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Betrunkener Homepagetester "Anderthalb Bier und ich bin dabei"

Betrunken Webseiten testen und dafür Geld verlangen? Der Entwickler Richard Littauer macht genau das. Ein Gespräch über Alkoholpegel, miese Webseiten und die richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt.

Von: Max Muth

Stand: 17.04.2015 | Archiv

Richard Littauer bei einem Hackday | Bild: Matthew Bergman

"Deine Webseite sollte so simpel sein, dass ein Betrunkener sie problemlos nutzen kann.“ Mit diesem Slogan wirbt Richard Littauer für seine Dienste. Für 500 US-Dollar pro Seite testet der Entwickler betrunken Webseiten. Die Idee zu "The user is drunk" kam ihm zufällig und er ist nach eigenen Angaben der Erste, der diesen Service für Geld anbietet. Den Job erledigt der 26-Jährige aber nicht einsam von zu Hause, sondern aus dem "Hacker Paradise" in Thailand. Wir haben ihn dort mal angerufen.

PULS: Wie zur Hölle kommt man auf die Idee, für Geld betrunken Webseiten zu testen?

Richard Littauer: Ich habe die Seite eines Freundes gecheckt und war ein bisschen betrunken. Ich dachte "Hey, das ist cool und ich mache gerade gute Arbeit.“ Diesen Satz "Der User ist betrunken“ gibt es auch, weil betrunkene Menschen einfach anders reagieren. Artikel sind ihnen egal, sie wollen auch keine langen Texte lesen. Wenn etwas nicht funktioniert, gehen sie wieder - es ist eine andere User-Erfahrung. Mir ist aber klar gewesen, dass keine Firma ihre Leute bezahlen wird, um sich zu betrinken. Deswegen dachte ich: Vielleicht kann ich das machen.

Seit wann betreibst du die Seite "The user is drunk“?

Seit drei Wochen. Ich hatte die Idee, dann habe ich die Seite innerhalb von einem Tag gebaut und online gestellt und auf einmal ging sie absolut viral.

Bist du tatsächlich der Erste, der diese Idee hatte?

Nein, es gibt einen Australier, der dazu ein Video gedreht hat. Aber ich bin der Erste, der es als Service anbietet und damit Geld verdient. Niemand hat geglaubt, dass das funktionieren kann: sich betrinken, eine Website testen und dafür Geld verlangen. Es ist auch nicht skalierbar. Ich werde niemanden anstellen, der das für mich macht, aber es läuft gut.

Ich glaube, ziemlich viele Leute denken jetzt: "Warum ist mir das nicht eingefallen?“

Das habe ich schon von vielen Leuten gehört. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum es so erfolgreich ist. Die Leute sagen: "Wow, wieso ist mir das nicht eingefallen?“ oder "Alter du traust dich tatsächlich, Geld dafür zu verlangen, dass du dich betrinkst?“ Es ist ein anderer Denkansatz. Ein Freund von mir hat es ein klebriges Konzept genannt - es klebt sich in dein Hirn, man vergisst es nicht.

Wie sieht ein Abend aus, an dem du betrunken Webseiten testest?

Ich betrinke mich nicht, um den Job zu machen. Ich versuche das in einen Abend mit Freunden zu integrieren. Ich trinke zwei Bier, spiele Karten mit Freunden. Zwischendurch gehe ich für 15 Minuten und schaue mir die Webseite an. Dann komme ich wieder, trinke Bier und spiele Karten. Es ist nur Teil eines guten Abends - und danach trinke ich zwei bis drei Nächte keinen Alkohol.

Deine Freunde nervt es nicht, wenn du beim Kartenspielen ständig aufstehst?

Meine Freunde hier in Thailand sind wie ich alle bei "Hacker-Paradise“ - einer Community von digitalen Nomaden. Leute, die von überall aus arbeiten und zusammen rumreisen. Da sind Marketing-Menschen dabei und Entwickler. Die haben die Entwicklung der Seite gesehen und ich glaube, die kommen damit gut klar. Was vielleicht auch eine Rolle spielt: Ich zahle die Drinks.

