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Cholesterin Substanz mit Folgen

Das Blutfett Cholesterin hat zwei Seiten: Zum einen ist es ein lebensnotweniger Bestandteil des Organismus. Zum anderen kann ein zu hoher Cholesterinspiegel krank machen. Deshalb setzen viele auf Statine, also Cholesterinsenker.

Von: Veronika Bräse

Stand: 14.07.2020

Viele kennen ihre Cholesterinwerte, weil sie bei den Blutwerten beim Arzt mit erhoben werden. Mediziner unterscheiden zwischen zwei Anteilen: Es gibt das sogenannte "gute Cholesterin", das auch HDL genannt wird und das "schlechte Cholesterin", das LDL, das bei vielen Menschen einen zu hohen Anteil hat und auf Dauer die Gefäße schädigt.

Hohe Cholesterinwerte durch Fleisch und Fett

Cholesterin zählt von seiner chemischen Struktur her zu den Fetten. LDL-Cholesterin kann sich in den Blutgefäßen ablagern. Lösen sich die Ablagerungen - auch Plaques genannt - behindern sie den Blutstrom und können Gefäße verstopfen. Schlimmstenfalls führt das zu einem Herzinfarkt oder Schlaganfall. Von hohen LDL-Cholesterinwerten sind Menschen betroffen, die gerne tierische Produkte essen und zu viel Fett zu sich nehmen.

"Der typische Mensch ist der heutige Wohlstandsbürger, der ein paar Kilo zu viel hat, der sich wenig bewegt, der die fette bayerische Küche schätzt, also viele Leberkässemmeln isst und große Schnitzel isst jeden Tag, das ist eben dann doch etwas, was den Cholesterinspiegel nach oben treibt und am Ende auch das Risiko für Gefäßprobleme erzeugt."

Hans Hauner, Ernährungsmediziner an der Technischen Universität München

Hohe Cholesterinwerte befördern Herzinfarkt und Schlaganfall

Die Europäischen Leitlinien empfehlen einen LDL-Cholesterinanteil von maximal 200 Milligramm pro Deziliter Blut. Aber zwei Drittel der Deutschen haben höhere Werte und laufen deshalb Gefahr, gesundheitliche Probleme zu entwickeln. Menschen aus Naturvölkern kennen Herzinfarkte und Schlaganfälle so gut wie gar nicht. Das liegt an ihrem Lebensstil, vielleicht aber auch an ihren Erbanlagen oder an beidem.

"Wir haben jetzt durch die moderne Lebensweise, durch Bequemlichkeit, durch Überernährung, durch zu viel Körpergewicht dann oft höhere Cholesterinspiegel, die liegen dann um 200 oder deutlich drüber, das gesamte Cholesterin, und das ist dann der Unterschied zur Ernährung bei Naturvölkern, dass wir hier höhere Spiegel haben, die mit unserem Lebensstil zu tun haben."

Hans Hauner, Ernährungsmediziner an der Technischen Universität München

Frauen und jüngere Menschen haben niedrigere Cholesterinwerte

Laut Statistik haben Frauen generell etwas niedrigere Cholesterinwerte als Männer. Aber nach den Wechseljahren holen sie auf und entwickeln ganz ähnliche Probleme wie Männer. Die Folgen hoher Cholesterinwerte sind in über 200 Studien mit mehr als zwei Millionen Teilnehmern gut erforscht.

"Der Fleisch- und Wurstkonsum ist bei Männern rund doppelt so hoch wie bei Frauen und das ist auch der Grund, warum die Männer früher Gefäßprobleme bekommen. Aber irgendwann kommen auch die Frauen dran: etwa zehn bis zwanzig Jahre später. Am Ende versterben Männer und Frauen gleich häufig an Herzinfarkt oder Schlaganfall, da gibt es dann keinen großen Geschlechtsunterschied mehr."

Hans Hauner, Ernährungsmediziner an der Technischen Universität München

Für den Körper ist Cholesterin lebenswichtig

Zu viel Blutfett ist auf Dauer ungesund. Das bedeutet aber nicht, dass man Cholesterin verteufeln sollte. Der Körper trägt diese Stoffe nicht grundlos mit sich herum. Die Bezeichnung "schlechtes Cholesterin" ist irreführend, weil es auch wichtige Funktionen im Körper erfüllt. LDL und HDL sorgen gemeinsam dafür, dass die Hülle, die Zellen umgibt - die sogenannte Zellmembran - stabil ist. Sie ist aus diesen Substanzen aufgebaut und schützt die Zellen.

"Cholesterin wird auch benötigt für die Bildung von bestimmten Hormonen, von den Steroidhormonen, dazu gehört das Cortison, dazu gehören auch die Geschlechtshormone die weiblichen wie die männlichen und auch zur Bildung von Vitamin D braucht man Cholesterin."

