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Digitaler Nachlass Geschäft mit dem Tod

Niemand beschäftigt sich gerne mit dem Tod. Nur 25 Prozent der Deutschen haben laut einer Emnid-Umfrage ein Testament. Was den digitalen Nachlass angeht, machen sie sich noch weniger Gedanken - das wird für andere zum Geschäft.

Von: Anne Hemmes

Stand: 24.08.2015 | Archiv

Digitaler Nachlass | Bild: BR

Das Netz vergisst nichts, auch nicht, wenn man tot ist. Auf Facebook laufen weiter Nachrichten ein oder irgendein Aboservice bucht Geld ab. Sich um seinen eigenen digitalen Nachlass zu Lebzeiten zu kümmern, kostet Zeit und Nerven. Und wer denkt schon gerne daran, was "danach" ist?

Laut einer Bitkom-Studie haben neun von zehn Internetnutzern den digitalen Nachlass nicht geregelt. Was für die meisten unangenehm ist, ist für andere aber ein gutes Geschäft. Oliver Eiler hat vor drei Jahren Columba gegründet - eine Firma, die sich mit genau diesem Thema beschäftigt: der Nachlassverwaltung im Netz. Auf die Idee kam Eiler durch zwei Erlebnisse. Er war Werbeunternehmer und kümmerte sich darum, dass Firmen mit ihren Marketingaktionen auch die richtigen Leute erreichen. Dabei merkte er, dass man zwar gut prüfen kann, ob jemand umgezogen ist oder einen neuen Namen hat, aber nicht, ob jemand noch lebt. Dann passierte noch etwas in Eilers persönlichem Umfeld.

"Ein Jahr später ist ein guter Freund von mir bei einem Verkehrsunfall in Asien gestorben. Und ich entdeckte später, dass er immer noch im Premiumstatus bei einem Netzwerk für Geschäftskontakte aufgeführt wurde. Zum einen war klar: Das ist falsch, weil jetzt 500 Netzwerkkontakte eine Geburtstagserinnerung bekommen, das ist eine Pietätsverletztung. Zum anderen ist klar, dass ein monetärer Schaden entstanden sein muss für den Rechtsnachfolger, also in dem Fall seine Witwe."

- Oliver Eiler, Gründer Columba

Eiler verkauft die Onlineschutzpakete allerdings nicht direkt an die Angehörigen, sondern über den Bestatter. Der hilft der Familie sowieso dabei sich um den ganzen Papierkram zu kümmern. Arbeitet der Bestatter mit Columba zusammen, fragt er gleich mit, ob die Firma auch den digitalen Nachlass regeln soll - sozusagen als Erweiterung zum Bestatterangebot.

"Man braucht keine Kenntnisse zu Passwörtern, Zugangsdaten oder dergleichen. Weil wir rein mit der Sterbeinformation schon mal Ergebnisse herstellen können im Rahmen unserer Partnerreichweite. Das sind Unternehmen, die sozusagen direkt mit uns über Datenservices kommunizieren und uns auch Ergebnisse übermitteln, falls der Verstorbene einen Account bei dem jeweiligen Anbieter hatte."

-Oliver Eiler, Gründer Columba

Heißt im Klartext: Mit Namen und Geburtsdatum werden Datenbanken von den Internetanbietern durchsucht - im Schnitt findet Columba so 14 Konten von einem Verstorbenem. Das Ganze funktioniert aber nur mit Klarnamen, Fake-Accounts werden nicht gefunden.

Große emotionale Hürde

Aber wenn man nun etwas findet: Wie leicht ist es dann auf "löschen" zu klicken? Schließlich vernichtet man damit auch Erinnerungen. Die Theologin Birgit Janetzky hat sich fünf Jahre lang um den digitalen Nachlass von Leuten gekümmert und genau diesen Zwiespalt bei einer Familie erlebt.

"Es ist eine große emotionale Hürde. Man muss sich vorstellen: Jetzt ist schon das eigene Kind gestorben und dann soll ich auch noch die Erinnerung an das Kind, die Sichtbarkeit des Kindes im Internet löschen. Das ist so wie: Ist es nicht schon genug, dass mein Kind gestorben ist – jetzt soll ichs da auch noch völlig ausradieren, also vom emotionalen Empfinden her."

