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Neophyten Gefahr für heimische Pflanzenarten

Vor Jahren wurde der Riesenbärenklau als Futterpflanze nach Bayern geholt - jetzt wird man ihn nicht mehr los. Wie das Indische Springkraut und andere Neophyten breitet sich die Pflanze unkontrolliert aus und droht heimische Arten zu verdrängen.

Stand: 18.03.2014

Immer mehr Lebewesen aus fremden Lebensräumen bürgern sich dauerhaft bei uns ein. Man nennt die eingewanderten Pflanzen Neophyten, die Tiere Neozoen. Fachleute gehen davon aus, dass in Deutschland in den vergangenen 500 Jahren rund 800 gebietsfremde Tier- und Pflanzenarten von Menschen eingeschleppt und aktiv ausgesetzt wurden, so die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN), Beate Jessel. Sie bedrohen die heimischen Arten.

Diese Pflanzen- und Tierarten kamen seit der Entdeckung der "Neuen Welt" 1492 auf verschiedenen Wegen aus Nordamerika und Ostasien nach Europa. Manche von ihnen wurden als Nutzpflanzen eingeführt, wie Mais und Kartoffel, andere als Forst- oder Zierpflanzen für Botanische Gärten. Fremdartige Pflanzen gelangen aber auch immer wieder durch sorglos weggeworfene Gartenabfälle oder durch Mähgut in die Natur.

Japanischer Staudenknöterich: Wuchernde Wucht

Kaum zu bremsen ist etwa der Japanische Staudenknöterich, der eine enorme Wuchsleistung von bis zu 25 Zentimeter pro Tag hat. Macht er sich breit, fehlt es anderen Pflanzen schnell an Platz und Licht. Ein einziges angeschwemmtes Wurzelstück reicht aus – schon bald sind wieder ganze Uferstreifen und Felder zugewachsen. Einfaches Abmähen hilft da nicht mehr: Bis zu zwei Meter tief stecken die Wurzelballen in der Erde, schon ein Pflanzenteil von nur sieben Gramm reicht aus, um neue Triebe zu bilden. Andere Gewächse haben keine Chance, selbst der Mensch muss mit Baggern anrücken, um der Plage Herr zu werden. Gerade an Wasserläufen breitet sich das japanische Kraut fast explosionsartig aus.

Schmalblättriges Greiskraut: Giftiges Gelb

Fuchs-Greiskraut

Neophyten können sogar dem Menschen selbst gefährlich werden. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Schmalblättrige Greiskraut in ganz Deutschland ausgebreitet. Oft steht die Pflanze an Wegesrändern, vorbeifahrende Autos oder Züge transportieren ihre Samen über riesige Strecken. Die gelbe Blume ist hübsch, aber hochgiftig, ihre schmalen Blätter ähneln denen der Rucolapflanze. Siedelt sie sich auf Weiden oder Feldern an, kann das Gift ins Brot oder in die Milch und damit in unsere Nahrungskette gelangen.

Beifuß-Ambrosie: fester Bestandteil im Allergiker-Kalender

Beifußblättrige Ambrosie

Einen Einwanderer aus Amerika haben vor allem Allergiker in den vergangenen Jahren besser kennengelernt, als ihnen lieb ist: die Ambrosia artemisiifolia. Diese spät blühende  Beifuß-Ambrosie verschleudert bis in den November hinein Milliarden ihrer Pollen – und die können dank ihrer Form bis in die inneren Atemwege vordringen. Dort lösen sie dann bei Allergikern schwere Reaktionen von Tränenfluss und Juckreiz bis hin zu Asthma aus. Allergologen sehen durch die Ambrosia große Kosten auf das Gesundheitssystem zukommen, und fordern deshalb die Bekämpfung der Pflanze.

Riesenbärenklau: Nicht mehr zu stoppen

Der Riesenbärenklau, der in den 60er-Jahren aus dem Kaukasus importiert wurde, hat es ebenfalls in sich: Er keimt schneller und effektiver als die meisten heimischen Pflanzen – und außerdem sondert er ein Gift ab, das andere Pflanzen schädigt. Biologische Kriegsführung unter Pflanzen – doch auch der Mensch ist bedroht: Denn der Riesenbärenklau sondert eine Substanz ab, die den natürlichen Sonnenschutz der Haut auflöst. Schon bei normalem Sonnenlicht entstehen so schwerste Verbrennungen. Die Berührung mit der gefährlichen Pflanze kann aber auch Fieber, Schweißausbrüche und Kreislaufschocks auslösen.

Riesenbärenklau, Herkulesstaude | Bild: picture-alliance/dpa

Riesenbärenklau

Mittlerweile ist seine Vermehrung nicht mehr zu stoppen. In einigen Gebieten des Bayerischen Waldes entwickeln sich Riesenbärenklau und Indisches Springkraut so stark, dass einheimische Arten völlig zurückgedrängt werden. Mögliche Folgen sind Biotopzerstörung und Bodenerosion.

Vor allem schon geschädigte Lebensräume bieten Raum für die Verbreitung neuer Arten. Die wiederum zeichnen sich meist durch eine hohe Fähigkeit zur Anpassung aus. Sie sind nicht auf eng definierte Lebensbedingungen angewiesen, verbreiten sich rasch und haben in den neuen Gebieten keine oder nur wenige natürliche Feinde.

Indisches Springkraut: Samen zum Schleuderpreis

Indisches Springkraut

Das Indische Springkraut, das ursprünglich aus dem Himalaja stammt, verbreitet sich besonders gut am Wasser und verdrängt dort massiv andere Pflanzen. Eine einzelne Pflanze des Springkrauts produziert allein 4.000 Samen, die sie bei geringster Berührung meterweit verschleudert. In einem Springkrautfeld fallen so auf jeden Quadratmeter bis zu 32.000 Kapseln.

Verlockend lecker

Das Springkraut ist für heimische Pflanzen aber nicht nur aufgrund seiner schnellen Verbreitungsfähigkeit gefährlich. Auch sein hoher Nektargehalt macht anderen Pflanzen bei der Bestäubung Konkurrenz. Die farbenfrohen Blüten des Springkrauts produzieren bis zu vierzig Mal mehr Nektar als heimische Wildpflanzen. Das freut zwar Bienen und Imker - andere Pflanzenarten aber müssen um ihre Fortpflanzung fürchten: Sie werden so kaum noch angeflogen und nur selten bestäubt. Jedes Jahr schwärmen deshalb Naturschützer aus, um Neophyten mit der Motorsense zu Leibe zu rücken. Denn mit jeder Pflanzenart, die verschwindet, verlieren gleichzeitig etwa zehn Tierarten ihren angestammten Lebensraum.

Geduldige Gegenwehr

Bergahorn

Doch lässt man den einheimischen Pflanzen Zeit und hegt sie, dann haben sie eine Chance gegen den Eindringling: Nach ein paar Jahren überragen Bäume wie der Bergahorn das Springkraut. Dem fehlt dann das Licht – und so ist es bald vorbei mit der fremden Blütenpracht.

Der Mensch beschleunigt die Evolution

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Arten ihren Lebensraum verändern oder ausdehnen. Das gehört zum Jahrmilliarden alten Prozess der Evolution. So kehren seit der letzten Eiszeit zahlreiche von der Kälte verdrängte Arten aus ihren mediterranen Rückzugsgebieten über die Pyrenäen, Alpen und Karpaten zurück nach Norden. Wird dieser Prozess jedoch vom Menschen beeinflusst und beschleunigt, kann es gefährlich werden.


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