Wieso bist du eigentlich gerade in Chiang Mai?

Eigentlich arbeite ich für das MIT Media Lab und entwickle Tools, mit denen Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse miteinander teilen können. Nur mache ich das aktuell eben in Chiang Mai.

Sind deine Hacker-Kollegen neidisch auf deinen Job?

Das ist ja nicht mein Hauptjob. Aber nein, es gibt keinen Neid, die feiern das auch. Ich kriege eher Reaktionen wie: "Ich kann nicht glauben, dass es funktioniert." oder "Gut gemacht, du bist krass. Kannst du mich auf ein Bier einladen?“ 

Was ist die wichtigste Eigenschaft, die man für deinen Job braucht?

Ich muss im richtigen mentalen Zustand zu sein. Ich kann kein trauriger Säufer, aber auch nicht nüchtern sein. Ich muss noch in der Lage sein, die Review zu machen. Außerdem ist wichtig, dass ich selbst eine gute Zeit habe, das muss rüberkommen. Ansonsten wäre es eine echt traurige Erfahrung, das ginge in Richtung Alkoholismus. Es gibt einen sehr schmalen Grat zwischen "zu betrunken“ und "zu nüchtern“.

Hast du ein Rezept, um den richtigen Alkoholpegel zu erreichen?

Bei mir geht das schnell, anderthalb Bier und ich bin dabei. Dann bin ich betrunken genug, um ein bisschen verwirrt zu sein, aber nicht besoffen. Bereit, um dumme Witze zu reißen und ein bisschen so, dass man nicht ganz genau weiß, was gerade passiert.

Trinkst du noch Alkohol, wenn du ausgehst?

Ja klar, wenn ich mit Freunden unterwegs bin. Ich bin ein ganz normaler 26-jähriger Typ in Südostasien, aber kein Alkoholiker. Ich achte darauf, mir immer ein paar Tage frei zu nehmen und passe auf, wie viel ich dann wirklich trinke.

Hast du dich jemals wegen einer Seite übergeben müssen?

Nein, so betrunken bin ich nie.

Mit deiner Erfahrung im Testen von Webseiten: Was machen deiner Meinung nach viele Entwickler falsch?

Die Leute haben viel Text auf ihrer Seite und glauben, dass das tatsächlich jemand liest. Ich finde, dass ein kleines Statement mehr Sinn macht.  Außerdem sollte man aufpassen, dass der Anmeldeprozess für neue User keine Fehlerquellen enthält. Die zwei wichtigsten Dinge für mich als betrunkener User sind: Ich will keine Texte lesen und wenn es einen Fehler gibt, lache ich kurz und verlasse die Seite.

Gibt es eine Seite, von der du sagen würdest: Die ist richtig geil, wenn man betrunken ist?

Oh, da gibt es einige. Zum Beispiel Gilt.jp - eine japanische Modeseite. Sie ist in Japanisch und ich habe sie trotzdem geliebt. Hubspot war gut und Meh.com mochte ich gerne. Das ist eine Seite, um zufälliges Zeug von Amazon zu kaufen. Es war eine einhundertprozentig sichere Seite für betrunkene Menschen.

Hast du dir überlegt, Ableger von deiner Geschäftsidee zu verkaufen? Sowas wie The-user-is-stoned.com?

Ich nehme keine Drogen - ich finde es gut, einen klaren Geist zu haben. Sowas interessiert mich also nicht. Es haben mich schon Menschen gefragt, ob ich sie für so etwas anheuern würde. Aber ich will keine Leute einstellen, die high sind. An manchen Orten ist das legal, das ist auch okay, aber es ist nichts, was ich machen möchte. Ich habe gerade eine Seite mit meinem Kumpel Scotty gebaut: "The User is my Mom“. Wir arbeiten mit Scotty’s Mutter, um Webseiten zu testen. Die Seite ist gerade erst online gegangen. Bis jetzt gibt es noch keine Kunden, aber hoffentlich bald.

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