- Birgit Janetzky, Theologin

Und eigentlich ist es auch so, als ob man ein fremdes Tagebuch vor sich liegen hat - einen Unterschied zwischen digital und analog gibt es nicht.

"Natürlich kann es sein, dass man Einträge entdeckt, von denen man vorher nichts wusste. Aber das ist im materiellen Nachlass auch, da findet man Briefe, Tagebucheinträge oder Schriftstücke, von denen man vorher nichts wusste. Ich denke, dass man jedem Menschen, auch den Verstorbenen, zugestehen darf, dass sie Teile ihres Lebens einem zu Lebzeiten nicht gezeigt haben."

- Birgit Janetzky, Theologin

Etwa alle drei Minuten stirbt ein Facebook-User

Die Bundesverbraucherzentrale hat vor kurzem unter #machtsgut eine Online-Kampagne zum digitalen Nachlass gestartet. Denn alle drei Minuten stirbt ein Facebook-User in Deutschland - und hinterlässt in den meisten Fällen jede Menge Online-Konten, für die es keine Regelungen gibt. Die Angehörigen müssen sich in jedem Fall darum kümmern, denn sie übernehmen nicht nur die Rechte eines Verstorbenen, sondern auch die Pflichten. Es macht also Sinn, sich mit seinem "digitalen Testament" zu beschäftigen. Und bei manchen Onlineanbietern kann man schon im Vorfeld Entscheidungen für die Zeit nach dem Tod treffen.

Facebook

Bei Facebook kann man seit kurzem auch in Deutschland einen"Legacy Contact" in den Profil-Einstellungen bestimmen. Unter "Sicherheit" gibt es den Punkt "Nachlasskontakt". Da kann man jemanden auswählen, der sich um das Konto kümmern soll, wenn einem etwas passiert. Facebook schreibt dazu, dass die Person auf Freundschaftsanfragen antworten und Profilbilder aktualisieren kann. Nachrichten lesen oder unter dem Namen posten kann diese Person nicht. Der Nachlasskontakt wird erst benachrichtigt, wenn sich das Konto im Gedenkzustand befindet. Und es gibt das Kästchen "Kontoauflösung". Das kann man anklicken, wenn man nach dem eigenen Tod kein FB-Konto mehr haben will.

Google

Bei Google gibt es den Kontoinaktivität-Manager. Den kann man jederzeit einrichten und so bestimmen, was mit dem Konto passiert, wenn man sich länger nicht einloggt. Man wählt eine Person aus und was man mit ihr teilen möchte, also zum Beispiel auch die Daten von Blogger, Gmail oder Youtube. Außerdem legt man eine Frist fest, nach der der Manager eine Nachricht an den Kontakt verschickt. Vorher wird man nochmal dran erinnert, dass die Frist ausläuft. Alternativ hat man die Möglichkeit, das Konto löschen zu lassen.

Twitter

Twitter verlangt schon ein bisschen mehr Infos, wenn man das Konto eines Angehörigen löschen lassen will. Erforderlich sind eine Kopie des eigenen Personalausweises und eine Kopie der Sterbeurkunde der verstorbenen Person. Zugang zum Konto gibt es nicht. Außerdem stellt Twitter gleich klar, dass es zwar Fotos oder Videos von Leuten löscht, wenn sie gestorben sind, aber nur wenn das Unternehmen damit einverstanden ist: "Bei der Prüfung derartiger Löschanträge berücksichtigt Twitter Faktoren des öffentlichen Interesses wie zum Beispiel den Nachrichtenwert des Inhalts".

Mailprovider

Yahoo gibt keinen Zugang zum Konto. Doof, wenn da dann wichtige Mails einlaufen - zum Beispiel Rechnungen oder ähnliches. Wenn man amtliche Dokumente vorlegt, kann man das Konto aber löschen lassen.
Gmx und web.de verschicken eine Erinnerungsmail, wenn das Konto sechs Monate nicht genutzt wurde. Wenn man einen Erbschein vorlegt, kann man das Konto löschen lassen oder es weiter verwalten.

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