Wissen - Neuschwanstein


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Neuschwanstein "High Tech" unter der Zinne

Ein wahres Traumschloss in idyllischer Lage - Neuschwanstein ist eine Burg wie aus dem Bilderbuch. Hierher wollte Ludwig II. sich vor der Außenwelt zurückziehen, auf seine Gralsburg, wo er auf den Spuren Parsifals und Lohengrins wandeln konnte. Doch das Märchenschloss wurde nie vollendet.

Stand: 05.02.2013 | Archiv

Alles begann mit einer Burgruine nahe der Pöllatschlucht. Der "Kini" kaufte sie und ließ sie abreißen, denn hier sollte eine Ritterburg entstehen, ganz im Stil der deutschen Ritterburgen. Räume wie der Thron- und der Sängersaal lassen auch tatsächlich das Mittelalter wieder aufleben, die Zeit holder Maiden und edler Recken. Doch trotz aller Romantik wollte Ludwig II. nicht auf den Komfort verzichten, den seine Zeit bereits zu bieten hatte. So kommt es, dass Neuschwanstein hinter den Kulissen mit für das 19. Jahrhundert modernster Technik ausgestattet ist.

Wussten Sie schon ...?

Kitsch oder Weltkulturerbe?

Märchenhaft: der Sängersaal

Millionen Touristen können nicht irren: Bayern sehen heißt Neuschwanstein besuchen. Die Beliebtheit des weltbekannten Königsschlosses soll nun endlich mit dem Titel "Weltkulturerbe" geadelt werden. Eine erstaunliche Karriere für das architektonische Steckenpferd eines nicht unumstrittenen Monarchen. Zurzeit gibt es fünf bayerische Kulturdenkmäler, die es auf die Liste des Weltkulturerbes der Unesco geschafft haben: die Würzburger Residenz, die Wallfahrtskirche "Wies", die Bamberger Altstadt, der Limes sowie die Regensburger Altstadt.

Schein und Sein

Kuppel des Thronsaals: Mittelalter pur?

Modernste Technik war auch von Nöten, denn noch während bereits an Neuschwanstein gebaut wurde, änderte Ludwig II. seine Pläne und Vorgaben. So wurde zum Beispiel aus einem bescheidenen Audienzzimmer ein riesiger Thronsaal im byzantinischen Stil. Um die Statik des Gebäudes nicht zu gefährden, kamen hier hochmoderne Doppel-T-Stahlträger zum Einsatz. Die Säulen im Thronsaal sehen zwar massiv aus, sind aber keineswegs aus massivem Marmor: Sie bestehen aus gusseisernen, mit Stuckmarmor verkleideten Rohren. Und auch die Kuppel des Thronsaals wurde nicht nach altem Muster aus Ziegelmauerwerk hergestellt. Sie besteht aus einem komplexen Eisengerüst, das in der Mauer verankert, mit Drahtgeflecht versehen und verputzt ist.

"High Tech" hinter den Kulissen

Gemälde von König Ludwig II. | Bild: Getty Images zum Audio Hochmodern Einblick ins stille Örtchen

Während die Volkstoiletten im besten Fall einfachste Plumpsklos waren, hatte Kini in seinem gepolsterten "Kabinett" schon eine Wasserspülung, die ansprang, wenn sich der König erhob. Bayern 1-Reporter Rupert Waldmüller war vor Ort. [mehr]

Natürlich wollte Ludwig II. es auch behaglich haben, auf seiner Gralsburg. Ein knisterndes Feuer im Kamin mag romantisch sein, doch Majestät bevorzugten stattdessen eine hochmoderne Heißluft-Zentralheizung. Dafür, dass die Speisen auf dem Weg zum König nicht kalt wurden, sorgte ein Speiseaufzug, die Dienerschaft hielt Ludwig II. per elektrischer Rufanlage auf Trab. In allen Stockwerken gab es fließendes Wasser, in der Küche sogar heiß und kalt. Auch heute noch dürfte beim Anblick der Neuschwansteiner Küche so mancher Küchenchef begeistert sein. Das interessanteste Gerät hier ist wohl der kleine Rumfordherd: Er setzte den Spieß durch Eigenwärme in Bewegung und konnte so die Umdrehungen des Spießes dem Grad der Hitze ständig anpassen.

Modernste Technik

Übergroße Glasscheiben für die Fenster, Telefonanschlüsse in den oberen Stockwerken, Toiletten mit automatischer Spülung - eine konsequente Weiterentwicklung dessen, was schon beim Bau begonnen hatte. Auch hier stand den Arbeitern modernste Technik zur Verfügung: Die beiden Lastkräne wurden mit Dampfmaschinen betrieben. Die Massen von Besuchern, die heute nach Neuschwanstein pilgern, interessieren sich freilich weniger für diese technischen Raffinessen. Ihnen geht es eher darum, Ludwigs Gralsburg zu bestaunen und vielleicht, vielleicht für einen Moment in die märchenhafte Atmosphäre zu versinken.


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