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Franz Schubert Der Liederfürst

Seine Lieder trällern heute als "Volkslieder" viele Menschen und Franz Schubert hat den Beinamen "Liederfürst". Er gilt als Musikgenie. Sein Leben verlief allerdings alles andere als "fürstlich" ...

Von: Silke Wolfrum

Stand: 12.08.2017 | Archiv

Bist du schon einmal in Österreich gewesen? Wenn ja, dann bist du ganz sicher irgendwo durch eine Schubertgasse oder Schubertstraße oder Schubertallee gegangen oder auf einem Schubertplatz gesessen oder vielleicht mit dem Auto oder Bus über einen Schubertring gefahren. Vielleicht hat du sogar eines der zahlreichen Denkmäler aus Stein gesehen mit der ehrwürdigen Inschrift "Dem deutschen Liederfürsten Franz Schubert" oder du hast Rast gemacht unter einer Schubert-Linde, denn viele "Lindenbäume" wurden im Gedenken Schuberts "... am Brunnen vor dem Tore" gepflanzt. Heute schubert es überall in Österreich. 

Was würde Franz Schubert wohl selbst zu all dem Trubel um seine Person heute sagen? Vielleicht: Na endlich! Hat ja ewig gedauert, bis ihr kapiert, dass ich ein Musikgenie war!? Oder würde er sich vielleicht einfach kopfschüttelnd in sein stilles Kämmerchen zurückziehen, still und unbemerkt, und das tun, was er immer tat: komponieren? Wir wissen es nicht. 

Ein Wunderkind? Ein Winterkind!

Zu seinen Lebzeiten bekam Franz Schubert viel zu wenig Anerkennung. Obwohl immer wieder vielen Menschen auffiel, wie begabt er war. Schon als Kind. Franz Schubert wird am 31. Januar 1797 in Wien-Lichtental geboren, einer schlechten Gegend. Er kommt in der Küche einer winzigen 1,5-Zimmerwohnung zur Welt, als zwölftes von vierzehn Kindern. Neun der vierzehn Geschwister sterben schon im Kindesalter. Tod und Armut gehören also zu den ersten Erfahrungen, die der kleine Franz machen muss. 

Aber zum Glück gibt es in seinem Elternhaus etwas, das ihn aufrichtet, etwas, das Hoffnung gibt und einfach nur schön ist: die Musik. Sein Vater, ein Lehrer, ist begeisterter Musiker. Er organisiert zu Hause Streichquartettabende und schon bald kann Franz auf der Bratsche mitschrummen. Er bekommt auch Geigen- und Orgelunterricht und sehr schnell wird klar: Dieses Kind ist etwas Besonderes. 

Hofsängerknabe - und bald Komponist!

Verstehst du, warum seine Freunde Schubert liebevoll "Schwammerl" nennen?

Da Franz als Kind eine sehr schöne Stimme hat, wird er Hofsängerknabe und tritt mit elf Jahren in das Stadtkonvikt ein - eine Eliteschule, in der man wie in einem Internat leben muss. Der Hofkapellmeister Antonio Salieri erkennt sofort Franz' Talent und fördert ihn. Salieri war damals eine einflussreiche Persönlichkeit und hatte in Sachen Kunst richtig was zu sagen. Im Stadtkonvikt lernt Franz nicht nur, was ein gebildeter Mensch damals wissen musste, er findet dort vor allem Freunde, die ihn sein Leben lang begleiten werden. Ein Glück für ihn! Er hätte auch leicht als "komischer Kauz" gehänselt und ausgeschlossen werden können. Denn Franz ist nicht wie die anderen Kinder. Er spricht nicht viel, ist nicht sehr gesellig. 

