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Nord- und Ostsee Infektionsgefahr durch gefährliche Vibrionen

Infolge des Klimawandels steigen die Wassertemperaturen in Nord- und Ostsee. Daher können dort auch immer häufiger Vibrionen auftauchen - ein für den Menschen gefährliches Bakterium. Was daran gefährlich ist und was Forscher gegen die Bakterien tun.

Stand: 16.06.2021 11:12 Uhr

Junge Menschen ohne Vorerkrankungen trifft eine Vibironeninfektion eher selten. Im Bild: Besucher des Ostseebades Scharbeutz rennen ins Meer. | Bild: picture-alliance/dpa

Steigen die Wassertemperaturen in Nord- und Ostsee auch in diesem Sommer infolge des Klimawandels wieder über 20 Grad an, könnte sich - wie schon in den vergangenen Jahren - ein gefährliches Bakterium dort ausbreiten. Die sogenannten Vibrionen sind zwar nicht für jeden gefährlich, insbesondere für Menschen mit geschwächtem Immunsystem aber kann eine Infektion mit den salztoleranten Bakterien lebensbedrohlich, in Ausnahmefällen sogar tödlich sein. Ein internationales Forschungsprojekt mit Beteiligung von Forschern des Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde in Rostock (IOW) will nun herausfinden, wie die Belastung durch die Bakterien an den Küsten auf natürliche Weise gesenkt werden kann.

Was sind Vibrionen?

Vibrionen ist die eingedeutschte Bezeichnung für Bakterien der Gattung Vibrio. Von den etwa 130 verschiedene Arten können nur rund 10 Prozent Infektionen bei Menschen, Fischen oder Muscheln verursachen. Die bekannteste Art, Vibrio cholerae, ist Auslöser der epidemischen, also seuchenartig auftretenden Cholera. Bei Infektionen wird zwischen Cholera und Nicht-Cholera-Infektionen unterschieden. Bei den beiden in Nord- und Ostsee vorkommenden Vibrionenarten "Vibrio vulnificus" und "Vibrio cholerae non-O1" handelt es sich um sogenannte Nicht-Cholera-Vibrionen.

In Nord- und Ostsee: Wo und wann kommen Vibrionen vor?

Vibrionen kommen weltweit insbesondere in Gewässern vor, in denen die Salzkonzentration moderat ist. Daher sind sie an der gesamten Ostseeküste bis in den baltischen Raum verbreitet. An der Nordsee kommen sie besonders an Flussmündungen vor. Auch in Küsten-, Brack- und Süßgewässern sowie in Gewässersedimenten tauchen die Erreger auf.

Vibrionen vermehren sich ab einer Wassertemperatur von 20 Grad sprunghaft. Eine interaktive Karte, auf der die Verbreitung von Vibrionen verfolgt werden kann, hat das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) auf seiner Internetseite veröffentlicht.

Wo ist die Infektionsgefahr besonders hoch?

Die Infektionsgefahr ist nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) an oder unweit von besonders flachen und sich dadurch schnell erwärmenden Küstenbereichen höher, in denen das an Flussmündungen einströmende Süßwasser den Salzgehalt reduziert.

Wer ist bei einer Vibrionen-Infektion gefährdet?

Junge und gesunde Erwachsene erkranken laut Robert Koch-Institut (RKI) nur selten an einer Vibrionen-Infektion. Gefährlich sind die Bakterien demnach vor allem für ältere sowie immungeschwächte Personen. Menschen mit Vorerkrankungen wie Diabetes, Lebererkrankungen oder Krebs hätten ein erhöhtes Risiko für eine Erkrankung und einen schweren Krankheitsverlauf. Bisher sind allerdings nur wenige Patienten in Deutschland an einer Infektion durch Nicht-Cholera-Vibrionen gestorben.

Was sind Symptome einer Vibrionen-Infektion?

Vibrionen lösen Wundinfektionen aus, die durch den Kontakt offener, nicht verheilter Wunden mit erregerhaltigem Meerwasser, durch Aktivität im Wasser wie Waten oder Baden, hervorgerufen werden. Vibrionen können auch über Wunden eindringen, die man sich im Wasser erst zugezogen hat. Mögliche Symptome einer Vibrionen-Infektion sind starker lokaler Schmerz, Fieber und Schüttelfrost. Auch wer mit Vibrionen kontaminierte Meeresfrüchte isst, die roh oder nur wenig gegart sind, oder kontaminiertes Meereswasser schluckt, ist gefährdet. Er kann sich eine Magen-Darm-Erkrankung zuziehen. Behandelt werden die Infektionen in der Regel mit Antibiotika.

BaltVib - das Projekt des IOW in Rostock

Mit ihrem Projekt BaltVib wollen Wissenschaftler unter der Leitung des IOW in Rostock erforschen, ob "spezielle Pflanzen- und Tiergesellschaften wie Seegraswiesen und Muschelbänke die Vibrionen-Belastung in Küstennähe auf natürliche Weise senken und wie dieser Effekt durch Umweltgestaltung aktiv unterstützt werden kann", heißt es in der Pressemitteilung des Instituts zum Start des Projekts im Mai 2021. Denn neuere Untersuchungen deuteten darauf hin, dass pathogene, also krankmachende Vibrio-Arten in einer solchen Umgebung "deutlich reduziert sein können", berichten die Forscher des IOW weiter. Warum das so ist, wissen die Wissenschaftler allerdings noch nicht. Sollte sich diese These bestätigen, könnten zur Abwehr von Vibrionen an belasteten Küsten gezielt Seegraswiesen oder Muschelbänke angesiedelt werden.

Vibrionen: Infektionen in Deutschland

In Deutschland besteht seit dem Jahr 2020 eine Meldepflicht für Vibrio-Infektionen. Die Gesundheitsämter müssen Infektionen über die Landesbehörden an das RKI melden. Allerdings treten Infektionen mit Vibrionen vermutlich selten auf. Dem RKI wurden laut eigenen Angaben jährlich bis zu 20 Fälle an deutschen Küsten zwischen den Jahren 2002 und 2019 bekannt. Sie traten vor allem zwischen den Monaten Juni und September in heißen Sommern auf. Betroffen waren hauptsächlich ältere Menschen mit Vorerkrankungen. Einige Patienten starben nach RKI-Angaben an der Infektion.


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