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Klimawandel im Kalender Die Jahreszeiten verschieben sich

Die Erderwärmung bringt die Jahreszeiten in Bewegung. In den vergangenen fünf Jahrzehnten begannen Frühling, Sommer und Herbst bei uns immer früher. Das bedeutet: Der Winter wird kürzer und kürzer.

Stand: 14.02.2018

Jahreszeiten im Überblick | Bild: colourbox.com; Montage:BR

Die Erderwärmung durch den Klimawandel wirkt sich auf Tiere und Pflanzen aus und damit auf die phänologischen Jahreszeiten: Ob Hasel, Kirsche oder Apfel - immer früher blüht es, immer eher beginnt der Frühling. Das ist in Bayern und ganz Deutschland feststellbar, aber auch in vielen anderen Regionen der Welt.

Weltweit blühen die Pflanzen früher

Japanisches Kirschblütenfest immer früher

Japanische Kirschblüte

Weltweit blühen Pflanzen immer früher und führen uns nach Ansicht von Botanikern dergestalt den Klimawandel vor Augen. Seit Jahrzehnten etwa beginnt die japanische Kirschblüte immer früher. An kaum einer Pflanze lässt sich die Veränderung der phänologischen Jahreszeiten so gut feststellen wie an der Japanischen Kirsche. Denn das Kirschblütenfest wird seit über tausend Jahren ausführlich dokumentiert.

80 Prozent der Pflanzen in Eile

Eine Studie der Universität Jena (Februar 2018) zeigt, dass es die meisten Pflanzen auf der Nordhalbkugel inzwischen eilig haben mit der ersten Blüte im Frühjahr: Die Botanikern Patrizia König wertete Daten verschiedener Studien von 18 Standorten in Europa und Nordamerika aus. Das Ergebnis ist deutlich: 80 Prozent der 550 untersuchten Pflanzenarten blühen heute früher als noch vor zehn Jahren. Jede zehnte Pflanze ist dabei heute sogar um mehr als fünf Tage früher dran als vor einem Jahrzehnt.

Frühere Blüte in der Polarregion

Vierkantige Schuppenheide

Spitzenreiter unter den Früher-Blühern ist die Vierkantige Schuppenheide, ein Heidekrautgewächs aus der nördlichen Polarregion. Der Zwergstrauch wächst beispielsweise in Grönland und wird nur einige Zentimeter hoch. Er blüht inzwischen ganze drei Wochen früher als noch vor einem Jahrzehnt.

Nicht die Wärme, sondern der fehlende Regen

Dabei ist der entscheidende Faktor für die frühere Blüte nicht so sehr die gestiegene Temperatur, sondern eher die geringere Niederschlagsmenge, erläutert Patrizia König. Die Verschiebung der Blüte sei in den Polarregionen sowie in trockenen und warmen Lebensräumen am größten. Doch in ein und derselben Region reagieren die Pflanzen sehr unterschiedlich. Jede fünfte Pflanze etwa blüht sogar später als zuvor.

Je kleiner und je schneller, desto früher

Nach Ansicht der Botanikerin sind es vor allem sehr kleine Pflanzen, die ihre erste Blüte vorverlegen. Und Pflanzen, die sehr schnell wachsen, wie Gräser und Kräuter. Sie versuchen wohl, mit der früheren Blüte den größeren Pflanzen, die sie irgendwann überschatten, im Wettbewerb um Licht zuvorzukommen.

Blüten in Deutschland unter Beobachtung

Die Veränderung der phänologischen Jahreszeit wird bei uns ganz genau beobachtet: Ehrenamtliche Mitarbeiter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) überwachen seit 1951, wie sich bestimmte Pflanzen im Laufe des Jahres entwickeln. Wenn zum Beispiel an einem bestimmten Ort die Haselnuss zu blühen beginnt, meldet dies der Beobachter an den DWD. In Bayern gibt es rund 250 solche sogenannten phänologischen Beobachtungsstationen. Diese Daten hat das Bayerische Landesamt für Umwelt zuletzt im Jahr 2014 ausgewertet, um festzustellen, wie stark der Klimawandel die Jahreszeiten in Bayern beeinflusst.