Franz sieht schon als Kind nicht besonders gut und trägt stets eine kleine runde Brille – bis heute sein Markenzeichen. Sogar nachts lässt er die Brille auf, damit er – falls ihm plötzlich eine kleine Melodie einfällt – diese sofort aufschreiben kann. Seine Freunde nennen ihn liebevoll "Schwammerl", vielleicht, weil er mit seinen kurzen Beinen und den braunen Locken tatsächlich wie ein kleiner Pilz aussieht. Auch im Konvikt ist für Franz die Musik alles, wofür es sich zu leben lohnt. Er tobt nicht herum wie die anderen, sondern zieht sich lieber still zurück, um zu komponieren. Deswegen werden seine Schulnoten auch immer schlechter. Statt Vokabeln oder mathematischer Formeln kritzelt er Noten in seine Hefte. Er muss einfach komponieren! Und so verfasst er in seiner Schulzeit bereits jede Menge Lieder, ein Streichquartett und viele Klavierstücke. 

Warten auf den Durchbruch

"Der Erlkönig": Schon der gallopierende Rhythmus der Vertonung von Schubert lässt einem das Blut in den Adern gefrieren.

Mit sechzehn Jahren verlässt er die Eliteschule und beginnt eine Ausbildung als Lehrer - eine gute Entscheidung, denkt sein Vater, denn von Musik allein kann man doch nicht leben! Aber Franz Schubert merkt schnell, dass der Lehrberuf ganz und gar nichts für ihn ist. Und er komponiert weiter, wie ein Besessener. In nur drei Jahren schreibt er fünf Sinfonien, vier Messen, vier Streichquartette, sechs Opern und 270 Lieder. 270! Die Texte seiner Lieder stammen von Autoren seiner Zeit, darunter auch Johann Wolfgang von Goethe, damals eine Art Dichter-Promi. Schubert vertont Goethes Ballade "Der Erlkönig" und schickt sie dem Dichterfürsten. Und was tut Goethe? Er schickt sie ihm kommentarlos zurück. Wie frustrierend!

Heute finden alle diese Vertonung großartig! Aber so geht es Schubert immer wieder. Er schafft den Durchbruch nicht. Zum Teil ist er daran aber auch selbst schuld, denn er kümmert sich einfach zu wenig um seine Außenwirkung und findet sich einfach mit der fortwährenden Armut seines Lebens ab. Wer weiß, ob er ohne seine Freunde heute überhaupt bekannt wäre? Denn immer wieder sind es seine Freunde, die dafür sorgen, dass Schubert - wenn auch meist im kleinen Kreis - gehört wird. Sie organisieren so genannte "Schubertiaden" für ihn. Man trifft sich bei irgendjemandem zu Hause, singt Lieder, liest Gedichte und Schubert spielt seine Ideen auf dem Klavier vor. Allmählich kommen immer mehr Leute zu diesen privaten Kreisen, öffentliche Auftritte hat Schubert aber viel seltener. 

Komponieren wie ein Besessener

Mit 23 Jahren beendet Schubert seine Lehrer-Laufbahn und atmet auf. Auf der faulen Haut liegt er nun aber keineswegs! Sein Tagesablauf ist streng geregelt: Er steht um sechs Uhr auf und komponiert bis zwei Uhr nachmittags, dann geht er ins Kaffeehaus, die Abende verbringt er bei Freunden. Manchmal wandert er aber auch verloren durch die Gegend, getrieben von dunklen Gedanken, einsam und verstört. 

Mit 25 Jahren wird er krank und muss ins Krankenhaus. Selbst dort hört er nicht auf zu komponieren. Er wird wieder entlassen und komponiert weiter. Die große Anerkennung bleibt immer noch aus. Seine Bühnenwerke werden höchstens zwei Mal aufgeführt. Reich ist Franz Schubert nie geworden. Und dann mit nur 31 Jahren befällt ihn ein schweres Fieber und er stirbt. Nach seinem Tod finden seine Freunde noch unzählige Notenblätter, die nie zur Aufführung kamen, z.B. den Liederzyklus "Die Winterreise" oder seine berühmte Sinfonie in h-Moll, bekannter unter dem Namen "Die Unvollendete".

Unvollendet war wohl auch sein Leben, nicht zu Ende gelebt. Man könnte fast sagen, dass Franz Schubert erst Jahrzehnte nach seinem Tod richtig lebendig geworden ist. Vielleicht geistert er ja bis heute durch die vielen Schubertgassen, Schubertstraßen und Schubertplätze Österreichs? 


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