Besetzung des "Schnitzelhauses" in München "Wir wollen Leerstände skandalisieren"

Aktivisten der Gruppe "Für LⒶu Haus" haben für kurze Zeit ein seit Jahren leerstehendes Haus im Münchner Westend besetzt. Wir haben mit ihnen ein schriftliches Interview geführt.

Stand: 24.07.2017 | Archiv

Für Lau Haus | Bild: Für Lau Haus

Seit Jahren steht das sogenannte "Schnitzelhaus", eine ehemalige Gaststätte im Münchner Westend, leer. Am Samstag ging bei der Polizei die Meldung ein, es sei besetzt worden. Als die Beamten eintrafen, waren da aber nur ein Schlafsack und einige Flugblätter - von den mutmaßlichen Besetzern keine Spur. Hinter der Aktion steckt ein anonymer Twitter-Account namens "Für LⒶu Haus". Die Leute dahinter wollen anonym bleiben, waren aber bereit, uns ein paar Fragen zu beantworten.

PULS: Die Polizei spricht ja von einer "angeblichen Besetzung". Was genau ist denn passiert am Samstagmorgen?

"Für LⒶu Haus": Mehrere Personen haben das "Schnitzelhaus" betreten, haben im ehemaligen Schankraum einen Umsonstladen eingerichtet, Transparente aus den Fenstern gehängt und haben dann das "Schnitzelhaus" noch vor dem Eintreffen der Polizei wieder verlassen. Gleichzeitig wurden im Viertel Flyer und Plakate verteilt, um auf den neu entstandenen Umsonstladen aufmerksam zu machen.

Als die Polizei kam, war niemand mehr im Haus. Eine richtige Besetzung war das also gar nicht, oder?

Ob diese Aktion eine Besetzung war oder eine Scheinbesetzung, ist Interpretationssache. Wir sprechen bewusst von einer Besetzung, weil eines unserer zentralen Ziele das Einrichten eines Umsonstladens (eine Art Tauschbörse, Anm. d. Red.) war, der auch genutzt werden konnte. Da wir allerdings wissen, wie die Polizei in München auf Hausbesetzungen reagiert und wir Repression vermeiden und damit handlungsfähig bleiben wollen, haben wir das Haus bereits vor Eintreffen der Beamt_innen verlassen. Wir haben es also mit einer Hausbesetzung zu tun, ohne dass jemand zur Verantwortung gezogen werden kann.

Was genau wolltet ihr mit der Aktion denn bezwecken?

In unserer Aktion sind mehrere Ziele zusammengekommen: Einerseits wollen wir Leerstände skandalisieren und ein Bewusstsein dafür in der Bevölkerung schaffen. Andererseits wollen wir Leute dazu animieren, selbst aktiv zu werden und ähnliche Aktionen durchzuführen. Wir hoffen, damit langfristig eine Dynamik zu erzeugen, die eine tatsächliche Hausbesetzung in München auf längere Zeit möglich macht. Für selbstbestimmte Formen des Zusammenlebens halten wir es für essenziell, sich die eigenen Lebensräume selbst anzueignen und nicht auf irgendwelche schlechten Kompromisse durch die Politik zu warten. Mit dem Umsonstladen wollen wir auf ein weiteres Herrschaftsverhältnis in der Gesellschaft aufmerksam machen: Die Organisierung der Gesellschaft rund um den Tauschgedanken. Nur wer eine entsprechende Gegenleistung erbringt, kann seine_ihre Bedürfnisse befriedigen. Alle anderen werden aus dieser Gesellschaft ausgeschlossen. Als Anarchist_innen streben wir stattdessen eine Gesellschaft an, in der alle Menschen nach ihren Bedürfnissen leben können. Niemensch hat das Recht, Personen, die etwas benötigen, dieses vorzuenthalten, wenn er_sie es nicht selbst braucht, wie zum Beispiel ein leerstehendes Haus.

Wer ist denn "Für LⒶu Haus"? Steckt dahinter vielleicht eine Organisation, die wir schon kennen?

Das "Für LⒶu Haus" ist ein wandelnder Umsonstladen. Das ist ein Kunstgriff, der es uns ermöglicht, als Personen in den Hintergrund zu treten und die Sache selbst in den Vordergrund zu stellen. Klar sind wir irgendwelche Personen, aber wer wir sind, das können und wollen wir nicht preisgeben. Aber wir wollen das "Für LⒶu Haus" nicht für uns alleine in Anspruch nehmen, sondern freuen uns darüber, wenn andere diesen Namen auch für ihre Aktionen nutzen.

Wir können uns ja vorstellen, "ihr" seid in Wirklichkeit nur eine Person...

So viel sei verraten: mehr als eine. Aber aus unserer Sicht geht es nicht so sehr darum, wer und wie viele wir sind, sondern mehr um die Inhalte.

Wann und wo schlagt ihr denn als nächstes zu?

Lass dich überraschen! ;-) Wir werden uns melden.

Sendung: Filter, 24. Juli 2017 - 16.30 Uhr.

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