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Interview // Keno von Moop Mama "München kann wirklich mehr als scheiße sein. Extrem scheiße sogar."

In München läuft gerade die Debatte: Wie scheiße ist der Ruf der Stadt und was bedeutet das für Musiker dort? Keno ist gerade aus München weggezogen und sagt: Stadtplaner checken nicht, welche Chancen dreckige Ecken bieten.

Von: Miriam Harner

Stand: 10.10.2016 | Archiv

Keno Langbein | Bild: Maxi Baier

Ist München wirklich so schlimm wie sein Ruf? Einige Münchner Musiker sagen: Sogar noch beschissener. Andere meinen: Ganz so tragisch ist es auch wieder nicht. In der Diskussion um das Imageproblem der Stadt hat sich jetzt ein weiterer Künstler zu Wort gemeldet: Keno, Rapper und Sänger der Münchner Band Moop Mama findet, dass München mehr als ein dickes Problem hat. Bei Facebook hat er das in einem Statement klar formuliert: "München kann wirklich mehr als scheiße sein. Extrem scheiße sogar." Wir haben mit Keno gesprochen.

PULS: Etliche Künstler sagen, die Stadt hat einen ziemlich schlechten Ruf. Andere Musikschaffende widersprechen nach dem Motto: "München kann mehr als scheiße sein". Wie siehst du das?

Keno: Ich find die Diskussion ziemlich wichtig und sie könnte auch produktiv sein, wenn man sich nicht vor allem damit beschäftigen würde, zu leugnen, dass es hier nicht so coole Sachen gibt. Es geht nicht darum zu fragen, ob die Bands, die in München sind, cooles Zeug machen, sondern zum Beispiel um die Frage: Warum hat München KEIN Reeperbahn-Festival?

Ein Argument, warum München super dasteht war: "München macht ja gute Zahlen", also die Bands aus München verkaufen sich gut. Das find ich halt totalen Quatsch. Es geht darum, dass es in München keine Freiräume für Kunst gibt, die eben noch kein Geld abwirft. Kunst die anti ist, Untergrund-Kultur, wo sich Szenen entwickeln – ich finde, darauf sollte man das Augenmerk legen und nicht darauf, ob irgendjemand, der aus München kommt, Erfolg hat.

Hat München denn nun einen schlechten Ruf in der Szene?

Viele beschäftigen sich damit, das zu leugnen. Wenn man aber zum Beispiel die HipHop-Szene der letzten zehn Jahre erlebt hat, dann weiß man mit absoluter Sicherheit: Die Stadt hat einen schlechten Ruf außerhalb von München. Woran das liegt und ob das berechtigt ist, ist eine ganz andere Frage. Aber München ist eine Stadt, in der andere Dinge regieren als Subkultur. München ist eine sehr schöne Stadt, eine sehr beliebte Stadt, in der es wahnsinnig viel Geld gibt. Sie funktioniert einfach nach anderen Regeln, da gibt es wenig Freiräume.

Das ist ein Grundproblem, von dem ich nicht weiß, ob sich das tatsächlich ändern lässt. München ist eben die Stadt, die sie ist - nicht New York oder London. Und ich finde es total daneben, dass man sich immer mit solchen Städten vergleicht. Dazu sollte man vielleicht erst mal das Niveau von beispielsweise Hamburg erreichen. München hat wenige dreckige Ecken und wenn es welche gibt, dann immer nur ganz kurz. Aus meiner Sicht ist das ein Fehler. Man sollte solche Ecken, diesen Dreck, diesen Schmutz den eine Stadt hat, in dem sich Dinge entwickeln die unberechenbar sind, zu schätzen wissen.

Schwabing zehrt zum Beispiel heute noch davon, dass es vor Jahrzehnten mal ein Viertel war, in dem sich Studenten die ganze Nacht betrunken und die Rübe auf der Straße eingeschlagen haben. Auch unter solchen Aspekten sollte man mehr Räume öffnen für Dinge, die sich von selbst entwickeln, unkonventionell sind und eben keine Kohle abwerfen. Die sollten nicht immer sofort an den Rand gedrängt werden. München hat wenige solcher Spots und wenn es sie gibt, dann bleiben sie oft zu, verrotten oder werden nicht an Leute gegeben, die mit ihnen kreativ umgehen würden. Das Credo sollte sein: Hey, gebt uns Künstlern, uns Kreativen, die hässlichen Flecken und die Löcher im Boden, dann entwickelt sich selbst etwas. Jeder Stadtplaner weiß, dass man genau diese Ecken dann in zehn Jahren sehr, sehr teuer verkaufen kann.

Hast du ein Problem damit als bayerischer Musiker identifiziert zu werden? Ist "bayerischer Musiker" ein Stigma?

Ich muss grundsätzlich sagen, dass mir dieses Lokalpatriotismus-Ding nicht nur hier auf den Sack geht - ich mag das nie. Münchener oder Bayern haben aber schon einen starken Hang dazu und den finde ich wahnsinnig unangenehm. Für mich hat das noch nie eine richtige Rolle gespielt, also ich hab mich nicht darüber definiert - bin aber schon oft in der Situation gewesen, dass ich mich gegen den Stempel wehren musste. Ich weiß nicht, wie das in anderen Musikgenres ist, aber im Hip Hop hat Bayern definitiv einen schlechten Ruf. Wenn man da sagt, man kommt aus München, dann wird man erstmal nicht so ernst genommen - unabhängig von der Qualität der Musik.

Ist das auch alles der Grund dafür, warum du deine Sachen gepackt hast und nach Hamburg gezogen bist?

Nee, das klingt jetzt ein bisschen so, als hätte ich total die Schnauze voll gehabt und wäre deshalb abgehauen. Ich hab dreißig Jahre in München gelebt und hatte eigentlich schon immer vor, auch mal woanders zu leben. Bisher hat es nie geklappt, weil mich immer irgendwas an München gehalten hat – ob es die Musik war, Freundschaften oder Beziehungen. Aber diesmal hat es funktioniert und jetzt wollte ich einfach mal was anderes ausprobieren und bin in Hamburg gelandet – das sich übrigens auch kleiner anfühlt, als ich dachte (lacht). Ich bin aber nicht total abgenervt von München, ich wollte einfach nur schon immer auch mal woanders sein.

Der Künstler Belp überlegt gerade die Stadt München zu verklagen, wegen des beschissenen Rufs. Was hältst du denn davon?

Es ist natürlich totaler Quatsch, denn es wird auf keinen Fall funktionieren. Aber den Gedanken, dass man die Stadt München wegen Rufschädigung verklagt, finde ich eigentlich einen ziemlich coolen Move. Denn wie man sieht hat es ja eine riesige Diskussion ausgelöst und auch mein Facebook-Statement zu der ganzen Geschichte war eigentlich mehr aus dem Ansatz heraus entstanden, dass ich wollte, dass diese Diskussion befeuert wird. Ich finde, das ist eine wichtige und eine interessante Diskussion, die sehr vielschichtig ist und auf vielen Ebenen geführt werden sollte.

Und wenn die Leute aufgehört haben über die mögliche Klage zu lachen, werden sie vielleicht bemerken, dass das alles auch eine Anspielung auf das ist, was auf großer Ebene gerade politisch passiert: TTIP und so. Und dann, finde ich, kriegt das nochmal eine ganz andere Perspektive und ist eine sehr künstlerische Aktion.

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