Fallen gefunden worden, teilte das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg mit. "Offenbar stammen die Mücken aus Italien und sind als blinde Passagiere mit dem Güterverkehr über die Schweiz beziehungsweise Österreich nach Deutschland gekommen", sagte Professor Egbert Tannich vom BNITM. Überraschenderweise ist auch der weltweilte Handel mit Gebrauchtreifen ein Einfallstor für die Tigermücke. Per Schiff kommen Reifen aus Asien nach Europa, wo sie zerschreddert und für den Straßenbau genutzt werden. In kleinen Wasserpfützen in den Reifen legen die Mücken ihre Eier ab, die dann mit ihnen auf die Reise gehen.

Die bislang gefundenen Mücken waren nicht von Tropenviren befallen. 2013 sind mehr als 640 importierte - also von Reisen mitgebrachte - Dengue-Infektionen in Deutschland gemeldet worden. Dies waren so viele wie noch nie und etwa fünfmal so viele wie noch vor zehn Jahren. Mitte August 2014 hat ein Hobby-Fänger eine Asiatische Tigermücke in Freiburg gefangen und zur Sammelstelle geschickt. Dieses ist das erste Exemplar, das im Mückenatlas verzeichnet ist. Mittlerweile gehen die Forscher davon aus, dass die Tigermücke im Raum Freiburg aber auch in Thüringen überwintern kann. Es gibt Hinweise auf sie in Nordrhein-Westfalen und Bayern.

Bakterien gegen Dengue-Fieber

Wissenschaftler erforschen derzeit, wie man Moskitos selbst gegen Dengue-Erreger resistent machen kann. Helfen könnte dabei das sogenannte Wolbachia-Bakterium. Sehr viele Insekten tragen es von Natur aus in sich, Tigermücken leider nicht - aber man kann sie damit infizieren, dann geben sie es sogar an künftige Generationen weiter. Solche Insekten sterben dann nicht nur früher als andere. "Bei einem Moskito mit Wolbachia können sich Dengue-Viren nicht entwickeln. Und wenn sich die Viren nicht entwickeln, können sie auch nicht übertragen werden", berichtet der australische Wissenschaftler Scott O'Neill, der sich schon seit vielen Jahren mit dem Wolbachia-Bakterium beschäftigt.

Wissenschaftler erforschen gerade auf der vietnamesischen Insel Tri Nguyen, wie sich die dort ausgesetzten Wolbachia-Mücken in freier Natur entwickeln. Die 3.500 Bewohner tolerieren die Versuchstiere gern: "Wir töten die Mücken nicht, auch wenn sie stechen", erzählt der Fischer Tran To. "Wolbachia im Haus ist wie ein Doktor im Haus."

Eine Bedrohung geht aber nicht nur von eingewanderten Mücken aus. Für den Mückenatlas untersuchen die Wissenschaftler der beteiligten Institute auch, ob einheimische Mücken gefährliche Viren und andere Krankheitserreger aufnehmen und verbreiten. In Brandenburg konnten sie bereits in drei Stechmückenarten Larven des Hundehautwurms entdecken. Dieser kann beim Menschen eine Hirnhautentzündung auslösen. Bisher ist in Deutschland noch keine Übertragung auf Menschen bekannt. Doch sollte dieser Fall eintreten, werden wir uns wohl noch mehr als bisher vor Mückenstichen in Acht nehmen müssen.

Die Asiatische Tigermücke


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