Jahreszeiten im Wandel

Mehr als drei Wochen früher Frühling

Die Haselnussblüte gilt als Zeichen des Frühlingsbeginns. Die Blühtermine innerhalb eines Jahrzehnts schwankten erheblich. Insgesamt zeigte sich aber, dass die Haselnuss immer früher blüht. Pro Dekade tat sie dies durchschnittlich 4,6 Tage eher. Im Laufe von fünfzig Jahren wanderte so der phänologische Frühlingsbeginn um 23 Tage nach vorne.

Der Holunder meldet eher Sommer ...

Die Holunderblüte leitet den Sommerbeginn ein. Auch beim Holunder gab es eine große Bandbreite im Kalender, wann die Blüte begann. Statistisch zeigte sich aber pro Jahrzehnt eine Verfrühung um 3,4 Tage. Insgesamt rutschte die Holunderblüte zwischen 1961 und 2010 um 17 Tage nach vorn.

... und früher Herbst

Die Fruchtreife des Schwarzen Holunders ist für Phänologen das Zeichen, dass der Herbst beginnt. Zwischen den einzelnen Jahren gab es beim Termin große Schwankungen, so wie auch bei den Blühzeiten von Haselnuss und Holunder. Der Trend ist aber auch hier eindeutig. Der Holunder ist heute im Durchschnitt 18 Tage früher reif als vor fünfzig Jahren. Pro Jahrzehnt rutschte der Termin um 3,6 Tage nach vorn.

Keine Verschiebung bei Spätherbst und Winter

Wenn sich die Blätter der Stieleiche verfärben, beginnt der Spätherbst. Die Vegetation ruht und ist bereit für den Winter. Im Unterschied zu den Zeichen für den Beginn Frühling, Sommer und Herbst ließ sich an der Verfärbung der Blätter der Stieleiche keine Trend zur Terminverschiebung beim Spätherbst ablesen.

Fünfzig Jahre im Vergleich

Die phänologische Uhr zeigt., wie sich die Jahreszeiten in Bayern verschieben.

Als sogenannte "klimatologische Referenzperiode" diente den Wissenschaftlern des Landesamts für Umwelt die Zeit von 1961 bis 1990. Diese verglichen sie mit den Daten aus dem Zeitraum von 1981 bis 2010. Die Auswertung zeigte: In den beobachteten fünfzig Jahren hat sich die Entwicklung der Pflanzen im Lauf der Jahreszeiten deutlich verändert: Frühling, Sommer und Herbst beginnen immer früher.

Die Winterzeit schmilzt dahin

Wenn Frühling, Sommer und Herbst früher einsetzen, der Winter aber nicht, heißt das: Die kalte Jahreszeit wird immer kürzer, die Vegetationperiode von Frühlingsbeginn bis Vegetationsruhe hingegen immer länger. Laut Bayerischem Landesamt für Umwelt ist sie von 1961 bis 2010 pro Jahrzehnt um 5,1 Tage gewachsen, insgesamt um 26 Tage. Das bedeutet: Der Winter ist durchschnittlich fast vier Wochen kürzer als vor rund fünfzig Jahren.

Fatale Konsquenzen

Die Verschiebung der Jahreszeiten hat beträchtliche Folgen. Sie bringt die Tier- und Pflanzenwelt in vielfältiger Weise durcheinander: Blüten werden nicht bestäubt, wenn die Insekten, die dafür zuständig sind, noch nicht geschlüpft sind. Oder diese sind verhungert, weil die Pflanzen, die sie als Nahrung nach dem Schlüpfen brauchen, nicht mehr oder noch nicht wachsen. Auch Zugvögeln kann es passieren, dass sie bei ihrer Rückkehr aus dem Süden nicht die Nahrung finden, die sie brauchen. Tiere, die im Winter ein weißes Fell bekommen, sind, wenn der Schnee ausbleibt, gefährdet statt geschützt. Und auch für den Menschen hat Folgen, wenn die Winter kürzer und wärmer werden: Krankheitserreger und Schädlinge, die hier bislang nicht heimisch waren, können überleben und sich ausbreiten.


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