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Die Frage Warum ziehen junge Deutsche in den Dschihad?

Aus Bayern sind es 30, deutschlandweit mehr als 300: Junge Muslime, die im syrischen Bürgerkrieg gegen Assad und für Allah kämpfen - und oft auch sterben. Die Frage auf den Spuren der radikalsten Jugendbewegung in Deutschland.

Von: Elisabeth Veh

Stand: 17.06.2014 | Archiv

Anfang 2014 geht die Geschichte von David durch die deutschen Medien: "Von Kempten in den heiligen Krieg" oder "Der Gotteskrieger aus dem Allgäu". David ist 22, als er im syrischen Bürgerkrieg stirbt. Zuvor war er zum Islam konvertiert, hatte sich von seinem Boxtrainer verabschiedet, seine Ausbildungsstelle gekündigt und den Kontakt zu Familie und Freunden abgebrochen. David war nach Syrien gereist, um im Bürgerkrieg an der Seite einer Terrormiliz gegen Assad zu kämpfen. David wurde zu einem so genannten Dschihadisten – einem, der für seinen Glauben in den heiligen Krieg zieht. Auch für Basayev aus München (Name von der Redaktion geändert) ist der Dschihad das höchste, was ein Muslim erreichen kann. Ihn habe ich bei einer Koran-Verteilung der islamistischen "Lies"-Kampagne getroffen. Basayevs Bruder ist bereits nach Syrien gegangen. Im Interview erzählt er, dass sein Bruder sein größter Held ist – gerade weil er als Gotteskrieger sein Leben aufs Spiel setzt.

Wer seid ihr?

Was ist im Leben von David oder Basayevs Bruder passiert, dass sie zu Islamisten wurden? Um das herauszufinden, begebe ich mich auf Spurensuche in Kempten. Ich spreche mit Sicherheitsbehörden, Islamforschern und Journalisten, die die Szene schon länger beobachten. Und ich schaue mir die Biografien von deutschen Dschihadisten an – von anderen Davids, die so wie er ihr "Normalo-Leben" hier in Deutschland hinter sich gelassen haben, um einer radikalen religiösen Utopie zu folgen.


Sarah ist erst 15, als sie in den Dschihad zieht. Nach den Sommerferien war sie mit Kopftuch in die Schule gekommen. Kurz darauf reist sie nach Syrien. Ihren Freundinnen schickt sie Bilder mit Gewehr und ihrem neuem Ehemann.


Fußball ist Buraks Leben. Er trainiert in der U17-Nationalmannschaft neben Sammy Khedira. Dann wirft ihn eine Verletzung um. Burak schließt sich Salafisten an und geht in ein völlig anderes Trainings-Camp: eines für Gotteskrieger.


Vorstrafen, Drogen, kein Beruf - eigentlich legt Deniz die klassische "Karriere" eines Kleinkriminellen hin. Aber dann trifft er im Gefängnis auf den Islam und radikalisiert sich. Sein Weg führt aus der Zelle nach Syrien.


Bei David aus Kempten ging alles ganz schnell: Er schmeißt er seine Lehre und seine Mitgliedschaft im Boxclub hin, konvertiert zum Islam und will nach Syrien reisen. Selbst als er am Flughafen verhaftet wird, gibt David nicht auf.

Von Deutschland bis an die syrische Grenze

Beim bayerischen Verfassungsschutz erfahre ich: Die Dschihadisten, also junge Menschen wie Sarah, Burak, Deniz und David, sie werden immer mehr. 320 in Deutschland, 30 allein aus Bayern. Sicherheitsbehörden nennen das ganz nüchtern "Ausreisen". Der Gang in den Dschihad ist nämlich einfach geworden: ein Flug in die Türkei, von da per Bus an die syrische Grenze. Das ist ein Grund für die steigenden Zahlen an jungen Dschihadisten. Aber noch keine Erklärung. Sind sie auf die Propaganda von salafistischen Predigern reingefallen?



