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Interview mit Illustratorin Anna Haifisch "Eine Schaffenskrise ist das Härteste überhaupt"

Anna Haifisch ist Illustratorin aus Leipzig - und hat gerade Comics auf der amerikanischen Seite der Vice veröffentlicht. Ziemlich große Nummer. Im Interview erzählt sie, warum gut gemeinte Ratschläge von Eltern fürchterlich sind.

Von: Vanessa Schneider & Katja Engelhardt

Stand: 19.06.2016 | Archiv

"The Artist" von Anna Haifisch | Bild: Anna Haifisch

PULS: Dein aktuelles Buch heißt "The Artist". Da erzählst du in einzelnen Episoden ziemlich bunt aus dem Leben eines Künstlers – beziehungsweise in diesem Fall ist es eher ein großer, dürrer Vogel. Der sieht eigentlich aus wie ein Mensch, hat aber einen Schnabel. Du zeichnest überhaupt viele Tiere, anstatt Menschen. Warum?

Anna Haifisch: Das liegt sehr oft auf der Hand. Manchmal kann man mit einem Tier oder einem Tierkopf Charaktereigenschaften gleich viel besser zusammenpacken. Eine Gans, was der "Artist" ist, hat einen langen Hals, ist ein bisschen schwächlich und blass und dann nimmt mir das schon viel Arbeit ab, um so eine Figur zu charakterisieren.

Künstler sind also schwächliche, blasse Typen.

In den meisten Fällen schon.

Da taucht auch eine Eule auf...

Ja, die ist der Arzt in einer der Episoden und noch mal in der Gerichtsfolge. Ich muss natürlich immer mal wieder die Tiere durchwechseln, damit die nicht alle dem "Artist" so ähnlich sehen, damit man sie unterscheiden kann.

Hast du ein Lieblingstier oder eins, was du besonders positiv besetzt?

Ich mag es ganz gerne, Füchse zu zeichnen. Aber ich glaube, im Buch ist nur ein Fuchs drin.

Du benutzt Farben ziemlich großflächig und sehr fröhlich: Gelb und Orange - der Comic selbst ist an einigen Stellen aber ziemlich deprimierend. Da geht's nämlich um das Leben als Künstler. Du kennst das ja - was ist denn das Härteste am Künstler-Dasein?

Wahrscheinlich eine Schaffenskrise, das würde ich vielleicht als das Härteste bezeichnen. Wenn einem nichts einfällt, wenn man nur rumsitzt und es nichts wird. Das Scheitern, bevor man überhaupt angefangen hat.

Was kommt von der Figur "The Artist" eigentlich aus deinem Leben? Du hast ja zum Beispiel bei der Vice Online Strips veröffentllicht. Der "Artist" trifft in dem Buch einen Vice-Redakteur. Dann hast du an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig studiert und der Künstler in dem Comic auch. Wie viel von dir selbst steckt in dieser Figur des Künstlers?

Ich glaube, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz viel. Aber die Episoden sind niemals Eins zu Eins aus meinem Leben. Ich übertreibe total. So viel gibt mein Leben dann auch nicht jede Woche her. Von der Stimmung oder Einstellung bin ich einfach der "Artist". Und von den Geschichten: Ich sammel mir da Sachen zusammen oder lass mich von anderen Sachen inspirieren und schreibe dann so eine Episode.

Was ist deine Lieblingsanekdote, die du ins Buch übertragen hast?

Wahrscheinlich schon die Geschichte mit den Eltern, wo der "Artist" seine Eltern besucht und dann die versehentliche Beschämung durch die Mutter in einem Nervenzusammenbruch endet. Das ist jedem schon mal passiert, der Eltern hat, die sich nicht unbedingt im Kunstfeld aufhalten, die dann immer so ganz wohlwollend sind und meinen, es wäre doch schön, wenn man ein Bild mal in ein Wartezimmer hängt oder eine kleine Ausstellung in einem Heimatverein macht. Das wäre doch eine super Gelegenheit. Aber das ist ein ziemlicher Irrtum, aber Eltern verstehen das natürlich nicht.

Das gipfelt in deinem Comic darin, dass sie eine Fläche im Bad haben, auf dem Klo und sagen: "Hey, das wäre doch schön, wenn du da mal ein Bild von dir aufhängst. Da wäre doch voll die Chance!"

Ja, ja – Irrtum!

Du liest auch schon mal aus deinem Comic vor. Ich kann mir das nicht vorstellen – Ich war noch nie auf einer Comicvorlesung. Comics leben ja von Bildern.

Naja, das ist eigentlich ganz dankbar. Ich habe dort einen Beamer, werfe die Bilder dann an die Wand und lese die Texte vor. Für den "Artist" ist das nicht ganz so viel, aber schon einiges: So Soundeffekte dazu.

Im Mai warst du beim Comic-Salon in Erlangen. Wie wichtig sind solche Events für dich? Ich kann mir vorstellen, dass man sich da auch gut mit anderen Künstlern austauschen kann und Feedback bekommen kann.

Erlangen ist ja alle zwei Jahre und das ist das Highlight der deutschen Comicszene. Ich mag es sehr, weil dann alle dort sind, alle anderen Autoren, Leute, mit denen man zusammen studiert hat und die sich ein bisschen verteilt haben. Man verschafft sich auch immer einen Überblick, was alles so neu erschienen ist. Aber so in Deutschland das kriegt man eh mit. Wirklich interessant wird es dann auf solchen Messen in Amerika oder in Frankreich.

Schlagworte:
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