Hans Hauner, Ernährungsmediziner an der Technischen Universität München

HDL- und LDL-Cholesterin spielen zusammen

LDL-Cholesterin kann die Blutgefäße verengen und letztlich zu Herzinfarkt oder Schlaganfall führen.

Beide Cholesterinarten spielen zusammen. Das gefäßschützende HDL-Cholesterin sorgt als eine Art Müllabfuhr dafür, dass überschüssiges LDL aus dem Körper ausgeschieden wird. Sportmediziner empfehlen, sich täglich eine halbe Stunde zu bewegen, um die Müllabfuhr im Körper zu unterstützen. Durch Ausdauersport lässt sich das gute Cholesterin um etwa zehn Prozent steigern.  

Die Ernährung hat keinen so großen Einfluss wie gedacht

Nur 20 Prozent des "schlechten Cholesterins" steuern wir über die Ernährung. Der größte Anteil des LDL-Cholesterins ist genetisch angelegt und lässt sich nicht beeinflussen. Wer also auf fette Hausmannskost mit süßen Nachspeisen verzichtet, ist nicht davor gefeit, ein Risikopatient zu sein.

"Früher dachte man, wir könnten über die Ernährung das böse Cholesterin massiv beeinflussen. Heute wissen wir: Wir können maximal 20 Prozent unseres schlechten Cholesterins wir übers Essen steuern. Wer auf tierische Produkte verzichtet und sich rein pflanzlich ernährt, hat in etwa diesen Spielraum zur Verfügung."

Ann-Cathrin Koschker, Leiterin der Diabetes- und Lipidambulanz am Uniklinikum Würzburg

Die Cholesterinanteile sind zum größten Teil genetisch vorbestimmt

Der Körper stellt einen großen Teil des Cholesterins selbst her, um sicherzugehen, dass dieser lebenswichtige Stoff verfügbar ist. Da stellt sich die Frage, ob wir gegen hohe Cholesterinwerte überhaupt etwas ausrichten können. Offenbar nicht so viel, weil Herz-Kreislauf-Erkrankungen immer noch die Todesursache Nummer eins in Deutschland sind.

"Es gibt viele Veranlagungen, wie der eigene Körper grundsätzlich mit Energie umgeht, welcher Prozentsatz verbraucht wird und wie sie eingelagert wird. Das ist zum großen Teil genetisch bestimmt. Bei Zwillings-Untersuchungen sieht man, dass sie sich oft sehr ähnlich entwickeln, obwohl sie in ganz unterschiedlichen Situationen aufgewachsen sind."

Klaus Parhofer, Stoffwechselexperte an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Risikofaktoren können den Cholesterinspiegel erhöhen

Neben der Genetik lassen sich auch andere Faktoren nicht beeinflussen: das Geschlecht, das Alter oder familiäre Vorbelastungen. Aber ein ungesunder Lebensstil kann gesundheitliche Probleme verschärfen.

"Wer schon hohe Cholesterinwerte hat, dann auch noch an Übergewicht oder Diabetes leidet, vielleicht auch noch raucht, trinkt, hohen Blutdruck hat und sich wenig bewegt, bei dem addieren sich mehrere Risikofaktoren auf. Wieviel Prozent Anteil dann das LDL-Cholesterin an einem Herzinfarkt hat, ist schwer zu sagen."

Ann-Cathrin Koschker,  Leiterin der Diabetes- und Lipidambulanz am Uniklinikum Würzburg

Statine senken die Blutfettwerte

Wenn es nicht reicht, den Lebensstil zu ändern, gibt es eine wichtige Stellschraube aus der Apotheke: Cholesterinsenker, sogenannte Statine. Sie bewirken, dass der Körper selbst weniger eigenes Cholesterin produziert, weil die Statine ein Eiweißmolekül hemmen, das er dazu braucht. Das klingt vielversprechend, aber wie bei jedem Medikament gibt es auch hier Nebenwirkungen.

"Es gibt Statine, die werden von manchen Patienten besser vertragen, andere werden schlechter vertragen, da lohnt es sich, verschiedene Präparate auszuprobieren. Das ist individuell sehr verschieden."

Ann-Cathrin Koschker,  Leiterin der Diabetes- und Lipidambulanz am Uniklinikum Würzburg

Die Grenzwerte für Cholesterin wurden immer wieder gesenkt

Etwa fünf Millionen Menschen in Deutschland nehmen Statine. Es werden immer mehr Patienten, denen Blutfettsenker verschrieben werden. Das liegt daran, dass die Gesellschaft überaltert, Probleme wie Altersdiabetes, Übergewicht und Bluthochdruck zunehmen und gesunde Ernährung sowie Bewegung irgendwann nicht mehr alles richten können. Aber es gibt noch einen weiteren Grund: Die Grenzwerte für Cholesterin wurden in den vergangenen 50 Jahren immer weiter nach unten gesetzt: Von 260 über 240 und 220 auf aktuell 200 Milligramm pro Deziliter. Die Kritik lautet: Man habe dadurch erst Patienten geschaffen, die es zuvor gar nicht gab. Dennoch ist der Zusammenhang zwischen erhöhten Blutfettwerten und Infarktrisiko wissenschaftlich belegt.