Der Verfassungsschutz kennt und beobachtet sie: Salafisten. Denn sie gehören zu den extremsten Vertretern des Islams. Die einen machen auf charismatischen Kumpel, andere rufen explizit zum bewaffneten Kampf auf. Vier bekannte Figuren.

"Meine Moschee ist youtube"

Das hat ein junger Dschihadi dem Journalisten Florian Flade erzählt. Abseits von den salafistischen Predigern und radikalen Moscheegemeinden ist inzwischen eine Propagandamaschine im Internet entstanden. Dort radikalisieren sich viele zukünftige Dschihadis quasi ganz von alleine. Auf salafistischen Websites und auf Facebook, Youtube und Twitter finden sie grausame Bilder und Videos aus dem syrischen Bürgerkrieg und Aufrufe zum heiligen Krieg.

Ich will sie kennenlernen, diese radikale Jugendbewegung im Netz. Das Problem: Auch da muss man wissen, wonach man sucht. Hilfe bekomme ich in Berlin: Beim Diplom-Psychologen Ahmad Mansour.



Ahmad Mansour arbeitet bei Hayat, einer Beratungsstelle gegen Radikalisierung in Berlin. Da klingelt das Telefon fast täglich. Oft weiß er, was dann kommt - denn im Netz behält er die Dschihadistenszene genau im Auge.

20 Prozent aller Dschihadisten sind Konvertiten



Menschen wie David aus Kempten, die alles gutbürgerlich-christliche aus dem Leben verbannen und sich dem radikalen Islam zuwenden. Um diesen Move besser zu verstehen, spreche ich mit einer Konversions-Expertin.

Also: Warum ziehen junge Deutsche in den Dschihad?

Basayev im Shisha-Café habe ich das ganz konkret gefragt. Er sagt: weil sie in einem islamischen Staat mit Scharia leben wollen. Und weil sie unterdrückten Muslimen helfen wollen. Das hat auch der Dschihadismus-Experte Guido Steinberg bestätigt: Junge Leute ziehen in den Dschihad, weil sie der Bürgerkrieg in Syrien politisiert hat und weil sie Krieg romantisch finden. Und wenn wir uns jetzt an Ahmad Mansour erinnern, den Psychologen, dann gibt es viele Leute, die in einem bestimmten Zeitfenster in ihrer Jugend nach irgendwas suchen, das ihnen Sinn gibt und das Gefühl, jemand Besonderes zu sein.


Sind Dschihadisten also eigentlich Utopisten? Teil einer jungen, extremistischen Jugendbewegung, die eigentlich nur von einem besseren Ort träumt? Sicher nein. Im Laufe der Recherche habe ich auch mit einem jungen Mann gechattet, der vorgibt gerade in Syrien zu sein. Am Ende hat er mir ein Video geschickt, das einen Angriff zeigt, zusammengeschnitten in Computerspiel-Optik, unterlegt mit heroischer Musik.


Aus einem Zusammenspiel von pubertärer Sinnsuche, Abenteuerlust und falsch verstandenem Unrechtsempfinden, ist eine Bewegung entstanden, die nicht nur Opfer ist, sondern auch Täter. Und die sich die Welt einfach in Gut und Böse aufteilt. Mitten in unserer Gesellschaft, die manchen jungen Leuten anscheinend so wenig Chancen und Sinn vermittelt, dass sie diesen Weg einschlagen.

Schlagworte:
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Der Jan, Donnerstag, 29.Mai, 17:45 Uhr

1. Porträt Pierre Vogel

Hey, hab grad euren Beitrag über Pierre Vogel gehört. So ganz astrein war der aber auch nich. Also da wurde die Religion des Islam mit der extremistischen Bewegung des Islamismus zusammengeworfen, gar mit dem Dschihad. Als würde das alles selbsverständlich zusammengehören. Und auch die Arbeit als Missionar ist erstmal nicht verwerflich, das tun auch christliche Vereinigungen wie die Diakonie. Nur ist es bei Vogel ja die Wortwahl und die Positionen, die er einnimmt, die ihn verfassungsfeindlich machen. Das war mir alles etwas zu unkonkret eben bei euch. Schade..