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Musikforschung Musik und Emotion

Musik kann uns zum Weinen bringen. Sie kann uns beim Sport zu Höchstleistungen treiben. Sie beruhigt uns, macht uns glücklich oder ängstlich. Nur eines tut Musik nie: Sie lässt uns niemals kalt.

Stand: 10.12.2015

Wer ein Musikinstrument erlernt, muss sich mit zweierlei auseinandersetzen: Da ist zum einen die technische Genauigkeit, die es anzustreben gilt, um "gute" Musik zu machen. Doch das ist nur die eine, die formale Seite. Viel wichtiger, weil unverwechselbarer, ist die emotionale Seite des Musikmachens. Nur wer eine technische Perfektion mit großen Gefühlen paaren kann, wird es zur wahren Meisterschaft im Musizieren bringen. Denn Musik ist vor allem und in erster Linie eine Sprache des Gefühls. Auf keine andere Art lassen sich Emotionen so klar ausdrücken wie mit dem zarten Bogenstrich der Violine oder dem verzerrten Klang der E-Gitarre.

Das Auge hört besser als das Ohr

Der Erfolg eines Musikers lässt sich leichter bewerten, wenn die Musik nicht zu hören ist.

Das Auge bleibt auch beim Musik hören das dominante Sinnesorgan. So lautet das Ergebnis einer Untersuchung von Chia-Jung Tsay vom Londoner University College, das sie im Journal "PNAS" veröffentlicht hat. Die Forscherin ließ fast 1.200 Laien und Profimusiker je drei Finalisten von zehn internationalen Klassik-Wettbewerben bewerten. Dazu spielte sie ihnen Aufzeichnungen der Auftritte von je sechs Sekunden Länge vor. Diese konnten die Testpersonen entweder nur hören, nur sehen oder zugleich hören und sehen. Die Auswertung ergab: Profis wie Laien tippten die Wettbewerbsgewinner mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent, wenn sie nur die Videos ohne Tonspur sahen. Das liegt deutlich über der Zufallsquote von 33 Prozent. Wenn die Probanden dagegen die Videos mit Ton oder nur die Musik hörten, lag die Trefferquote nur bei etwa 25 Prozent.

Ein zweites Experiment diente dazu, die Bedeutung des emotionalen Ausdrucks beim Bewerten zu prüfen. 262 Testpersonen wurden entweder stumme Videos oder nur die Tonspur von Musikerauftritten präsentiert. Anschließend mussten sie angeben, welche Musiker am leidenschaftlichsten, kreativsten, motiviertesten, engagiertesten oder am selbstbewusstesten gespielt hatten. Das Ergebnis dieses Experiments lautete: Die Musiker, die von den Probanden als besonders leidenschaftlich und kreativ beurteilt wurden, waren oft die Gewinner der Musik-Wettbewerbe. Wie beim ersten Experiment stimmte bei den stummen Videos die Einschätzung der Testteilnehmer mit dem Abschneiden der Musiker deutlich häufiger überein. Das bedeutet laut Studienleiterin Tsay: "Selbst wenn sich alle einig sind, dass der Ton die Musik macht, ist der Einfluss des Sehens so groß, dass es alles andere überprägt."

Wunderkinder und ihre musikalische Intelligenz

Wunderkinder verfügen über eine isolierte musikalische Intelligenz.

Manchmal drücken sehr junge Musiker mit ihrem Instrument Gefühe aus, die sie in dieser Tiefe unmöglich schon erlebt haben können. Man nennt sie dann gerne Wunderkinder. Vergleichbares ist aus der Literatur nicht bekannt. Der britische Neurologe Oliver Sacks spricht in diesem Zusammenhang von einer isolierten musikalischen Intelligenz. Der musikalische Verstand dieses Menschen ist hoch entwickelt, was er aber in anderen Bereichen nicht sein muss.

Die Magie der Melodie

"Wer musizierende Kinder beobachtet, der weiß, dass sie lebendig gewordene Freude am Leben sein können. Kinder und Jugendliche brauchen als Ausgleich zur virtual reality unzählige Erlebnisse voller Staunen, offen bis in jede Pore, sie brauchen Aha-Erlebnisse mit sich selbst, ihrer Natürlichkeit und Natur, so als ob in einem stickigen Raum die Fenster geöffnet werden und mit tiefen Zügen frische Luft eingesogen wird. Kinder sollen und können mehr sehen, mehr riechen, mehr fühlen, mehr schmecken und mehr hören, sie brauchen Musik wie die Luft zum Atmen."

Prof. Dr. Hans Günther Bastian, (1944 - 2011) Musikpädagoge an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Gründungsdirektor des Institutes für Begabungsforschung und Begabtenförderung in der Musik der Universität Paderborn

Das ist Musik in meinen Ohren

Gemeinsames Singen in einem Chor fördert das Sozialverhalten.

Schöner Nebeneffekt des Musizierens: die Flüssigkeit des Denkens. Denn nirgends werden dem Menschen so komplexe Dinge gleichzeitig abverlangt wie etwa beim Klavierspielen. Und das Musizieren wirkt sich ebenfalls positiv auf das Sozialverhalten eines Menschen aus, etwa, wenn ein großes Orchester eine Symphonie aufführt. Wenn Musik so viele positive Effekte hat, so die Überlegung, könnte man sie auch gezielt im medizinischen Bereich einsetzen. Und genau das wird in jüngster Zeit verstärkt getan.

Sinn für Musik in der Evolutionsgeschichte verankert

Musik berührt und bewegt uns aber nicht nur postiiv – sie kann uns auch negativ beeinflussen. Reinhard Kopiez von der Musikhochschule Hannover hat den Gänsehaut-Effekt über mehrere Jahre untersucht. Er erklärt ihn unter anderem damit, dass der Hörsinn schon seit Urzeiten als eine Art ”Alarmanlage” funktioniert und vor unangenehmen Situationen warnt:

"Bestimmte klangliche Muster rufen zuverlässig ein Gefühl der Bedrohung hervor und hierzu eignen sich besonders die tiefen Frequenzen, also das Grummeln und das Beben der Erde, wenn die Dinosaurier kommen, das hat für uns die Folge der Desorientierung, wir haben keine Möglichkeit, die Schallquelle zu orten, wenn sie sehr tiefe Töne enthält."

Prof. Reinhard Kopiez, Professor für Musikpsychologie, Hochschule für Musik und Theater Hannover

Der Gänsehaut-Effekt

Musik kann Spannung ins Unerträgliche steigern.

Verzerrt klingende Musik löst Ängste und Trauer in uns aus. Sie habe einen ähnlichen Effekt wie Hilfeschreie im Tierreich, vermuten Daniel Blumstein und Greg Bryant von der Universität von Kalifornien in Los Angeles. Diese Klangeffekte werden etwa für Filmmusiken bei drohendem Unheil oder bei Verfolgungsjagden hergenommen, um Spannung zu erzeugen. Berühmtes Beispiel: die Duschszene in Alfred Hitchcocks Thriller "Psycho".
Eine universale Gänsehaut-Musik, die bei allen gleichermaßen wirkt, gibt es nicht. Ob und wann der Gänsehaut-Effekt eintritt, hängt sehr von Hörgewohnheiten und Vorlieben ab. Der plötzliche Einsatz eines Chores oder einer Solo-Stimme löst bei vielen Hörern Gänsehaut aus - und spielt mit deren Hörerwartungen.


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