"Da kann ich schon verstehen, dass es Leute gibt, die sagen na ja, da gibt es natürlich auch mächtige Interessen dahinter, dass man das, was man als normal betrachtet, möglichst auch weiter nach unten schiebt, damit man mehr Leute möglicherweise behandlungsbedürftig macht."

Ann-Cathrin Koschker,  Leiterin der Diabetes- und Lipidambulanz am Uniklinikum Würzburg

Blutfettsenker reduzieren Herzinfarkt-Risiko

Statine sind Blutfettsenker, die es mittlerweile in vielen Varianten gibt.

Der Markt der Statine ist ein großer. Blutfettsenker sind die Arzneien, die weltweit die meisten Umsätze einspielen. Andererseits muss man anerkennen, dass sie die Sterblichkeit tatsächlich senken. Ein internationales Forscherteam kam 2013 zu dem Ergebnis, dass von 1.000 Menschen, die über einen Zeitraum von fünf Jahren Statine einnehmen, bei 18 ein Herzinfarkt vermieden wird. Für viele Betroffene sind diese Medikamente lebensrettend.

PCSK9-Hemmer sind eine Alternative zu Statinen

Neben Statinen gibt es auch sogenannte PCSK9-Hemmer, die seit 2015 in Europa zugelassen sind. Sie kommen zum Einsatz, wenn besonders betroffene Patienten die üblichen Blutfettsenker nicht vertragen oder diese zu wenig Wirkung zeigen. Es verhindert die Aufnahme von neuem Cholesterin aus der Blutbahn.

Medikament kann den LDL-Spiegel weiter senken

Die ORION-10-Studie aus dem Jahr 2019 zeigte bei rund 1.500 Teilnehmern, dass eine cholesterinsenkende Arznei, die zwei Mal jährlich gespritzt wird, den LDL-Wert um die Hälfte senkt. Es kommt ein Medikament namens Inisiran zum Einsatz bei Patienten, die bereits die maximale Dosis an Statinpräparaten einnehmen.

Hypercholesterinämie: erblich bedingter hoher Cholesterinspiegel

In manchen Familien gibt es eine erbliche Belastung, die sich Hypercholesterinämie nennt. Manchmal müssen schon Kinder regelmäßig Medikamente einnehmen, um sich vor Gefäßschäden zu schützen.

"Wenn man weiß, in der Familie gibt es Personen, Erwachsene, mit einer genetischen Hypercholesterinämie, dann sollte man auch die Kinder frühzeitig untersuchen, unter Umständen vernünftig ernähren, aber unter Umständen kann es bedeuten, dass auch Kinder schon Medikamente einnehmen müssen, um hier wirklich optimal geschützt zu sein."

Hans Hauner, Ernährungsmediziner an der Technischen Universität München

Einmalige Spritze könnte künftig Cholesterin niedrig halten

Ein Ansatz aus dem Jahr 2020 ist, zwei Schlüsselproteine des Stoffwechsels auf Dauer auszuschalten, die für hohe Cholesterinwerte verantwortlich sind. Das geht mit einer einmaligen Infusion, die prinzipiell lebenslang wirken könnte. Diese Methode hat ein Forschungsunternehmen in Cambridge/Massachusetts bisher nur an Affen getestet. Menschen werden noch nicht auf diese Weise behandelt.

Lebensstiländerung und Statine können helfen

Tierische Produkte wie Wurstwaren erhöhen den LDL-Cholesterinwert.

Bei hohen LDL-Cholesterinwerten gibt es derzeit mehrere Möglichkeiten, so das Fazit: Weniger Fleisch und Wurst zu essen, generell den Konsum tierischer Produkte zu reduzieren, sich mehr zu bewegen, Übergewicht zu vermeiden, nicht zu rauchen oder zu trinken und in letzter Konsequenz auch Blutfettsenker zu schlucken, um die schädliche Substanz in Zaum zu halten.


  • Cholesterin. aktiv und gesund, 31.03.2021 um 14:15 Uhr, BR Fernsehen
  • Bluthochdruck und Cholesterin - die stillen Killer? MERYNS sprechzimmer, 07.01.2021 um 17:00 Uhr, ARD-alpha
  • Cholesterin - Substanz mit Folgen: 17.07.2020, 09.05 Uhr, radioWissen, Bayern 2

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