Das Corona-Tagebuch Wir wollen unsere Freiheit zurück

In dem sehr durchschnittlichen Jahr 2018 sind etwa 2.600 Menschen täglich in Deutschland gestorben. Haben wir in Punkto Tod den Maßstab verloren? Demokratie jedenfalls kann nicht nur gelten, wenn alle gesund sind.

Von: Georg M. Oswald

Stand: 02.04.2020

Bild: Peter von Felbert

Abstand halten - ein einziger Spießrutenlauf

Am schwersten zu ertragen sind derzeit die eigenen Seelenzustände: Sentimental, furchtsam, wütend, aufrührerisch, sorgenvoll, ratlos, erinnerungsselig, trotzig. Eine erhöhte Empfindlichkeit ganz allgemein, und dazu langsam wachsende Zweifel.

Und wenn man auf die Straße geht, spiegelt sich all dies in den Begegnungen mit den anderen wider. Heute Morgen vor der Bäckerei zum Beispiel. Kein Mensch bewegt sich mehr normal. Alle eiern herum bei dem Versuch, den richtigen Abstand zu halten, werfen sich gereizte Blicke zu, wenn es nicht gelingt, und schämen sich im nächsten Moment dafür. Plötzlich funktionieren die einfachsten Dinge nicht mehr.

Unser ganzes Leben ist aus den Fugen geraten

Unser gesellschaftliches Selbstverständnis ist ins Mark getroffen. Ist es nicht so, dass wir gerade unsere Freiheit wegwerfen, vermeintlich, um unsere Gesundheit zu retten? Und was, wenn die Möglichkeit eines solchen Handels gar nicht besteht und wir am Ende beides verlieren, die Freiheit und die Gesundheit? Über solche Fragen laut nachzudenken, erfordert dieser Tage einen gewissen Mut. Schnell bekommt man zu hören, man habe wohl den Ernst der Lage noch immer nicht begriffen. Aber die Frage, ob die Methoden drastischer Freiheitsbeschränkungen, wie wir sie gegenwärtig erleben, wirklich adäquat sind, muss erlaubt sein.

Berufliche Existenz oft in Trümmern

Seit Wochen sitzen Millionen Menschen in ihren Wohnungen, viele vor den Trümmern ihrer beruflichen Existenz, zur Untätigkeit verdammt auf unbestimmte Zeit. Die staatlichen Hilfsleistungen lösen das Problem keineswegs. Die Handwerker, Einzelhändler, Freiberufler, Kurzarbeiter werden sich in Jahren zurückerkämpfen müssen, was sie in diesen Wochen verlieren. Und nicht allen wird es gelingen.

Jeder von uns hat Familienmitglieder, die einer der Risikogruppen angehören. Jeder will, dass sie so gut es geht geschützt werden.

Wir haben kein realistisches Bild vom Tod

Unten an der Straße steht ein neues Graffiti: „Die Angst vor dem Tod nimmt uns den Mut zu leben.“ Ich weiß nicht, ob das stimmt. Aber mir scheint, wir haben kein realistisches Bild vom Tod in unserer Gesellschaft. Im Jahr 2018, das in dieser Hinsicht keine Besonderheiten aufwies, sind in Deutschland 954.000 Menschen gestorben, das sind etwa 2.600 am Tag. Man muss es sich vor Augen führen, damit man ein Gefühl dafür bekommt. An jedem ganz normalen Tag in Deutschland sterben 2.600 Menschen. Die Zahl ist uns weder bewusst, geschweige denn hat sie uns je beschäftigt. Sie ist eine statistische Tatsache, und wir sind es gewohnt, sie zu ignorieren. Sie zu kennen ist in der aktuellen Situation aber unabdingbar, um sich ein zutreffendes Bild machen zu können. Doch sie ist mir noch in keiner Berichterstattung zu Covid-19 begegnet, obwohl sie auf der Website des Statistischen Bundesamtes jedermann zugänglich ist.

Am Covid-19 Virus sind in Deutschland bisher im gesamten Beobachtungszeitraum 1.300 Menschen gestorben. Ich sage nicht, dass das wenige sind, und ich weiß auch, dass es noch deutlich mehr werden könnten. Es geht mir auch nicht darum, die Pandemie zu verharmlosen. Aber wir sollten die Zahlen ins Verhältnis setzen.

Tatsache ist zudem, dass wir auf verschiedene Todesarten sehr unterschiedlich reagieren

In Deutschland sterben jedes Jahr mehr als 3.000 Menschen durch Verkehrsunfälle. Zu Beginn jedes Jahres wissen wir, dass an seinem Ende wieder diese Zahl stehen wird. Niemand käme auf die Idee, deshalb den Katastrophenfall auszurufen. Wir ziehen diese 3.000 Toten ins Kalkül. Das ist schlimm genug, und es kann schon gar nicht als Rechtfertigung dafür dienen, auch in anderen Fällen so zu agieren. Es könnte uns aber zeigen, dass es mit unserem fanatischen Bedürfnis, Menschenleben zu schützen, nicht immer gleich weit her ist.

Wir wollen unsere Freiheit zurück

Millionen von Menschen um ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Existenz zu bringen ist demgegenüber nicht einfach unbeachtlich. Genauso wenig ihr Recht, ein freies Leben zu führen. Es muss möglich sein, einen vernünftigen Ausgleich zu finden zwischen ihren Interessen und dem notwendigen Schutz der durch das Virus besonders Gefährdeten.

Die Grundlagen des demokratischen Verfassungsstaats können nicht nur gelten, solange alle gesund sind. Wir wollen unsere Freiheit zurück. Es ist Zeit, die getroffenen Maßnahmen neu zu überdenken.