BAYERN 3 - Kino & DVD

Liebes-Krimi Glück

Nachdem Soldaten in der vom Bürgerkrieg zerstörten Heimat ihre Eltern ermordet und sie selbst vielfach vergewaltigt haben, flieht Irina (Alba Rohrwacher) völlig traumatisiert nach Berlin. In dieser fremden Umgebung, ohne Papiere und Aufenthaltserlaubnis, bleibt der jungen Frau nichts anderes übrig, als sich mit Prostitution durchzuschlagen.

Autor: Walli Müller Stand: 16.02.2012
Filmszene aus "Glück" | Bild: Constantin Film

Als Irina den obdachlosen Punk Kalle (Vinzenz Kiefer) kennen lernt, genießt sie es, endlich wieder menschlichen Kontakt zu haben. Die beiden Einsamen kommen sich näher, verlieben sich ineinander. Aber können zwei so tief gesunkene Menschen wie sie überhaupt wagen, vom gemeinsamen "Glück" zu träumen …?

Kritik:

Bewertung

Filmbewertung: drei von fünf Filmklappen | Bild: BR

"Nicht ganz von dieser Welt!"

Als "Krimi-Autor" im klassischen Sinn kann man Ferdinand von Schirach nicht bezeichnen. Den praktizierenden Rechtsanwalt müsste man eher einen "Kriminal-Literaten" und Philosophen nennen. Bei ihm steht das Verbrechen nicht am Anfang und muss aufgeklärt werden, sondern oft erst am Ende – als zwangsläufiges Resultat einer Lebensgeschichte. Seine "Täter" betrachtet er in erster Linie als "Glückssuchende", die in einem entscheidenden Moment das Glück verlassen hat: "Wir tanzen unser Leben lang auf einer dünnen Schicht aus Eis. Manche trägt das Eis nicht, und sie brechen ein. Das ist der Moment, der mich interessiert." So schreibt er in seiner Kurzgeschichten-Sammlung "Verbrechen".

Zwei tief Gesunkene richten einander auf

Diesem gefeierten Debut von Ferdinand von Schirach entstammt auch die Episode "Glück", die Doris Dörrie hier verfilmt hat. Aber was heißt "verfilmt"? Der Text besteht gerade mal aus 11 Seiten, ist in einer viertel Stunde gelesen. Dörries Film zeigt in erster Linie das, was NICHT da steht. Als habe sie eine Skizze zum farbintensiven Aquarell ausgearbeitet. In einer reinen Bilder-Montage, unterlegt mit elegischer Klavier-Musik, erzählt sie die Vorgeschichte des Mädchens Irina. Man sieht sie in glücklichen Tagen mit der Schafzüchterfamilie im ehemaligen Jugoslawien: ehrliche Arbeit, deftiges Essen, wettergegerbte, aber zufriedene Gesichter. Dann rollen Panzer an; der Krieg zieht ins Land, alles zerbricht. Die junge Frau flieht nach Berlin, wo zwar als Graffiti auf der Häuserwand zu lesen ist: "Kein Mensch ist illegal". Irina aber erfährt es anders. Sie lebt in ständiger Angst vor der Polizei, muss auf den Strich gehen, um zu überleben. Aus der Bekanntschaft mit einem heruntergekommenen Punk entsteht ein kleines Glück. Ihr Zusammensein ist für beide so kostbar, wie es nur für zwei so Gott-verlassene Menschen sein kann. Und natürlich ist das Eis dünn, das Glück zerbrechlich. Kalle wird Unvorstellbares auf sich nehmen, um es zu bewahren …

Zwischen Tragödie und Märchen

Wie die Liebenden auf der Schaukel schwingt auch der Erzählton des Films hin und her - zwischen schwer auszuhaltender Tragödie und herzerwärmender Liebesgeschichte. Die Heldin sticht sich Nadeln in den Oberschenkel, um ihren Schmerz mit Schmerz zu betäuben – und kann doch dem bei ihr gestrandeten Punk eine Geborgenheit geben, die er nie gekannt hat, mit dem simplen Satz: "Ich werde nie sagen 'Hau ab'!" Doris Dörrie hat sich für die Hauptrolle die herausragende italienische Schauspielerin Alba Rohrwacher geholt, die glaubwürdig Prostituierte und patente Hausfrau spielen kann. Wie sie aus 1-Euro-Shops und Billig-Möbelläden ein bescheidenes Schöner Wohnen zusammen kauft, das hat etwas Rührendes. Man wünscht dieser Heldin, dass ihr das Glück hold bleiben möge, weiß aber gleichzeitig, dass man hier letztlich doch ein recht wirklichkeitsfernes Märchen sieht.

Fazit: Doris Dörrie hat eine Minimal-Skizze von Ferdinand von Schirach zu einer ungewöhnlichen Geschichte ausgebaut, die allerdings die Tendenz hat, harte Realitäten zu verniedlichen. Dass für den Moment im Kino dennoch so etwas wie Glaubwürdigkeit entsteht, ist den sensibel agierenden Schauspielern Alba Rohrwacher und Vinzenz Kiefer zu verdanken.

Infos:

  • Originaltitel: Glück
  • Genre: Drama, Romanze, Krimi
  • Regie: Doris Dörrie
  • Drehbuch: Doris Dörrie nach einer Kurzgeschichte von Ferdinand von Schirach
  • Darsteller: Alba Rohrwacher, Vinzenz Kiefer, Matthias Brandt, Christina Große, Maren Kroymann, Oliver Nägele
  • Kamera: Hanno Lentz
  • Musik: Hauschka
  • Kinostart: 23.02.2012
  • FSK-Freigabe: Ab 16 Jahren